Volksfeste

Da ich im Vorstehenden wiederholt der Kommunal­garde gedacht habe, ist es wohl Zeit, derselben einige nähere Worte zu widmen. Die Kommunalgarde war eine im Jahre 1830 nach einer Straßenrevolte zum Schutz der staatlichen Ordnung und der Bürgerschaft geschaffene Organisation. Jeder, der in Leipzig das Bürgerrecht erlangte, war, gleichviel welcher Her­kunft, verpflichtet, in die Kommunalgarde einzutreten und in derselben Dienst bis zu seinem vollendeten 50. Lebensjahre zu tun. Zu dem Zwecke war die Stadt in eine Anzahl Viertel einge­teilt und die dort wohnenden neu vereidigten Bürger wurden den aus diesen Vierteln sich rekrutierenden Kompagnien überwiesen. Die Kommunalgarde bestand aus vier Bataillonen zu je vier Kompagnien und einer Eska­dron Berittener. Die letzteren trugen vergoldeten Raupenhelm und hellblaue Mäntel. Die Uniform der Fußgardisten bestand aus einem schwarzen Rock mit hellblauen Aufschlägen, Tschako, Seitengewehr und Perkussionsflinte. Die Gardisten wählten — ein Stückchen republikanischer Verfassung — ihre Offi­ziere und Vorgesetzten aus ihrer Mitte selbst.

Kommandant der Kommunalgarde war Dr. med. Heinrich Wilhelm Neumeister, der früher preußischer Leutnant gewesen war, Vizekommandänt Eduard von Zenker, ebenfalls Dr. med. und praktischer Arzt. Als Aerzte fungierten der Stadtbezirksarzt Prof. Dr. Son­nenkalb und Dr. Raimund Dietrich Brachmann. Nach dem am 11. Dezember 1860 erfolgten Tode Dr. Neu­meisters wurde der Oberleutnant von der Armee G. F. Wehrhahn Kommandant. Die 35 Mann starke Eskadron wurde von dem Fabrikbesitzer Rittmeister Louis Plantier befehligt. Die Angehörigen der Eska­dron hatten ihre Pferde selbst zu stellen.

Das Hauptquartier der Kommunalgarde befand sich in der „Blauen Mütze“, einem geräumigen Gasthofe in der Lortzing­ straße, das ständige Büro derselben in der Alten Wage. Die neu eintretenden Gardisten wurden in verschiedenen Sälen der Stadt (die der Kompagnie meines Vaters zugewiesenen Gardisten in einem seiner geräumigen Werkstattsäle) einexer­ziert. Alljährlich fanden einige größere Uebungen und Paraden statt, wozu die ganze Kommunalgarde unter Vorantritt einer eigenen Musikka­pelle, deren Direktor Samuel Adam Jacob war, nach dem Exer­zierplatze neben dem Rosental vor Gohlis marschierte. Eine solche Uebung war stets ein Fest für ganz Leipzig. Die Frauen und Kinder der Gardisten und wer sonst an solchen Tagen sich nur immer frei machen konnte, strömten zu dem Exerzierplatze und umlagerten das Feld. Am Rande des Exerzierplatzes waren Trinkzelte und Würstchenstände aufgestellt und dieselben machten, namentlich in den Pausen, in welchen die Gardisten ihre Gewehre zusammenstell­ten und sich erfrischen durften, wobei sie sich mit ihren Angehörigen vereinigten, gute Geschäfte. Mit gespannter Aufmerksamkeit wurden dann die wei­teren Exerzitien verfolgt und wie gebannt hingen die Augen von uns Kindern an unserem Vater, der, ein großer stattlicher Mann, dem die Uniform prächtig stand, als Hauptmann seine, die zwölfte Kompagnie, mit seiner markanten Stimme kommandierte. An solchen Tagen erschien uns unser Vater wie ein Halbgott. Er verrichtete auch gern diesen Dienst und nahm nach erreichter Altersgrenze nur mit stil­ler Trauer seinen Abschied, Die fünf Groschen, die er unserer Mutter einhändigte, damit dieselbe mit uns Kindern das Ereignis bei einer Tasse Schokolade feiere, hat er sicher nur sehr ungern gegeben. — Bei Einbruch der Abenddämmerung wurde die Uebung abgeblasen und mit Sang und Klang zogen dann die kriegerischen Bürger, gefolgt von ihren Familien, wie­der heim, um dann noch in den Restaurants der Stadt einen Schoppen zur Feier des Tages zu genehmigen. Jeder sah sich gern in seiner schmucken Uniform und das Nachhausegehen von einer Uebung, wo der All­tag seiner wieder harrte, wurde deshalb so weit wie möglich hinausgeschoben.

Außer dem Feuerdienst hatte die Kommunalgarde jedoch auch Wachtdienst von abends 7 bis l Uhr zu leisten, wozu eine halbe oder ganze Kompagnie kommandiert wurde. Das Wacht­lokal befand sich auf dem Naschmarkt neben der Polizeiwache und von dort aus wurden auch einige Posten ausgestellt, für die es freilich fast niemals etwas zu tun gab. Den unmittelbar an das Wachtlokal angrenzenden Burg­keller durften die Gardisten während der dienst­freien Zeit ihres Wachtkommandos besuchen, sich aber nicht aus dem Bereich des Naschmarktes ent­fernen. Der Hauptmoment war, wenn es l Uhr nachts schlug; da wurden die Posten wieder ein­gezogen und eine Kuchenfrau erschien in dem Wacht­lokal mit einem großen Tragkorb, angefüllt mit fri­schem Käsekuchen. Dieser Käsekuchen, herge­ stellt aus gewöhnlichem Kuchenteig mit darüber ge­streuten Krümelchen von frischem Kuhkäse, war damals sehr beliebt und die Kuchenfrau war daher ihre Ware stets im Handum­ drehen los. Jeder Gardist trachtete danach, ein Stück des lieblich duften­den Kuchens zu erwischen, das er dann daheim seiner schon sanft schlum­mernden Eheliebsten auf die Bettdecke unter ihre Nase legte.

Indessen gab sich die Kommunalgarde nicht bloß kriegeri­schen Uebungcn hin, sondern sie pflegte auch die Geselligkeit, und durch all dies traten sich die Bürger einander näher, so daß in der ganzen Bürger­schaft ein freundschaftlicher Ton vorherrschte. All­jährlich veranstaltete jede Kompagnie in einem be­nachbarten Dorfe, wohin man in Schritt und Tritt marschierte, ein Sommervergnügen, bestehend aus Vogel­schießen und Ball, während im Winter ein be­sonders sorgfältig vorbereitetes Ballfest abgehalten wurde. Zu all diesen Vergnü­gungen wurden befreun­dete Kompagnien eingeladen und es herrschte da eitel Freude und Eintracht.

Die durch den Krieg von 1866 völlig verwandelten Verhält­nisse machten das Weiterbestehen der Kom­munalgarde überflüssig und sie wurde deshalb bald darauf aufgelöst. Im Frühjahr 1867 fanden ihre letz­ten offiziellen Uebungen statt und am 31. März bezog sie zum letzten Male das Wachtlokal am Naschmarkt. Aber viele Gardisten vermochten sich nur schwer von dieser lieb gewonnenen Einrichtung zu trennen. Sie petitionierten vielfach an das Stadtverordneten­kollegium und den Landtag um Beibehaltung der Kommunalgarde und setzten inzwischen in freilich sehr verminderten Formationen ihre Exerzitien in privaten Lokalen fort. Im März 1870 verfügte dann das Ministerium die endgültige Auflösung der Kommu­nalgarde, worauf der Rat in wiederholten, zuletzt sehr energi­schen Aufforderungen die Ablieferung der bis dahin noch zurückbehaltenen Flinten und Seiten­gewehre verlangte.

Da hier von den größeren Exerzierübungen der Kommunal­garde als von Volksfesten die Rede gewesen ist, so mögen an dieser Stelle noch zwei an­dere Volks­feste Erwähnung finden, die ebenfalls nicht mehr bestehen. Das eine war das Johannisfest, das alljährlich am 24. Juni gefeiert wurde. Es war und ist — denn in diesem, schöneren Teile besteht das Fest noch fort und wird sich hoffentlich auch auf die künf­tigen Jahrhunderte vererben — hauptsächlich dem Andenken an die Toten gewidmet. Schon am Tage vor dem Feste ergoß sich eine kleine Völkerwande­rung nach den Fried­höfen, um die Gräber der dort ruhenden Lieben mit frischen Blumen zu schmücken. Am 24. Juni selbst aber war schon von den frühe­sten Morgenstunden ab fast ganz Leipzig auf den Friedhöfen zu finden. Wer am Tage vorher noch nicht Zeit dazu gefunden hatte, legte jetzt noch einen Blumenstrauß auf das Grab des dahingeschiedenen Angehörigen und wanderte dann nach einem stum­men Gebet weiter durch die langen Reihen der Grä­ber, wobei er, die Gedenksteine lesend, nur zu oft an Freunden und Bekannten vorüberkam, die bereits hier in der Ewigkeit schlummerten. Dabei kreuzte sein Weg des öfteren dem Thomanerchor, der, in langen schwarzen Gehröcken und im Zylinder, unter Führung eines Lehrers die Gräber von Universitäts­professoren aufsuchte, um an denselben ein kurzes Lied zu singen.

Verließ man den Friedhof, um wieder zur Stadt zu­rück zu wandern, so verfehlte man nicht, dem im Hofe des alten Johan­ nishospitals an diesem Tage ausgestellten Johannismännchen einen Besuch abzu­statten. Dasselbe war eine noch aus der katholischen Zeit herrührende kleine Holzfigur, mit Kleidern an­geputzt. Vom Johannistal her aber ertönten die Klänge fröhlicher Musik. Man fand dort ein gar lustiges Leben und Treiben. Eine Musikkapelle hatte an dem Denkmal Seeburgs, des Schöpfers des Johannis­tales und seiner Gärten, schon frühmorgens ein öffentliches Konzert gegeben und dadurch viel Volk herbeige­lockt. Auf jedem nur irgendwie dafür ge­eigneten freien Platz waren Zelte aufgebaut, in denen zumeist ebenfalls eine kleine Kapelle konzer­tierte und wo es schon von früh 5 Uhr ab außer einer Tasse duftenden Kaffees mit Streußel- und anderem Kuchen schäumendes Bier frisch vom Faß, sowie die beliebte Gose mit dem nicht minder gern begehrten Speck- und Zwiebelkuchen gab. Diese Zelte wurden den ganzen Tag nicht leer und laute Fröhlichkeit ent­wickelte sich alsdann.

Die Gartenbesitzer im Johannistal weilten den gan­zen Tag in ihren für das Fest besonders sorgfältig vorgerichteten Gärten, deren Tür sie mit Girlanden geschmückt hatten, während auf hohem Mast eine Flagge aufgezogen worden war. Sie empfingen reich­lichen Besuch, den sie nach Kräften bewirteten. Abends aber waren die Gärten durch unzählige Lam­pions gar herrlich illuminiert. In späteren Jahren wurde der feuchtfröh­liche Rummel im Johannistal untersagt, aus Gründen der Moralität. Ob dadurch die Menschheit wirklich besser geworden ist?

Ein anderes Volksfest war, namentlich für die Jugend, das Fischerstechen. Dasselbe war durch ein kurfürstliches Dekret vom 12. Mai 1714 privilegiert, bestand also von altersher. Am 3. August jeden Jahres zogen die Mitglieder der Fischerinnung in tadellos weißen Anzügen unter Vorantritt einiger nicht ganz waschechter Mohren, sowie eines Musik­korps durch die Straßen der Stadt nach einem Teiche, um auf demselben ihr lustiges Spiel zu treiben. Der Zug nahm auf Grund eines der Fischerinnung vor alters verliehenen Vorrechtes seinen Weg durch die Pleißenburg, wo bei seinem Nahen die Wache unters Gewehr treten mußte, um vor der Fahne zu salu­tieren, die der Innung von dem Kurfürsten und König von Polen, August dem Starken, der sich an dem Fischerstechen häufig ergötzt hatte, verliehen worden war. Auf dem Teiche wurden von den Fischern allerlei Spiele aufge­führt. Auf Kähnen näherten sie sich einander und suchten sich gegenseitig mit Stangen, die an dem einen Ende mit einem dicken Knauf versehen waren, über Bord zu stoßen (zu „stechen“). Von einem über das Wasser gespannten Seil hing ein Aal herab, den man am Kopfe abzudrehen versuchte, was in der Re­gel erst nach vielen vergeblichen Bemühungen, wo­bei der Mann an dem schlüpfrigen Aal herabglitt und unter dem Hallo der nach vielen Hunderten zäh­lenden Zuschauer in das Wasser plumpste, gelang. Derjenige Fischer, welcher den Aal erbeutete, war dann „König“. Den Beschluß bildete eine lustige Pantomime, bei der zuletzt alle Teilnehmer Bekannt­schaft mit dem nassen Element machten. Das reich­haltige Programm fand in allen seinen Teilen stets den jubelnden Beifall der Kinder, die mit ihren An­gehörigen in dichten Scharen den Rand des Teiches besetzt hielten, und das Gesehene wurde dann noch wochenlang nachher im kindlichen Spiele, aber na­türlich nicht auf dem Wasser, nachgeahmt.

Nach der Vorstellung auf dem Teiche vereinigte die Fische­ rinnung mit ihren Angehörigen und den ge­ladenen Gästen in einem nahe gelegenen Saale ein solenner Ball. Hierbei kreiste, mit funkelndem Weine gefüllt, ein großer schwerer silberner Pokal, an dessen Seite zahlreiche silberne Denkmünzen eingel­assen waren, die von Souveränen und sonstigen prominenten Persönlichkeiten der Fischerinnung ge­stiftet worden waren. In früherer Zeit erhielten die Fischer zu diesem Feste gemäß ihres Privilegs von 1714 seitens des sächsischen Hofes einen „starken Hirsch“ aus der Merseburger Forst, sowie zwei Fässer des damals sich eines weitverbreiteten guten Rufes erfreuenden Merseburger Bieres, doch wurden diese Gaben, nachdem Merseburg preußisch gewor­den, durch einen Geldbeitrag abgelöst.

Auch dieses Fischerstechen existiert jetzt nach mehrhundert­ jährigem Bestande leider nicht mehr. So wird das Volk an altüberkommenen Gebräuchen und Festen immer ärmer.

Im Gegensatz dazu hat aber gegen früher ein an­deres Volksfest an Ausdehnung zugenommen. Es ist dies der „Tauchsche Jahrmarkt“, in der Hauptsache früher wie jetzt ein Fest der Kinder, besser gesagt der Karneval derselben. Zu der Zeit, von der ich berichte, beschränkte sich der Tauchsche Jahrmarkt, wenn ihn die Kinder auch hier und da schon in die innere Stadt hineintrugen, auf die äußere Dresdner Straße und deren unmittelbare Nachbarschaft. Dort waren der Straße entlang Verkaufsstände errichtet, in welchen man Schnurren (Waldteufel), Pappbrillen, Gesichtsmasken, bunten Kopf-schmuck und Lampions kaufen konnte. Die Kinder begnügten sich, diesen oder jenen dieser Gegenstände zu kaufen und damit herumzuspringen, um dann abends mit einer bren­nenden bunten Laterne wieder heimzuwandern. Für die Großen entwickelte sich des Abends in den dort befindlichen Restau­rants, namentlich im Großen und Kleinen Kuchengarten, sowie in der Goldenen Säge ein munteres Treiben und manches Glas Bier wurde hierbei über den Durst „gehoben“.

Jetzt hat sich der „Tauchsche“ über die ganze Stadt verbreitet, so groß dieselbe auch inzwischen geworden. Ueberall sieht man an diesem Tage — ja schon den Tag vorher und auch den Tag nachher — Mädchen und Knaben in bunten, oft recht verwe­genen Verkleidungen in kleineren und größeren Trupps einher­jagen. Die Jungens bevorzugen den Indianer­anzug mit Feder- und Kopfschmuck und dem unver­meidlichen Tomahawk. Aus allen Gassen ertönt der Kampfschrei des letzten der Mohikaner und an den Straßenecken werden Indianerschlachten geliefert. Glückliche, sorglose Jugend!

Bei der Aufführung der damaligen Feste sei auch noch eines besonderen Festes gedacht, des ,,Scheuer­festes“. Jedes Geschäftslokal hatte einen bestimm­ten Tag im Jahre, an welchem dasselbe gründlich ge­reinigt wurde und an dem das Personal frei erhielt, Dasselbe versammelte sich dann in der Regel in einem Lokale außerhalb der Stadt und brachte dort den Tag recht feucht-fröhlich zu. Jetzt zählen auch diese einstmals so beliebten Scheuerfeste zu den vergan­genen Dingen.

Regelmäßig am 31, Oktober, dem Reformations­tage, veran­ stalteten die Studenten anläßlich des an diesem Tage stattfin­denden Rektoratswechsels einen großen Fackelzug, der sich zu den Wohnungen des früheren und des neuen Universitätsrektors und durch die; Hauptstraßen der Stadt bewegte, um schließlich auf dem Fleischerplatz zu enden. Dort wurden in hohen Bogen die Fackeln auf einen Haufen zusammengeworfen, um darauf von den hinter dem Zuge mit Löscheimern einhergehenden Feuerwehr­leuten ausgelöscht zu werden.

 

 

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