7. B.B.

Irgendwie hatte ich bei dieser Kläranlagengeschichte ein ungutes Gefühl, und die Publicity, die sie gekriegt hatte, gefiel mir ganz besonders nicht. Da brodelte etwas vor sich hin, und niemand konnte sagen, ob irgendwann der Deckel vom Topf fliegen oder ob die Flamme von selber ausgehen würde und wann das sein würde. Ich beschloss, an dem Problem dran zu bleiben und in die Sache noch ein bisschen Zeit zu investieren und ein paar Adressen abzuklappern. Damit wollte ich allerdings nicht anfangen, bevor ich mich in der PR-Abteilung mal ein wenig umgesehen hatte.

In der Eingangshalle der Verwaltung schob ich mich an den Tresen und schaute der Puppe vom Empfang beim Verschlingen eines Arztromans zu. Es dauerte ein Weilchen, bis sie sich davon losreißen konnte und zu mir hoch äugte.

Ich wusste nicht, wovon sie mehr im Gesicht hatte, Langeweile oder Schminke, von beidem jedenfalls reichlich. Sie ließ das Heftchen ein wenig sinken, ohne es jedoch ganz aus der Hand zu legen. Das war auch schon so ziemlich alles, was sich an ihr bewegte. Sie starrte mich an. In ihrem Blick war gar nichts, noch nicht einmal Desinteresse. Wirklich ein ganz reizender Empfang.

Ich fragte nach der PR-Abteilung. Sie dachte mit viel Wimpernklimpern und einer blassen Zungenspitze zwischen verdammt zu roten Lippen nach, schlug mittendrin knisternd ihre Nylonbeine übereinander, setzte sich neu zurecht und erinnerte sich dann — ich glaubte schon, es gäbe gar keine — völlig überraschend doch noch und verriet mir mit aufgeblendeten Augen, wer und wo und in welchem Stock.

Wenn ich nicht so in Eile gewesen wäre, hätte ich mir glatt die Zeit genommen, ihr den Schmöker hinten rein zu schieben und sie damit als Flaschenpost auf eine Reise ohne Wiederkehr zu schicken. Aber aufgeschoben war ja nicht aufgehoben. Und den Idioten, durch dessen Bett das Püppchen zu diesem Job gekommen war, würde ich auch noch ausfindig machen und zur Rechenschaft ziehen, wahrscheinlich in Form einer öffentlichen Vierteilung zur Abschreckung.

Die PR-Abteilung lag im achten Stock und bestand aus einem Chefbüro mit Vorzimmer und einigen Kabuffs für die subalternen Chargen drumherum. Ich wollte gleich direkt zum Chef reinmarschieren, aber der Vorzimmerdrachen kam hinter seinem Schreibtisch hervor geschossen und warf sich zwischen mich und die Tür und japste: «Sie können da jetzt nicht rein!»

Inzwischen hatte ich wieder eine Zigarre im Gesicht, noch unangezündet. Ich nahm sie aus dem Mund und erkundigte mich: «Wieso nicht?»

Die Tippse war eine völlig reizlose Person mit einem zerknitterten kleinen Gesicht, in dem Kinn und Nase viel zu dicht beieinander lagen, und hungrigen Knopfaugen, die sich nach einem Mann sehnten, der nicht kam. Sie stand mit dem Rücken an der Türfüllung und versuchte gefährlich auszusehen. Ich zweifelte nicht daran, dass sie diese Tür bis zum letzten Blutstropfen verteidigen würde, wenn es sein musste — aus reiner Pflichterfüllung. Das bisschen Busen, das sie in der Bluse hatte, hob und senkte sich heftig, und sie reckte mir ihr glänzendes, rundes Kinn entgegen und trumpfte auf: «Ein wichtiges Telefongespräch. Sie müssen sich schon etwas gedulden.»

Wichtiges Telefongespräch? Gedulden? Ich sollte mich gedulden — ich, Bodo Lünch ? Bloß weil so eine PR-Type in der Gegend rumtelefonierte? — Aber nun ja, man kannte mich hier eben noch nicht. Und warum eigentlich nicht? Vielleicht war es gar nicht so schlecht, den Laden mal von unten kennenzulernen, inkognito sozusagen. Also behielt ich meine Karten erst mal hübsch in der Hinterhand und spielte es mit, das Lieblingsspiel aller Schreibkräfte, die eine Tür bewachen dürfen, und gehorchte und trollte mich brav in die Warteecke, in der schon ein schnieker Jüngling herumsaß, angetan mit einem Armani-Anzug und einer Wolke Eau de irgendwas, die mich fast umgehauen hätte. Bei sich hatte er eine vollgestopfte riesige Mappe mit Layouts oder irgendwelchem anderen Skizzenkram, den er da drinnen zu präsentieren gedachte.

Ich setzte mich zwei Stühle neben ihn und beobachtete, wie die Tippse wieder auf ihren Platz glitt, kurz triumphierend zu mir herüber linste und sich dann tatendurstig die Ärmel hochschob, die Schreibvorlage noch einmal zurecht legte und begann, mit ihrer Tastatur Salven abzuschießen. Auf einem sehr sorgfältig an der Schreibtischkante ausgerichteten Namensschild stand, dass sie Frl. Rußwurm hieß. — Nett.

Ich rollte die Havanna zwischen den Fingern und blickte mich ein wenig um. Es war ein ganz normales Vorzimmer, fensterlos mit milchglasgedämpfter Neonbeleuchtung von oben und einer Zimmerlinde im Treibhausformat. An den lindgrünen Wänden hingen ein paar wellige Kunstdrucke und eine ausgeblilchene Luftaufnahme des Firmengeländes, die früher, als sie noch richtig schön frisch und farbig war, wohl einmal einen besseren Platz in irgendeinem Chefzimmer gehabt hatte. Hinter dem Schreibtisch, in Reichweite, befand sich das obligatorische Eckchen mit angepinnten Urlaubskarten und daneben ein Jahreskalender, auf dem die schon rumgebrachten Tage fein säuberlich ausgeixt waren. Irgendwie sind solche Büros immer gleich, nie kriegt man in ihnen mal was wirklich Neues zu Gesicht, es gibt einfach keine Unterschiede. Kein Wunder, es wird in ihnen ja auch immer dasselbe gemacht: Papier vollgeschrieben und Zeit totgeschlagen, und das gegen fürstliche Bezahlung, tarifvertraglich abgesichert, mit dreizehntem Monatsgehalt, Urlaubsgeld, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und allem Pipapo.

Frl. Rußwurms Salven ordneten sich zu einem festen Rhythmus; wie ein stotternder Achtzylinder, der langsam auf Touren kommt, fegten sie in immer kürzeren Abständen in den Computer und vereinigten schließlich zu einem unerbittlichen, anhaltenden Trommelfeuer, in dem es nicht mehr kleinste Unterbrechung gab — con brio, sie war wieder im Takt.

Auf einem niedrigen Tischchen lagen einige Hochglanzbroschüren, in denen die Firma auf die übliche Art mit vielen Farbfotos und bunten Tortendiagrammen für sich Reklame machte, und zwei der drei Exemplare der Hauszeitung.

Diese «Hauszeitung» sah ich mir einmal etwas genauer an. Es handelte sich dabei um ein lieblos zusammengeheftetes, lappiges Blättchen aus billigem gelblichen Papier — und vor allem hoffnungslos überholt. Die Ausgabe stammte aus dem letzten Dezember und brachte einen Bericht über die Weihnachtsfeier, die Neujahrswünsche der Geschäftsleitung für die Belegschaft und den Ausblick auf ein ‚außerordentliches vielversprechendes‘ Geschäftsjahr — haha! Verantwortlich für das Blättchen zeichnete die PR-Abteilung. Und dass sie mitten im Sommer immer noch nur mit der Dezemberausgabe aufwarten konnte, legte bestimmte Rückschlüsse auf das Arbeitstempo in dieser Abteilung nahe.

Ich schmiss das Heft wieder zurück auf das Tischchen, lehnte mich zurück, saugte an meiner kalten Havanna und entspannte mich ein wenig.

Frl. Rußwurm hatte gerade das Feuer eingestellt, um ihre Schreibvorlage umzublättern. Dann ballerte sie wieder los. Ich musste an ein Schlachtschiff denken, an ein kämpfendes, aus allen Rohren feuerndes Schlachtschiff.

Im Chefzimmer rührte sich immer noch nichts. Ich fing an, mich zu langweilen.

Von nebenan waberten Rasierwasserschwaden herüber, penetrant, geradezu beißend, einfach unerträglich. Ich drehte den Kopf und starrte den Jungen an. Er lächelte mir sorglos zu. Tja, solche Sonnyboys braucht macht im PR-Geschäft, immer fröhlich, immer frisch — auch wenn sie gerade dabei sind, jemanden umzubringen, mit einer Parfümwolke beispielsweise. Wir kamen ein bisschen ins Gespräch, und er erzählte mir, dass der Chef der PR-Abteilung eine Frau war, die neu hier in der Firma war und den Job erst seit ein paar Tagen machte. — ’ne Frau als Chef? Ich hatte schon irgendwo mal von so was gehört. Aber ganz bestimmt nicht bei Maddox. Maddox ist in dieser Frage, nun äh, sagen wir mal, ein bisschen konservativ. Wie auch immer, es war jedenfalls das erste Mal, dass mir bei meiner Arbeit in der Firma eine Frau auf so einer Ebene in die Quere kam. Und damit begannen auch schon die Probleme. Wie man mit Männern fertig wird, darüber könnte ich ein zehnbändiges Handbuch schreiben. Aber wie packt man eine Frau an? — Rein geschäftlich, meine ich. Okay, Frauen in Führungspositionen sind auch bloß Menschen, sie machen ihren Job, und man kann sie zur Verantwortung ziehen, wenn sie ihn nicht richtig machen. Aber sie sind eben auch Weiber, und das ist schon ziemlich störend, ich finde es sogar ausgesprochen verwirrend. Wie fährt man beispielsweise Schlitten mit einer, die aussieht wie Raquel Welch und ’nen Schlitz im Kleid und womöglich auch noch studiert hat? — Verdammt, ich wusste es wirklich nicht.

Der Junge rückte einen Stuhl näher, schielte zu Frl. Rußwurm hinüber, die uns gar nicht beachtete und auf ihrer Tastatur herumtobte. Er räusperte sich, neigte sich zu mir herüber und vertraute mir mit gedämpfter Stimme an, dass er mit einer Frau, die seine Chefin wäre, ums Verrecken nicht schlafen könne.

Das war überraschend, und es war es auch wieder nicht. Ich kannte mal einen, der konnte es nur, wenn draußen in Strömen regnete. Der war todunglücklich, bis ich ihm den Tipp mit der Waschstraße gab. Na ja, und nebenbei hatte er dann auch noch den saubersten Wagen der Stadt. Ich lachte und sagte laut: «Sie sollen sie ja auch nicht bumsen, Sie sollen ihr nur gehorchen.»

Das Tastengeklapper brach schlagartig ab, und die Rußwurm saß stocksteif da, um die Nase ziemlich blass, mit zusammengekniffenen Lippen und schmalen Augen, aus denen sie mir einen angewiderten Blick entgegen schleuderte, unter dem ich mir richtig verdorben und gemein vorkam. Das musste man ihr lassen, sie hatte eine vernichtende Art zu gucken. Ich grinste sie dreckig an, bis sie wieder Farbe ins Gesicht kriegte und ganz rot wurde und mit ihrem Schreibkram weitermachte. Allerdings nicht mehr ganz so hingebungsvoll, sondern mit gespitzten Ohren und immer einem halben Auge in unsere Richtung. Sie hatte uns im Verdacht, dass wir schmutzige Witze über sie rissen, konnte uns aber nichts beweisen, weil sie nicht nahe genug dran war und von allem noch nicht mal die Hälfte mitkriegte. Um ihr einen Gefallen zu tun, behielt ich mein dreckiges Grinsen auf — für ihr halbes Auge.

Der Junge bog sich noch weiter herüber und gestand mir vertraulich: «Das kann ich auch nicht.»

«Wieso nicht?»

«Weil ich mir von einer gottverdammten Weibse keine Vorschriften machen lasse, zum Teufel,» platzte er heraus.

Also ein ganz harter Bursche. Ich hatte gar nicht gewusst, dass s von dieser Sorte immer noch welche gab — abgesehen von mir natürlich. Ich grinste ihn an. «Und wie war das mit Ihrer Mutter, haben Sie sich von ihr auch nie Vorschriften machen lassen?»

«Eine Mutter hat jeder,» maulte er. «Aber wer braucht schon eine Chefin?»

Eine berechtigte Frage. Allerdings keine, die ein allzu lautes Nachdenken vertrug. Der gute alte Die-Frau-gehört-an-den-Herd-Standpunkt ist heutzutage keine Zugnummer mehr, alles was man sich damit einhandeln kann, ist eine Menge Ärger und ein Platz ganz unten auf der Beliebtheitsskala. Das machte ich auch meinem jungen Freund klar und explodierte: «Auf welchem Stern leben Sie denn, Menschenskind?! Seit dreißig Jahren ist die Emanzipation in vollem Gang, wir haben jetzt Gleichberechtigung, die Weiber können machen, was sie wollen, verstehen Sie — ALLES!»

Erschrocken fuhr er zurück und blinzelte mich scheel von der Seite an, als glaube er nicht, was ich gesagt hatte.

Ich knurrte: «Es gibt keine Tabus mehr, nichts kann sie mehr aufhalten, demnächst werden sie wohl auch noch Papst werden können. Das ist die Situation. Und Sie stellen sich besser darauf ein, bevor die Situation sich auf Sie einstellt und Sie durch den Rost fallen lässt.»

Einen langen Moment saß er erstarrt da und blinzelte mich nur an. Dann bewegte er den Kopf kurz hin und her, wie um etwas abzuschütteln und erklärte schlicht und sachlich: «Ohne mich.»

Ich fragte mich, ob er wirklich wusste, wie nahe er der Wahrheit damit kam. Sicher, Weiber auf Chefsesseln sind auch nicht gerade mein Fall. Aber subalterne Chargen, die sich über die Besetzung von Führungspositionen lauthals Gedanken machen, sind noch viel weniger mein Fall. Es würde auch sehr gut ohne ihn gehen, diesen harten, unbeugsamen Burschen. Sehr bald schon sogar.

Frl. Rußwurm, vor lauter Ohrenspitzen etwas unkonzentriert hatte sich vertippt und hackte den fehlerhaften Text wütend wieder vom Bildschirm. Dann sammelte sie sich kurz, machte eine kleine Lockerungsübung für die Finger und nahm den Computer wieder mit ihren Tastensalven unter Beschuss.

Ohne ihn anzusehen, erkundigte ich mich bei dem Jüngling neben mir: «Schon was Neues in Aussicht?»

«Wie, was Neues?»

« ’n neuen Job,» knurrte ich.

«Wieso neuen Job? Hab ich etwas von einem neuen Job gesagt?» fragte er gereizt. Irgendwie schien er da eine weiche Stelle zu haben.

Ich war nicht sonderlich auf Streit aus und registrierte das einfach nur und sagte langsam: «Nein, das haben Sie nicht. Was nur so ’n Gedanke von mir. . .»

Er schnaubte. «Neuer Job — Mann, Sie machen mir vielleicht Spaß!»

Es freute mich, dass ich ihm Spaß machte. So kam wenigstens einer von uns beiden auf seine Kosten. Ich sagte nichts.

Für ihn war das Thema allerdings noch nicht erledigt, und er behauptete: «Ich brauche keinen neuen Job, meiner hier gefällt mir prima. Nur dass der Boss ’ne Weibse ist. . . — Aber so was kann man ja schließlich ändern, hähä.»

Es hätte mich schon interessiert, wie er sich das vorstellte. Aber andererseits wäre ein Palaver über seine Zukunft hier in der Firma zwangsläufig eine ziemlich theoretische Angelegenheit geworden, und rein theoretische Erörterungen interessieren mich grundsätzlich nicht. Ich drehte mich achselzuckend weg und erwiderte gleichgültig: «Wahrscheinlich kann man das.»

Der Junge raschelte unbefriedigt noch ein bisschen mit seinen Papieren und gab schließlich Ruhe. Frl. Rußwurm klapperte. Ich wartete.

Das Telefon klingelte. Frl. Rußwurm hob ab und meldete sich kurz angebunden und schnippisch. Für viele Leute besteht der erste Eindruck von einer Firma in der Sekretärin, die sie zuerst an die Strippe kriegen, oder vielmehr in der Art, wie sie sich meldet. Und viele Leute machen prinzipiell alles weitere vom ersten Eindruck abhängig. So gesehen hatte Frl. Rußwurm höchstwahrscheinlich schon massenhaft potenzielle Kunden auf dem Gewissen — für die Chefsekretärin einer PR-Abteilung sicher eine ganz bemerkenswerte Leistung.

Ich bekam zwar nicht genau mit, was der Anrufer wollte, aber das, was er kriegte, war es bestimmt nicht. Mit ein paar gut platzierten Unfreundlichkeiten verpasste sie ihm eine nette kleine Abreibung und hatte ihn in Null Komma nichts wieder aus der Leitung und legte auf. Als sie gerade wieder in die Tasten hauen wollte, knackte die Gegensprechanlage und krächzte irgendwas. Sie beugte sich über den Apparat wie eine Mutter über ihr Kind und säuselte etwas hinein. Danach warf sie den Kopf zurück, peilte zu uns herüber und verkündete: «Sie können jetzt hinein.» Und dann arbeiteten ihre flinken Finger auch schon wieder auf Hochtouren.

Der Junge stand auf, knöpfte sich das Jackett zu, fummelte seinen Krawattenknoten zurecht, plättete sich mit der Hand über das Haar und trieb alles in allem ein wenig viel Aufwand, dafür, dass sein Boss bloß eine Weibse war, die er zum Teufel wünschte. Er klemmte sich seine vollgestopfte Vorzeigemappe unter den Arm und schritt feierlich auf die Chefzimmertür zu.

Ich erhob mich ebenfalls und hielt ebenfalls auf die Tür zu, allerdings nicht so feierlich, sondern mehr tigernd.

Vor der Tür stießen wir zusammen. Ein paar schlecht verstaute Blätter rutschten aus der Mappe heraus und segelten zu Boden. Der Junge starrte auf den Boden, dann auf mich, dann ließ er sich auf die Fersen nieder und begann, die verstreuten Blätter zusammenzuraffen. Wenn er fluchte, dann jedenfalls so, dass davon nicht mehr zu hören war als die Kommas. — Gute Kinderstube bewährt sich eben in allen Lebenslagen.

Ich griff nach der Türklinke.

Er kriegte das mit und schraubte sich in der Hocke herum und streckte eine Hand nach mir aus. «Warten Sie, das geht aber nicht!»

Ich hob die Brauen. «Was geht nicht?»

«Dass Sie da reingehen. Ich bin jetzt dran.»

«Kleine Programmänderung,» teilte ich ihm mit, « ich bin jetzt erst mal dran. Sie haben vorläufig Sendepause.»

Für einen Augenblick lag eine Schlägerei in der Luft. Dann schaltete er aber einen Gang zurück und begnügte sich damit, mich von unten herauf anzugiften: «Sie spinnen wohl, ich war schon lange vor Ihnen da!»

«Schon möglich. Aber Sie sind nicht ganz komplett. Außerdem fehlt Ihnen eine entscheidende Kleinigkeit.»

Er witterte etwas Unanständiges und holte tief Luft und funkelte mich mit seinen kastanienbraunen Kuhaugen an. «Ach nee. — Und das wäre?»

« ’ne Peitsche,» sagte ich einfach.

Er glotzte mich groß an. « ’ne Peitsche?»

Ich nickte. «Genau. Die werden Sie da drinnen nämlich brauchen.»

Seine Antwort war: «Eh?»

Das klang nicht danach, als ob er wüsste, worauf ich hinauswollte. Manchen Leuten muss man wirklich jeden Witz bis ins kleinste Detail verklickern. Also gab ich ihm auch noch die Gebrauchsanweisung für die Pointe und sagte: «Wenn du zum Weibe gehst, vergiss die Peitsche nicht — Friedrich Nietzsche. Noch nie was davon gehört?» Mehr konnte ich beim besten Willen nicht für ihn tun. Ich grinste ihn an und drückte die Klinke und betrat das Chefzimmer und machte die Tür ihm mitten in sein verdattertes Gesicht hinein zu. Und zusammen mit ihm blendete ich Frl. Rußwurm aus, die an ihrem gestoppten Computer saß und schaute und staunte.

Ich rammte mir die Havanna ins Gebiss und drehte mich um. Da war erst mal ein vollgestapelter Schreibtisch, der mächtig nach Arbeit aussah. Und dahinter: SIE. Mitte dreißig. Blond. Mit hochgesteckten Haaren, einer modischen Brille, deren Bügel auf dem Weg zu den Gläserfasungen allerlei Kapriolen schlugen und etwas Make-up um die Augen. Es waren sehr klare, tiefe Augen, kalt und grau wie das erste Licht eines Januarmorgens — faszinierende Augen. Augen, die niemals weinten, und wenn doch, dann höchstens Eiswürfel. So gut wie Raquel Welch sah sie nicht aus, aber auch nicht so schlecht, dass es mir die Arbeit erleichtert hätte. Sie war eine Frau, und sie hatte alles, was eine Frau ausmacht. Das war das Problem. Weiber, die nicht gerade aussehen wie Vogelscheuchen, bringen mich auf eine Menge Gedanken, aber weiß Gott auf keine geschäftlichen. Sie lenken mich bei der Arbeit ab. Ich kann mich mit ihnen nun mal nicht einfach so von Mann zu Mann unterhalten. Das macht mich nervös. Ich behalf mich damit, dass ich sie mir als einen Kerl in Frauenkleidern vorstellte — Charly’s Tante, wenigstens so ähnlich. Ich schlenderte hinüber, schob einen Stoß Schnellhefter mit Zeitungsausschnitten beiseite und setzte mich auf die Tischkante.

Sie trug ein graues Nadelstreifenkostüm mit weinroter Seidenbluse und um den Hals einen Reif aus Weißgold oder Platin, in dem drei winzige Brillanten funkelten. Ich roch Chanel No. 5. — Ein teures Mädchen, das sich das alles selbst verdient hatte.

Ich flirtete ungefähr dreißig Sekunden mit ihr, und sie flirtete keine einzige mit mir. Sie badete mich in einem eiskalten Blick, der mir fast eine Gänsehaut gemacht hätte, und fragte nach einem Lidschlag: «Sie wünschen?»

Ich nahm die Havanna aus dem Mund und sagte: «Wie war noch gleich der Name? Ich hab da draußen gar nichts gesehen.»

Sie hielt einen Füllfederhalter von Cartier mit beiden Händen und zwirbelte ihn zwischen den Fingerspitzen, und ihr Blick fror an meiner Havanna fest und nahm einen harten, abweisenden Ausdruck an. Sie schien Zigarren nicht zu mögen. «Draußen ist auch noch gar nichts zu sehen,» sagte sie kalt. «Der Name ist Bechtel-Buderus, Dr. Bechtel-Buderus.»

Unbedingt heiraten wollen, aber den eigenen Namen nicht hergeben, und statt Kinder kriegen lieber den Doktor machen, das sind die Karriereweiber von heute. Mir ging die Frage durch den Kopf, was man früher wohl mit diesen Emanzen gemacht hat, als Karrieren für sie noch nicht drin waren — wahrscheinlich zwischen Häckeldeckchen und Nippeskram als Jungfern versauern lassen, und noch früher als Hexen auf dem Scheiterhaufen gut durchgebraten. Tja, die Zeiten ändern sich, und das nicht immer zum Besseren.

Ich zündete mir die Havanna an und wedelte das Streichholz aus und schnippste es irgendwohin. Es gab einen kurzen Kampf zwischen dem Zigarrengeruch und Chanel No. 5. Chanel No. 5 verlor, und meine Havanna hatte den Raum für sich.

«Okay, Bechtel-Buderus,» paffte ich. «Was dagegen, wenn ich Sie B.B. nenne?»

Ganz hinten in ihren Augen leuchtete ein heißes Licht auf, und für einen köstlichen Moment war schlechthin alles möglich. Es hätte mich nicht überrascht, wenn sie über den Tisch gesprungen wäre, um mir die Augen auszukratzen, oder sich in der Luft zerrissen hätte und in tausend Stücke zersprungen wäre, oder einfach nur mit einem Herzanfall aus dem Sessel gerutscht wäre.

Aber das Licht verlosch wieder, bevor es irgend etwas zum Schmelzen bringen konnte. Und ihr Blick war pures Eis. Sie sagte nichts. Man konnte es richtig mit der Angst bekommen, wenn sie auf diese Art nichts sagte — man: ihr Mann, irgendein Mann, ich natürlich nicht. Angst ist nicht eingebaut bei mir, und Angst vor Weibern schon gleich gar nicht. Unbekümmert hakte ich nach: «Neu hier, was?»

Ihre Antwort kam langsam und war kalt, sehr kalt. «Würde Sie das stören?»

Ich tätschelte einen Aktenstapel. «Hätte ich denn eine andere Wahl?»

«Das kommt ganz darauf an, was Sie wollen.»

«Was hätten Sie denn so anzubieten?» erkundigte ich mich und versenkte einen tiefen, lüsternen Blick in ihre Augen.

Sie musterte mich lange und stellte dann fest: «Wahrscheinlich nichts, was für Sie von Interesse sein könnte.»

Ich starrte an, was sie in der Bluse hatte. Kein Vergleich mit Herzchens Auslage, doch immerhin genug, um es anzustarren. Ich leckte mir über die Lippen und murmelte: «Sagen Sie das nicht.»

Ungehalten, aber auch irgendwie unbehaglich schnippte sie gegen den Cartier-Füller. «Kommen Sie zur Sache. Ich habe zu arbeiten.»

Ich grinste. «Haben wir das nicht alle?»

«Sie arbeiten auch?» spottete sie.

Ich nickte langsam und versicherte ihr ernst: «Ja, gerade im Moment sogar.»

Ein sehr schwaches Lächeln streifte ihre Mundwinkel. Sehr wahrscheinlich hatte sie dort Grübchen, wenn sie richtig lächelte — falls sie überhaupt jemals richtig lächelte. «Ach ja? — Und als was?»

Da war ein verdammt impertinenter Unterton in ihrer Frage, der wohl zum Ausdruck bringen sollte, dass sie mir nicht viel mehr zutraute als einen Kohlenschipperjob im Heizungskeller. Und das gefiel mir gar nicht. Schließlich trägt man nicht einfach so zum Spaß Maßanzüge vom besten Schneider, schleppt ’ne Rolex gut sichtbar mit sich rum und raucht Havannas das Stück zu fünfzehn Euro.

Ich biss hart auf die Zigarre. Da würde ich mir wohl mal wieder jemanden zurecht biegen müssen. Ich qualmte ein Weilchen vor mich hin, lauschte meinem eigenen Puls und verspürte Kopfschmerzen irgendwo hinten links, die mit dem Puls an- und abschwollen. Dann ließ ich den Hammer fallen und sagte: «Als Boss.»

Sie schlug nicht gerade einen Salto, und die Kinnlade klappte ihr auch nicht herunter. Und sie grinste nicht grimassenhaft oder gab ein albernes Gackern von sich, wie das sonst bei Weibern in solchen Situationen gerne vorkommt. Nein, sie war ein smartes Mädchen, das Karriere machen wollte und die nötige Selbstbeherrschung hatte. Aber für ihre Verhältnisse zeigte sie doch relativ viel Wirkung und machte einen ziemlich ratlosen Eindruck — so für zwei bis drei Sekunden. Eine leichte Röte überflutete ihr Gesicht und sie begann, Papiere von hier nach da zu räumen und wieder zurück. Und mir so richtig in die Augen gucken konnte sie auch nicht mehr. Wahrscheinlich ging ihr einfach viel zu viel durch den Kopf in punkto berufliche Aussichten und so weiter. Sie sagte: «Ich wusste gar nicht, dass Sie schon im Haus sind.»

Für die Chefin der PR-Abteilung war das keine besonders clevere Antwort. In der PR-Abteilung sollte man immer und unter allen Umständen im Bilde sein, was im Hause vorgeht. Dazu ist diese Abteilung schließlich da. Aber das sagte ich ihr nicht. Wenn sie so smart und patent war, wie sie sich den Anschein gab, hatte sie sich das schon längst selber gesagt, als sie gemerkt hatte, dass ich nicht der Kohlenschipper vom Dienst war. Ich machte eine Handbewegung über den Wust auf dem Tisch. «Schon bis zu der Kläranlagensache im Frühjahr vorgearbeitet?»

Sie berührte flüchtig ihr Haar. «Oh ja — ja.»

«Ich nehme an, darüber gibt’s ’ne Akte.»

Ihre Augen irrten suchend über die Stapel, sie griff irgendwo hinein und zog einen Ordner heraus und reichte ihn mir und lächelte: «Sie wissen aber schon eine Menge.»

Wirklich gut gespielt, diese kleinmädchenhafte Bewunderung. Mir wurde richtig warm ums Herz. Ich nahm den Ordner entgegen und sagte: «Ich weiß fast alles — nur nicht, ob Sie heute Abend Zeit hätten.»

Es war hochinteressant zu verfolgen, wie daraufhin in ihrem Gesicht ein hübscher kleiner Ringkampf losging zwischen Pflichtgefühl und nacktem Entsetzen. Selbstverständlich siegte das Pflichtgefühl, und sie stammelte sich langsam wieder auf Touren: «Ich. . . oh. . . vielleicht. — Wir könnten. . .»

«Ja-ah?»

«Nun, wir könnten essen gehen zum Beispiel.»

«Und dann?» bohrte ich und ließ hochgespannte Erwartungen erkennen.

Sie lehnte sich zurück, verschränkte die Arme und lächelte vielsagend. «Wer weiß.»

Das Mädchen setzte sich ein in seinem Job, mit Haut und Haaren, und sehr wahrscheinlich noch einer ganzen Menge mehr; das musste man ihr lassen.

«Und was würde Ihr Mann dazu sagen?» Offen gestanden, ich fragte nicht, weil mich die Ansichten ihres Mannes interessierten, sondern weil ich sie ein bisschen zappeln sehen wollte. Aber ich hatte Pech, sie zuckte nicht mal mit der Wimper und erklärte seelenruhig: «Mein Mann weiß, dass er mit einer vielbeschäftigten Frau verheiratet ist.»

Entzückend. Wenn das stimmte, war ihr Mann entweder ein Trottel ersten Ranges oder Zuhälter, oder die Scheidung war bereits in vollem Gange. Auf jeden Fall keine Ehe wie jede andere. Es lohnt sich doch immer wieder, das Privatleben seiner Mitarbeiter mal etwas näher unter die Lupe zu nehmen.

Ich sagte: «Wie bedauerlich.»

«Was ist bedauerlich?» fragte sie.

«Dass ich heute Abend keine Zeit habe,» grinste ich. Seit der Emanzipation haben die Weiber nicht mehr das Monopol im Platzenlassen von Verabredungen, Männer können das jetzt auch. Der Haken ist nur, dass sich manche Weiber immer noch nicht daran gewöhnt haben. Und B.B. war eine von ihnen. Sie starrte mich beleidigt an und hasste mich und wäre mir am liebsten mit dem nackten Hintern ins Gesicht gesprungen.

In diesem Punkt muss noch eine Menge Aufklärungsarbeit geleistet werden, scheint mir. Man könnte es sich natürlich auch bedeutend einfacher machen und die ganze Emanzipation wieder abblasen und die Ladys zurück in die Küche. . ., aber lassen wir das.

Ich glitt von der Schreibtischkante und nahm die Akte mit und studierte sie am Fenster. Eine Menge Zeitungsauschnitte, größtenteils aus dem örtlichen Käseblatt, eine Menge Statements von Verwaltungsstellen und aufgeblasenen Provinzpolitikern und eine Menge lausig gemachte PR mit windelweichen Dementis, Widersprüchen am laufenden Band und einer Hinhaltetaktik, die so durchsichtig war wie Fatimas Gewand beim Schleiertanz. Vier Wochen lang hatte sich die Sache in den Schlagzeilen gehalten. Und das — in diesem Punkt hatte Jepsen sich geirrt — ohne eine einzige konkrete Zahl, ohne irgendwelche Hinweise auf die Wasserbücher, ohne jegliches handfeste Beweismaterial, nur mit verdammten dunklen Anspielungen. Schließlich war das Thema gestorben, weil die Leute auch von den wildesten Gerüchten irgendwann mal die Nase voll haben und niemand Fakten nachgelegt hatte.

Bruno Zeck hielt sein Pulver also trocken. Fragte sich nur, wofür , und was wohl passiert wäre, wenn er mit seiner Munition scharf geschossen hätte und wieso er schon so lange nichts mehr von sich hören hatte lassen. Fragen über Fragen. Und eine weitere Frage wäre noch gewesen, ob hinter dieser infamen Kampagne womöglich gar nicht Zeck, sondern ganz jemand anderes steckte. Ich musste mich wirklich dringend mit diesem Zeck unterhalten.

Ich klappte den Aktendeckel zu und sagte zum Fenster hinaus: «PR-mäßig wurde die Sache ziemlich dilettantisch gehandhabt, finden Sie nicht auch?»

Sie räusperte sich hinter mir. «Ähm, wie meinen Sie das?»

Ich drehte mich um. «Man hätte es besser machen können, sehr viel besser.» Ich grinste sie an. «Und Sie hätten es ganz bestimmt viel besser gemacht — oder?»

Sie lächelte aufgesetzt. «Nun ja. . .»

Ich ging zum Schreibtisch zurück und pfefferte den Ordner auf irgendeinen Stapel und setzte mich in den Besuchersessel. Und weil kein Aschenbecher in Sicht war, ließ ich die zwei Zoll Asche, die ich inzwischen hochkant auf der Zigarre balancierte, formlos auf den ziemlich neuen cremefarbenen Teppichboden fallen und versprach ihr: «Sie werden Gelegenheit bekommen, es besser zu machen. Das Problem ist nämlich noch nicht vom Tisch.»

Sie tat so, als habe sie nicht bemerkt, dass ich ihren schönen teuren Velours ein bisschen ruinierte, und wunderte sich: «Ist es das nicht.»

«Nein,» stellte ich fest und blies Rauchkringel zur Decke.

«Aber die Sache ist schon vor Monaten eingeschlafen, niemand interessiert sich mehr dafür.»

Ich klappte den Kopf herunter und fixierte sie. «Irrtum, es gibt immer noch Leute, die sich dafür interessieren, das Wasseramt beispielsweise.»

«Das Wasseramt?»

«Genau das,» nickte ich. «Die Jungs dort haben eine verdammt zu große Nase, die sie unbedingt überall reingesteckt haben müssen. Und seit dem Presserummel im Frühjahr haben sie sie in unserer Kläranlage drin stecken.»

«Und was bedeutet das?»

Ich produzierte dicke blaue Wolken und sagte in sie hinein: «Ärger, unvorstellbaren Ärger und Unkosten in rauhen Mengen.»

«Sie meinen, sie machen der Firma Auflagen?»

«Ganz recht.»

«Ja, und was kann ich da tun?»

«Sie können mir den Rücken freihalten, wenn ich etwas dagegen unternehme — Schmiere stehen gewissermaßen.» Ich grinste verschlagen.

Sie berührte ihr Haar. Wieder einmal. «Ich verstehe nicht.»

«Die Sache ist noch noch total im Eimer,» erklärte ich ihr. «Sie müsste eigentlich auch ohne allzu viel Ärger und Geldrauswerfen in den Griff zu kriegen sein. Mir schwebt da eine diskrete Lösung auf höherer Ebene vor.»

«Höhere Ebene?»

«Ja. Höher als das Wasseramt — politischer.»

Nachdenklich tippte sie die Fingerspitzen aneinander und beobachtete mich. Sie glaubte nicht an meine Lösung. Noch nicht. «Und Sie rechnen dabei nicht mit — Schwierigkeiten?»

Ich schraubte mir die Havanna in den Mundwinkel. «Kann sein, dass es Schwierigkeiten gibt, aber wenn es welche gibt, sind es Ihre Schwierigkeiten.»

«Wieso meine?»

«Weil sie in Ihr Fach fallen werden.»

«Das verstehe ich nicht.»

«Es gehört zwar nicht zu meinen Gewohnheiten, schlafende Hunde zu wecken, aber man kann nie wissen. . . Wäre durchaus möglich, dass mir bei diesem Job alte Geschichten mit neuer Publicity in die Quere kommen und die Kläranlagensache noch mal zum Thema wird. Und diese Sache ist nun mal ein PR-Problem, oder?»

Sie nahm die Hände auseinander und legte sie flach auf den Tisch und sah darauf nieder. «Ist sie wirklich nur ein PR-Problem?»

«Ich betrachte sie ausschließlich als PR-Problem,» versicherte ich ihr und nuckelte an der Zigarre.

«Dann stimmt also nicht, was in der Zeitung stand?» sagte sie zu ihren Händen.

Ich beugte mich vor. «Was stand denn in der Zeitung?»

Sie blickte auf und tat erstaunt. «Sie haben es doch gerade selbst gelesen.»

«Dreckige Lügen hab ich gelesen,» röhrte ich, «und sonst gar nichts.»

Sie beobachtete mich und versuchte herauszufinden, was für ein Spiel gerade gespielt wurde und ob überhaupt ein Spiel gespielt wurde — wenigstens guckte sie so.

Wir hatten ein kleines Augenduell. Ich machte mein leerstes Gesicht, und am Ende war sie auch nicht schlauer und befummelte nervös ihr Haar und fing an: «Wenn es eine Kampagne war. . .»

«Selbstverständlich war es eine Kampagne!» schnauzte ich sie an.

Sie machte fast einen Satz und hauchte: «Oh!»

«Mehr haben Sie dazu nicht zu sagen?»

«Ich. . ., äh,» — sie lächelte gezwungen –, «eigentlich hatte ich noch nie mit so etwas wie einer Kampagne zu tun.»

Eine PR-Chefin, die in Bezug auf Kampagnen noch Jungfrau war. Soso. Sicher, es gibt bedeutend Schlimmeres, Sozis in der Geschäftsleitung beispielsweise oder ein Kartengeber mit Zwinkertick oder Anlagetipps von Bernie Cornfeld. Aber es war immer noch schlimm genug. Wirksame PR kann man nur mit Leuten machen, die das Geschäft aus dem Effeff beherrschen und alle Tricks drauf haben, und dazu gehören eben nun mal auch Kampagnen. Kampagnen sind da A und O. Auf diesem Klavier muss man spielen können in diesem Geschäft. Man muss wissen, wie man sie in Gang bringt und wie man sie abwürgt. PR-Arbeit ist größtenteils Arbeit für oder gegen irgendwelche Kampagnen. Ich fragte mich, was B.B. bisher in dieser Branche getrieben hatte und wie sie den Tag rumgebracht hatte so ganz ohne Kampagnen. Ich lehnte mich zurück und verbreitete viel Rauch um mich und sagte langsam: «Dann werden Sie noch sehr viel lernen müssen.»

Sie schwieg und blickte mich abwartend an.

Ich betrachtete einen Kunstdruckkalender, der hinter ihr an der Wand hing: «Kampagnen erledigt man mit Gegenkampagnen — eigentlich ganz logisch, nicht?»

Sie bewegte sich ein wenig. «Ich weiß nicht, ob ich Ihnen da ganz folgen kann.»

Ich runzelte die Stirn. «Irgendwas unklar?»

«Nun ja, es wird behauptet, die Kläranlage gebe viel zu schmutziges Wasser ab. . .»

«Sehen Sie, das ist ja gerade die Kampagne!»

«Ähm, ist das nicht vielmehr eine Tatsache? Schließlich wurden von den Behörden Messungen vorgenommen.»

«Genau dieses Problem wollen wir ja gerade aus der Welt schaffen,» knurrte ich. «Werden den Wasserfritzen mal ein bisschen die Flügel stutzen und dafür sorgen, dass ihre dämlichen Messungen auf Nimmerwiedersehen, nun äh, im Archiv verschwinden.»

«Aber es stand doch auch in der Zeitung. . .»

«Gar nichts stand in der Zeitung,» unterbrach ich sie barsch, «kein einziger Beweis. Die Leute sind nur mit verdammten Anspielungen aufgehetzt worden. Sie hätten das Geschmiere genauer lesen sollen.»

Sie hüstelte in die Rauchschwaden, die von mir zu ihr hinüberzogen, und sagte nichts.

Ich grunzte und hämmerte ihr ein: «Es war eine Kampagne, irgendwer hat da gegen unsere Kläranlage eine Kampagne inszeniert. Und wenn diese Geschichte irgendwann mal in der nächsten Zeit Junge kriegen sollte, werden wir eben einfach auch eine Kampagne machen — für die gottverdammte Kläranlage. Wir werden den Leuten sagen, dass es die sauberste Kläranlage weit und breit ist — Sie werden es ihnen sagen.»

«Ist sie es denn wirklich?»

«Spielt überhaupt keine Geige, was sie wirklich ist. Entscheidend ist, was die Leute glauben. Und wenn sie unbedingt an den Umweltschutz und saubere Luft und reines Quellwasser glauben wollen, okay, tun Sie ihnen den Gefallen und blasen Sie die Umweltschutztrompete — und blasen Sie sie laut. Bringen Sie ihnen bei, dass wir auch für diesen ganzen Umweltklimbim sind, dass wir uns gar nicht lassen können vor lauter Umweltschutz. Geben Sie ihnen das Gefühl, dass wir auf derselben Seite stehen. Gefühle kosten nichts, wenn man sie auf seiner Seite hat.»

«Und wenn sie doch Beweise haben wollen?»

« Trinken Sie vor laufenden Kameras ein Glas Kläranlagenwasser, ziehen da hinten in einem Becken Entenküken auf und laden Sie die Presse dazu ein, oder was weiß ich. Und falls irgendwer Gutachten sehen will, auch kein Problem, was Passendes kann man sich immer kaufen, das ist immer noch viel billiger, als sich an irgendwelche verdammten Auflagen von irgendwelchen verdammten Behörden zu halten. Aber so weit wird es gar nicht kommen, wenn Sie Ihren Job gut machen.»

Der Blick, den sie zu mir herüber schickte, war nicht ganz von dieser Welt. Sie wirkte etwas verstört, anscheinend machten ihr die neuen Perspektiven ihres Jobs etwas zu schaffen.

Dieses Geschäft ist nichts für zart besaitete Naturen. Ich fragte mich, ob nicht jemand anderes besser geeignet gewesen wäre für diese Aufgabe — der Sonnyboy draußen im Vorzimmer beispielsweise. Aber man soll nicht zu viel auf einmal umkrempeln. Und so sensibel kam mir die B.B. nun auch wieder nicht vor. Durch eine dicke Wolke Havannarauch hakte ich nach: «Haben wir uns verstanden?»

Sie lächelte ein richtiges Lächeln. Sie konnte es tatsächlich! Und sie schüttelte es einfach so aus dem Ärmel, mit Grübchen an den Mundwinkeln und so charmant, dass es fast schon weh tat. Ich werde verdammt nochmal nie begreifen, wie die Weiber es immer wieder schaffen, ganz nach Bedarf und Situation zu lächeln, völlig unabhängig von dem, was vorher war — wahrscheinlich ein Chromosomendefekt. Sie bestrahlte mich intensiv mit diesem ganz speziellen Lächeln, gerade so, als wollte sie mich dazu bringen, Männchen zu machen und ihr aus der Hand zu fressen, und erklärte: «Also gut, falls es erforderlich sein sollte, werde ich das Hohelied vom Umweltschutz trällern wie eine Lerche.»

So hatte ich mir das in etwa vorgestellt. Ich grunzte befriedigt. Sie schien das schön zu finden und hörte nicht auf zu lächeln.

Das war Punkt eins. Und nun zu Punkt zwei. Ich nahm die Havanna aus dem Mund und sagte: «Ich denke, ich sollte die Legastheniker von dem Käseblatt hier am Ort mal ein bisschen ins Gebet nehmen und ihnen ein paar Zusammenhänge ins Gedächtnis rufen. Dazu bräuchte ich noch ein paar nützliche Fakten.»

Ihr Lächeln welkte dahin. «Was für Zusammenhänge? Was für Fakten?»

«Nun ja, dass man die Hand, die ein füttert, nicht beißt. Und passende Fakten dazu wären zum Beispiel persönliche Zuwendungen an Redaktionsmitglieder, Übernahme von Reisespesen, Bewirtung in Lokalen und so weiter. — Sie haben nicht zufällig was auf Lager in dieser Richtung?»

«Ich glaube nicht.»

«Okay, dann müssen wir eben den ganz großen Holzhammer rausholen und es übers Anzeigengeschäft machen, das wird auch gehen.»

«Wie meinen Sie das?»

«Ist doch ganz einfach. Ich werde unsere Geschäftsbeziehung zu ihnen ein bisschen ausschlachten und ihnen klarmachen, wie abhängig sie von Maddox-Color sind, und dass es ziemlich unfreundlich ist, über einen guten Kunden hässliche Dinge zu verbreiten. — Es gibt doch eine Geschäftsbeziehung, eine nennenswerte, meine ich, oder?»

«Oh ja, wir inserieren ziemlich viel,» berichtete sie eilig. Aber begriffen hatte sie es immer noch nicht ganz.

«Gut, gut. Machen Sie mir eine Aufstellung: Werbung, Stellenannoncen, Wohnungsgesuche für Mitarbeiter, Traueranzeigen — einfach alles, was wir denen an Anzeigenraum so abkaufen, jeden Quadratzentimeter, absolut und in Prozenten.»

«Sie zog die Kappe von ihrem Füller und beugte sich vor und machte sich Notizen.

«Und dann wär’s auch noch ganz nett, wenn Sie den Namen von dem Kerl rauskriegen würden, der diese stinkenden Kläranlagenartikel verbrochen hat.»

Sie blickte auf. «Wozu brauchen Sie den?»

«Weil ich ihm ’ne Deutschgrammatik schenken möchte,» verriet ich ihr paffend.

«Das wird nicht so einfach sein, die Artikel waren keine Namensartikel.»

«Es wird Sie nicht viel mehr als einen Anruf kosten,» konterte ich ungeduldig. «In einem Kaff wie diesem sitzen in einer Lokalredaktion allerhöchstens fünf Nasen rum — inklusive Volontär und Tippse. Da findet man jeden, den man sucht, noch mit ’nem Abzählreim raus.»

Sie lächelte andeutungsweise und legte den Füller weg. «Ich werde etwas Zeit brauchen.»

«Kein Problem, die Sache eilt überhaupt nicht. Es genügt völlig, wenn ich die Resultate bis nachher um halb sechs auf meinem Schreibtisch habe.»

Das war nicht ganz, was sie erwartet hatte. Aber da sie ein kluges Mädchen war, versuchte sie gar nicht erst, Zeit zu schinden, und verschonte mich mit herzzereißenden Vorstellungen von wegen der viel zu knappen Frist und so.

Die Hausaufgaben waren verteilt, und mehr blieb mir eigentlich nicht zu tun. Ich stand auf und stellte fest: «Tja, das wäre dann fürs erste wohl alles.»

Sie blickte zu mir hoch und erhob keine Einwände.

Rauchend schlenderte ich zur Tür. Da gab es allerdings noch einen Punkt drei. Ich blieb stehen und drehte mich um. Die Havanna war schon ziemlich runtergebrannt, und der Rauch kräuselte sich dicht vor meinem Gesicht. Ich kniff die Augen zusammen und sagte: «Noch was — Sie haben da anscheinend ein kleines Personalproblem. . .»

«Wie kommen Sie darauf?»

«Ich hab’s mit eigenen Augen gesehen, da draußen im Vorzimmer.»

«Sie meinen Fräulein Rußwurm?»

«Nee, ich meinen eine Parfümwolke mit Präsentationsmappe.»

«Ach so, Wilke,» lächelte sie.

«Keine Ahnung, wie der Bursche heißt. Hat mir seinen Namen nicht gesagt. Aber dass er was gegen Frauen hat, die ihm als Boss vor die Nase gesetzt werden, das hat er mir gesagt.»

«Das hat er gesagt?» wiederholte sie, und sie wiederholte es verdammt zu ironisch.

«Ja, hat er,» knurrte ich. «Und dass er nicht die Absicht hat, nach Ihrer Pfeife zu tanzen. — Dachte mir, das könnte Sie interessieren.»

Gedankenvoll wickelte sie eine Locke und einen Finger. «Was würden Sie tun, wenn Sie an meiner Stelle wären,» sie lächelte, «ich meine, als Frau.»

Bodo Lünch mit Lippenstift und Stöckelschuhen, wie witzig. Aber es war eine klare Frage, und klare Fragen verdienen klare Antworten. Und ich sagte ihr, was ich tun würde, wenn ich eine Frau wäre: «Ich würde heim gehen und mich um die Kinder kümmern — falls welche da sind — und die Wohnung in Ordnung halten und dafür sorgen, dass das Essen auf dem Tisch steht, wenn der Mann nach Hause kommt.»

Ihr entfuhr ein spitzes «Oh!» Anscheinend hatte ich sie etwas schockiert. Ich blies ein bisschen Rauch durch die Nase und fuhr fort: «Das würde ich an Ihrer Stelle als Frau tun. — An Ihrer Stelle als Boss dieser Abteilung würde ich zusehen, dass ich Leute, die scharf auf meinen Job sind, so schnell wie möglich loswerde.»

Sie lehnte sich ein wenig zur Seite und legte die Hände ineinander. «Und wie würden Sie das machen?»

Musste ich ihr wirklich erklären, wie man Leute feuert — die einfachste Sache von der Welt? Ungehalten sagte ich: «Geben Sie ihm eine Aufgabe, die er nicht lösen kann, und wenn er damit auf die Nase gefallen ist, feuern Sie ihn wegen Unfähigkeit.»

«Ist das Ihr Ernst?»

«Für was halten Sie es denn?» nuschelte ich an der Zigarre vorbei.

Sie räusperte sich. «Nun ja, jemand einfach so ins offene Messer laufen zu lassen, ist doch wohl ein bisschen hart, oder?»

«Sich von diesem jemand vom Stuhl sägen zu lassen, ist noch ’ne ganze Ecke härter, würde ich sagen,» erwiderte ich unnachgiebig und griff hinter mich nach der Türklinke.

«Also fressen oder gefressen werden,» stellte sie bitter fest.

Leute, die mitten im Geschäftsleben stehen und plötzlich den Moralischen kriegen, bringen mich fast um. Ich pflückte mir den schalen Rest Havanna aus dem Mund und schnippte ihn in den Schirmständer neben der Tür. «Tja, so ist das Leben. Wenn sie das stört, beschweren Sie sich ruhig beim lieben Gott oder bei sonstwem. Aber bitte nicht bei mir. Ich habe die Regeln nicht gemacht, ich halte mich nur daran.»

Draußen stolperte ich fast über Wilke, der mich mit giftigen Blicken erwartete und ganz wild darauf war, endlich reinzukommen, und versuchte, sich an mir vorbeizudrücken.

Ich hielt ihn zurück und beugte mich an sein Ohr und vertraute ihm an: «Sie hasst Männer, will bloß noch Weiber um sich haben. Ohne Titten hat hier niemand mehr eine Zukunft. Es wird ein Blutbad geben.»

Er hörte auf zu drängeln, es interessierte ihn. Ich raunte: «Und Sie stehen ganz oben auf ihrer Abschussliste. Sie hat Sie voll auf dem Kieker. wenn Sie nicht höllisch aufpassen, hat sie Ihnen die Eier abgeschnitten und sich Ohrgehänge draus gemacht, ehe Sie’s richtig merken. Es geht ums Ganze für Sie, Sie werden kämpfen müssen.»

Verstört machte er sich los, zögerte kurz, gab sich dann einen Ruck und murmelte: «Verdammte Weiber!» und marschierte hinein und kickte die Tür mit dem Absatz hinter sich zu. Der Tanz konnte beginnen — bye, bye, Wilke.

Bei Schlägereien und Auseinandersetzungen aller Art lohnt es sich immer, beide Seiten ordentlich scharf zu machen, man hat so einfach mehr davon. Wie diese Sache ausgehen würde, war allerdings schon ziemlich klar. B.B. war der Boss und Wilke nur eine kleine Nummer. Sie würde ihn niedermachen, zermalmen, vernichten. Sie würde es tun müssen, wenn sie der Boss bleiben wollte. Bei Gelegenheit würde ich mich danach erkundigen, in welcher Runde sie ihm den K.o. verpasst hatte.

Frl. Rußwurm saß hochgereckt und für den Moment untätig an ihrem Platz, stocksteif, die Ellenbogen an die Seiten gepresst, sehr ungnädig und irgendwie verdammt gouvernantenhaft. Wahrscheinlich war sie nur deshalb auf diesem Posten gelandet, weil sie sie bei der Marine nicht genommen hatten — als Fregatte. Aber vielleicht fehlte in ihrem Leben auch einfach nur der Mann, der es ihr einmal richtig besorgt hätte. Mit zurückgeworfenem Kopf und kalten Blicken verfolgte sie meinen Abgang, und als ich an ihr vorbei war, schoss sie mir auf ihrer Tastatur ein paar verächtliche Salven hinterher. Ohne mich umzudrehen, zeigte ich ihr eine obszöne Geste über die Schulter und bog um die Ecke.

Ich hatte das Gefühl, dass aufgeräumt werden musste, und dieses Gefühl wurde mit jeder Abteilung, die ich kennenlernte, stärker.

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