6. Was man schwarz auf weiss hat…

Wir über­quer­ten ein still­ge­leg­tes Bahn­gleis, staks­ten durch ei­nen Strei­fen Brach­land, auf dem zwi­schen ho­hem Gras und Brenn­nes­seln al­te Ma­schi­nen­tei­le be­schau­lich vor sich hin ros­te­ten, und stan­den schließ­lich vor ei­ner rie­si­gen schlacht­schiff­grau­en Wand, der Rück­sei­te ei­nes die­ser Hal­len­mons­tren, die zum Pro­duk­ti­ons­kom­plex ge­hör­ten — fünf Stock­wer­ke hoch, schein­bar end­los, völ­lig oh­ne Fens­ter und in Ab­stän­den ver­se­hen mit mäch­ti­gen Ab­luft­schäch­ten aus Zink­blech, die sich an ihr hoch­reck­ten wie Sau­ri­er­häl­se und die Um­ge­bung mit Lö­sungs­mit­tel­dämp­fen ver­pes­te­ten. Ei­ne Wen­del­trep­pe schraub­te sich an feu­er­si­che­ren Stahl­tü­ren vor­bei bis zur Dach­kan­te hoch. Sie brach­te uns zu ei­ner Git­ter­rost­platt­form im zwei­ten Stock, von der aus man ei­nen Über­blick über die In­ne­rei­en der Hal­le hat­te: in der Mit­te, ak­ku­rat in Blocks un­ter­teilt wie ei­ne Marsch­ko­lon­ne, die ver­schie­den­ar­tigs­ten Rühr­wer­ke — klei­ne, gro­ße, und sehr gro­ße, hell­grün ge­stri­che­ne und un­la­ckier­te mit blan­ken Stahl­ober­flä­chen, kes­sel­för­mi­ge und zy­lin­dri­sche und von die­sen die ei­nen hoch­kant ste­hend und die an­de­ren zu Bat­te­ri­en zu­sam­men­ge­fasst lie­gend auf mas­si­ve Ge­stel­le mon­tiert, voll ver­klei­de­te Ma­schi­nen und sol­che, die ro­tie­ren­de Wel­len­zap­fen und an­de­re lau­fen­de Tei­le zeig­ten; ent­lang der Wän­de ein ziem­li­ches Durch­ein­an­der von Druck­be­häl­tern, Schalt­schrän­ken, Pum­pen­ge­häu­sen und Kes­seltanks, und das al­les auf un­durch­sich­ti­ge Art ir­gend­wie mit­ein­an­der ver­bun­den durch ein äu­ßerst ver­wir­ren­des Sys­tem von Rohr­lei­tun­gen und Schlauch­ver­bin­dun­gen, die sich in sämt­li­che Win­kel und Ni­schen hin­ein ver­zweig­ten, hier und da wie­der zum Vor­schein ka­men, sich zu Strän­gen bün­del­ten und an der nächs­ten Ecke wie­der in al­le Rich­tun­gen aus­ein­an­der lie­fen.

Di­rekt un­ter der Platt­form, auf der wir stan­den, ar­bei­te­ten sich ge­ra­de zwei Män­ner in schmut­zi­gen oran­ge­far­be­nen Over­alls an ei­ner fest sit­zen­den Rohr­kupp­lung in Wut und dro­schen mit Vor­schlag­häm­mern und ei­ner Flut wüs­ter Flü­che, von de­nen ich die meis­ten noch nicht kann­te, auf das stör­ri­sche Ding ein, dass ei­nem die Oh­ren klan­gen und von den üb­ri­gen Hal­len­ge­räu­schen ab­so­lut nichts mehr zu hö­ren war.

Ohl­sen stieß sein mar­kan­tes Kinn vor und brüll­te in das Ham­mer­ge­dröh­ne hin­ein: «. . . Dis­per­gier­sta­ti­on! Hier . . . Lö­sun­gen und . . . ver­mischt.» Und dann folg­ten weit­schwei­fi­ge Er­klä­run­gen über Funk­tio­nen und tech­ni­sche De­tails, von de­nen ich in dem Höl­len­lärm nicht mal die Hälf­te mit­krieg­te. Es war mir auch ziem­lich egal, wie die ein­zel­nen Ma­schi­nen hie­ßen und nach wel­chem Prin­zip sie ar­bei­te­ten und was ge­nau mit ih­nen her­ge­stellt wur­de. Ich wuss­te nur, dass ir­gend­wo ganz hin­ten Far­be raus­kam, und dass man mit Far­be ei­ne Men­ge Geld ma­chen konn­te, wenn man es rich­tig an­pack­te. Und das ge­nüg­te mir. Was mich da schon we­sent­lich mehr be­un­ru­hig­te war, dass in die­ser rie­si­gen Hal­le ins­ge­samt höchs­tens zwei oder drei Dut­zend Leu­te zu se­hen wa­ren und das mit­ten am Nach­mit­tag zur bes­ten Ar­beits­zeit.

Ich schrie ge­gen die don­nern­den Häm­mer un­ter uns an: «Was ist los, schon Fei­er­abend, oder ha­ben wir et­wa ei­nen Streik?»

Ohl­sen nahm das Kinn her­un­ter und schrie zu­rück: «Was mei­nen Sie?»

«Na, die paar Män­ne­cken da un­ten sind doch wohl nicht schon al­les.»

«Doch!» rief er strah­lend. «Mehr brau­chen wir hier nicht. Läuft al­les fast voll­au­to­ma­tisch. Se­hen Sie die Leit­war­te da un­ten? — Al­les com­pu­ter­ge­steu­ert!»

Ich folg­te sei­ner fuch­teln­den Hand­be­we­gung und ent­deck­te ir­gend­wo da un­ten in dem Sam­mel­su­ri­um auf der an­de­ren Hal­len­sei­te ein Kon­troll­pult, vor dem sich zwei Män­ner in frisch ge­stärk­ten hell­blau­en Kit­teln da­mit lang­weil­ten, bun­te Lämp­chen, An­zei­gen und flim­mern­de Bild­schir­me im Au­ge zu be­hal­ten.

Nichts ge­gen Ra­tio­na­li­sie­rung und Com­pu­ter — find ich al­les wun­der­bar. Aber wenn das hier die nor­ma­le Be­leg­schafts­stär­ke war, frag­te ich mich, wo dann ver­dammt noch mal der Rest der knapp tau­send Leu­te war, die die Fir­ma auf den Lohn­lis­ten mit­schlepp­te. Falls ich Ohl­sen in die­ser Rich­tung ein biss­chen auf den Zahn ge­fühlt hät­te, hät­te er mir höchst­wahr­schein­lich er­zählt, dass die­ser Be­reich ab­so­lut ein­zig­ar­tig sei und sich die Leu­te größ­ten­teils in den an­de­ren Ab­tei­lun­gen rum­drück­ten. Und er hät­te es auch wohl kaum ver­säumt, sei­nen An­teil an die­sem Um­stand ge­büh­rend her­vor­zu­he­ben. So ma­chen sie es im­mer; al­les was stört, im­mer hübsch vor die an­de­ren Tü­ren keh­ren, Haupt­sa­che die ei­ge­ne Ab­tei­lung und man sel­ber sind fein raus — das ist das Funk­ti­ons­prin­zip, nach dem die meis­ten Kar­rie­ren ge­macht wer­den. Und si­cher wä­re es sehr in­ter­es­sant ge­we­sen, mal durch­zu­rech­nen, wie­viel die­ser Spaß aus Ser­vo­ag­gre­ga­ten, Au­to­ma­ten und Com­pu­ter­fir­le­fanz ge­kos­tet hat­te, und an­ge­sichts der Tat­sa­che, dass der Be­schäf­ti­gungs­stand trotz so viel Tech­nik seit Jahr und Tag un­ver­än­dert war, zu un­ter­su­chen, wo bei dem Gan­zen ei­gent­lich die Ra­tio­na­li­sie­rungs­ef­fek­te ge­blie­ben wa­ren. Aber es gab drän­gen­de­re Fra­gen, die Vor­rang hat­ten. Ohl­sen schien das al­les so­wie­so kei­ne grö­ße­ren Kopf­schmer­zen zu be­rei­ten, er be­trach­te­te die men­schen­lee­re Wüs­te­nei da un­ten of­fen­bar als sein ur­ei­ge­nes Werk und war mäch­tig stolz dar­auf und mach­te ei­nen rich­tig glück­li­chen Ein­druck.

Das Häm­mern un­ten hör­te auf, ein Me­tall­stück schep­per­te auf den Bo­den. Für ei­nen Mo­ment fast par­die­si­sche Stil­le, nur das Sum­men der Pum­pen und das ge­dämpf­te Ras­seln der Rühr­mi­scher und die ar­bei­ten­den Ge­blä­se der Ab­zü­ge. Ich blick­te durch den Git­ter­rost un­ter mei­nen Fü­ßen. Die bei­den aus­ein­an­der ge­sprun­ge­nen Roh­ren­den zit­ter­ten noch ein we­nig nach, und aus ih­nen kle­cker­te ein leuch­ten­des Knall­gelb, das sich auf dem Es­trich sam­mel­te, in ei­ner brei­ten Bahn da­von­kroch und schließ­lich in ei­nem Gul­ly ver­si­cker­te. Ei­ner der bei­den Ar­bei­ter kü­bel­te aus ei­nem Ka­nis­ter noch tüch­tig Ver­dün­ner hin­ter­her. Ich deu­te­te auf die ab­lau­fen­de Brü­he und frag­te Ohl­sen: «Klär­an­la­ge?»

Das riss ihn aus sei­nen an­ge­neh­men Be­trach­tun­gen, und er lan­de­te et­was plötz­lich und nicht sehr sanft wie­der auf dem Bo­den der har­ten Rea­li­tät und gaff­te durch die Git­ter­käst­chen auf den Gul­ly hin­ab. Nach ei­ner gan­zen Wei­le kam end­lich ein Kopf­ni­cken.

«Kommt so was öf­ter vor?»

Er lach­te ge­schäf­tig. «Na ja, wo ge­ho­belt wird, fal­len Spä­ne, oder? Mal mehr, mal we­ni­ger, das ist von Ab­tei­lung zu Ab­tei­lung ganz ver­schie­den.»

Ver­mut­lich gab es auch Zei­ten, in de­nen hin­ten an der Klär­an­la­ge mehr Lack raus­kam als in der Ab­füll­an­la­ge. All­mäh­lich be­kam ich ei­ne Vor­stel­lung, wie­so die Was­ser­frit­zen an die­sem La­den ih­re hel­le Freu­de hat­ten.

Es ist nicht ge­ra­de so, dass ich mir be­son­ders viel aus Um­welt­schutz und dem gan­zen Kram ma­che, aber ich hal­te ab­so­lut nichts da­von, sich sel­ber die Schlin­ge um den Hals zu le­gen, wenn man nicht die Ab­sicht hat, Selbst­mord zu be­ge­hen. Leu­ten, die ei­nem das Le­ben schwer ma­chen wol­len, soll man die Ar­beit nicht un­nö­tig er­leich­tern.

Da das Pro­blem auf tech­ni­schem We­ge so­wie­so nicht mehr in den Griff zu be­kom­men war, hat­te es al­ler­dings kei­nen Sinn phi­lo­so­phisch zu wer­den und über die Ver­säum­nis­se in die­sem Sek­tor in Trä­nen aus­zu­bre­chen. Ich be­schloss beim The­ma zu blei­ben und frag­te Ohl­sen nach dem Werks­lei­ter­bü­ro.

Der letz­te Rest an gu­ter Lau­ne ent­wich aus sei­nem Ge­sicht, und er wies mit ei­ner mat­ten, un­lus­ti­gen Hand­be­we­gung auf ei­nen neo­ner­leu­che­ten Glas­kas­ten weit hin­ten an der Stirn­sei­te der Hal­le, der hoch über al­lem schweb­te wie ei­ne Kom­man­do­brü­cke und von der Platt­form aus di­rekt über ei­nen Lauf­steg zu er­rei­chen war.

Ich nick­te ihm auf­mun­ternd zu, und wir mar­schier­ten über klap­pern­de Git­ter­ros­te hin.

Die Glas­kan­zel hat­te drei oder vier Ab­tei­le, die je­weils mit ei­nem Schreib­tisch und ein paar Ak­ten­schrän­ken aus Blech mö­bliert wa­ren. Ich blick­te mich gründ­lich um, konn­te aber nichts wei­ter ent­de­cken als zwei ein­sa­me An­ge­stell­te, die fried­lich Pa­pier­kram er­le­dig­ten. Es war ein stink­nor­ma­les, harm­lo­ses Pro­duk­ti­ons­bü­ro, und es gab ab­so­lut nichts, was uns hät­te ge­fähr­lich hät­te wer­den kön­nen. Mir war völ­lig schlei­er­haft, wie­so Ohl­sen vor die­sem Bü­ro so ei­ne Hei­den­angst hat­te.

«Wer hat den Job mit den Was­ser­bü­chern?» frag­te ich.

Ohl­sen zog die Brau­en zu­sam­men. «Ähm, das macht No­vak, glau­be ich.» Er nick­te zur hin­ters­ten Ka­bi­ne hin. Dort hock­te ein Bürsch­chen in ei­nem wei­ßen Kit­tel und be­ar­bei­te­te, die Na­se dicht über dem Pa­pier und ei­nen Blei­stift quer im Mund, ir­gend­wel­che Lis­ten.

Wir gin­gen hin­über und be­tra­ten das Ka­buff. Ich sag­te: «Hal­lo, No­vak.»

Er hat­te uns nicht kom­men hö­ren und riss er­schreckt den Kopf hoch und ließ den Blei­stift aus dem Mund fal­len.

Ohl­sen er­klär­te ihm, wer ich war und dass wir we­gen der Sa­che mit der Klär­an­la­ge ka­men. No­vak hör­te mit gro­ßen Au­gen zu. Und nach­dem Ohl­sen ihn ins Bild ge­setzt hat­te, über­nahm ich die wei­te­re Kon­ver­sa­ti­on und stell­te fest: «Die Was­ser­bü­cher sind Ihr Job, nicht wahr?»

Ver­dat­ter­te blick­te er zwi­schen Ohl­sen und mir hin und her und scharr­te da­zu mit den Fü­ßen. «Die, äh, was?»

«Die Was-ser-bü-cher,» buch­sta­bier­te ich ihm.

Un­ru­hig rutsch­te er auf sei­nem Stuhl her­um. Ich schätz­te ihn auf höchs­tens fünf­und­zwan­zig, und es schien ein biss­chen viel für ihn zu sein, dass sich fast die hal­be Ge­schäfts­lei­tung vor sei­nem Schreib­tisch ver­sam­melt hat­te und Fra­gen stell­te. Er lang­te sich den Blei­stift, der ihm aus dem Mund ge­fal­len war, klopf­te sich da­mit me­cha­nisch ge­gen die Schnei­de­zäh­ne und sag­te mit be­leg­ter Stim­me: «Ah so, die — ja, un­ter an­de­rem.»

«Ich wür­de da ger­ne mal ’nen Blick rein­wer­fen.»

«In al­le?»

Ich hob mei­nen Hin­tern auf ei­nen Ak­ten­schrank gleich ne­ben der Tür, ließ ein Bein bau­meln und fuch­tel­te mit der Zi­gar­re her­um, die ich schon in der Klär­an­la­ge her­aus­ge­holt, aber ir­gend­wie im­mer noch nicht an­ge­zün­det hat­te. «Sa­gen wir mal in die vom letz­ten hal­ben Jahr vor die­ser Zei­tungs­kam­pa­gne.»

«Sie mei­nen die­se Ge­schich­te im vor­letz­ten Früh­jahr?» er­kun­dig­te er sich vor­sich­tig.

Ich zün­de­te mir die ver­damm­te Ha­van­na end­lich an und sag­te durch ei­ne Men­ge blau­en Dunst in sei­ne Rich­tung. «Gab es noch an­de­re Ge­schich­ten?»

«Ei­gent­lich nicht,» gab er zu.

«Na bit­te,» knurr­te ich und we­del­te den Qualm weg.

No­vak zö­ger­te noch ei­nen Mo­ment. Dann stieß er sich vom Schreib­tisch ab roll­te auf sei­nem Stuhl zu ei­nem Ak­ten­schrank hin, feg­te kra­chend ei­ne ble­cher­ne Schie­be­tür bei­sei­te und ließ den Blei­stift über die Rü­cken­rei­hen fein säu­ber­lich ein­sor­tier­ter Ak­ten­ord­ner rat­tern. Ir­gend­wo bohr­te er ihn da­zwi­schen und rüt­tel­te ei­nen Ord­ner her­aus. Oh­ne sich um­zu­dre­hen streck­te er ihn mir hin und kram­te wei­ter im Schrank her­um. Ich rutsch­te von der Blech­kom­mo­de, hol­te ihn mir ab und ging wie­der an mei­nen Platz zu­rück. «1.Quar­tal 2004.» Lang­sam blät­ter­te ich ihn von hin­ten durch. Ein hüb­scher Aus­zug aus dem Pe­rio­den­sys­tem und ei­ne Men­ge Zah­len, die mir nichts sag­ten. Für Ja­nu­ar und Fe­bru­ar gab es kei­ne Ein­trä­ge. Ich frag­te: «Wie­so steht da nur ein Mo­nat drin?»

«Weil ich die Stel­le erst im März über­nom­men ha­be,» grum­mel­te No­vak be­schäf­tigt in den Ak­ten­schrank und schien nicht zu fin­den, was er such­te. «Vor­her war der Pos­ten zwei Mo­na­te va­kant.»

Ich wand­te mich zu Ohl­sen. «Zwei Mo­na­te hat sich nie­mand um die Was­ser­bü­cher ge­küm­mert?»

Ohl­sen zuck­te die Ach­seln. «Kei­ne Ah­nung, da müss­te man mal den Werks­lei­ter fra­gen.»

«So­so, müss­te man das,» wie­der­hol­te ich und starr­te ihn an.

Er wich mir aus und rich­te­te den Blick auf No­vak, der lang­sam ner­vös wur­de und Klad­den her­aus­zog und wie­der hin­ein­knall­te, Ak­ten­par­ti­en hin und her schob und die gan­ze schö­ne Ord­nung im Schrank gründ­lich durch­ein­an­der brach­te. Da­bei hät­te das letz­te Quar­tal 2003 ei­gent­lich gleich ne­ben dem ers­ten Quar­tal 2004 ste­hen müs­sen. Ich pfef­fer­te den Ord­ner mit den März­zah­len auf den Schreib­tisch und frag­te paf­fend: «Pro­ble­me?»

No­vak warf mir über die Schul­ter ei­nen et­was ge­hetz­ten Blick zu, luchs­te dann wie­der in den Schrank, in dem er in­zwi­schen ein heil­lo­ses Durch­ein­an­der an­ge­rich­tet hat­te und be­klag­te sich: «Das letz­te 2003er Quar­tal ist nicht da, es ist über­haupt kein 2003er Quar­tal da.»

«2003 fehlt kom­plett?»

«Mhm.»

So et­was in der Art hat­te ich mir schon ge­dacht. Aber um der Si­tua­ti­on nicht den pri­ckeln­den Reiz zu­neh­men, mim­te ich erst mal den Über­rasch­ten und gab ihm noch ei­ne Chan­ce: «Na ja, viel­leicht hat sich ir­gend­ei­ne an­de­re Stel­le hier im Haus das Zeug aus­ge­borgt.»

Er schüt­tel­te den Kopf. «Au­ßer die­sem Bü­ro ge­hen die Was­ser­bü­cher kei­nen im Be­trieb et­was an.»

«Könn­te ja auch sein, dass Ihr Vor­gän­ger sie ir­gend­wo an­ders ver­staut hat,» schlug ich vor.

Er press­te die Lip­pen zu­sam­men, sei­ne Au­gen gin­gen hier­hin und dort­hin. «Aber nicht hier im Bü­ro»

«Na, dann viel­leicht in ei­nem an­de­ren Bü­ro.»

«Wo­zu?» mur­mel­te er. «Im Schrank war ja noch ge­nug Platz.»

Ich run­zel­te die Stirn. «Al­so?»

Der Zi­gar­ren­qualm stau­te sich in der Ka­bi­ne. Zeit ver­strich.

«Ge­stoh­len,» brach­te er schließ­lich her­vor.

Ohl­sen war auf ein­mal hell­wach. «Ge­stoh­len?»

Ein klei­nes, schüch­ter­nes Lä­cheln stahl sich auf No­vaks Ge­sicht. «Na ja, wenn die Bü­cher nir­gend­wo sonst sein kön­nen, ist das doch die ein­zi­ge Mög­lich­keit, oder?»

«Ge­stoh­len,» wie­der­hol­te Ohl­sen noch ein­mal. Und er sag­te es nicht ir­gend­wie, er stell­te es be­frie­digt fest, fast ge­nüss­lich — ganz un­ge­niert.

Da wur­den im Pro­duk­ti­ons­be­reich al­so Ver­schluss­sa­chen ge­klaut, und der Pro­duk­ti­ons­chef freu­te sich dar­über wie ein Schnee­kö­nig — fi­de­le Ver­hält­nis­se.

Für ei­nen Mo­ment ver­spür­te ich den drin­gen­den Wunsch, ei­ne Tür ein­zu­tre­ten, ei­ne Jung­frau zu schwän­gern oder mir ir­gend­wie sonst Er­leich­te­rung zu ver­schaf­fen. Aber dann zer­biss ich vor lau­ter Wut nur mei­ne Zi­gar­re und hat­te da­von nichts wei­ter als den Mund voll mit Ta­bak­krü­meln. Ich spuck­te sie auf den Bo­den und warf die Ha­van­na hin­ter­her und zün­de­te mir so­fort ei­ne neue an. Mir lag da so Ver­schie­de­nes auf der Zun­ge. Aber No­vak muss­te un­be­dingt los­wer­den, dass er mit der gan­zen Sa­che nicht das Ge­rings­te zu tun hat­te, und platz­te da­mit her­aus, be­vor ich rich­tig An­lauf neh­men konn­te. Wir hör­ten ei­ne län­ge­re Re­de, die ein biss­chen ver­wor­ren war und kei­ner­lei neue Ge­sichts­punk­te ent­hielt.

Als er fer­tig war, frag­te ich ihn: «Ha­ben Sie für den Kram quit­tiert?»

«Quit­tiert?»

«Na, ir­gend­was un­ter­schrie­ben, dass Sie die Ver­ant­wor­tung für die Bü­cher über­neh­men oder so.»

Leicht ver­stört schau­fel­te er sich ei­ne Hand­voll von sei­nem sand­far­be­nen Haar, das ihm im­mer wie­der ins Ge­sicht rutsch­te, nach hin­ten und stam­mel­te ein un­deut­li­ches «Nnn­ein.»

«Auch nicht im Zu­sam­men­hang mit Ih­rem Ar­beits­ver­trag?»

«Nein, ganz be­stimmt nicht,» be­teu­er­te er.

«Na al­so, dann sind Sie doch fein raus,» stell­te ich fest. «Kei­ne Un­ter­schrift, kei­ne Ver­ant­wor­tung. Nie­mand kann Ih­nen an den Kar­ren fah­ren.»

Ju­ris­tisch be­trach­tet stand er mit blü­ten­wei­ßer Wes­te da. Und auch sonst war er aus al­lem sau­ber raus. Nie­mand konn­te ihm et­was an­ha­ben. Aber ir­gend­wie ge­nüg­te ihm das noch nicht, und er schwor uns, dass er mit der Sa­che wirk­lich nichts zu tun hat­te.

Ich wink­te ab. «Nu ma­chen Sie sich mal nicht nass. Nie­mand will Ih­nen den Lut­scher weg­neh­men. Wir tra­gen nur ein paar Fak­ten zu­sam­men.»

Nichts zu ma­chen, das Un­schulds­ge­jam­me­re ging wei­ter. Der Kna­be fing an, mir auf den We­cker zu fal­len. Ich ranz­te ihn an «Wenn Sie un­be­dingt ’ne Ge­ne­ral­ab­so­lu­ti­on ha­ben wol­len, müs­sen Sie schon zur Beich­te ge­hen.»

Der Wink mit dem schwar­zen Mann wirk­te. End­lich war Ru­he.

Ich ver­la­ger­te mein Ge­wicht ein we­nig, was dem Blech­mö­bel un­ter mir nicht ge­fiel und sei­nen quiet­schen­den Pro­test her­vor­rief. Es war ein lang­ge­zo­ge­nes, ein­sa­mes Weh­kla­gen, das die ge­ra­de ein­ge­tre­te­ne Stil­le gleich wie­der zer­riss. Nie­mand ach­te­te son­der­lich dar­auf, hier hat­te je­der so sei­ne ei­ge­nen Sor­gen.

Ich nahm den Fa­den dort wie­der auf, wo No­vak mich vor­hin mit sei­nem Ge­jam­me­re dar­an ge­hin­dert hat­te, ihn auf­zu­neh­men, und knöpf­te mir Ohl­sen vor und sag­te zu ihm: «Es scheint Ih­nen nicht ge­ra­de das Herz zu bre­chen, dass die Auf­schrie­be mög­li­cher­wei­se ge­klaut wur­den.»

Er grins­te mich an. «Wa­rum auch? Im Gro­ßen und Gan­zen be­weist das doch, dass ich mit mei­nen Ver­mu­tun­gen gar nicht so falsch ge­le­gen ha­be.»

Sein däm­li­ches Grin­sen stör­te mich aus­ge­spro­chen. Es gab für ihn nichts zu grin­sen, das hier war ver­dammt noch mal mei­ne Par­ty. Ge­la­den er­kun­dig­te ich mich: «Was ha­ben Sie denn ver­mu­tet?»

«Nun ja, wie ge­sagt, dass sich die Zei­tungs­frit­zen die Zah­len auf krum­men We­gen be­sorgt ha­ben und dass die Ab­tei­lung hier über­haupt nichts da­mit zu tun hat.»

Ich grunz­te. «Die Zah­len wur­den ge­klaut, und sie stan­den in der Zei­tung. Aber das heißt noch lan­ge nicht, dass die Pres­se­frit­zen sie auch ge­klaut ha­ben.»

Für ei­nen kur­zen Au­gen­blick war Ohl­sen per­plex. Nach­denk­lich trat er an den Schreib­tisch, such­te sich ein frei­es Eck­chen Tisch­plat­te, um die Fin­ger­kup­pen ei­ner ge­spreiz­ten Hand dar­auf ab­zu­set­zen und mein­te dann, schon wie­der ein non­cha­lan­tes Lä­cheln im, Ge­sicht: «Ob sie sie sel­ber ge­klaut ha­ben oder nicht,. spielt das denn ei­ne Rol­le?»

«Es spielt so­gar ei­ne ganz ge­wich­ti­ge Rol­le,» ver­si­cher­te ich ihm. «Ich will wis­sen, ob al­le lo­cke­ren Zie­gel vom Dach sind, oder ob da noch was nach­kom­men kann. Und da­zu brau­che ich den­je­ni­gen, der die Sa­che ge­fin­gert hat.»

«Aber ha­ben Sie nicht ge­ra­de eben ge­sagt, dass ge­gen No­vak kein Ver­dacht be­steht?»

«Ha­be ich das?»

No­vak zuck­te zu­sam­men, und Ohl­sen mach­te ein ver­wirr­tes Ge­sicht.

«Ich ha­be ge­sagt, dass wir ihn nicht dran­krie­gen kön­nen, weil ei­ne Un­ter­schrift fehlt,» er­klär­te ich. «Das ist viel­leicht ein Frei­spruch man­gels Be­wei­sen, aber kein Per­sil­schein und schon gar kei­ne Ge­ne­ral­am­nes­tie.»

Aber Ohl­sen gab noch nicht auf und sag­te jo­vi­al: «Die Sa­che liegt jetzt im­mer­hin schon über ein Jahr zu­rück, was soll­te da noch nach­kom­men?»

Die Ha­van­na war mir doch glatt aus­ge­gan­gen. Ich zün­de­te sie neu an und warf das Streich­holz weg. «Wel­che Ga­ran­tie kön­nen Sie mir ge­ben, dass nichts mehr nach­kommt?»

Er schwieg. Und sein Schwei­gen er­zähl­te mir, dass er mir kei­ne ge­ben konn­te. Na­tür­lich nicht. Und auch an dem net­ten klei­nen Dieb­stahl schien er plötz­lich kei­ne rech­te Freu­de mehr zu ha­ben. Da­mit war die­ser Punkt er­le­digt, und wir konn­ten uns wie­der dem ei­gent­li­chen Pro­blem zu­wen­den.

In ei­ner Tau­send-Mann-Fir­ma hat man so ziem­lich bei je­dem Dieb­stahl au­to­ma­tisch gleich mal tau­send Ver­däch­ti­ge. So ein Be­trieb ist schließ­lich kein Knast, die Leu­te ha­ben vol­le Be­we­gungs­frei­heit, kön­nen hier sein und da sein, und prak­tisch je­der kommt für al­les in Be­tracht, was im Werk so ge­dreht wird. Nun zeigt die Le­bens­er­fah­rung al­ler­dings, dass erst die Ge­le­gen­heit Die­be macht. Ge­klaut wird meis­tens von de­nen, die am nächs­ten dran sind. Wenn nun die Zah­len aus der Zeit von No­vaks Vor­gän­ger ab­han­den ge­kom­men wa­ren, dann war die­ser Vor­gän­ger schon mal ein ganz brauch­ba­rer An­satz­punkt für wei­te­re Nach­for­schun­gen.

Ich er­kun­dig­te mich nach ihm. Ohl­sen hat­te kei­ne Ah­nung. No­vak wuss­te im­mer­hin, dass er «Zech oder so ähn­lich» hieß, kann­te ihn aber nicht per­sön­lich.

«Und wo ist die­ser Zech oder so ähn­lich jetzt?» frag­te ich und ließ mein bau­meln­des Bein ein paar mal ge­gen den Blech­kas­ten bum­sen.

«Beim Teu­fel.» tön­te ei­ne Bass­stim­me hin­ter mir. Ich fuhr her­um. Der Bass ge­hör­te ei­nem nicht sehr gro­ßen, kom­pak­ten Mann in der Tür. Er hat­te ei­nen run­den, kurz ge­scho­re­nen Schä­del, aus­ge­präg­te Ba­cken­mus­keln und lä­chel­te uns mit kla­ren, har­ten blau­en Au­gen und ei­ner rich­tig­ge­hen­den Gold­mi­ne im Mund leut­se­lig an. Auf dem Na­mens­schild an der Brust­ta­sche sei­nes wei­ßen Kit­tels stand, dass er Pfeif­fer hieß und Di­plom­in­ge­nieur war.

Von Ohl­sen be­kam er al­les Er­for­der­li­che er­klärt, und wäh­rend er zu­hör­te, be­ob­ach­te­te er mich beim Rau­chen, und sein Lä­cheln ließ ein we­nig nach. Als Ohl­sen fer­tig war, nick­te er kurz und wand­te sich von ihm ab und zeig­te mir ein Schild vor den Ka­bi­nen­fens­tern, auf dem ei­ne durch­ge­stri­che­ne Zi­ga­ret­te ab­ge­bil­det war, und sag­te: «Ha­ben Sie das nicht ge­se­hen? Das gilt auch für Zi­gar­ren.»

Ich stu­dier­te das Schild und paff­te: «Rau­chen ver­bo­ten, was?»

Pfeif­fer grins­te. «Ge­nau.»

Ich grins­te zu­rück. «Das muss ei­nem doch ge­sagt wer­den.»

«Wir dach­ten, wir ge­ben je­dem ei­ne fai­re Chan­ce, von sel­ber drauf zu kom­men, des­halb ha­ben wir die­se Bild­chen an­ge­bracht,» kon­ter­te er un­nach­gie­big und sein al­tes Lä­cheln war wie­der da.

Ganz schön un­ver­schämt, der Bur­sche. Aber er hielt sei­nen Kas­ten sau­ber und ließ nicht den ge­rings­ten Zwei­fel dar­über auf­kom­men, wer hier das Kom­man­do hat­te. Das im­po­nier­te mir. Es gibt viel zu we­ni­ge Leu­te, die ge­nü­gend Witz und Chuz­pe ha­ben, um ge­nau im rich­ti­gen Mo­ment knall­hart und smart und rück­sichts­los zu sein. Sol­che Ta­len­te muss man sich warm hal­ten.

Ich ließ die Ha­van­na auf den Bo­den fal­len und trat sie mit dem Ab­satz aus. Pfeif­fer nick­te be­frie­digt.

«So. Und jetzt zu die­sem So­und­so, der beim Teu­fel ist,» sag­te ich. «Wie heißt der Kerl ei­gent­lich rich­tig, und wa­rum ist er beim Teu­fel?»

«Zeck hieß der, Ben­no Zeck,» be­rich­te­te er. «Ha­ben ihn ge­feu­ert, weil er dau­ernd blau mach­te.»

«Und als Ab­fin­dung ha­ben Sie ihm so vie­le Ak­ten mit­ge­ge­ben, wie er tra­gen konn­te, was?»

Pfeif­fer lä­chel­te ir­ri­tiert. «Ich fürch­te, die Poin­te ka­pier‘ ich nicht ganz.»

«No­vak, sa­gen Sie’s ihm,» knurr­te ich.

Und No­vak sag­te ihm, dass der letz­te Jahr­gang Was­ser­bü­cher aus Zecks Amts­zeit kom­plett fehl­te.

Pfeif­fer kraul­te sich nach­denk­lich vor­ne am Hals. «Ahm, so — jetzt ver­steh ich.»

Das war im­mer­hin schon mal et­was. Ich hak­te nach: «In­zwi­schen wie­der mal was ge­hört von die­sem, äh, Zeck?»

Er nahm die Hand vom Adams­ap­fel und grins­te mich an. «Sie mei­nen ei­ne An­sichts­kar­te aus der Süd­see oder et­was in der Art, hm?»

«Nein,» er­wi­der­te ich scharf. «Ich mei­ne eher ein ge­schäft­li­ches An­ge­bot oder et­was in der Art.»

«Ge­schäft­li­ches An­ge­bot?» wie­der­hol­te er ver­ständ­nis­los.

An­schei­nend war doch nicht ganz so ge­witzt, wie ich ge­dacht hat­te. Ich beug­te mich vor und hol­te mir ei­ne Ha­van­na her­aus — nur so zum Rum­spie­len — und half ihm auf die Sprün­ge: «Dass er was zu ver­kau­fen hat­te — bei­spiels­wei­se.»

Er lös­te sich vom Tür­rah­men, be­gann in der Ka­bi­ne auf und an zu ti­gern, wo­durch es noch en­ger wur­de, und bot ein Bild tie­fer Nach­denk­lich­keit. Und Ohl­sen, No­vak und ich schau­ten ihm be­ein­druckt da­bei zu. Als er zu ei­nem Er­geb­nis ge­kom­men war, blieb er ab­rupt ste­hen und sag­te zu mir: «Wenn ich Sie recht ver­ste­he, ge­hen Sie da­von aus, dass Zeck die Was­ser­bü­cher, nun äh, mit­ge­hen ließ, um sie der Fir­ma zu­rück zu ver­kau­fen.»

«Ir­gend­wel­che Ge­schäf­te wird er da­mit schon vor­ge­habt ha­ben, nur so als Bett­lek­tü­re dürf­te das Zeugs je­den­falls nicht all­zu viel tau­gen,» knurr­te ich.

«Hm, aber schließ­lich sind die Zah­len doch bei der Zei­tung ge­lan­det, nicht?»

«Ganz of­fen­sicht­lich sind sie das. Aber für Zeck kann das höchs­tens die zweit­bes­te Lö­sung ge­we­sen sein. Pro­vinz­zei­tun­gen las­sen für ei­ne Sto­ry nun mal nicht Mil­lio­nen sprin­gen — wenn sie über­haupt et­was sprin­gen las­sen. Und des­halb spricht ei­ni­ges da­für, dass Zeck vor­her ein paar an­de­re Adres­sen ab­ge­klap­pert hat, zum Bei­spiel Maddox-Co­lor selbst. — Zu­fäl­lig was läu­ten hö­ren in die­ser Rich­tung?»

Er be­weg­te lang­sam sei­nen Schä­del hin und her. «Nein, gar nichts. — Könn­te es denn nicht ein­fach bloß aus Ra­che ge­we­sen sein?»

«Wie­so Ra­che?»

«Nun ja, we­gen der Ent­las­sung.»

«Ich den­ke, Sie hat­ten ei­ne Men­ge Grün­de, ihn zu feu­ern.»

«Na­tür­lich, aber Sie wis­sen ja, wie das ist.»

Ich starr­te ihn an und be­haup­te­te: «Nein, das weiß ich nicht. Wie ist es denn?»

Die et­was ver­krampf­te Freund­lich­keit in sei­nem Ge­sicht lös­te sich in nichts auf und hin­ter­ließ ei­nen Aus­druck von Lee­re. «Man­che Leu­te kom­men über ei­nen Raus­schmiss eben ein­fach nicht hin­weg, ganz egal wie be­rech­tigt er auch im­mer ge­we­sen sein mag.»

Ich klemm­te mir die Zi­gar­re zwi­schen die Zäh­ne und sag­te an ihr vor­bei: «Ach!»

Er mus­ter­te mich mit schma­len Au­gen. «Wa­rum in­ter­es­sie­ren Sie sich ei­gent­lich über­haupt noch für die­se Ge­schich­te. Ist doch Schnee vom ver­gan­ge­nen Jahr.»

«Ist sie das wirk­lich?»

«Wor­auf zum Teu­fel wol­len Sie hin­aus?»

«Auch al­ter Schnee schmilzt ir­gend­wann mal,» er­klär­te ich ihm. «Und dann kann’s leicht ’ne Über­schwem­mung ge­ben.»

Das schien ihm ein­zu­leuch­ten, er nick­te und ließ das The­ma fal­len. Die dum­men Fra­gen wa­ren ihm da­mit al­ler­dings noch lan­ge nicht aus­ge­gan­gen, und er er­kun­dig­te sich mit ei­nem Lä­cheln, das fast schon ein Grin­sen war: «Wa­rum sind Sie ei­gent­lich so si­cher, dass Zeck die un­dich­te Stel­le ist?»

Ich leck­te über ei­nen Riss im Deck­blatt der Ha­van­na. «Tja, wa­rum ist zwei mal zwei vier?»

«Nun, äh, ich mei­ne . . .» Ver­un­si­chert brach er ab.

Ich blick­te auf und grins­te ihn an, zu­ge­ge­ben, viel­leicht ein biss­chen im­per­ti­nent. «Sie ha­ben ei­nen Ge­gen­vor­schlag, stimmt’s? — Nur zu, im­mer nur raus da­mit, wir sind ganz Ohr.»

«Ähm, ich dach­te bloß . . .» Wie­der brach­te er den Satz nicht zu En­de.

Ich wuss­te ziem­lich ge­nau, was er dach­te. Er dach­te, dass man die Sa­che erst mal gründ­lich aus­dis­ku­tie­ren und von al­len Sei­ten be­leuch­ten müs­se und dass sich das Pro­blem schon ir­gend­wie von sel­ber er­le­di­gen wer­de, wenn man nur lan­ge ge­nug her­um­trö­del­te. Ich sag­te: «Ja-ah?»

Er griff sich mal wie­der an den Adams­ap­fel, spitz­te die Lip­pen und zog sie ge­gen die Zäh­ne zu­rück. «Ich den­ke, wir soll­ten ein we­nig mehr Ma­te­ri­al in der Hand ha­ben, be­vor wir in die­ser Rich­tung et­was un­ter­neh­men.»

So sind sie nun mal im mitt­le­ren Ma­nage­ment. Oh­ne ki­lo­wei­se Zah­len­ma­te­ri­al und stun­den­lan­ger Pa­la­ver kön­nen sie sich nicht ent­schlie­ßen, ob’s drau­ßen ge­ra­de reg­net oder nicht. Das ist ih­re Art von Gründ­lich­keit. Und es ist ge­nau die Gründ­lich­keit, die die Amis drü­ben im Haupt­quar­tier in Cleve­land für ty­pisch deutsch hal­ten und für die sie uns so has­sen. Sie glau­ben näm­lich, dass man mit deut­scher Gründ­lich­keit Zeit ver­schwen­det, und dass Zeit Geld ist und dass man Geld nicht ver­schwen­den soll­te, son­dern ver­meh­ren — ei­ne An­sicht, ge­gen die nichts ein­zu­wen­den ist, wie ich fin­de.

«Sie wol­len die rau­chen­de Tat­waf­fe ha­ben mit mas­sen­haft Fin­ger­ab­drü­cken drauf, was?» sag­te ich und leck­te noch ein­mal über den Riss im Deck­blatt.

«Nun, wa­rum nicht?» er­wi­der­te er ge­las­sen und brach­te die Gold­mi­ne in sei­nem Mund mit ei­nem brei­ten Lä­cheln wie­der zum Vor­schein.

«Und wenn es aber auf die Tat­waf­fe nun aber gar nicht mehr an kommt?»

«Die Be­wei­se sind Ih­nen egal?» frag­te er leicht be­un­ru­higt.

«Schnurz­pie­pe­gal,» ver­si­cher­te ich ihm mit­ten ins Ge­sicht.

«Und was ma­chen Sie vor Ge­richt?»

«Vor wel­chem Ge­richt?»

Er blin­zel­te ver­wirrt. «Sie wol­len ihn nicht ver­kla­gen?»

«Wo den­ken Sie hin? — Sol­che Bur­schen ver­klagt man nicht. Man könn­te ih­nen gar kei­nen grö­ße­ren Ge­fal­len tun als sie zu ver­kla­gen. Jah­re­lan­ge Pro­zes­se, die ei­nen Hau­fen Geld kos­ten, und dann viel­leicht ir­gend­wo ein ein­zi­ger Ver­fah­rens­feh­ler, der ei­nen präch­ti­gen Re­vi­si­ons­grund ab­gibt, und schon ist die gan­ze Sa­che im Ei­mer. Nein, da gibt es be­deu­tend si­che­re­re und schnel­le­re Me­tho­den, um so ein Pro­blem zu be­rei­ni­gen. Ich wer­de mir den Bur­schen mal per­sön­lich vor­knöp­fen.»

«Was ha­ben Sie mit ihm vor?» schal­te­te Ohl­sen sich ein.

Ich blick­te ihm tief in die Au­gen. «Soll ich Ih­nen das wirk­lich er­zäh­len?»

Ein un­ge­woll­tes Grin­sen zog sei­ne Mund­win­kel aus­ein­an­der, und ich konn­te se­hen, wie sei­ne Phan­ta­sie zu ar­bei­ten an­fing. Das­sel­be bei No­vak und bei Pfeif­fer. Das ist fast im­mer so, wenn ich über den in­of­fi­zi­el­len Teil mei­ner Tä­tig­keit An­deu­tun­gen ma­che. Ich hab zwar frü­her mal für ein In­kas­so­bü­ro ge­ar­bei­tet und weiß, wie man je­man­dem auf die Ze­hen tre­ten muss, da­mit’s auch rich­tig weh tut. Aber ich ha­be noch nie­man­dem den Bauch auf­ge­schlitzt, ihm die Ein­ge­wei­de raus­ge­ris­sen und ihn mit sei­nen ei­ge­nen Kut­teln er­dros­selt, das kann ich be­schwö­ren. Und wenn die Leu­te et­was an­de­res glau­ben, liegt das ein­zig und al­lei­ne dar­an, dass sie durch die vie­len Hor­ror­fil­me im Fern­se­hen ein biss­chen zu viel Sinn für blut­rüns­ti­ge Ef­fek­te ent­wi­ckelt ha­ben. Aber nun gut, die Ge­dan­ken sind schließ­lich frei, oder? Und ein Kil­le­ri­mage ist manch­mal gar nicht so schlecht. Ich ließ den drei­en al­so ih­re Il­lu­sio­nen. Und völ­lig falsch la­gen sie da­mit ja nun auch wie­der nicht, denn im­mer­hin stand schon mal fest, dass ich mit Zeck, der der Fir­ma ei­ne Men­ge ne­ga­ti­ve Pu­bli­ci­ty mit kost­spie­li­gen Ne­ben­wir­kun­gen auf­ge­halst hat­te, nicht nur Mur­meln spie­len wür­de, wenn wir erst mal un­ter uns sein wür­den.

Ich streck­te die Zi­gar­re weg, rutsch­te von dem Blech­mö­bel run­ter und mach­te die drei, vier Schrit­te bis zur Tür und bau­te mich vor Pfeif­fer auf. er muss­te zu mir hoch­schau­en, als ich dicht vor ihm stand. Ich ließ den Blick ein we­nig schwei­fen. Im über­nächs­ten Bü­ro­ab­teil un­ter­hiel­ten sich zwei Män­ner über ei­nen Schreib­tisch hin­weg, hin­ter den Schei­ben stumm, mit auf und zu ge­hen­den Mün­dern wie Fi­sche im Aqua­ri­um. — es sah al­bern aus. Ich wer­de nie ka­pie­ren, wie­so man über­haupt Glast­renn­wän­de ein­zieht, wo Sperr­holz doch viel bil­li­ger ist.. Und wenn’s auf Kon­trol­le an­kommt, ist so­wie­so das Groß­raum­bü­ro das ein­zig Senk­rech­te, da sieht man nicht nur al­les, man kriegt auch al­les mit, was ge­spro­chen wird, oh­ne das Lip­pen­le­sen ler­nen zu müs­sen.

Die Nor­mal­uhr, die drau­ßen vor den Schei­ben an der Hal­len­wand hing, zeig­te halb fünf — schon halb fünf. . . Ich fing an, Zeit zu ver­lie­ren.

Pfeif­fer schau­te noch im­mer ab­war­tend zu mir hoch.

Bei­läu­fig er­kun­dig­te ich mich bei ihm. «Zu­fäl­lig ’ne Ah­nung, wo er jetzt zu fin­den ist?»

«Der Zeck? Ei­gent­lich müss­te das Per­so­nal­bü­ro sei­ne letz­te Adres­se ha­ben.»

Das war kei­ne be­son­ders schlaue Ant­wort. Ich grins­te auf ihn hin­un­ter. «Glau­ben Sie wirk­lich, dass die­se Adres­se uns jetzt noch wei­ter hilft?»

Er mach­te schma­le Au­gen und sag­te nichts. Wahr­schein­lich glaub­te er es wirk­lich.

Ich gab Ohl­sen ein kur­zes Zei­chen zum Rück­zug, und wir ver­lie­ßen das Ka­buff oh­ne gro­ßes Ver­ab­schie­dungs­ze­re­mo­ni­ell. Als wir drau­ßen wa­ren und ich noch ein­mal durch die Schei­ben zu­rück­blick­te, hing No­vak schon wie­der über sei­nen Ta­bel­len. Das Le­ben ging wei­ter. Pfeif­fer stand ein biss­chen dumm her­um und sah so aus, als ob er nach­dach­te. Ich frag­te mich, wor­über wohl.

Wir stie­gen ei­ne klap­pern­de Git­ter­rost­trep­pe hin­un­ter. Ohl­sen frag­te über die Schul­ter zu­rück: «Und was wer­den Sie jetzt tun?»

«Muss ich mir noch über­le­gen,» knurr­te ich. «Aber was Sie tun wer­den, steht schon mal fest. Sie wer­den die Gru­be da hin­ten wie­der zu­schüt­ten und hübsch Gras drü­ber wach­sen las­sen.»

Ohl­sen blieb wie an­ge­wur­zelt ste­hen, fuhr zu mir her­um und konn­te sich ge­ra­de noch eben so am Ge­län­der fest­hal­ten. Ich hat­te gut zu tun, dass ich ihn nicht aus vol­lem Lauf die Trep­pe hin­un­ter­rem­pel­te. Er starr­te mich ent­geis­tert an. «WAS?!»

«Für mei­ne Ar­beit kann ich kei­ne Schuld­ein­ge­ständ­nis­se brau­chen,» setz­te ich ihm aus­ein­an­der. «Und ei­ne an­ge­fan­ge­ne Bau­gru­be in der Klär­an­la­ge ist ein Schuld­ein­ge­ständ­nis.»

«Und was ist mit dem Was­ser­amt?»

«Was soll da­mit sein?»

«Die wer­den sich so was nicht bie­ten las­sen.»

«Von wem ha­ben Sie das?»

«Der Lei­ter per­sön­lich hat mir ge­sagt, dass sie sich auf kei­ner­lei wei­te­re Kom­pro­mis­se mehr ein­las­sen wer­den.»

Ich grins­te. «Ma­chen Sie sich da mal kei­ne Sor­gen. Die­ser Chef vom Was­ser­amt hat näm­lich sei­ner­seits auch wie­der ei­nen Chef.»

Das war die po­li­ti­sche Be­trach­tungs­wei­se des Pro­blems, aber er wuss­te par­tout nicht, wo­von ich re­de­te, und mach­te ein ent­spre­chen­des Ge­sicht. Und weil ich kei­nen Nürn­ber­ger Trich­ter zur Hand hat­te, konn­te ich ihm da lei­der auch gar nicht be­hilf­lich sein. Ich bug­sier­te ihn vor mir her die Trep­pe hin­un­ter und zur nächs­ten Sei­ten­tür hin­aus, und wir stan­den auf ei­ner schma­len Stra­ße zwi­schen ho­hen grau­en Hal­len­wän­den.

Ohl­sen hät­te mir ger­ne noch die­ses und je­nes ge­zeigt, und frag­te mich, ob ich mir viel­leicht noch die Ab­füll­sta­ti­on an­se­hen woll­te oder die La­bors oder we­nigs­tens die La­ckie­re­rei. Aber ich wink­te ich und sag­te ihm, dass wir das ein­mal an ei­nem ru­hi­gen Sonn­tag­nach­mit­tag ma­chen könn­ten, wenn sonst ge­ra­de nichts Be­son­de­res an­lä­ge.

Er guck­te mich aus den Au­gen­win­keln arg­wöh­nisch an, als ob er dach­te, dass ich ihm sei­ne schö­nen Wo­chen­en­den ver­sau­en woll­te. Und wenn er das dach­te, dann dach­te er ver­dammt rich­tig.

Wir gin­gen das Sträß­chen ent­lang, über das sich kreuz und quer Rohr­lei­tun­gen spann­ten und nicht mehr viel vom Him­mel üb­rig lie­ßen. Der Stra­ßen­be­lag be­stand aus ris­si­gem Be­ton, und je­der Schritt hall­te von den ho­hen Wän­den wi­der. Wir hat­ten uns nicht mehr viel zu sa­gen und gin­gen schwei­gend ne­ben­ein­an­der her. Ir­gend­wo wei­ter vor­ne zisch­te Dampf aus ei­nem Ab­zugs­stut­zen dicht über dem Bo­den. Wir mach­ten ei­nen gro­ßen Bo­gen, als wir dar­an vor­bei ka­men. Die Gas­se führ­te auf die brei­te Haupt­stra­ße, die das Werks­ge­län­de der Län­ge nach durch­zog. Ein 38-Ton­ner don­ner­te mit ei­nem Af­fen­zahn im Zen­ti­me­ter­ab­stand an uns vor­bei. Der Luft­druck warf uns bei­na­he wie­der in die Gas­se zu­rück. Ich fluch­te und merk­te mir das Kenn­zei­chen. Ohl­sen plät­te­te ei­ne ver­wir­bel­te Haarts­träh­ne an ih­ren Platz zu­rück und grins­te hart­ge­sot­ten.

In ei­nem Fass­la­ger di­rekt ge­gen­über trieb es ei­ner von die­sen Ga­bel­stap­ler-Fit­ti­pal­dis mit dem Her­um­kur­ven ein biss­chen zu wild und nahm bei ei­ner Wen­de ei­ne sorg­fäl­tig aus­ta­rier­te Py­ra­mi­de aus Blech­ton­nen mit. Der Sta­pel krach­te zu­sam­men. Es gab ei­nen Mords­ra­dau und ei­ne Men­ge ver­beul­tes Blech.

Ein Vor­ar­bei­ter kam aus sei­nem Bü­ro­ver­schlag her­aus­ge­schos­sen, brül­lend wie ein ver­wun­der­ter Stier, und hol­te den Fah­rer vom Ga­bel­stap­ler her­un­ter und nann­te ihn und sei­ne Mut­ter so ziem­lich al­les, was nicht ju­gend­frei war, wo­bei er mit den un­an­stän­di­gen Sa­chen an­fing und nach und nach im­mer schwei­ni­scher wur­de — al­les in al­lem ein hüb­scher klei­ner An­schiss, an dem es nichts aus­zu­set­zen gab. Aber Ohl­sen sah ir­gend­wie noch Ver­bes­se­rungs­mög­lich­kei­ten und woll­te un­be­dingt mit von der Par­tie sein und stürm­te hin­über, um sich nütz­lich zu ma­chen.

Ich frag­te mich, wie­so er sich da zum Teu­fel höchst­per­sön­lich mit rein­hän­gen muss­te. Zum Zu­sam­men­stau­chen von Ar­bei­tern hat man Vor­ar­bei­ter, und der Vor­ar­bei­ter da drü­ben ver­stand sich ganz of­fen­sicht­lich auf sei­nen Job und kam oh­ne wei­te­res al­lei­ne zu­recht. Viel­leicht lag ihm das Fir­men­ei­gen­tum ja tat­säch­lich am Her­zen. Viel­leicht woll­te er auch ein­fach nur Dampf ab­las­sen. Wenn er das al­les aber nur tat, um bei mir als schar­fer Hund Ein­druck zu schin­den , dann war er je­den­falls schief ge­wi­ckelt, ver­dammt schief. Der ein­zi­ger schar­fer Hund, der wirk­lich Ein­druck auf mich macht, bin im­mer noch ich sel­ber. Wie auch im­mer, er war der Lau­tes­te in dem Tu­mult, als ich weg­ging.

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