Große Ereignisse

Am 27. Au­gust 1858 fand un­ter all­ge­mei­ner Teil­nah­me der Be­völ­ke­rung die 150jährige Fei­er der er­sten Be­sitz­nah­me des Ro­sen­ta­les durch den Stadt­rat und die gleich­zei­tig er­folg­te An­le­gung von Spa­zier­gän­gen in dem­sel­ben statt. In den Eta­blis­se­ments Bo­no­rand und Schwei­zer­häus­chen fan­den aus die­sem An­laß be­son­de­re fest­li­che Ver­an­stal­tun­gen statt.

Den Mo­nat dar­auf er­schien der gro­ße Do­natsche Ko­met am Him­mel. Er wur­de schon in den ers­ten Abend­stun­den im Nord­wes­ten un­ter dem Schwei­fe des gro­ßen Bä­ren sicht­bar und konn­te des­halb auch von uns Kin­dern in Au­gen­schein ge­nom­men wer­den. Er war hell und klar mit dem blo­ßen Au­ge sicht­bar. Von ei­nem stark leuch­ten­den Stern ging ein arm­star­ker lan­ger Schweif nach ei­nem klei­ne­ren Stern bei wel­chem der Schweif sei­nen Ab­schluß fand. Das Him­mels­zei­chen wur­de all­ge­mein als ein bö­ses Omen ge­deu­tet. Man glaub­te in dem Ko­met den An­kün­di­ger von Krieg und Pe­sti­lenz zu er­bli­cken und in der Tat konn­te, wer aber­gläu­bisch war, die in den fol­gen-Jah­ren sich fast un­aus­ge­setzt an­ein­an­der­rei­hen­den Krie­ge auf die­se Ko­me­ten zu­rück­füh­ren; 1859 der lom­bar­di­sche Krieg zwi­schen Frank­reich-Sar­di­ni­en und Oe­s­ter­reich, 1861—65 der nord­ame­ri­ka­ni­sche Krieg, 1863—64 der schles­wig-hol­s­tei­ni­sche Krieg, 1866 der deut­sche Krieg, 1867 das En­de des me­xi­ka­ni­schen Aben­teu­ers des Kai­sers Ma­xi­mi­li­an, 1870—71 der deutsch-fran­zö­si­sche Krieg, dann von 1875 an in fast un­aus­ge­setz­ter Fol­ge die ver­schie­de­nen Bal­kan­krie­ge und Auf­stän­de, an de­ren zehn al­lein mich das Schick­sal per­sön­lich be­tei­li­gen soll­te und die dann schließ­lich mit in den Welt­krieg über­gin­gen, von vie­len an­de­ren Krie­gen, wie den chi­ne­sisch-ja­pa­ni­schen, den rus­sisch-ja­pa­ni­schen, den ame­ri­ka­nisch-spa­ni­schen, den ita­lie­nisch-tür­ki­schen und den afri­ka­ni­schen und süd­ame­ri­ka­ni­schen Krie­gen völ­lig ab­ge­se­hen. Am schlimms­ten aber war der Schre­cken, den die phan­ta­sietol­len Dienst­bo­ten aus An­laß des Er­schei­nens des Ko­me­ten uns Kin­dern ein­jag­ten. So er­zähl­te uns un­ser Dienst­mäd­chen, daß an ei­nem Abend auf der Pro­me­na­de zwi­schen dem Tho­mas­kirch­hof und dem Bar­fuß­berg auf zwei Spa­zier­gän­ger sich ein Leo­par­de und ein Lö­we aus der Luft her­nie­der­ge­las­sen und die bei­den zer­ris­sen hät­ten. Um kei­nen Preis der Welt wä­ren wir dar­auf­hin noch zu be­we­gen ge­we­sen, bei Dun­kel­heit die Stra­ße zu be­tre­ten oder in un­se­rer Woh­nung oh­ne Licht ineindunk­les Zim­mer zu ge­hen. Sei­tens un­se­rer El­tern pras­sel­te zwar ein ge­hö­ri­ges Don­ner­wet­ter auf das dum­me Frau­en­zim­mer her­ab, aber die Furcht, die uns ein­ge­flößt wor­den war, woll­te lan­ge nicht wei­chen.

Zur Mi­chae­lis­mes­se des­sel­ben Jah­res (1858) gab es ei­ne be­son­de­re Sen­sa­ti­on. Aus der Me­na­ge­rie Volk­manns, der auf dem FI­ei­scher­plat­ze sei­ne Bu­de auf­ge­schla­gen hat­te, ent­wich näm­lich ei­nes Ta­ges ein See­hund. Der­sel­be ge­lang­te in die na­he Plei­ße, pro­fi­tier­te als­dann von der Ver­bin­dung zwi­schen Plei­ße und Els­ter in der Ro­sen­tal­stra­ße, um in die Els­ter zu ge­lan­gen und schwamm nun die Els­ter in dem noch nicht über­brück­ten Ran­städ­ter Stein­weg (wie da­mals noch die Frank­fur­ter Stra­ße hieß) mit Voll­kraft hin­auf. Vier Fi­scher, wel­che das See­un­ge­heu­er schwim­men sa­hen, in dem sie ei­nen gro­ßen Fisch­ot­ter zu er­bli­cken glaub­ten, mach­ten ei­ligst ih­re Käh­ne los und folg­ten dem­sel­ben. Aber die Ge­schwin­dig­keit, mit wel­cher der See­hund schwamm, mach­te es ih­nen un­mög­lich, den­sel­ben ein­zu­ho­len. Da ka­men ih­nen ei­ni­ge Jä­ger zu Hil­fe, wel­che zu­fäl­lig in dem Rit­ter­holz (jetzt zum Pal­men­gar­ten ge­hö­rig) pürsch­ten. Die­sel­ben sa­hen den See­hund eben­falls für ei­nen un­ge­wöhn­lich gro­ßen Fisch­ot­ter an und ga­ben auf ihn meh­re­re Schüs­se ab. Da­durch wur­de der See­hund, der in­zwi­schen al­so doch bis zwi­schen Plag­witz und Lin­denau ge­langt war, durch ei­ne An­zahl Schrot­kör­ner an der Stirn ver­wun­det, er er­mat­te­te und die mitt­ler­wei­le her­an­ge­kom­me­nen Fi­scher konn­ten ihn nun­mehr mit Net­zen ein­fan­gen. Er wur­de dann sei­nem Be­sit­zer wie­der zu­rück­ge­bracht, der die Wun­den des Aus­rei­ßers durch ei­nen Chir­ur­gen ver­bin­den ließ, und für den Rest der Mes­se galt nun­mehr die­ser See­hund als die größ­te Se­hens­wür­dig­keit, die sich je­der­mann an­se­hen muß­te. So er­ziel­te Volk­mann da­durch noch ei­ne un­er­war­tet ho­he Ein­nah­me.

Ein gleich­falls zu die­ser Mes­se ge­zeig­ter Orang-Utang, der ers­te in Leip­zig, hat­te ein noch tra­gi­sche­res Ge­schick. Er konn­te das Leip­zi­ger Kli­ma nicht ver­tra­gen und starb noch wäh­rend der Mes­se.

Am 23. Mai 1858 fand un­ter zahl­rei­cher Be­tei­li­gung der Tho­mas­ge­mein­de der Amts­an­tritt und die fei­er­li­che Ein­wei­sung des an Stel­le des ver­stor­be­nen Su­per­in­ten­den­ten Groß­mann zu sei­nem Nach­fol­ger er­nann­ten Dr. Lech­ler in der Tho­mas­kir­che statt. Die be­lieb­tes­ten Kan­zel­red­ner je­ner und der fol­gen­den Zeit wa­ren in der Tho­mas­kir­che Va­len­ti­ner, Wil­le und Sup­pe, in der Ni­ko­lai­kir­che Ahl­feld, Grä­te und Lam­pa­di­us, in der Pau­li­ner­kir­che Dr. Brück­ner (der spä­ter als Ge­hei­mer Kir­chen­rat nach Ber­lin be­ru­fen wur­de), Prof. von Zez­schwitz und Mü­cke, in der Neu­kir­che (spä­te­ren Mat­t­häi­kir­che) Han­sel und Schnei­der, in der Pe­tri­kir­che Nau­mann und in der Jo­han­nis­kir­che Kritz, wo­bei ich aber wohl ei­ni­ge ver­ges­sen ha­ben mag. Wäh­rend des Got­tes­diens­tes wur­den al­le Stra­ßen, die an den Kir­chen vor­über­führ­ten, durch ei­ser­ne Ket­ten ab­ge­sperrt, um jeg­li­ches Wa­gen­ge­räusch fern zu hal­ten.

Mein Va­ter, der ein streng­gläu­bi­ger Christ war, ging je­den vier­ten Sonn­tag im schwar­zen An­zug und Zy­lin­der in die Kir­che, wo­bei er mich, ob­gleich ich noch nicht schul­pflich­tig war, mit­zu­neh­men pfleg­te. Zu­meist be­such­te er die Tho­mas­kir­che, wo er sei­nen be­stimm­ten Platz hat­te, mit­un­ter aber auch die Pau­li­ner­kir­che. Im Som­mer ging ich gern mit, aber im Win­ter! Die Kir­chen wa­ren da­mals noch nicht ge­heizt und wenn man in die­sel­ben ein­trat, glaub­te man in ei­ne Eis­gruft zu kom­men, denn die Win­ter wa­ren da­mals streng und an­hal­tend. Ich setz­te mich sitt­sam ne­ben mei­nen Va­ter und war er­füllt von dem Wun­sche, der kirch­li­chen Hand­lung mit al­ler An­dacht zu fol­gen. Aber bald fin­gen mei­ne Ze­hen, die in der frei­en Luft bau­mel­ten, da mei­ne Bei­ne noch nicht bis auf den Fuß­bo­den her­un­ter­reich­ten, gar jäm­mer­lich zu frie­ren an, ei­ne im­mer schär­fer wer­den­de Käl­te durch­zit­ter­te mei­nen Kör­per, und vor­bei war es nun mit je­der An­dacht. Die Kir­chen­lie­der summ­te ich — ich konn­te sie ja nicht aus­wen­dig und des Le­sens war ich noch un­kun­dig — nach der Me­lo­die noch mit und lenk­te da­durch mei­ne Auf­merk­sam­keit von der im­mer grim­mi­ger wer­den­den Käl­te ei­ni­ger­ma­ßen ab, aber wenn dann der Pas­tor auf der Kan­zel er­schien und mit sei­ner Pre­digt be­gann, dann war es ganz vor­bei. Ich be­müh­te mich zwar mit mei­nem kind­li­chen Ver­stan­de ei­nen Zu­sam­men­hang der Wor­te, die von der Kan­zel ge­spro­chen wur­den, zu fin­den, die Käl­te über­mann­te aber bald die­se Be­mü­hung und ich er­gab mich rest­los nur den Ge­dan­ken an die gro­ße Käl­te, die mich pei­nig­te und die mich zum Er­star­ren zu brin­gen droh­te. Da­zu war es da­mals bei den Pre­di­gern Brauch, daß sie je­des Wort ih­rer Pre­digt nur sehr lang­sam und sal­bungs­voll her­vor­brach­ten und daß kei­ne Pre­digt un­ter ei­ner Stun­de lang sein durf­te. Mit Schre­cken den­ke ich noch jetzt dar­an, wel­che Qua­len in Käl­te und töd­li­cher Lan­ge­wei­le ich da­mals aus­ge­stan­den ha­be. Um mich ein we­nig ab­zu­len­ken und zu zer­streu­en, be­ob­ach­te­te ich die Fort­schrit­te der Son­nen­strah­len, die durch die Kir­chen­fens­ter fie­len. Ich hat­te da ei­nen Punkt an der Wand, wenn den die Son­nen­strah­len er­reich­ten, so wuß­te ich, daß der Schluß der Pre­digt nun­mehr un­mit­tel­bar fol­gen wer­de. Sel­ten irr­te ich mich dar­in und wie war ich dann froh, wenn nach dem Schluß­ge­sang wir die Kir­che wie­der ver­lie­ßen. Ich konn­te es kaum er­war­ten bis wir in un­se­rer Woh­nung wie­der an­ge­kom­men wa­ren und ich mich nun wie­der er­wär­men konn­te. Aber so qual­voll für mich der Auf­ent­halt in der Kir­che ge­we­sen sein moch­te — es schien mir doch, als wenn an sol­chen Kir­chen­ta­gen die Son­ne viel hel­ler und freund­li­cher schei­ne als an sons­ti­gen Ta­gen.

Die Kri­no­li­ne ge­hör­te trotz al­ler Schimp­fe­rei über sie noch im­mer zu dem un­ent­behr­li­chen In­ven­tar ei­ner Da­men­gar­de­ro­be. Mein Gott, wel­che Di­men­sio­nen nah­men zu­wei­len die­se Kri­no­ li­nen an! Ihr Ge­brauch er­for­der­te das Tra­gen von lan­gen Da­men­bein­k­lei­dern, die na­tür­lich so zier­lich wie mög­lich her­ge­stellt und un­ten mit ei­ner hüb­schen Spit­ze ver­se­hen sein muß­ten. Die gan­ze Da­men­mo­de der da­ma­li­gen Zeit rich­te­te sich nach dem Bei­spiel von Pa­ris, wo die ju­gend­schö­ne Kai­se­rin Eu­ge­nie den Ton an­gab. Ue­ber­haupt war aus den na­po­leo­ni­schen Krie­gen noch viel Fran­zö­se­lei üb­rig­ge­blie­ben und die Frau­en und Mäd­chen lie­ßen sich nur mit „Ma­da­me“ und „De­moi­sel­le“ an­re­den.

An­fang der sech­zi­ger Jah­re wa­ren auch in­di­sche, zu­meist frei­lich imi­tier­te Ka­sche­mir-Schals in gel­ber, röt­li­cher und blau­er ver­schnör­kel­ter Far­ben­füh­rung auf schwar­zem Grun­de Mo­de. Fast je­de Frau muß­te ei­nen sol­chen ha­ben und der ar­me Mann moch­te se­hen, wo­her er das Geld da­zu nahm. Män­ner und Kna­ben aber tru­gen Ga­ri­bal­di-Hü­te (wei­che Filz­hü­te, einst, 1849, He­cker-Hü­te — nach dem ba­di­schen Frei­scha­ren­füh­rer — ge­nannt) und Ga­ri­bal­di-Män­tel (Ha­ve­locks). Man hat­te die­sen Klei­dungs­stü­cken den Na­men des viel be­wun­der­ten Ge­ne­rals Ga­ri­bal­di bei­ge­legt, der da­mals den küh­nen Zug nach Mar­sa­la aus­ge­führt und, von bei­spiel­lo­sem Glück be­güns­tigt, das Kö­nig­reich bei­der Si­zi­li­en für den Kö­nig Vik­tor Ema­nu­el er­obert hat­te, Man­tel wie Hut wur­den des­halb mit be­son­de­rem Stolz ge­tra­gen.

Das Jahr 1859 brach­te zu­nächst ein Er­eig­nis, des­sen sich je­der Ein­woh­ner rest­los freu­te. Es wur­de da näm­lich der Bei­trag zur Kriegs­schul­den­til­gung aus den na­po­leo­ni­schen Krie­gen zum letz­ten Ma­le ein­ge­ho­ben. Die durch all die lan­gen Jah­re sehr drüc­ken­de Kriegs­last — von 1806 bis 1813 hat­ten die Fran­zo­sen von Leip­zig al­lein über 15 Mil­lio­nen Ta­ler ba­res Geld er­preßt — war da­mit aus der Welt ge­schafft.

Am letz­ten Sonn­tag der Os­ter­mes­se 1859, am 22 Mai, hat­te der Ae­ro­naut Ju­li­us W. Mo­y­el ei­nen Auf­stieg sei­nes „Sei­den-Luft­bal­lons“ vom Gar­ten des Schüt­zen­hau­ses aus an­ge­zeigt. Ei­ne un­ge­heue­re Men­schen­men­ge ström­te in das Schüt­zen­haus, um die­ses sel­te­ne Schau­spiel sich an­zu­se­hen. Da mei­ne El­tern mit uns Kin­dern in dem Schüt­zen­hau­se selbst kei­nen Platz mehr fin­den konn­ten, stell­ten wir uns auf dem Schne­cken­ber­ge auf, von wel­cher er­höh­ten La­ge wir den Auf­stieg eben­falls be­ob­ach­ten konn­ten. Nicht lan­ge nach der hier­für fest­ge­setz­ten Zeit er­hob sich denn auch aus den um das Schüt­zen­haus her­um­ste­hen­den Häu­sern der Bal­lon. Gra­vi­tä­tisch stieg er un­ter dem Ju­bel vie­ler Tau­sen­der in die Hö­he und nahm dann sei­nen Weg über das Post­ge­bäu­de der Stadt zu. Da sa­hen wir ihn aber auch schon fal­len und zwar ganz ra­pid. Der „Sei­den-Luft­bal­lon“ war eben nicht ganz dicht ge­we­sen und das Gas ent­wich ihm mit gro­ßer Schnel­lig­keit. Der Bal­lon senk­te sich auf die zahl­rei­chen auf dem Au­gus­tus­plat­ze ste­hen­den Lei­ne­wand-, Spit­zen- und Gar­di­nen­bu­den her­ab und man sah den Luft­schif­fer die ver­zwei­fels­ten An­stren­gun­gen ma­chen, um über die­sel­ben noch hin­weg­zu­kom­men. Al­les, was ihm im Bal­lon zur Hand war, warf er hin­aus, um den­sel­ben zu er­leich­tern. Zu­letzt aber streif­te sei­ne Gon­del doch schon die Dä­cher der Bu­den und da zog er schnell ent­schlos­sen sei­nen Rock aus, den er un­ter das Pu­bli­kum schleu­der­te. Da­durch kam er noch eben über die letz­te Bu­den­rei­he hin­weg, dann aber fand sei­ne Luft­rei­se auf dem We­ge zwi­schen den Bu­den und der Pau­li­ner­kir­che ne­ben Ca­fe Fel­sche ein un­rühm­li­ches En­de. Mo­y­el ist dann nicht wie­der in Leip­zig auf­ge­stie­gen, da er sei­tens des Ra­tes die Ge­neh­mi­gung da­zu nicht mehr er­hielt.

An die­sem Ta­ge tra­fen üb­ri­gens auf dem Dresd­ner Bahn­ho­fe die ers­ten der 63 Ex­tra­zü­ge ein, mit wel­chen das in Nord­böh­men ste­hen­de Korps des Feld­mar­schall-Leut­nants Clam Gal­las über Leip­zig und Mün­chen nach dem Kriegs­schau­plat­ze in Nord­ita­li­en be­för­dert wer­den soll­te. Die nach Ita­li­en füh­ren­den ös­ter­rei­chi­schen Ei­sen­bah­nen wa­ren mit Trup­pen­zü­gen über­las­tet, so daß für das Korps Clam Gal­las die­ser Um­weg ge­wählt wer­den muß­te. Das Korps be­stand aus 35000 Mann und die ers­ten Zü­ge ent­hiel­ten un­ga­ri­sche Hu­sa­ren, Kai­ser-Dra­go­ner und Küras­sie­re. Wäh­rend des Trup­pen­durch­zugs war der Dresd­ner Bahn­hof für das Pu­bli­kum ge­sperrt, doch er­hiel­ten die Trup­pen Zi­gar­ren, Ta­bak, Un­gar­wein, Scho­ko­la­de, Bier und man­che an­de­re dank­bar ent­ ge­gen­ge­nom­me­ne Ga­be, die durch frei­wil­li­ge Spen­den der Leip­zi­ger Bür­ger­schaft zu­sam­men ge­kom­men wa­ren.

Die Stu­den­ten nah­men den Durch­zug der ös­ter­rei­chi­schen Trup­pen zum An­laß, um ih­re An­ti­pa­thie ge­gen Frank­reich zum Aus­druck zu brin­gen. Sie stell­ten ei­nen ih­rer Kom­mi­li­to­nen, der Na­po­le­on III. sehr ähn­lich sah, in fran­zö­si­scher Uni­form auf ei­nen Lei­ter­wa­gen und ver­an­stal­te­ten da­mit ei­nen gro­ßen Um­zug durch die Stadt, wo­bei es an wit­zi­gen Ver­höh­nun­gen der „grr­ran­de na­ti­on“ nicht fehl­te. Der fran­zö­si­sche Kon­sul nahm dies aber sehr krumm und stell­te hin­ter­her ei­nen An­trag auf Be­stra­fung der Ue­bel­tä­ter.

We­ni­ge Ta­ge spä­ter, am 28. Mai, hielt Prinz Ge­org, der zwei­te Sohn des Kö­nigs Jo­hann, sei­nen fei­er­li­chen Ein- oder viel­mehr Durch­zug durch Leip­zig. Er kam aus Lis­sa­bon, wo er sich ei­ne ju­gend­schö­ne Gat­tin, Don­na Ma­ria In­fan­tin von Por­tu­gal, ge­holt hat­te. Er traf vor­mit­tags auf dem Thü­rin­ger Bahn­hof ein und fuhr mit sei­nem Ge­fol­ge die kur­ze Stre­cke an Tschar­manns Haus und den da­ne­ben be­find­li­chen fis­ka­li­schen Ge­bäu­den vor­über nach dem Dresd­ner Bahn­hof, denn schon nach­mit­tags soll­te der fei­er­li­che Ein­zug in die Re­si­denz­stadt Dres­den statt­fin­den. Den gan­zen Weg bil­de­ten die Be­hör­den, das Mi­li­tär und die Kom­mu­nal­gar­de Spa­lier. Wir sa­hen uns von Tschar­manns Hau­se den Vor­bei­zug mit an, den wir in­fol­ge­des­sen recht gut se­hen konn­ten. Wir fan­den die jun­ge Frau ganz lieb­rei­zend und ju­bel­ten ihrzu.Prinz Ge­org mach­te je­doch ein recht gries­grä­mi­ges Ge­sicht. Es hieß, daß er bei der fei­er­li­chen Be­grü­ßung auf dem Thü­rin­ger Bahn­hof durch die Spit­zen der Be­hör­den der Eti­ket­te zu­wi­der sei­nen Zwei­spitz nicht ge­lüf­tet ha­be und die­se Un­höf­lich­keit ha­be ihm hin­ter­her viel Aer­ger be­rei­tet. Prinz Ge­org war das Jahr zu­vor zwei­mal zur Braut­ schau in Lis­sa­bon ge­we­sen, das ers­te­mal von sei­nem Va­ter, Kö­nig Jo­hann, bis Leip­zig be­glei­tet.

Man setz­te gro­ße Hoff­nun­gen auf die­se jun­ge Ehe. Denn seit Jahr­zehn­ten war dem Kö­nig­li­chen Hau­se kein Prinz ge­bo­ren wor­den und auch die am 18. Ju­ni 1853 vom Kron­prin­zen Al­bert mit Ca­ro­li­ne von Wa­sa ge­schlos­se­ne Ehe schien trotz wie­der­hol­ter Ku­ren der Kron­prin­zes­sin in Bad Kis­sin­gen kin­der­los blei­ben zu wol­len.

Ei­ne mei­ner le­ben­digs­ten Er­in­ne­run­gen aus je­ner Zeit ist die Fei­er des hun­dert­jäh­ri­gen Ge­burts­ta­ges Fried­rich Schil­lers am 10. No­vem­ber 1859. Die Stadt Leip­zig, die ja mit dem Le­ben und Wir­ken Schil­lers in­nig ver­bun­den ist, fei­er­te die­sen Tag in ganz be­son­ders fest­li­cher Wei­se. Schon am Ta­ge vor­her fand ei­ne Vor­fei­er im Thea­ter mit ei­nem von Theo­dor Apel ge­dich­te­ten Fest­spiel „Dich­ters Lie­be und Hei­mat“ statt. Am Fest­ta­ge selbst, ei­nem schö­nen Herbst­ta­ge, wur­den vor­mit­tags Schul­fei­ern und ei­ne Mu­sik­auf­füh­rung auf dem reich ge­schmück­ten Bal­kon des Rat­hau­ses ab­ge­hal­ten. Das Haupt­in­ter­es­se nahm aber der gro­ße Fest­zug in An­spruch, der sich mit­tags durch die mit Fah­nen, Tep­pi­chen und Gir­lan­den auf das präch­tigs­te ge­schmück­ten Stra­ßen der Stadt be­weg­te. Es nah­men an dem­sel­ben die Be­hör­den, die Ge­lehr­ten und Künst­ler, die Kauf­leu­te und Buch­händ­ler, die Stu­den­ten, so­wie die In­nun­gen teil, meis­tens in der Tracht, wie sie zur Zeit von Schil­lers Ge­burt ge­tra­gen wor­den war. Hier­bei er­schie­nen die Buch­dru­cker mit ei­nem gro­ßen Wa­gen, auf dem Gieß­ma­schi­ne Setz­kas­ten und Druck­pres­se auf­ge­stellt wa­ren. Auf der letz­te­ren wur­de wäh­rend des Um­zu­ges die aus An­laß des Fes­tes von Li­vi­us Fürst ge­dich­te­te Ju­bel­hym­ne ge­druckt, von der aber vor­her schon ei­ne gro­ße An­zahl Ex­em­pla­re auf dem Wa­gen auf­ge­sta­pelt wa­ren. Die­se Ju­bel­hym­ne wur­de von dem Wa­gen her­ab mit vol­len Hän­den un­ter das Pu­bli­kum ver­teilt. Die Bä­cker er­schie­nen mit ei­nem Back­ofen auf ei­nem Wa­gen und bu­ken Bre­zeln, die sie eben­falls ver­teil­ten, und die Schlos­ser schmie­de­ten Schlüs­sel, die sie un­ter das Pu­bli­kum war­fen, wo­bei wohl man­cher ei­ne Beu­le da­von ge­tra­gen ha­ben mag. Be­son­de­ren Bei­fall fand der gro­ße Fest­wa­gen des Fest­ko­mi­tees, der in­mit­ten von Pal­men und Blu­men Schil­lers Büs­te zeig­te, um­ge­ben von weiß­ge­klei­de­ten Jung­frau­en, die Blu­men un­ter das Pu­bli­kum streu­ten. Fast un­un­ter­bro­chen hör­te man hier­bei von den Zug­teil­neh­mern wie von dem Pu­bli­kum das Lied „Freu­de, schö­ner Göt­ter­fun­ken“ sin­gen. Der Fest­zug en­de­te auf dem Markt­plat­ze, wo ge­gen­über dem Rat­haus ei­ne Ko­loss­al­büs­te Schil­lers auf­ge­stellt wor­den war. Abends wur­de im Thea­ter nach ei­nem Pro­log von Her­mann Marggraff „Die Braut von Mes­si­na“ ge­ge­ben, wor­auf noch ein Fa­ckel­zug der Stu­den­ten statt­fand.

Am fol­gen­den Ta­ge, dem Tauf­ta­ge Schil­lers, fand noch ei­ne be­son­de­re Fei­er im Ge­wand­haus statt, wo­bei nach vor­her­ge­gan­ ge­nen und dar­auf­fol­gen­den, dem Ta­ge an­ge­paß­ten Mu­sik­stü­cken Dr. Ru­dolf Gott­schall, der zu der Fei­er aus Bres­lau nach Leip­zig ge­kom­men war, die Fest­re­de hielt.

Wir hat­ten uns den Fest­zug aus den Fens­tern der mit mei­nen El­tern be­freun­de­ten Fa­mi­lie Rös­si­ger in der Pe­ters­stra­ße an­ge­se­hen, da sich der Zug durch die­se Stra­ße be­weg­te. Frau Rös­si­ger, die aus Ge­ra stamm­te, ei­ne statt­li­che gro­ße Da­me, war der letz­te Nach­kömm­ling der Fa­mi­lie von Tril­ler, de­ren Ur­ah­ne je­ner Köh­ler ge­we­sen, der im Jah­re 1455 den ge­raub­ten Prin­zen Al­brecht be­freit und Kunz von Kau­fun­gen ge­fan­gen ge­nom­men hat­te. Der Köh­ler, wel­cher ur­sprüng­lich Schmidt hieß, wur­de vom Va­ter des Prin­zen, Kur­fürst Fried­rich dem Sanft­mü­ti­gen, mit ei­nem Frei­gu­te be­lohnt und un­ter dem Na­men von Tril­ler ge­adelt, da er mit ei­ner Köh­ler­stan­ge („Tril­ler“ ge­nannt) den Räu­ber vor des­sen Ge­fan­gen­nah­me ge­hö­rig „ge­tril­lert“ hat­te. Frau Rös­si­ger, mit der ich spä­ter noch viel ver­kehr­te, starb in den acht­zi­ger Jah­ren und mit ihr er­losch die Fa­mi­lie des al­ten Prin­zen­be­frei­ers, da ih­re Kin­der noch in ju­gend­li­chem Al­ter ihr im To­de vor­aus­ge­gan­gen wa­ren.

Der Weih­nachts­markt, der sich acht Ta­ge vor dem Christ­fest auf dem Markt­platz auf­tat, er­weck­te in uns Kin­dern stets ei­ne sich oft recht stür­misch be­kun­den­deVor­freu­de für das er­sehn­te Fest. Schon der 12. De­zem­ber, der schul­frei war, da dies der Ge­burts­tag des Kö­nigs Jo­hann war, wur­de von uns als Ein­lei­tung zum Weih­nachts­fest be­trach­tet. Da zo­gen wir nach dem Au­gus­tus­platz, wo Christ­bäu­me zum Ver­kauf auf­ge­stellt wa­ren, um uns an dem An­blick der­sel­ben zu er­göt­zen, und ver­folg­ten auf dem Markt­platz mit kri­ti­schen Au­gen den Auf­bau der Bu­den für den Christ­markt. War der­sel­be er­öff­net, so be­nutz­ten wir je­de freie Mi­nu­te, um ihn zu be­su­chen. Wel­che Herr­lich­kei­ten gab es aber auch da nicht zu schau­en! Von Bu­de zu Bu­de gin­gen wir und be­trach­te­ten be­gehr­li­chen Au­ges die aus­ge­stell­ten Kost­bar­kei­ten, wor­un­ter die zahl­reich vor­han­de­nen, aus ge­trock­ne­ten Pflau­men her­ge­stell­ten Feu­er­rü­pel (Schorn­stein­fe­ger) zwar sehr ver­gnüg­lich, aber doch die ge­rin­ge­ren wa­ren. Man­cher Wunsch stieg da auf und wur­de auf dem Wunsch­zet­tel nie­der­ge­schrie­ben, den wir un­se­ren El­tern für das Christ­kind­chen heim­lich zu­scho­ben. Vie­les da­von fand dann Er­fül­lung, man­ches frei­lich auch nicht, aber wir wa­ren doch stets be­glückt und zu­frie­den mit dem, was uns der hei­li­ge Christ be­scher­te.

Ei­nen be­son­de­ren An­zie­hungs­punkt in denTa­gen vor Weih­nach­ten bil­de­te der gro­ße Weih­nachts­ba­zar, der in den Sä­len des Ho­tel de Po­lo­gne ab­ge­hal­ten wur­de. Zwei mäch­tig gro­ße Weih­nachts­män­ner stan­den rechts und links von dem Ein­gan­ge zu den Sä­len in der Hain­stra­ße und ih­re in den Ar­men ge­hal­te­nen, mit un­zäh­li­gen klei­nen Gas­lich­tern ver­se­he­nen eta­gen­ho­hen Christ­bäu­me ver­brei­te­ten in den Abend­stun­den ei­nen weit­hin leuch­ten­den Schein, von dem fast die gan­ze Stra­ße pro­fi­tier­te. Ein Be­such die­ses Ba­zars, na­ment­lich abends, wo ei­ne Ka­pel­le kon­zer­tier­te, de­ren Klän­gen man in ei­nem Er­fri­schungs­raum be­hag­lich lau­schen konn­te, war stets ein Fest für uns Kin­der. Da konn­ten wir in bun­ter Rei­hen­fol­ge noch ganz an­de­re schö­ne Din­ge be­wun­dern wie auf dem Christ­markt, denn wäh­rend auf dem letz­te­ren nur die Markt­lie­fe­ran­ten und klei­nen Händ­ler ih­re Wa­re feil­hiel­ten, hat­ten in dem Ba­zar die bes­se­ren Kauf­leu­te aus­ge­stellt und es wa­ren des­halb hier auch die präch­ti­ge­ren und kost­spie­li­ge­ren Ge­gen­stän­de zu se­hen. Stun­den­lang gab es da al­ler­lei Neu­es und Schö­nes zu be­wun­dern, bis wir dann an ei­nem klei­nen Spring­brun­nen, der mit ech­ter Eau de Co­lo­gne ge­speist wur­de, ei­nen län­ge­ren Halt mach­ten, um uns an dem Duf­te die­ses köst­li­chen Was­sers zu la­ben. Die­ser Weih­nachts­ba­zar, der sich in ganz Leip­zig ei­ner gro­ßen Po­pu­la­ri­tät er­freu­te, wur­de all­jähr­lich von dem „Ba­zar­ver­ein“ ar­ran­giert und sein Ue­ber­schuß kam den Ar­men zu­gu­te. Aus un­be­kannt ge­blie­be­nen Grün­den lös­te sich der so­lan­ge se­gens­reich wir­ken­de Ver­ein im April 1870 auf.

 

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