5. Es stinkt

Organisatorisch fiel die Kläranlage in Ohlsens Zuständigkeitsbereich. Und bevor ich in seinem Büro aufkreuzte und ihm den Bescheid des Wasseramts präsentierte, schien ihn das nicht übermäßig belastet zu haben.

«Na, wie gefällt Ihnen das?» grinste ich böse.

Er griff nach dem Papier und überflog es. Es gefiel ihm ganz offensichtlich nicht, er machte ein Gesicht, als ob ich ihm auf den Tisch gekotzt hätte.

Ich fragte: «Warum lieben uns die Wassermänner nicht, können Sie mir das sagen?»

Nervös wendete er den Bescheid hin und her. «Nun ja, unsere Kläranlage ist nicht mehr die jüngste. Vielleicht hätten wir schon früher etwas dagegen unternehmen sollen. . .»

«Wir reden hier nicht von der Anlage, sondern von der schlechten Meinung, die die Wasserfritzen von uns haben,» unterbrach ich ihn.

«Bisher hatten wir da eigentlich nie Probleme.»

«Na, na,» knurrte ich.

«Ähm, wenigstens nie was wirklich Ernstes. Vielleicht mal eine kleine Beanstandung hier und da. Aber das konnte man alles mit einem Telefonat aus der Welt schaffen. Kleiner Dienstweg, wenn Sie wissen, was ich meine, hähä.»

Höchstwahrscheinlich hatte ich schon sehr viel mehr kleine Dienstwege benutzt als ihm überhaupt bekannt waren. Ich pochte auf den Schrieb. «Und das hier, können Sie das auch mit einem Telefonat aus der Welt schaffen?»

Er kratzte sich am Kopf, hüstelte und machte noch einige weitere Gesten der Ratlosigkeit. «Ähm, äh, ich fürchte, nein.»

Ich runzelte die Stirn. «Andere Vorschläge?»

«Hm, wir könnten eine Fristverlängerung beantragen.»

«Wozu?»

«Um mit den Bauarbeiten am neuen Nachklärbecken fertig zu werden. Schließlich haben wir mit dem Ausbau der Anlage ja schon angefangen.»

«Sie haben WAS?!»

«Na ja, als die Auflage da war, haben wir natürlich sofort geschaltet und die Erweiterung in Angriff genommen.»

Vor meinem geistigen Auge sah ich, wie jemand mit vollen Händen Geld in eine Kloschüssel schaufelte und runterspülte, runterspülte, immer wieder runterspülte. . . Es war Geld von Maddox — eine schreckliche Vision. Geladen erkundigte ich mich: «Und wieviel Zaster haben Sie da schon reingebuttert?»

«Zaster? Reingebuttert? Äh, keinen Cent, soviel ich weiß. Die Baufirma machte nämlich schon während der Erdarbeiten Pleite.»

«Da haben Sie aber noch mal verdammtes Schwein gehabt.»

«Ich verstehe nicht.»

«Ist Ihnen eigentlich schon mal die Idee gekommen, dass es erheblich viel billiger sein könnte, irgendwelche verdammten Bußgelder zu bezahlen, anstatt Millionen für irgendwelche neuen Klärmätzchen zu verplempern?»

«Damit würden wir beim Wasseramt nie durchkommen. Die wollen eine neue Kläranlage sehen, und sie werden nicht lockerlassen, bis die Auflage erfüllt ist.»

«Schon möglich, aber das ist noch lange kein Grund, gleich große Löcher in die schöne Landschaft zu buddeln.»

«Ich weiß zwar nicht, worauf Sie hinauswollen,» erklärte er pikiert. «Aber ich weiß, dass die im Wasseramt am längeren Hebel sitzen. Und sie sind in der letzten Zeit ziemlich reizbar, sie haben die öffentliche Meinung im Nacken, und die Leute wollen Fakten sehen.»

«Welche Leute wollen Fakten sehen?»

«Alle. Der Mann auf der Straße, wenn Sie so wollen. Umweltschutz ist in.» Entspannt lehnte er sich zurück und schenkte mir ein weltmännisches Lächeln. «Mit anderen Worten, es geht um Politik.»

Ich zog eine Augenbraue hoch. «Angst vor Politik?»

Sein dämliches Grinsen verschwand. «Nun, das nicht gerade, aber was will man dagegen machen?»

«Man könnte zum Beispiel selber ein bisschen politisch werden.»

Das war offensichtlich zu viel verlangt. Sein Gesicht zeigte mir, dass er sich darunter überhaupt nichts vorstellen konnte. Sehr wahrscheinlich war die Vogel-Strauß-Politik als Krisenmanagement das einzig Politische, das ihm geläufig war. Er blinzelte mich verständnislos an. «Wie meinen Sie das?»

«Muss ich Ihnen das wirklich erklären?»

«Ich bin Techniker, von Politik verstehe ich nichts.»

«Nicht so bescheiden, immerhin sind Sie Chef von Hunderten von Leuten.»

Er rieb sich den Nacken. «Tut mir leid, ich konzentriere mich voll auf meinen Job, aus der Politik habe ich mich immer rausgehalten.»

Langsam wurde mir klar, warum dieser Laden so tief im Schlamassel steckte. Und ich wunderte mich nur noch, dass das Debakel nicht schon viel früher eingetreten war. Stocksauer pochte ich auf den Wisch vom Wasseramt und röhrte: «Wenn Sie sich nicht so fein aus der Politik herausgehalten hätten, wäre das hier wahrscheinlich nie passiert!»

Er hörte mit seiner Nackenmassage auf, ließ die Hand sinken und glotzte auf das Papier und hatte nicht die leiseste Ahnung, wovon ich sprach. Ich hieb mit der flachen Hand auf den Schrieb, knüllte ihn zusammen und verstaute ihn formlos in der Hosentasche. «Ich denke, wir sollten mal ’nen Blick auf das Problem werfen.»

«Meinen Sie die Kläranlage?» erkundigte er sich verwirrt.

«Haben Sie etwa noch andere Probleme?»

Wir marschierten los. Und während wir durchs Werk gingen, zeigte Ohlsen mir dies und das und gab Erklärungen. Ich ließ ihn quatschen, rauchte meine Havanna und dachte darüber nach, wie man in einem Kaff wie diesem wohl das Wochenende überstand und ob ich vielleicht nach Hamburg fahren musste, um mich richtig zu amüsieren.

Wir kamen an einer Menge riesiger Hallen vorbei und an allen möglichen anderen Gebäuden. Nach ungefähr einer Viertelstunde erreichten wir die Kläranlage. Sie befand sich im äußersten Winkel des Werksgeländes schon halb in den Marschen draußen und war eine ziemlich heruntergekommene Angelegenheit. Es gab ein paar Bassins im Swimmingpoolformat, ein großes rundes Becken ganz hinten und dazwischen verstreut eine Handvoll geschäftig summender und ratternder Häuschen mit den Fangrechen, Pumpen, Schiebern und was ich nicht noch alles. Der Beton der Beckenränder bröckelte, hier und da schaute schon der Monierstahl heraus, und alles, was rosten konnte, rostete auch.

Weil Ohlsen unbedingt zu einer Bretterbude am Werkszaun hin wollte, mussten wir da mittendurch.. Es rauschte und blubberte und stank zum Himmel. Der Weg, auf dem wir gingen, brachte uns mit seinen wackligen, verworfenen Platten ein paar mal ganz schön ins Stolpern. Ich blickte mich nach allen Seiten um, konnte aber in der ganzen Anlage absolut nichts entdecken, was nicht mindestens zwanzig Jahre auf dem Buckel hatte. Immerhin: das Gras zwischen den Becken, Rinnen und Budiken war frisch geschnitten.

Die Hütte am Zaun war ein zusammengenagelter Verschlag aus verschiedenen Brettersorten und ein bisschen Dachpappe und besaß eine Tür, die im Wind hin und her knarrte, und ein Fenster mit blinden Scheiben. Unter dem Fenster war ein grasverklebter Rasenmäher abgestellt.

Ohlsen stieß die knarrende Tür ganz auf und für einen Moment wurde der stechende Gestank aus den Klärbecken überlagert von einem ziemlich strengen Geruch nach dem Qualm billige Zigarren, heißem Milchkaffee und Zweitaktmischung. Ohlsen redete mit jemandem im Inneren der Bude. Ich hörte eine Zeitung rascheln. Ein Stuhl rückte. Ein Mann in einem verschossenen, schlotternden Overall schob sich in die Türöffnung. Auf dem knochigen Schädel trug er einen arg mitgenommenen Filzhut ohne irgendeine bestimmte Form. Sein gegerbtes Ledergesicht war mindestens hundert Jahre alt, und im Mundwinkel stak ein kalter, geborstener Zigarrenstummel, der aussah wie angeboren. Er blinzelte von Ohlsen zu mir und wieder zurück und bekundete ungefähr soviel Freude wie eine Katze, die man beim Mausen stört. Sein Name war Jepsen, und er war der Mann, der das Ganze hier unter sich hatte. Ohlsen schilderte ihm die Situation in eindringlichen Worten, und er hörte es sich schweigend und ohne jede Gemütsbewegung an. Und als Ohlsen mit seinem dramatischen kleinen Vortrag fertig war, hatte er nicht viel dazu zu sagen. Sein einziger Kommentar bestand in einem kurzen, grimmigen Grunzen, das so gut wie alles bedeuten konnte. Offenbar störte es ihn überhaupt nicht, dass es Leute gab, die sein kleines Reich für eine ausgemachte Schweinerei hielten, und dass das die Firma unter Umständen einen Haufen Geld kosten konnte.

Ohlsen war ratlos.

Mit zwei Fingern fischte ich eine Havanna aus der äußeren Brusttasche meines Sakkos und hielt sie Jepsen hin. «Zigarre?»

Er pflückte sich den kalten Stummel aus dem Mund, nahm respektvoll die Havanna entgegen, überprüfte fachmännisch Bukett und Wicklung, nickt anerkennend und verstaute sie sorgsam zwischen rechtem Ohr und Hutkrempe. Danach brachte er den abgebrannten Stummel wieder an seinem Stammplatz an und war zufrieden und sah keinen Anlass zu weiteren Äußerungen.

Ich machte eine unbestimmte Handbewegung über die Becken hinweg. «Ziemlich harter Job, was?»

«Geht so.»

Es war wirklich nicht leicht, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Ich fragte: «Wo ziehn die Jungs vom Wasseramt eigentlich ihre Proben?»

Er streifte mich mit einem Seitenblick voller unguter Ahnungen. «Können Sie Blut sehen?»

«Wieso?» fragte ich hölzern zurück. «Wollen Sie mir eine Leiche zeigen?»

«Nee. Aber wennse wissen wollen, wo die Wasserfritzen ihr Beweismaterial her haben, werdense gute Nerven brauchen.»

«Keine Sorge, ich kann was vertragen, manchmal gucke ich mir im Fernsehen sogar die Werbung an,» verriet ich ihm.

Er starrte mich hart an. Und als er lange genug gestarrt hatte, nickte er langsam und knurrte: «Na schön, Sie haben es so gewollt.»

Er setzte sich in Bewegung. Ohlsen und ich folgten ihm, ums Nachklärbecken herum, an einer flachen Abflussrinne entlang bis zu einem Stauwehr. Dort versammelten wir uns. Durch die Abflussrinne schob sich bleigraues, stinkendes Wasser heran, strömte ölig über das Wehr und verschwand mit gedämpftem Gurgeln unter einem bizarren Gebirge aus schmutzigem zähen Schaum. Nach einigen Metern kam es wieder zum Vorschein und zog träge zu einem Kanal hin ab, der auf der anderen Seite des Werkszauns vorüberfloss. Eine leichte Brise von den Deichen her zupfte Flocken aus dem Schaumgebirge, spielte ein bisschen mit ihnen herum und trieb sie dann über braches Land davon.

Jepsen setzte einen gewichtigen Fuß auf den Wehrpfeiler, schubste sich seine Filzbeule ins Genick und verkündete: «So, da wären wir. — Ganz normaler Tag heute. Sollten mal herkommen, wenn die vorne die Tanks und Leitungen durchspülen.»

«Ist das der einzige Messpunkt?»

Er sah mich grimmig an. «Reicht Ihnen das vielleicht noch nicht?»

«Die Frage ist, ob es den Wassermännern reicht,» lächelte ich.

Er grunzte. «Denen reicht’s, darauf können Sie Gift nehmen. Ich will verdammt sein, wenn es zwischen Usedom und Emden ein dreckigeres Loch gibt als dieses hier. Für Leute, die gerne im Trüben fischen, ist das ’n gefundenes Fressen.» Gekonnt spuckte er aus dem freien Mundwinkel in den Schaum hinunter.

Vermutlich hatte er Recht. Dieser fette Brocken reichte auch für den größten Hunger. An so einer Kloake mussten die Wassermänner ungefähr so viel Freude haben wie Polypen an einem Bleifuß, der ihnen in der geschlossenen Ortschaft mit hundertachtzig Sachen ins Netz ging. Ich ließ den Blick ein wenig schweifen. «Mit der netten kleinen Anlage hier ist nicht mehr viel los, was?»

Er gab einen verächtlichen Laut von sich, der anscheinend so etwas wie Zustimmung bedeuten sollte.

«Öfter mal Betriebsstörungen?» bohrte ich.

«Öfter ist gar kein Ausdruck,» grummelte er.

«Und was machen Sie, wenn Sie gerade mal wieder eine haben?»

«Dann machen wir alle Schieber auf, und die Brühe geht hinten genauso raus wie sie vorne reingekommen ist.»

«Schön. Aber mal angenommen, das ist aus irgendeinem Grund nicht möglich, zum Beispiel weil ein Schieber klemmt. . .»

Er drehte den Kopf und schaute mit zusammengekniffenen Augen zu den weidenden Kühen auf der anderen Seite des Kanals hinüber und nagte nachdenklich an seinem Zigarrenstummel herum. «Hm, da wäre die Kacke aber ganz schön am Dampfen. Eigentlich könnte man dann nur die ganze Scheiße einfach überlaufen lassen, oder man müsste so eine Art Umleitung haben. . .» Er schoss aus den Augenwinkeln einen schnellen, prüfenden Blick zu mir herüber und versuchte sich zu vergewissern, ob er richtig lag.

Durch eine dicke Wolke Havannarauch hindurch sagte ich: «Ja-ah?»

«. . . ’ne Möglichkeit,» fuhr er vorsichtig fort, «wie man den Dreck an der Anlage vorbeischleusen könnte — und an den Wasserfritzen mit ihren Messbechern.» Er beendete den Satz mit einem kumpelhaften Augenzwinkern.

Ich starrte ihn an. «’ne Idee, ob’s so ’ne Möglichkeit gibt?»

«Gab’s mal, bis vor ein paar Jahren. Ein Direktanschluss an die städtische Kanalisation. War ’n diskreter Hinterausgang für besonders lausige Fälle. Aber den Jungs von den Stadtwerken wurde das dann doch zu viel, und sie betonierten uns das Rohr zu. Seitdem muss alles hier durch, auch die lausigen Fälle.

«Haben wir eigentlich eine Sondereinleitungsgenehmigung?» erkundigte ich mich bei Ohlsen.

Er schenkte mir ein vieldeutiges braungebranntes Lächeln. «Für bestimmte Fälle und innerhalb bestimmter Grenzen, ja.»

Ich knurrte: «Und für wie viele Stoffe haben wir sie nicht?»

«Schwer zu sagen.»

Verstimmt kaute ich auf meiner Havanna herum. «Also für die meisten und sehr wahrscheinlich für die giftigsten.»

«Na ja, Sie sehen ja selbst, unsere Möglichkeiten sind ziemlich beschränkt. Von so einer Anlage darf man keine Wunder mehr erwarten,» erklärte er mit einer seltsam geschäftsmäßigen Schadenfreude.

Ich versicherte ihm, dass ich es mir schon als Sechsjähriger abgewöhnt hatte, Wunder zu erwarten. Darauf hatte er keine Antwort. Und Jepsen wusste auch nichts. Irgendwie waren wir an einem toten Punkt angelangt.

Die angefangene Baugrube für die zusätzliche Klärstufe lag ganz in der Nähe des Stauwehrs und war ein klaffendes großes Loch in einem Stück zerfurchter Wiese. Ich schlenderte hinüber und starrte ein Weilchen hinein. Sie war vollgelaufen mit schlammigem Grundwasser. Von den Rändern rutschte Erde nach. Und in der trüben Brühe trieb ziellos ein angeknackstes Schalbrett umher. Der Aushub war abgefahren worden, und von der Baustelle war nicht viel mehr übrig geblieben als ein bisschen unbrauchbares Bauholz. einige leere Dieselölkanister und die Spuren der Doppelreifen eines Autobaggers. Die Maschinen und das sonstige Material hatte sich ganz offensichtlich schon der Konkursverwalter der Baufirma unter den Nagel gerissen.

Ohlsen trat neben mich, stieß die Hände in die Hosentaschen und versenkte einen gedankenschweren Blick in das abgesoffene Loch. «Tja, das wäre natürlich eine Lösung.»

Ich sah ihn scharf an. «Was wäre eine Lösung?»

Er lächelte verwirrt, und dieses Lächeln war nicht besonders weltmännisch. «Nun ja, äh, ein neues Becken eben. Das ist alles, was die Wasseraufsicht will. Geben wir es ihnen doch einfach, dann haben wir den ganzen Ärger vom Hals.»

«Wenn Sie da schon so genaue Vorstellungen haben, können Sie mir sicher auch sagen, woher der Zaster dafür kommen soll.»

«Sie meinen das Geld?» Sein dämliches Lächeln erstarb.

«Ich nehme ihn an, Ihr hübscher kleiner Plan kostet welches,» sagte ich kalt.

«Na ja, was gibt es schon umsonst? Den Tod vielleicht, und der kostet immerhin noch das Leben.» Er gackerte albern.

Wenn ich etwas nicht leiden kann, sind es Leute, die sich mit Patentlösungen aus dem Fenster hängen bis zum Geht-nicht-mehr und bei der Finanzierungsfrage plötzlich ganz kleinlaut werden und bloß noch saublöde alte Witze anzubieten haben. Ich knurrte: «Sie wissen es also nicht.»

Kein Widerspruch von ihm.

Das liebe Geld ist eben immer ein ganz wunder Punkt. Ich stieß das Messer noch ein bisschen tiefer hinein und drehte es in der Wunde um. «Und Sie haben nicht etwa zufällig noch ein paar hunderttausend Mäuse auf der hohen Kante, extra für solche Fälle. . .?»

Er blinzelte mich an, und an seinem linken Auge zuckte ein Nerv. «Sie wissen verdammt genau, dass ich es nicht habe.»

Ich nahm die Havanna aus dem Mund und betrachtete sie. Viel war nicht mehr dran. Bei diesem ständigen Wind hier oben brannte der Tabak ab wie Zunder. Ich schmiss sie weg und sagte zu Ohlsen: «Was machen wir dann noch viele Worte? Wenn kein Geld für das Becken da ist, gibt es eben auch kein Becken, ist doch logisch oder?»

Er gestikulierte mit beiden Händen, und in seiner Stimme war etwas Beschwörendes. «Aber es ist die einzige technische Möglichkeit, die Grenzwerte halbwegs einzuhalten.»

«Okay,» erwiderte ich sorglos, «dann werden wir eben auf einer anderen Ebene nach einer Lösung suchen müssen.»

Er glotzte mich mit Kuhaugen an. Und es war völlig unnötig, dass er noch murmelte. «Ich verstehe nicht.» Es stand ihm klar und deutlich ins Gesicht geschrieben, dass er nichts verstand. Offenbar ging es ihm nicht in sein Spatzenhirn, dass es Probleme gibt, die man nicht mit dem Rechenschieber lösen kann. Und auf die Gefahr hin, ihn total durcheinander zu bringen, erkundigte ich mich: «Wie lange geht der Zirkus hier eigentlich schon?»

«Zirkus?» echote er.

«Das Theater mit den Wasserkontrollen hier am Vorfluter,» setzte ich ihm sauer auseinander. «Ich will wissen, wie lange das schon so geht, und was vorher war, und warum es nicht mehr so ist, wie es vorher war.»

Präzise Fragen, aber er konnte ganz offensichtlich nicht viel damit anfangen, Ich fixierte ihn und riet ihm eindringlich: «Und erzählen Sie mir nicht, dass das schon ewig so geht. Diese Schnüffelei ist nicht normal, da muss schon eine ganze Menge zusammengekommen sein.»

«Na ja, diese Kontrollen haben wir etwa seit anderthalb Jahren.»

«Und vorher hat Maddox-Color unschuldiges reines Quellwasser abgelassen oder was?»

«Vorher haben wir die Kontrollen in eigener Regie durchgeführt und die Abwasserbelastung selbst ermittelt.»

«Freiwillig?» staunte ich.

«Nicht ganz,» erwiderte er kühl. «Es war eine Bedingung für die Einleitungsgenehmigung.»

Ich grunzte und fasste zusammen: «Bis vor anderthalb Jahren haben sich die Wasserfritzen also mit Ihren selbstgestrickten Abwasserberechnungen abspeisen lassen.»

«Sie hatten vollen Einblick in unsere Wasserbücher.»

«Hm, in diesen Wasserbüchern standen nur nette, angenehme Dinge drin, nehme ich an. . .»

Er zog die Hände aus den Taschen, nahm sie auf den Rücken und blickte trotzig, fast kühn. «Wir haben immer mit offenen Karten gespielt.»

«Wie offen?»

«Ganz offen.»

«Wirklich ganz offen?» bohrte ich. «Gar keine Tricks?»

«Ich weiß nicht, was Sie meinen?»

«Die Grenzwerte beispielsweise,» grinste ich.

«Die Grenzwerte?» Er machte ein Gesicht, als ob er keine Ahnung hätte, was ein Grenzwert ist.

«Nun, ich nehme an, die konnten schon damals nicht eingehalten werden. Und da würde mich schon interessieren, wie Sie diesen hässlichen Teil der Wahrheit an den Wassermännern vorbeigemogelt haben.»

«Gar nicht.»

«Was?!»

«Wie ich schon sagte, wir hatten ein sehr vertrauensvolles Verhältnis zur Wasseraufsicht. Es gab keine Geheimnisse — keine Tricks. Alles, was die wissen wollten, stand in den Wasserbüchern.»

Ich war total von den Socken. «Soll das etwa heißen, Sie haben es den Wasserfritzen Schwarz auf weiß gegeben, dass Sie die Abwasserwerte nicht unter Kontrolle hatten, und die haben es gefressen, einfach so?»

«Nun, äh, natürlich nicht einfach so,» gab er zu.

«Wieviel hat Sie das gekostet?» sagte ich durch die Zähne.

Ein kleines, bescheidenes Lächeln berührte seine Mundwinkel. «Abgesehen von ein paar guten Argumenten — nichts. Wir haben ihnen klargemacht, dass wir die Grenzwerte nur einhalten könnten, wenn wir die Produktion drastisch drosselten. Sie konnten es sich an den Fingern abzählen, dass das Arbeitsplätze kosten und letztendlich an ihnen hängenbleiben würde. Also ließen sie uns mit den Grenzwerten in Ruhe, und wir ersparten der Gegend zusätzliche Arbeitslose. — Eine Art Gentlemen’s Agreement, wenn Sie so wollen.»

«Leider haben sich diese Gentlemen nicht daran gehalten,» knurrte ich.

«Oh, das lag nicht an ihnen,» beschwichtigte er mich. «Sie konnten gar nichts anders.»

«Konnten Sie nicht?»

«Nein. Die Sache kriegte nämlich mehr Publicity, als gut für sie war. Irgendwie bekam die Presse Wind davon. Es gab einen ziemlichen Wirbel. Und für die Wasserbehörde ging es von da an nur noch darum, die eigene Haut zu retten. — Tja, und das war dann auch das Ende unserer Zusammenarbeit.»

«Wie bekam die Presse Wind davon?»

«Äh, keine Ahnung, wahrscheinlich eine undichte Stelle. . .»

«Wo?»

«Na ja, entweder hier in der Firma oder bei der Behörde.»

«Sie haben sich noch nicht darum gekümmert?»

Er guckte mich baff an. Der Gedanke, in dieser Richtung etwas zu unternehmen, war ihm offensichtlich völlig fremd. Er stotterte herum. «Nun, ähm, um offen zu sein, ich hatte gar keine Gelegenheit dazu. Ich war im Urlaub, als es passierte.»

Im Prinzip war nichts dagegen einzuwenden, dass er mal Urlaub machte. Wenn allerdings ausgerechnet in dieser Zeit in seinem Geschätfsbereich Pest und Cholera ausbrachen, dann war das schon ein bisschen mehr als Künstlerpech. Und wenn er anderthalb Jahre später immer noch nicht genau wusste, was eigentlich losgewesen war, und das in seiner Dämlichkeit auch noch offen zugab, dann unterschrieb er damit praktisch sein eigenes Todesurteil. Ich hätte ihn dafür auf der Stelle einen Kopf kürzer machen können. Ich hätte ihn rädern lassen können oder vierteilen oder einfach einschrumpfen und ausstopfen und ihn mir zu Hause aufs Kaminsims stellen. Niemand hätte mir deswegen irgendwelche Vorwürfe gemacht, am allerwenigsten die Zentrale. Ich hatte alle erforderlichen Befugnisse. Aber ich ließ es bleiben. Ich laufe nur ungern schon vom ersten Tag an mit blutigen Händen im Betrieb herum. Mit dramaturgischen Mitteln muss man sparsam umgehen.

Ich teilte ihm mit: «Dann werden wir das nachholen müssen.»

Er blinzelte mich an und wusste nicht, wovon ich sprach, traute sich aber nicht, es zuzugeben.

Ich bohrte. «Wieviel stand von der Sache in der Zeitung? Wurde die Story der Presse verkauft? Oder wurde sie aus irgendeinem anderen Grund lanciert? Wer hat sie verkauft oder lanciert? Wie sieht es mit Trittbrettfahrern aus? Ich brauche Details.»

«Soviel ich weiß, wurde die Sache in allen Einzelheiten ausgebreitet. Aber alles andere. . .» Er zuckte die Achseln.

Ich gab ihm noch eine Chance und sagte tückisch: «Aber vielleicht kennen Sie ja jemanden, der ein bisschen genauer Bescheid weiß.»

Er bruzzelte im Höllenfeuer von Fragen, für die er nicht die richtigen Antworten hatte. Ich ließ ihn gut durchbraten und stellte ihm keine leichteren. Nach ein paar Minuten war er gar und drehte sich hilfesuchend nach Jepsen um, der sich am Stauwehr herumdrückte und eine Karawane von Schönwetterwolken am Horizont beobachtete. Nervös und so laut, dass es fast bis nach Helgoland hinüber zu hören war, brüllte er: «Jepsen!»

Der klappte erschreckt den Kopf herunter, spähte vorsichtig über die Schulter und kniff die Augen zusammen, als suchte er eine weite Wasserfläche nach einem Ertrinkenden ab.

Ohlsen fuchtelte herum wie ein Eselstreiber. «Na, kommen Sie schon her!»

Aber Jepsen war kein Mann, den man mit Bei-Fuß-Kommandos herumscheuchen konnte. Er rührte sich nicht vom Fleck, blinzelte nur und tat so, als müsse er sich das erst mal ganz genau durch den Kopf gehen lassen. Und nachdem er das ausgiebig genug getan und Ohlsen damit fast zur Explosion gebracht hatte, bewegte er sich endlich und kam bedächtig und sich nach allen Seiten umsehend angestiefelt. Er paar Meter vor uns blieb er stehen, linste zur Baugrube hin und nuckelte verstimmt an seinem Zigarrenstummel.

Ich sagte zu ihm: «Ich würde gern mal ’n bisschen was Näheres über den Rummel hören, den es letztes Jahr um die Anlage hier gegeben hat. Ihr Boss meint, Sie seien genau der richtige Mann dafür. Also lassen Sie mal hören.»

Jepsen schielte misstrauisch zu Ohlsen hinüber, ließ den Blick einen Moment auf ihm verweilen und schwenkte ihn dann wieder zu mir. «Was los war? Der Teufel war los — verdammt!»

«Vielleicht geht’s etwas genauer,» nörgelte Ohlsen ungehalten.

Jepsen blinzelte gereizt und knurrte: «Die ganze Affenscheiße noch mal breittreten — ‚türlich geht das. Wird aber ’n längerer Roman werden.»

«Farbige Ausschmückungen sind nicht nötig,» erklärte ich ihm. «Es genügt völlig, wenn Sie sich auf die nackten Tatsachen konzentrieren.»

Er nahm den Hut ab und kratzte sich ausgiebig am Kopf. «Hm, mal sehn, was wir da so haben an nackten Tatsachen. — Tschä, die nackteste war wohl die Demonstration da drüben auf der anderen Seite vom Kanal. — So an die fünfhundert Mann mit Plakaten und Flüstertüten. Die haben vielleicht auf die Pauke gehaun, kann ich Ihnen sagen. Wollten, dass wir den Laden sofort dichtmachen.»

«Was waren das für Leute?»

Er knautschte sich seine Filzbeule wieder aufs Haupt. «Keine Ahnung. Waren nich von hier. Verdammte Nichtstuer, würd ich sagen, arbeitsscheues Gesindel, das sich die Zeit damit vertreibt, ehrlichen Leuten Lohn und Brot wegzunehmen.»

«Und wer hat den Spuk organisiert?»

«Was weiß ich. Vielleicht der Klabautermann,,» sagte er grantig.

«Bei diesem Theater hat also niemand den Conferencier gemimt?»

«Confe. . . was?»

«Na ja, so eine Art Boss. Jemand der das große Wort geführt hat.»

«Nee,» stellte er fest. «Hab wenigstens keinen gesehn.»

Das hatte nicht viel zu sagen, war aber immerhin ein Anhaltspunkt dafür, dass niemand versucht hatte, die Sache in aller Öffentlichkeit für sich auszuschlachten. Und damit schieden politische Schweinereien als Hintergrund für den ganzen Wirbel ziemlich definitiv aus.» Ich bohrte weiter: «Gab’s irgendwelche Komplikationen?»

«Komplikationen?!» röhrte er und nuckelte zornig an seinem Zigarrenstummel. «Teufel nein! Aber wenn der Zaun und der verdammte Kanal nicht dazwischen gewesen wären, hätte ich denen schon ein paar Komplikationen verpasst.» Seine rechte Hand sprang zur Faust geballt aus der Hüfte nach vorne und stoppte vor einem imaginären Punkt ab. Es war ein kurzer, sehr präzise geführter Stoß, der verriet, dass er sich früher mal in irgendeiner Form näher mit Boxen befasst haben musste. Er grinste ein kleines, hartes, gerissenes Grinsen. Es war das erste Mal, dass ich ihn grinsen sah. Alles was dabei zum Vorschein kam waren ein paar schiefe Hauer und eine Menge hässliche Zahnlücken. Ich ließ mich davon nicht erschüttern und ging gleich zum nächsten Punkt über und fragte nach den Presseberichten.

Enttäuscht wischte er sich das Grinsen aus dem Gesicht und fummelte an seinem Zigarrenstummel herum. «Presseberichte?»

«Ich hörte, bei der Zeitung seien sie so begeistert gewesen von unseren Abwasserwerten, dass sie fast nicht mehr aufhören konnten, darauf herumzureiten.»

«Tschä, das war man ’n gefundenes Fressen für die. Und das hamse sich natürlich nicht entgehen lassen.»

« ’ne Idee, wer es ihnen serviert haben könnte?»

«Nee.»

«Wie haben die die Story aufgezogen? Mit knallharten Fakten? Oder nur mit dreckigen Lügen?»

Er dachte nach. «Hm, von beidem etwas, würde ich sagen.»

«Okay, bleiben wir mal bei den Fakten. Was waren das für Fakten?»

«Zahlen. Hauptsächlich Zahlen — Messwerte und so.»

«Korrekte Zahlen?»

Er zuckte die Achseln. «Woher soll ich das wissen? Der Rechenkram ist nicht mein Bier, den erledigen die vorne in der Produktion.»

Ich nahm Ohlsen ins Visier. Er sah aus, als fühle er sich nicht ganz wohl. Ich sagte: «Mal angenommen, es waren die richtigen Zahlen — wo könnten die Pressefritzen sie her haben?»

Mit einer ziellosen Geste schlenkerte er die Hand durch die Luft und murmelte etwas von verschiedenen Möglichkeiten.

Ich zog die Brauen hoch. «Zum Beispiel?»

Er blickte hierhin und dorthin. «Nun ja, irgendeine undichte Stelle im Wasseramt. . .»

«Die Wassermänner hatten damals noch überhaupt keine eigenen Zahlen,» fuhr ich ihn an. «Wie Sie mir vorhin gerade selbst erklärt haben, wurden die Messwerte hier in der Firma registriert und sonst nirgends — in den Wasserbüchern, wenn Sie sich erinnern.»

Er machte «Mhm.»

«Demnach ist es sehr viel wahrscheinlicher, dass sich die Pressefritzen direkt hier in der Firma bedient haben, finden Sie nicht auch?»

«Ich will nichts ausschließen,» erklärte er großzügig. «Wir sind nicht die Bank von England. Bei uns kann schon mal was abhanden kommen — Bestechung, Einbruch, Diebstahl, wäre alles möglich.»

«Tja, die Welt ist schlecht,» stellte ich fest und röntgte ihn mit einem harten, völlig ausdruckslosen Blick, der ihn ganz nervös machte. «Fragt sich bloß, wie schlecht.»

Er wusste nicht, was er darauf antworten sollte und schwieg. Und Jepsen schwieg überhaupt. Direkt über uns warf sich eine Möwe kreischend in den Wind und drehte seewärts ab. Es war die einzige Möwe weit und breit. Mir fiel auf, dass diese Mistviecher einen ziemlich großen Bogen um die Anlage und den Kanal machten. Anscheinend schmeckte ihnen nicht, was Maddox-Color so abließ, und bei ihrer angeborenen Gefräßigkeit wollte das schon was heißen. Beiläufig erkundigte ich mich:» Wer führt eigentlich die Wasserbücher? Und wo werden sie aufbewahrt?»

Von Ohlsen kam ein Räuspern. «Nun, äh, das macht das Büro des Werksleiters.»

«Das Büro des Werksleiters, soso,» stellte ich fest. «Es gehört zum Produktionsbereich, nicht wahr?»

«Natürlich. Aber das sind doch alles nur Vermutungen,» verteidigte er sich. «Wir wissen ja gar nicht, ob das wirklich die undichte Stelle ist.»

Es war sehr aufschlussreich, dass er sich gegen einen Vorwurf verteidigte, den niemand erhoben hatte. So etwas kostet eine Menge Energien. Energien, die ein voll ausgelasteter Topmanager eigentlich nicht übrig haben dürfte.

Ich sagte: «Sie haben völlig recht, wir müssen uns Klarheit verschaffen. Ich denke, wir sollten dieses Büro mal etwas genauer unter die Lupe nehmen.»

Er war davon nicht übermäßig begeistert. Im Gegenteil, als ich mir sein Gesicht ansah, sah ich jede Menge gemischte Gefühle.

Er unternahm noch einen Versuch, mir das auszureden, und fragte betont harmlos: «Und was ist mit den anderen Möglichkeiten?»

Das war nicht besonders clever. Man hätte den Eindruck gewinnen können, dass er etwas zu verbergen hatte. Ich lächelte ihn an. «Welche anderen Möglichkeiten?»

«Naja, das Wasseramt, wie gesagt. Einer der Inspektoren könnte sich die Zahlen notiert haben — ganz privat. Oder die Presse selbst, vielleicht haben die jemanden in die Firma eingeschleust.»

Der Mann redete pures Blech. Mir war nicht bekannt, dass eine Provinzzeitung schon jemals irgendwo irgendwen eingeschleust hatte. Und was die Wasserfritzen anbetraf — Beamten, die Job und Pensionsberechtigung eben mal schnell mit einem hübschen glatten Bruch der Amtsverschwiegenheit aufs Spiel setzen, laufen auch nicht gerade in hellen Scharen herum. Ich schätze, dass Ohlsen ein wenig in Panik war — Torschlusspanik, die Angst eines Mannes, dem die Felle davonschwimmen. Ich grunzte: «Also mir ist die Taube in der Hand verdammt viel lieber als der Spatz auf dem Dach.»

Jepsen ließ ein gehecheltes Kichern vernehmen, das sich anhörte wie eine Kombination von Keuchhusten und Asthmaanfall.

Aber Ohlsen hatte offenbar nicht die Absicht, zur Aufklärung der Angelegenheit etwas beizutragen, und machte eine Staatsaffäre daraus und erklärte mit wichtiger Miene: «Es wird Unruhe geben im Betrieb, wenn wir das Problem von dieser Seite anpacken. Das ist nicht gerade eine vertrauensbildende Maßnahme, die Leute werden es nicht verstehen.»

Langsam fragte ich mich, ob er überhaupt noch für Maddox arbeitete, oder nicht schon längst für Leute, die die Firma auf dem schnellsten Wege fertigmachen wollten. Ich fixierte ihn. «Ach, tatsächlich? Und ich dachte immer, es sei das Selbstverständlichste von der Welt, erst mal vor der eigenen Tür zu kehren, bevor man anderen Leuten auf die Zehen tritt.»

Jepsen nuschelte an seinem Zigarrenstummel vorbei: «Brauchense mich noch?»

Ich gab ihm ein Zeichen, dass er verschwinden könne. Und er trollte sich und verzog sich wieder in seine Bretterbude.

«Die Stimmung im Betrieb ist nicht gut,» sagte Ohlsen dramatisch. «Die Leute sind nervös. Kontrollen würden nur zusätzlich böses Blut machen.»

Wenn ich ihn richtig verstand, wollte er damit sagen, dass es eine Katastrophe gäbe, falls ich im Werksleiterbüro ein paar Steine umdrehte. In diesem Büro musste ja etwas ganz Schreckliches lauern. Fragte sich nur, schrecklich für wen. Ich erkundigte mich: «Wer macht denn den Job mit diesen verdammten Wasserbüchern, etwa King Kong, oder ein siebenköpfiges Ungeheuer, das nach Schwefel stinkt und pausenlos flüssiges Feuer speit?»

Er quälte sich ein dünnes Lächeln ab. «Nein, das erledigt ein ganz normaler Sachbearbeiter.»

«Und der hat nicht zufällig eine ansteckende Krankheit oder sonst irgendwelche Eigenarten, die dagegen sprechen, sein Büro zu betreten?»

Ohlsen verneinte es hölzern.

Ich fischte mir eine neue Havanna aus der Brusttasche und rollte sie zwischen Daumen und Zeigefinger. «Nehmen wir mal an, dass ich ein bisschen blöde bin und einfach nicht kapier‘, was Ihnen dann eigentlich noch so schwer im Magen liegt. . .»

«Nun, Burgers — äh — Ablösung hat hohe Wellen geschlagen. Im Betrieb fragt man sich natürlich, was schiefgelaufen ist und ob es weitere Entlassungen geben wird. Und in so einer Situation könnten solche Kontrollen den Eindruck entstehen lassen, dass Fehler des Managements auf Kosten der Belegschaft bereinigt werden sollen. Und das könnte dann der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt.»

«Welches Fass?»

«Ich rede von Streik.»

«Streik?» fragte ich stirnrunzelnd.

«Ja, Streik!»

«Wieso Streik?»

«Weil die Leute mit dem Rücken an der Wand stehen, und weil sie verdammt nervös sind.»

«Sie meinen, die sind mir ihren Nerven so fertig, dass sie aus lauter Sorge um ihre Jobs mit wilden Streiks glatt ’nen Rausschmiss riskieren würden?»

«So ist es.»

«Klingt wie Selbstmord aus Angst vorm Sterben,» knurrte ich.

«Die Leute haben nichts mehr zu verlieren. Betriebsschließungen sind hier oben an der Küste schon seit Jahren an der Tagesordnung, und wer seinen Job erst mal losgeworden ist, der kriegt so schnell keinen neuen.»

«Dann sollte man doch eigentlich erwarten können, dass diejenigen, die noch einen haben, besonders gut auf ihn acht geben, finden Sie nicht?»

«Unter normalen Umständen vielleicht. Aber, wie gesagt, die Leute stehen mit dem Rücken an der Wand. Und in so einer Ausnahmesituation kann es sehr leicht zu Kurzschlussreaktionen kommen.»

Ich rammte mir die Zigarre ins Gesicht, ohne sie anzuzünden und stellte finster fest: «Maddox hat hier oben auch nichts mehr zu verlieren außer einem Haufen gottverdammter Verluste.»

«Sie meinen, die Zentrale spielt mit dem Gedanken, den Standort hier aufzugeben?»

«Es ist schon ein bisschen mehr als nur ein Gedankenspiel,» knurrte ich. «Die erforderlichen Vollmachten habe ich bei mir, und ob ich von ihnen Gebrauch mache, hängt alleine davon ab, wie ich hier zurecht komme.»

Er war schockiert. Ich hatte zwar schon in der Sitzung vorhin klar und deutlich auf die Möglichkeit einer Notschlachtung des Farbengeschäfts hingewiesen, aber er schien sich an diesen Gedanken einfach nicht gewöhnen zu können und glotzte mich baff an und vergaß völlig, weitere Umstände zu machen. Das brachte uns ein gutes Stück voran, und es gelang mir, ihm definitiv klarzumachen, dass ich die ganze Wahrheit wissen wollte und an irgendwelchen Spezialversionen nicht interessiert war.

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