Straßenleben

An die­ser Stel­le mö­gen auch ei­ni­ge klei­ne Er­leb­nis­se aus mei­ner Kind­heit Ta­gen Platz fin­den. Ei­nes Vor­mit­tags schick­te mich mei­ne Mut­ter in die Bar­fuß­müh­le, um dort Grieß für die Sup­pe zu ho­len. Sie schärf­te mir ein, im­mer „Grieß, Grieß“ vor mich her­zu­sa­gen, auf daß ich auch das Rich­ti­ge brin­ge. Ich ver­sprach dies zu tun und nahm wohl­ge­mut mei­nen Weg von der Zen­tral­stra­ße um die Syn­ago­ge her­um, dort den klei­nen Ab­hang her­ab, der zu ei­ner den Die­bes­gra­ben über­span­nen­den Holz­brü­cke führ­te, dann durch Leh­manns Gar­ten an Ca­jeris Go­sen­gar­ten vor­bei nach der Brü­cke, wel­che Leh­manns Gar­ten mit der Pro­me­na­de ver­band und wo jen­seits der Brü­cke gleich links die Bar­fuß­müh­le stand, im­mer vor mich her­mur­melnd: „Grieß, Grieß“. In der Nä­he von Ca­jeri kam mir ein Hund ent­ge­gen, der mich be­schnup­per­te und den ich da­her strei­chel­te. Wei­ter­ge­hend nahm ich das Her­sa­gen mei­nes Auf­tra­ges wie­der auf, sag­te aber nun, Gott weiß wo­her die­se Sin­nes­än­de­rung kam, „Reis, Reis“. Ich brach­te al­so Reis statt Grieß nach Hau­se. Mei­ne Mut­ter schick­te mich da­mit nach der Bar­fuß­müh­le zu­rück, mich in dring­li­cher Wei­se er­mah­nend, ja den Auf­trag rich­tig aus­zu­füh­ren. Ich mach­te mich dem­ge­mäß er­neut auf den Weg mit dem fes­ten Vor­satz, nun aber wirk­lich Grieß zu brin­gen. Statt Grieß aber brach­te ich dies­mal Grau­pen, ein Rät­sel, das ich bis heu­te ver­geb­lich zu lö­sen ge­sucht ha­be. Nun­mehr gab mir die är­ger­lich ge­wor­de­ne Mut­ter mei­nen jün­ge­ren Bru­der mit, uns bei­de er­mah­nend, an nichts an­de­res als an Grieß zu den­ken und ein Pfund da­von mit heim­zu­brin­gen. Dies­mal glück­te es. Im Aus­tausch ge­gen die wie­der zu­rück­ge­brach­ten Grau­pen er­hiel­ten wir rich­tig ei­ne Pfund­tü­te Grieß. Aber mit des Him­mels Mäch­ten —. Da­mals be­saß die Plei­ße an der Pro­me­na­den­sei­te noch kei­ne Ufer­mau­er und von der Mit­te des Fahr­dam­mes ging es be­reits et­was ab­schüs­sig nach der Fluß­bö­schung zu. Kurz vor­her war da schon ein­mal ein Bier­wag­cn ins Rut­schen ge­kom­men und war, die klei­ne Holz­bar­rie­re am Flu­ßu­fer durch­bre­chend, mit all sei­nen Bier­fäs­sern, den Pfer­den und dem Kut­scher in die an die­ser Stel­le glück­li­cher­wei­se nicht tie­fe Plei­ße hin­ab­ge­saust. An dem Ta­ge, an wel­chem wir Grieß hol­ten, hat­te es nachts er­gie­big ge­reg­net. Der von der Brü­cke nach der Bar­fuß­müh­le füh­ren­de un­ge­pflas­ter­te Fuß­pfad war da­durch schlam­mig und schlüpf­rig ge­wor­den und Pfüt­zen stan­den dar­auf. Kaum al­so hat­ten wir die Bar­fuß­müh­le ver­las­sen, glück­lich dar­über, daß wir jetzt un­se­ren Auf­trag rich­tig aus­ge­führt hat­ten, als wir bei­de zu glei­cher Zeit auf dem ab­schüs­si­gen, klit­schi­gen We­ge aus­glit­ten und der Län­ge nach im Schmut­ze la­gen. Die Tü­te war da­bei un­se­ren Hän­den ent­schlüpft und ge­bors­ten mit­ten in ei­ne zwi­schen uns be­find­li­che Pfüt­ze ge­fal­len, die sich nun so­gleich in Grieß­sup­pe ver­wan­del­te. So ka­men wir mit lee­ren Hän­den heu­lend nach Hau­se. Vor­her hat­te ich doch we­nigs­tens et­was mit­ge­bracht, wenn es auch nicht das Ge­wünsch­te war. Dies­mal aber brach­ten wir über­haupt nichts nach Hau­se! Nun­mehr schick­te Mut­ter das Dienst­mäd­chen auf den Weg, das vor­her an­geb­lich kei­ne Zeit da­für hat­te. So gab es zu Mit­tag doch noch Grieß­sup­pe. —

Es mag in mei­nem zwei­ten Schul­jahr ge­we­sen sein, als mich auf dem Nach­hau­se­we­ge von der Schu­le ein Platz­re­gen über­rasch­te. Ich hät­te mich, da ich kei­nen Re­gen­schirm bei mir hat­te, ja ir­gend­wo un­ter­stel­len kön­nen. Al­lein das litt mein Pflicht­ge­fühl nicht. Es war strengs­ter Be­fehl mei­ner El­tern, nicht län­ger als ei­ne Vier­tel­stun­de auf dem Schul­weg zu ver­wei­len und ge­nau­est wur­de dies kon­trol­liert. So kam ich denn naß bis auf die Kno­chen nach Hau­se. Da sag­ten mir mei­ne El­tern, daß, wenn ich oh­ne Schirm wie­der ein­mal von ei­nem sol­chen Re­gen über­rascht wür­de, ich die erst­bes­te Drosch­ke neh­men und in ihr nach Hau­se fah­ren sol­le. Das war ei­ne gar freu­di­ge Mit­tei­lung für mich und sehn­süch­tig wünsch­te ich die Ge­le­gen­heit her­bei, wo ich in ei­ner Drosch­ke von der Schu­le nach Hau­se fah­ren kön­ne. End­lich nach ei­ni­gen Wo­chen fing es auf ei­nem Nach­hau­se­weg an zu tröp­feln und eif­rig schau­te ich mich nun nach ei­ner Drosch­ke um. Es war aber kei­ne zu er­bli­cken und im Lauf­schritt eil­te ich da­her, im­mer in der Be­fürch­tung, daß der spär­li­che Re­gen in­zwi­schen wie­der auf­hö­ren kön­ne, durch fast al­le Stra­ßen der in­ne­ren Stadt, um ei­ne sol­che zu su­chen. Schließ­lich fand ich ei­ne lee­re Drosch­ke in der Nä­he der Tho­mas­kir­che und ich fuhr nun mit ihr die nur noch ganz kur­ze Stre­cke bis zu un­se­rer Woh­nung, wo der Kut­scher von mei­nen ver­blüff­ten El­tern das Fahr­geld heisch­te.

Ei­ni­ge Jah­re spä­ter, wir Brü­der moch­ten 11 und 9 Jah­re alt sein, hat­ten wir von ir­gend­wem ge­hört, daß die Son­ne am ers­ten Os­ter­fei­er­tag beim Auf­ge­hen tan­ze. Da­von woll­ten mein Bru­der und ich uns über­zeu­gen und so lie­ßen wir uns am nächs­ten ers­ten Os­ter­ta­ge von un­se­rem Va­ter recht­zei­tig we­cken und wir flo­gen mehr als wir gin­gen in der Däm­me­rung durch die noch men­schen­lee­ren Stra­ßen nach dem Na­po­le­on­stein, von wel­chem Hü­gel aus wir die auf­ge­hen­de Son­ne am bes­ten be­trach­ten konn­ten, denn da­mals ver­sperr­ten noch kei­ne Neu­bau­ten in Probst­hei­da, Zu­ckel­hau­sen und Wach­au die wei­te Fern­sicht, die man von dort aus hat­te. Es war ein herr­lich schö­ner Tag, kein Wölk­chen am Him­mel und der Son­nen­auf­gang ver­sprach pracht­voll zu wer­den. Es dau­er­te denn auch nicht lan­ge, als am öst­li­chen Ho­ri­zont ro­te Strah­len auf­zuck­ten und dar­auf auch das Ta­ges­licht ro­sa­rot auf­tauch­te. In der Tat schien es Sprün­ge zu ma­chen, bald nach rechts, bald nach links, bald nach oben, bald nach un­ten. Wir zück­ten un­se­re Blei­stif­te und mal­ten das Phä­no­men in un­ser No­tiz­buch. Tod­mü­de ka­men wir dann zu Hau­se wie­der an und wa­ren un­brauch­bar für den Aus­flug, der für die­sen Tag ge­plant war; aber wir wa­ren doch stolz dar­auf, die tan­zen­de Son­ne ge­se­hen zu ha­ben. Es dau­er­te ei­ne ge­rau­me Zeit be­vor wir da­hin­ter­ka­men, daß die Son­ne die von uns an­ge­staun­ten Be­we­g­un­gen nicht bloß am ers­ten Os­ter­ta­ge ma­che, son­dern an je­dem an­de­ren Ta­ge bei ih­rem Auf­ge­hen auch, und daß die­se Be­we­gun­gen nichts an­de­res sei­en als ei­ne durch die Luft­spie­ge­lung her­vor­ge­ru­fe­ne Täu­schung.

Das Stra­ßen­le­ben war zu je­ner Zeit das ei­ner Klein­stadt. Gro­ße Fuh­ren Tan­nen- und Fich­ten­holz wur­den, ge­folgt von Leu­ten mit Holz­bö­cken, Sä­ge und Axt, zur Stadt her­ein­ge­fah­ren und öf­fent­lich aus­ge­ru­fen. Fand sich je­mand, der Be­darf an sol­chem Hol­ze hat­te, so wur­de die Fuh­re vor dem Hau­se ab­ge­la­den, die Holz­bö­cke auf­ge­stellt und die Holz­ha­cker mach­ten sich so­gleich dar­an, das Holz zu zer­k­lei­nern, wor­auf sie es an den hier­für be­stimm­ten Ort des Hau­ses tru­gen. Da der Fahr­ver­kehr noch kein all­zu gro­ßer war und es noch nicht Fahr­rä­der und Au­tos gab, so ver­ur­sach­te ei­ne sol­che Pro­ze­dur auch wei­ter kei­ne Stö­rung. Die­sen Holz­fuhr­leu­ten folg­ten Per­so­nen, die un­aus­ge­setzt „Kien­holz, Kien­holz!“ rie­fen, das sie ge­bün­delt in Kör­ben bei sich tru­gen. Da­bei rauch­ten sie — wie üb­ri­gens auch noch vie­le an­de­re der klei­nen Leu­te in Leip­zig — ih­re „Stöt­te­ri­kos“. Das wa­ren Zi­gar­ren, die von dem Ta­bak fa­bri­ziert wur­den, der da­mals in der Um­ge­bung von Stöt­te­ritz ge­baut wur­de; die Zi­gar­ren zeich­ne­ten sich frei­lich we­ni­ger durch ih­ren Wohl­ge­schmack als durch ih­re Bil­lig­keit aus. Dann zo­gen Män­ner und Frau­en mit voll­be­la­de­nen Wa­gen durch die Stra­ßen, „Sand, wei­ßen Sand!“ ru­fend und sie fan­den eif­ri­gen Zu­spruch. Denn da­mals wa­ren die Kü­chen noch nicht mit Far­be be­stri­chen oder mit Flie­sen be­legt, häu­fig wie­sen auch die Woh­nungs­kor­ri­do­re noch kei­nen An­strich auf und es war der Stolz je­der Haus­frau, wenn Kü­che und Kor­ri­dor all­sonn­abend­lich so sau­ber und blank ge­scheu­ert wur­den, wie dies mit je­dem Deck un­se­rer Schif­fe ge­schieht, so­bald sie sich ei­nem Ha­fen nä­hern. Um aber die Sau­ber­keit so lan­ge wie mög­lich auf­recht zu er­hal­ten, brauch­te man fei­nen wei­ßen Sand, den man über die Die­le streu­te. Auch pfleg­te man das Blech­ge­schirr mit wei­ßem Sand zu put­zen.

Je­den Mor­gen kam fer­ner der Milch­mann oder die Milch­frau mit ih­rem Hun­de- oder Esels­ge­spann vom Dor­fe her­ein, um un­ter lau­tem Ge­schrei ih­re Kun­den zu be­die­nen. Zu je­der Ta­ges­zeit aber sah man Grün­wa­ren­händ­ler mit ih­ren Kar­ren, die ih­re Wa­ren mit Sten­tor­stim­me an­prie­sen und zur Som­mers­zeit na­ment­lich ih­ren ste­reo­ty­pen Ruf: „Sa­lat, Sa­lat, Ra­dies­chen!“ laut er­tö­nen lie­ßen. Dann ka­men wei­ter­hin Bück­lings­leu­te, die ih­re frisch ge­räu­cher­te Wa­re aus­rie­fen, da­ne­ben Fi­scher­jun­gen, die in Kör­ben auf ih­rem Hand­wa­gen ih­ren Fang durch die Stra­ßen fuh­ren und da­bei mit hell­tö­nen­der ju­gend­li­cher Stim­me: „Fri­sche Weiß­fi­sche!“ rie­fen. In den Häu­sern und in den Re­stau­ra­tio­nen er­schie­nen jun­ge Leu­te bei­der­lei Ge­schlechts, die auf lan­gen dün­nen Stä­ben auf­ge­spießt ei­ne Rei­he ge­rupf­ter klei­ner Vo­gel feil­bo­ten. Es wa­ren dies die da­mals be­rühm­ten „Leip­zi­ger Ler­chen“, un­ter de­nen sich aber auch man­cher ehr­li­cher Spatz be­fin­den moch­te. Zur Mitt­somm­ers­zeit konn­te man auch all­über­all in den Stra­ßen den Ruf: „Hee­del­bee­ren, Hee­del­bee­ren!“ ver­neh­men und zu ge­ge­be­ner Zeit fer­ner die Ru­fe: „Ker­schen, Ker­schen!“ oder „Bern, Bern!“ (Bir­nen), na­ment­lich aber; „Aep­pel, Aep­pel!“, ob­gleich al­le die­se Früch­te an den Markt­ta­gen (Diens­tags, Don­ners­tags und Sonn­abends) auch auf dem Markt­platz und auf dem Obst­markt zu ha­ben wa­ren. Täg­lich wur­de je­doch „Fri­sches Bett­stroh“ durch die Stadt ge­fah­ren, denn da­mals war ei­ne Bett­ma­trat­ze noch ein un­er­hör­ter Lu­xus und man hielt noch ge­treu an den alt­über­kom­me­nen Stroh­sä­cken (in die auch das Obst zum Nach­rei­fen ge­steckt wur­de) fest, die aber häu­fig der Auf­fri­schung be­durf­ten.

Hoch­will­kom­men war es in den Win­ter­mo­na­ten, wenn von Frau­en und Män­nern, die mit um den Leib ge­spann­ten Kör­ben ein­her­gin­gen, von der Stra­ße aus das „War­me wee­che Bre­zeln, war­me, wee­che!“ er­tön­te. Wie wur­de da zu den Bre­zel­män­nern und -frau­en hin­ge­stürmt und Bre­zeln ge­kauft, so­viel nur die Hand zu hal­ten ver­moch­te. Denn Was­ser- und na­ment­lich Küm­mel­b­re­zeln gal­ten da­mals als ei­ne be­son­de­re De­li­ka­tes­se.

Zur Fast­nachts­zeit tauch­ten auch Frau­en auf, die frisch­ge­ba­ cke­ne Pfann­ku­chen aus­rie­fen und auch die­se fan­den da­mit ei­nen gu­ten Ab­satz, na­ment­lich am Ascher­mitt­woch. Es war da­mals das „Aschen­ru­ten­ab­keh­ren“ noch Sit­te. Die nach Weih­nach­ten von dem „ge­plün­der­ten“ Christ­baum ab­ge­schnit­te­nen Zwei­ge wur­den für die­sen Zweck an ei­nem küh­len Ort auf­be­wahrt und dann mit Pa­pier­ro­sen oder künst­li­chen Blu­men schön ge­schmückt. Hat­te man zu Hau­se nicht selbst sol­che „Aschen­ru­fen“, so fand man sie auf dem Mark­te, wo sie in gro­ßer Aus­wahl feil ge­hal­ten wur­den. Mit die­sen Aschen­ru­ten be­ga­ben sich die Kin­der zu be­freun­de­ten Fa­mi­li­en und „kehr­ten“ de­ren Mit­glie­der auf ih­rer Rück­sei­te die „Asche“ ab, wo­bei kräf­tig zu­ge­schla­gen wur­de. Als Lohn da­für er­hielt man ei­ni­ge Pfann­ku­chen und des­halb war der Be­darf an sol­chen am Ascher­mitt­woch ein be­son­ders gro­ßer.

All­sonn­täg­lich ka­men fer­ner Land­bä­cker­frau­en vom Lan­de her­ein, ih­re Trag­kör­be mit Ku­chen voll­ge­packt. Sie klin­gel­ten an den Woh­nungs­tü­ren und bo­ten ih­re Wa­re feil, wo­bei na­ment­lich ihr Sand­ku­chen be­vor­zugt wur­de. Die­se Bä­ckers­frau­en hat­ten ih­re stän­di­gen Kun­den und sie mach­ten jahr­aus jahr­ein ein gu­tes Ge­schäft.

Von Zeit zu Zeit er­schie­nenin der Stadt auchfrem­de Män­ner mit blau­en Lei­nen­kit­teln und ei­ner Zip­fel­müt­ze auf dem Kop­fe. Sie scho­ben ei­nen Schub­kar­ren vor sich her, in dem sie ech­ten Lim­bur­ger Kä­se und Hoff­manns Ma­gen­trop­fen hat­ten. Auch die­se Män­ner hat­ten zu­meist ih­re stän­di­gen Kun­den und der Ju­bel in der Fa­mi­lie war stets sehr groß, wenn wie­der ein an­sehn­li­cher Pos­ten der Lim­bur­ger Kä­se­stei­ne in die Vor­rats­kam­mer ge­schafft wur­de, die stets so vor­züg­lich schmeck­ten und den Ap­pe­tit an­reg­ten. Zu Meß­zei­ten aber kam der „Lein­wand­mann“ aus der Ober­lau­sitz ins Haus, um sei­ne selbst­ge­web­te Wa­re an den Mann zu brin­gen. Sel­ten ging er oh­ne Auf­trag fort, denn die Lei­ne­wand war in ih­ren ver­schie­de­nen Sor­ten gut und preis­wert, ja die Re­el­li­tät der Wa­re ver­half dem Mann zu man­chen Auf­trä­gen für ei­ne Aus­steu­er, wenn sich ei­ne Toch­ter ver­hei­ra­ten woll­te.

Ab und zu ka­men auch Frau­en aus Mee­ra­ne und Glauchau, um bil­li­ge Klei­der­stof­fe ab­zu­set­zen, ja selbst ei­ne Klöp­pel­frau aus An­na­berg fehl­te nicht, um al­ler­hand hüb­sche Spit­zen feil­zu­bie­ten.

Am Neu­jahrs­tag kam die Klin­gel kaum zur Ru­he. Al­le mög­li­chen Leu­te ka­men da, um zu Neu­jahr zu gra­tu­lie­ren; der Schorn­stein­fe­ger, der Nacht­wäch­ter, die Wasch­frau, der Zei­tungs­aus­trä­ger, ver­schie­de­ne Hand­werks­ge­sel­len, de­ren Diens­te im Lau­fe des Jah­res wie­der­holt in An­spruch ge­nom­men wor­den wa­ren und noch an­de­re Leu­te mehr. Je­der der Gra­tul­an­ten er­hielt ein dem Um­fan­ge sei­ner Tä­tig­keit im Hau­se ent­spre­chen­des mehr oder we­ni­ger gro­ßes Geld­ge­schenk, sehr oft un­ter Hin­zu­ga­be ei­nes Stü­ckes Stol­le.

Ei­ne stän­di­ge Er­schei­nung in un­se­rem Hau­se war die „Hir­sche­mu­sen“, vor der wir Kin­der uns je­doch stets fürch­te­ten, so daß wir un­ter die Schür­ze der Mut­ter kro­chen, wenn sie zu uns ins Zim­mer trat. Die „Hir­sche­mu­sen“ war ei­ne stadt­be­kann­te Per­sön­lich­keit, ei­nes je­ner Ori­gi­na­le, wie sie in den gro­ßen Städ­ten im­mer sel­te­ner wer­den. Noch jetzt, 50 Jah­re nach ih­rem To­de, spricht man in Leip­zig zu­wei­len von ihr. Sie hieß Frau Ama­lie Au­gus­te Stal­zer und war 1806 in Bres­lau als Toch­ter ei­nes Stadt­sol­da­ten na­mens Satt­ler ge­bo­ren wor­den. Wie sie zu dem Na­men „Hir­sche­mu­sen“ ge­kom­men war, ist un­be­kannt. Sie soll Schau­spie­le­rin oder Sän­ge­rin ge­we­sen und von ei­nem hoch­ge­stell­ten Frei­er be­tro­gen wor­den sein, wel­ches Un­glück sie sich so sehr zu Her­zen ge­nom­men hat­te, daß sie ei­nen Teil ih­res Ver­stan­des ein­büß­te. Tat­säch­lich war es in ih­rem Ober­stüb­chen nicht ganz rich­tig. Ih­re ein­zi­ge Lei­den­schaft be­stand dar­in, sich so schön wie mög­lich put­zen zu wol­len. Mit­lei­di­ge Per­so­nen schenk­ten ihr häu­fig ab­ge­leg­te Klei­der, die, wenn die­sel­ben mit Samt oder Sei­de ver­brämt wa­ren oder viel­leicht ganz aus die­sen Stof­fen be­stan­den, sie mit ei­ner be­son­de­ren Gra­zie trug. Ei­ne Zeit­lang trug sie, selbst im hei­ßen Som­mer, ei­nen schon längst aus­ge­dien­ten Her­me­lin­pelz und dar­un­ter ein ver­schlis­se­nes sei­de­nes Schlepp­kleid. In sol­chem Auf­zu­ge ging sie nun von Haus zu Haus, um Zwirn, Näh- und Steck­na­deln und der­glei­chen zu ver­kau­fen, wel­che Ge­gen­stän­de sie in ei­ner per­len­ge­stick­ten Hand­ta­sche mit sich trug. Wo sie sich aber auf der Stra­ße bli­cken ließ, da wa­ren die Gas­sen­bu­ben hin­ter ihr her. Ein viel­stim­mi­ges „Hir­sche­mu­sen, Hir­sche­mu­sen!“ er­klang dann und wenn sich dar­auf die un­glück­se­li­ge klei­ne Per­son her­um­dreh­te und mit der Faust droh­te, dann ging das Hal­lo und der Spek­ta­kel erst recht los. Sie starb 1879 im städ­ti­schen Ge­or­gen­hau­se.

Ein an­de­res Ori­gi­nal war ein Milch­mann, der je­den Mor­gen mit sei­nem Grau­tier zur Stadt zog. Wenn der­sel­be mit der Peit­sche sei­nen stets trä­ge und in Gleich­mut da­hin schrei­ten­den Esel an­feu­ernd schlug und ihn hier­bei am Schwanz­an­satz traf, was zu­meist der Fall war, so mach­te der Esel ei­nen Sprung in die Hö­he und der bra­ve Milch­mann hat­te zur un­aus­sprech­li­chen Freu­de der ihn oft stun­den­lang be­glei­ten­den Stra­ßen­ju­gend die An­ge­wohn­heit, die­sen Sprung sei­nes grau­en Ge­hil­fen a tem­po mit­zu­ma­chen.

Un­ter den weib­li­chen Mit­glie­dern die­ses mehr oder we­ni­ger fah­ren­den Vol­kes, ins­be­son­de­re un­ter den Hö­ke­rin­nen und den Ver­kaufs­frau­en auf der Mes­se, aber auch bei man­chen Bür­ger­ frau­en und -mäd­chen war, alt­über­kom­men, nun­mehr schon längst ver­schwun­den, ein et­was un­äs­the­ti­sches In­stru­ment ge­bräuch­lich: der Flohl­ap­pen. Er mag als ei­ner Ei­gen­tüm­lich­keit der al­ten Zeit hier Er­wäh­nung fin­den. Der Lap­pen be­stand aus ei­nem Stück grob­haa­ri­gen Fla­nell oder Fries und wur­de un­ter die Rö­cke ge­führt, wenn da et­was zwick­te. Die­se Art Jagd nach dem Schwarz­wild war meis­tens er­folg­reich; nur sel­ten, daß sich der Ue­bel­tä­ter in den Haa­ren des Fla­nells oder des Frie­ses nicht ge­fan­gen hät­te und er dann so­gleich rach­süch­tig vom Le­ben zum To­de be­för­dert wor­den wä­re.

Die Flei­scher pfleg­ten im all­ge­mei­nen nur Frei­tags zu schlach­ten und die Haus­frau­en rich­te­ten sich, wenn es nicht ge­ra­de Fisch­ge­rich­te gab, dar­auf ein. Es wur­de da Kar­tof­fel- oder Erbs­mus ge­kocht oder sau­re Kar­tof­fel­stü­cke oder Lin­sen, und da­zu vom Flei­scher fri­sche Wurst ge­holt. Es gab da Sech­ser­stück­chen Blut- und Drei­er­stück­chen Le­ber­wurst (die Stü­cke zu 6 und 3 Pfen­ni­gen). Trotz die­ses Preis­un­ter­schie­des wa­ren die Stü­cke fast gleich groß, ja die Le­ber­wurst­stü­cke zu­meist noch grö­ßer wie die Blut­wurst­stü­cke und bei­de so groß, daß sie zu­sam­men ei­ne reich­li­che Por­ti­on für ei­ne Per­son bil­de­ten. Gu­te al­te Zeit!

Die Leip­zi­ger Stra­ßen­ju­gend be­schäf­tig­te sich da­mals, so­fern sie nicht in krie­ge­ri­sche Aus­ein­an­der­set­zun­gen ver­wi­ckelt war, was frei­lich nur zu oft vor­kam, in ih­rer Frei­zeit haupt­säch­lich mit „An­schla­gen“. Die­ses Spiel be­stand dar­in, daß man mit ei­ner zer­bro­che­nen Mes­ser­klin­ge an ei­ne Wand schlug und das Ab­sprin­gen der Klin­ge der­art zu re­geln such­te, daß sie in die mög­lichs­te Nä­he der vor­her an­ge­schla­ge­nen und auf der Er­de lie­gen­den Klin­ge fiel. Denn je nä­her dies der Fall war, des­to grö­ßer war der Ge­winn in Ge­stalt von Zahl­pfen­ni­gen (Spiel­mar­ken). Auch mit Mur­meln wur­de flei­ßig ge­spielt, in­dem man sie nach fünf in die Er­de ge­gra­be­nen klei­nen Gru­ben ku­gel­te. Die fünf­te Gru­be be­fand sich in der Mit­te von vier sie um­ge­ben­den Gru­ben und ei­ne dort hin­ein rol­len­de Ku­gel be­deu­te­te ei­nen ho­hen Ge­winn. Ne­ben die­sen Spie­len wur­den Ha­schen, Ver­ste­cken und Käm­mer­chen ver­mie­ten, Sack­hup­fen, Blin­de­kuh und Topf­schla­gen eif­rig ge­übt. Be­son­ders wa­ren auch „Schmugg­ler und Grenz­jä­ger“, oder „Räu­ber“, „Dieb und Gen­darm“ sehr be­liebt, wäh­rend die Mäd­chen sich vor­zugs­wei­se zu dem Ge­san­grei­gen ver­ei­nig­ten:

„Die Mer­se­bur­ger woll­ten ei­ne Brü­cke bau­en.

Wer hat sie denn zer­bro­chen?

Der Gold­schmied, der Gold­schmied,

Mit sei­ner jüngs­ten Toch­ter,

Kommt al­le her, kommt al­le her,

Den Letz­ten wol­len wir fan­gen

Mit Spie­ßen und mit Stan­gen.“

Un­ter dem Ge­san­ge die­ses Lied­chens mar­schier­ten die Teil­neh­mer an dem Spie­le un­ter ei­nem To­re hin­weg, das von den vor­ge­streck­ten und in­ein­an­der­ge­faß­ten Ar­men zwei­er sich ge­gen­über­ste­hen­der Kin­der ge­bil­det wur­de. Es moch­te dies viel­leicht auch ei­ne Brü­cke vor­stel­len. Bei den letz­ten Wor­ten des Lied­leins senk­ten sich die­se Ar­me über den das Tor oder die Brü­cke ge­ra­de pas­sie­ren­den Mit­spie­ler und der­sel­be sah sich so­mit „mit Spie­ßen und mit Stan­gen“ ge­fan­gen.

Oder auch es wur­de un­ter den Kin­dern nach Rei­men, und in­dem man bei je­der Sil­be der Rei­he nach auf ei­nes der­sel­ben tipp­te, aus­ge­zählt und wer dann zu­letzt üb­rig blieb, hat­te ge­won­nen oder war, wie bei dem nach­fol­gen­den Reim, der Her­ein­ge­fal­le­ne. Der­sel­be hieß:

„Ich und Du, Mül­lers Kuh. Bä­ckers Esel, Der bis Du,“

Ein an­de­res Aus­zähl­ver­schen, das dann aber zu­meist mit Ha­schen ver­bun­den war, in­dem der- oder die­je­ni­ge, auf wel­che das letz­te Wort „weg“ fiel, da­von­lief und ge­hascht wer­den muß­te, lau­te­te:

„Eins, zwei, drei vier, fünf, sechs, sie­ben.

Ei­ne Frau, die koch­te Rü­ben,

Ei­ne an­de­re, die schnitt Speck,

Wer mich lieb hat, holt mich weg.“

Im Früh­jahr wur­de der Krei­sel flei­ßig ge­dreht, und im; Herbst ließ man auf den ab­ge­mäh­ten Wie­sen und Fel­dern den Dra­chen stei­gen. Auch das Rei­fen­spiel war da­mals, na­ment­lich bei der rei­fe­ren Ju­gend, noch all­ge­mein Mo­de.

An Näs­che­rei­en wa­ren wir Jun­gens der da­ma­li­gen Zeit nur we­nig ver­wöhnt. Zwar brach­te uns die Mes­se man­cher­lei Le­cker­bis­sen, wie tür­ki­schen Ho­nig, Zu­cker­stän­gel, bun­te Bon­bons, Kräp­pel­chen und Pfef­fer­ku­chen, aber au­ßer­halb der Mes­sen wuß­ten wir uns man­gels Ge­le­gen­heit zu be­herr­schen. Höchs­tens, daß, wenn wir an der Dro­ge­rie Apel an der Ecke der Pe­ters­stra­ße und der Ma­ga­zin­gas­se vor­über­gin­gen und wir ge­ra­de bei Kas­se wa­ren, wirdort“for’n Feng“ Süß­holz kauf­ten, wo­für wir ein fin­ger­lan­ges Stück ab­ge­schnit­ten er­hiel­ten, das dann mit Won­ne ge­lutscht wur­de. Wa­ren wir aber sehr reich, so kauf­ten wir uns ,,for’n Drei­er“ Lu­krez und lös­ten das­sel­be in Was­ser in ei­nem Fläsch­chen auf. Da hat­ten wir dann selbst­be­rei­te­ten „Wein“, der uns so fein wie Sa­mos schmeck­te,

Wa­ren wir so­mit an ein be­schei­de­nes Maß von leib­li­chen Ge­nüs­sen ge­wöhnt, so be­sa­ßen wir doch ei­ne an­de­re Be­vor­zugung, um die uns die Kin­der der Jetzt­zeit be­nei­den dürf­ten. Wenn näm­lich un­se­re Mut­ter auf ihr Abon­ne­ment ins Thea­ter ging, durf­ten wir sie ab­ho­len. Wir gin­gen dann schon sehr zei­tig, lan­ge vor Schluß der Vor­stel­lung, ins Thea­ter und der ge­fäl­li­ge Lo­gen­schlie­ßer ließ uns so­dann auch gleich hin­ein, so daß wir den letz­ten Akt, oft auch die bei­den letz­ten Ak­te, gra­tis und fran­ko mit an­se­hen konn­ten. Ja, es war schon ge­müt­lich in un­se­rem al­ten lie­ben Leip­zig! Doch ich bin hier den Be­ge­ben­hei­ten et­was vor­aus­ge­eilt

 

 

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