4. An die Arbeit

Als ich Burgers Büro, das mein Büro werden sollte, zu Gesicht bekam, kriegte ich fast einen Schreikrampf: Gut und gerne zweihundert Quadratmeter, ausgelegt mit knöcheltiefem schneeweißen Verlours und vollgestellt mit einer Unzahl verschiedenartigster Plastiken. Die größte prangte mitten im Raum und bestand aus drei Säulen aus schwarzem Marmor, von denen ein Wasserspiel in ein beleuchtetes Bassin plätscherte. Vor den Fenstern eine ausladende Sitzgruppe in weißem Leder, hier und da einige Designermöbel der obersten Preiskategorie und ganz hinten — ungefähr einen halben Tagesmarsch entfernt — ein Schreibtisch, auf dem man bequem eine Aufsichtsratssitzung hätte abhalten können. Und die glatten Ebenholzpaneele der Wandverkleidung sahen mir ganz danach aus, als ob sich hinter ihnen allerlei elektrisch versenkbarer Schnickschnack verbarg, der zum Vorschein kam, wenn man nur auf den richtigen Knopf drückte.

Ich verstehe nicht viel von Kunst und Architektur, allerdings genug, um gleich zu sehen, dass hier ein Haufen Geld verbraten worden war. Was Exzesse bei der Ausstattung von Büros anbetraf, war ich schon allerhand gewohnt, aber dass sich jemand auf Firmenkosten so eine Art Privatmuseum für Kunst und Design einrichtete, das war mir noch nicht untergekommen. Und von der Verschwendung an sich mal ganz abgesehen, war ein Büro, das so verdammt nach Geld stank wie dieses, ganz bestimmt nicht die richtige Umgebung, um bei Geschäftsverhandlungen ordentliche Konditionen und Rabatte rauszuschlagen oder Gewerkschaftsheinis, die einem wegen höherer Löhne auf die Bude rückten, die Flügel zu stutzen.

Ich machte mich sofort an die Aufräumarbeiten und ordnete an, die Suite restlos zu entrümpeln, Zwischenwände einzuziehen und zwanzig Hasenställe für Sachbearbeiter daraus zu machen. Meine Kommandozentrale richtete ich fünf Stockwerke tiefer in einer leerstehenden Aktenkammer ein, und in ein fensterloses Kabuff nebenan kam ein Feldbett. Ich hatte keineswegs die Absicht, mich dort regelmäßig aufzuhalten, und auf das mir spesenmäßig zustehende erste Haus am Platze würde ich keine einzige Nacht verzichten. — Es war einfach nur eine Geste. Eine Geste, die sich ziemlich schnell herumsprechen und mehr sagen würde als tausend Worte.

Die Sekretärin, ein kleines rothaariges Luder mit prächtig entwickelten Brüsten, Beinen bis hinauf zu den Achseln und Grübchen an den Mundwinkeln, war ein Erbstück von Burger. Sie lief herum in einer verdammt zu weit aufgeknöpften Bluse und einem knallengen Ledermini, und ihr Name war Hertz. Ich teilte ihr mit, dass ich sie Herzchen nennen würde, und forderte sie auf, sich mit ihren Vorzimmerutensilien irgendwo in der Nähe einzurichten. Kichernd entfernte sie sich, und ihr knackiger kleiner Po führte dabei ein ungemein aufregendes Eigenleben und kugelte nur so herum. Ich blickte ihm nach und überlegte, wie Burger wohl damit fertig geworden war. Sie bog hinaus auf den Korridor, der Hintern verschwand, und ich saß da und stierte ins Leere.

Noch ganz benommen griff ich zum Telefon, wählte die Nummer der Zentrale in Frankfurt und forderte Prager an. Prager war ein ausgepichter Revisionsfachmann mit einer feinen Nase für alle krummen Touren, der so gut wie nichts entging. Aber er kannte sich nicht nur mit Zahlen aus, sondern kümmerte sich auch ums Menschliche und wusste genau, wo er in den Aktenschränken und Schreibtischen nach Büroflaschen und anderem Belastungsmaterial zu suchen hatte. Wen er einmal in der Mangel hatte, der stand bald nackt und bloß und mit so vielen Schwächen befleckt da, dass ihn sogar die eigene Mutter für ein Monstrum gehalten hätte. Prager war eine Maschine, oben warf man Spesenabrechnungen, Stechkarten oder persönliche Details rein, und unten kamen unanfechtbare Kündigungsgründe raus. Bei größeren Sanierungsjobs war er einfach unentbehrlich. Frankfurt sagte ihn mir für den nächsten Tag zu.

Für einen Augenblick spielte ich mit dem Gedanken, vor versammelter Belegschaft eine Blut-Schweiß-und-Tränen-Rede zu halten. Wenn das Publikum leicht masochistisch veranlagt ist, kann man damit schöne Erfolge erzielen; wenn nicht, ist es pure Zeitverschwendung — wie alle Reden. Da ich keine Zeit für Experimente hatte, entschied ich mich, es nicht darauf ankommen zu lassen, und legte den Plan zu den Akten. Dann bestellte ich mir den Chef der Buchhaltung, ein Pferdegesicht namens Menges, und erklärte ihm, dass ich ein paar aussagekräftige Zahlen über Lohnstückkosten, Produktivität, Pro-Kopf-Umsatz und dergleichen brauchte. Er faltete seine spindeldürren einsfünfundneunzig auf den einfachen Holzstuhl vor meinem Schreibtisch und erkundigte geschäftsmäßig: «Zu welchem Zweck benötigen Sie die Zahlen?»

Ich zündete mir sehr ausführlich eine Zigarre an und erklärte paffend: «Als so eine Art Kavallerie.»

«Wie bitte?»

«Wenn die Jungs vom Betriebsrat ihr Geld wert sind, werden sie demnächst auf die Barrikaden gehen. Und bevor sie hier auf meinem Schreibtisch Kriegstänze aufführen und mich an den Marterpfahl stellen, möchte ich etwas in der Hand haben, das sie zur Vernunft bringt, und zwar schnell und wirksam.»

«Hm, verstehe,» nickte er. «Wie wäre es mit einem zwischenbetrieblichen Zahlenvergleich?»

«Wenn er schön ungünstig für diesen Laden ausfällt, jederzeit gern,» grinste ich.

Nachdenklich strich er sich über sein glatt rasiertes, langes Kinn. «Ich denke, das wird sich machen lassen.»

«Schön. Und dann sollten Sie auch noch ein bisschen dramatisches Material über die Finanzsituation der Firma auf Lager haben. Frost und Korf werden es brauchen, um mit den Banken die Kreditkonditionen neu auszuhandeln.»

Er lächelte verwirrt. «Aber die Finanzsituation ist eigentlich gar nicht dramatisch.»

Ich schnellte vor und starrte ihn mit schmalen Augen an. «Das Sechs-Millionen-Loch im letzten Quartal nennen Sie ‚eigentlich nicht dramatisch‘?!»

«Nun, wir hatten da einen ziemlich hohen außerordentlichen Ertrag durch den Verkauf eines Grundstücks. Damit lässt sich der Verlust in etwa kompensieren.»

Ich stand kurz vor einem hysterischen Anfall und bellte: «Seit wann werden bei Maddox Löcher durch das Verramschen von Firmenvermögen gestopft?!»

«Na ja, irgendwie müssen sie doch gestopft werden, oder?»

«Schon möglich, aber nicht mit dem Geld der Zentrale. Und außerordentliche Erträge gehören verdammt noch mal der Zentrale!»

«Ja, aber wie dann?»

«Wer ist denn hier der Buchhalter, ich oder Sie?!» schnauzte ich ihn an. «Lassen Sie sich was einfallen! Auf jeden Fall werden die Grundstücksmillionen sofort nach Frankfurt überwiesen, und der Laden hier wird auf konkursreif getrimmt. Ist das klar?!»

Es war ihm klar. Aber es schmeckte ihm nicht. Die verdammte Buchhalterei steckte ihm tief in den Knochen, und er war einfach viel zu verknallt in seine hübsch abgezirkelten Zahlen, um zu begreifen, dass man schöne Zahlen manchmal ein bisschen verhunzen muss, um noch schönere zu kriegen.

Er bleckte die Zähne und gab ein missbilligendes Schmatzen von sich. «Vorsätzlicher Konkurs, das ist ein Spiel mit dem Feuer.»

Spiel mit dem Feuer? Hatte etwa jemand behauptet, dass wir uns nur mit harmlosen Sächelchen beschäftigen würden? Und wer hatte überhaupt gesagt, dass es nur ein Spiel sein würde? Das Leben ist alles andere als ein Spiel und ein einziges Risiko von A bis Z. Aber das schien sich bis hierher noch nicht herumgesprochen zu haben. Statt dessen volle Hosen, wohin das Auge blickte. Jede Menge Ausreden fürs Nichtstun und keine Spur von Initiative. Der Unternehmungsgeist dieser Truppe hätte nicht einmal dazu gereicht, einen Lottoschein abzugeben, selbst wenn ihnen sechs Richtige garantiert worden wären. Ich war allerdings schon viel zu lange im Geschäft, um mich davon noch aus der Fassung bringen zu lassen. Nur blutige Anfänger und Leute mit einem ausgeprägten Faible für Magengeschwüre regen sich über so etwas auf. Ich lächelte ihn an. «Ach wirklich?»

Er runzelte seine niedrige Stirn und sah so gar nicht mehr aus wie ein Pferd, sondern eher wie ein besorgter alter Affe.. «Mhm, da sitzt sehr schnell der Staatsanwalt mit am Tisch und spielt auf seine Weise mit.»

Na sieh mal einer an, der Staatsanwalt. Offenbar litt er an einer Art Kombination von Verfolgungswahn und frühkindlichem Glauben an den schwarzen Mann. Beunruhigt fragte ich mich, wie man ausgerechnet jemanden mit so viel Phantasie zum Chef der Buchhaltung hatte machen können. Was passierte wohl, wenn er über die unzähligen Verwendungsmöglichkeiten für das viele Geld nachzudenken anfing, das täglich durch seine Hände ging? Und — hatte er vielleicht sogar schon darüber nachgedacht? Die Elf-Millionen-Lücke des letzten Quartals verlangte immer noch nach einer einleuchtenden Erklärung. Und ein Buchhalter mit lebhaftem Einbildungsvermögen und allen nötigen Vollmachten wäre durchaus eine gewesen.

Erst als er komisch guckte und auf dem Stuhl herumzurutschen begann, merkte ich, dass ich ihn die ganze Zeit angestarrt hatte. Ich hörte damit auf, warf ein prüfenden Blick auf die Glut meiner Zigarre und versicherte ihm: «Sie werden ganz bestimmt keinen Ärger mit dem Staatsanwalt kriegen — wenigstens nicht wegen irgendwelcher Konkursgeschichten. Konkurs steht im Augenblick nämlich gar nicht auf dem Programm.»

«Nicht?» echote er hohl.

«Alles, was wir brauchen, ist ein bisschen Theaterdonner und ein eindrucksvolles Bühnenbild. Für den Donner werden Korf und Frost sorgen, das Bühnenbild ist Ihr Job. Sparen Sie nicht mit düsteren Farben, malen Sie es so, dass man schon vom bloßen Anblick Depressionen kriegt — wenn die Grundstücksmillionen erst mal dort sind, wo sie hingehören, dürfte das nicht mehr allzu schwer sein.»

«Sie wollen die Banker also nur bluffen?» erkundigte er sich hoffnungsvoll.

«Sagen wir mal, ein bisschen erschrecken.»

«Und was ist mit der Bonität?»

«Was soll damit sein?»fragte ich um die Zigarre herum.

«Ähm, ich meine, dramatisch gerechnete Zahlen sind nicht gerade Medizin für unsere Bonität. Unsere Position bei den Banken könnte sich verschlechtern.»

Ich nahm die Havanna aus dem Mund, rollte sie zwischen Daumen und Zeigefinger und sah ihn durchdringend an. «Um das Image von Maddox Color bei den Banken ist es momentan längst nicht so schlimm bestellt wie um das Ansehen in der Zentrale. Das schreit nach Prioritäten, finden Sie nicht auch?»

Ich konnte in seinem Gesicht studieren, wie eine Welt für ihn zusammenbrach. Es war die kleine übersichtliche Welt von Soll und Haben, in der alles stets aufging und seine Ordnung hatte und sauber war und korrekt.

Er murmelte: «Ich habe einen Ruf zu verlieren.»

«Vor allem haben Sie einen Job zu verlieren, Mann,» erinnerte ich ihn knallhart.

Bedrückt hob er den Kopf und suchte Erbarmen in meinen Augen. «Die Banken haben mir immer volles Vertrauen entgegengebracht und meine Zahlen ohne jede weitere Prüfung übernommen.»

«Sehen Sie, eben deshalb sind Sie genau der richtiger Mann für diese Aufgabe,» erklärte ich ihm mit einen unverfrorenen Lächeln. Und sozusagen als Trost fügte ich noch die Belehrung hinzu: «Geschäftszahlen sind immer nur etwas Relatives. Für die Steuerbilanz fallen sie schlechter aus als für die Handelsbilanz. Gegenüber Gläubigern sind sie im allgemeinen besser als bei Leuten, die Geld von einem wollen. Es hängt allerdings ganz davon ab, was man mit ihnen gerade erreichen will. Und da wir die Banken zur Mitarbeit bei der Sanierung bewegen wollen, müssen wir ihnen zur Abwechslung mal mit etwas schlechteren Zahlen kommen.»

Menges hörte mir kaum noch zu. Sehr wahrscheinlich dröhnte ihm der Schädel von so unnützen Dingen wie Berufsehre, Anstand und Integrität.

Eigentlich müsste man den Leuten gleich in ihre Arbeitsverträge reinschreiben, dass es strikt verboten ist, sich mit solchen Sachen irre zu machen. Fragen der Moral kann man getrost der Kirche überlassen, und tiefer gehenden Zweifeln sollte man sich am besten gar nicht erst hingeben. In der freien Wirtschaft führt jedenfalls nur positives Denken zum Erfolg und dazu braucht man einen klaren Kopf. Ich sah ihm eine Weile zu, dann erkundigte ich mich freundlich: «Langweile ich Sie?»

«Was?!» schreckte er auf. «Ähm, nein, ich dachte nur. . .»

«Ja-ah?»

Er schluckte herunter, was ihm auf der Zunge lag und erkundigte sich brav, bis wann ich die Zahlen haben wollte. Und ich sagte ihm, dass gestern schon viel zu spät gewesen wäre.

Mit einer Tonnenlast auf den Schultern schraubte er sich vom Stuhl hoch, seufzte und schleppte sich hinaus wie ein waidwundes Tier.

Ich schwang die Beine auf den Tisch, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und dachte paffend über den Stand der Dinge nach. Seit knapp zwei Stunden im Haus und schon die gesamte Geschäftsleitung flottgemacht, ein Büro ausgesucht und bezogen und so um die sechs Millionen für die Zentrale eingesackt — gar nicht schlecht. Ich hatte schon Fälle gehabt, da musste ich die verantwortlichen Herren erst mühsam vom Werkschutz bei ihren Schwiegermüttern, in Jagdhütten, Ferienhäusern und anderen Verstecken aufstöbern lassen. So etwas nimmt einer Operation natürlich jeden Schwung, vom Zeitverlust ganz zu schweigen.

Herzchen kam hereingeschwirrt und legte mir die Geschäftspost vor, die von Burger übrig geblieben war. Als sie sich über den Schreibtisch beugte, baumelten mir ihre beiden Euter für einen köstlichen Moment direkt vor der Nase, und ich bekam einen ganz trockenen Mund und verspürte plötzlich einen Mordsdurst auf Milch. Der schwere, süße Duft ihres Parfüms füllte das Zimmerchen bis in den letzten Winkel, und die Atmosphäre war schwül und explosiv wie kurz vor einem Gewitter. Und alles war möglich.

Aber das Gewitter blieb aus. Sie zauberte das unschuldigste Lächeln von der Welt auf ihr Gesicht und wandte sich giggelnd ab und ging einfach weg. Und ihr lederbespannter Hintern gab mir dabei wieder eine kleine Privatvorstellung, die alles andere als jugendfrei war. Oder war das gar keine Privatvorstellung? Vielleicht lief sie ja immer so herum. . . Der Betriebsfrieden war ernstlich in Gefahr. Ich nahm mir vor, das im Auge zu behalten.

Bei der Geschäftspost fiel mir als erstes eine Einladung zum Sommerfest des Oberbürgermeisters am übernächsten Wochenende in die Hände. Sie war zwar noch an Burger adressiert, und eigentlich mache ich mir so gut wie gar nichts aus Oberbürgermeistern, trotzdem legte ich sie beiseite und überantwortete sie nicht dem Papierkorb. Solche Anlässe sind eine gute Gelegenheit, sich mit den maßgeblichen Leuten mal ganz zwanglos über das eine oder andere Problem zu unterhalten.

Und dann war da noch ein Schrieb von der Wasseraufsichtsbehörde, in dem ein saftiges Zwangsgeld angedroht wurde für den Fall, dass nicht binnen zwei Monaten in der Firmenkläranlage eine zusätzliche Klärstufe in Betrieb genommen würde. Maddox-Color hatte also ein Umweltproblem. In einer Zeit, in der es sich eine Firma eher leisten konnte, Wechsel platzen zu lassen, als Ärger mit den Umweltschützern zu kriegen, hatte Maddox-Color ein Umweltproblem. Der Laden schien wirklich zu hundert Prozent aus Idioten zu bestehen. Ich schnappte mir den Wisch und zog los, um zu sehen, was man dagegen machen konnte.

Zuerst ging ich zu Korf, der ein sehr kühles, sehr modernes Büro hatte, und knallte ihm den Wisch auf den aufgeräumten, fast völlig leeren Schreibtisch und fragte, was das zu bedeuten hätte.

Er nahm das Papier in die Hand, studierte es lange und sorgfältig. Dann legte er es wieder auf den Tisch und rückte an seiner Brille. «Nun, äh, ich bin zwar kein Fachmann für Kläranlagen, aber ich würde sagen, eine ganze Menge Unkosten.»

«Ich bin auch kein Fachmann für Kläranlagen,» knurrte ich, «und ich würde sagen, Sie könnten verdammt Recht haben.»

Er zuckte die Achseln und blickte durch die großen Gläser seiner Brille ein wenig ratlos auf den Bescheid und meinte versonnen: «Theoretisch könnten sie uns sogar den Laden dichtmachen.»

«Ich wette, zu der Sache gibt es schon ein paar laufende Meter Briefwechsel, und das hier ist nur so eine Art letzte Mahnung.»

«So könnte man es bezeichnen,» nickte er.

«Wie lange geht dieser Zirkus schon?»

Er sah auf, blickte an mir vorbei und machte schmale Augen. «Seit Frühjahr diesen Jahres. Die Firma hatte da ein Abwasserproblem, das irgendwie in die Schlagzeilen geriet. Und daraufhin sah sich das Wasseramt wohl zum Handeln gezwungen und trat mit dieser Auflage an uns heran.»

«Scheinen ja ziemlich fixe Jungs zu sein im Wassseramt. Jetzt ist’s gerade mal Juli und wir haben schon ’ne Mahnung auf dem Tisch. Und die Galgenfrist, die sie uns geben, ist auch nicht gerade von Pappe. Für eine Behörde legen die einen ziemlichen Zahn vor, finden Sie nicht auch?»

«Ja, ziemlich,» sagte er nachdenklich. «Wahrscheinlich liegt das daran, dass der Fall durch die Publizität eine politische Dimension erhalten hat und dass die Sache gar nicht so sehr vom Wasseramt betrieben wird, sondern von höherer Stelle aus,» — er lächelte gewitzt –, «von Leuten, die wiedergewählt werden wollen.»

Ein Mann, der in großen Zusammenhängen dachte. Die Frage war nur, ob er es auch in juristischen tat. Ich setzte einen Fuß auf den Besucherstuhl und stützte mich mit dem Ellenbogen auf dem Knie auf. «Und was haben Sie dagegen unternommen?»

«Unternommen — ich?»

«Wer sonst. Sie sind doch hier der Paragrafenfex, oder? Und das muss doch irgendwie zu stoppen sein mit irgendwelchen Paragrafen,» — ich deutete auf den Wisch –. «Widerspruch, Klage, Dienstaufsichtsbeschwerde, Disziplinarverfahren, was weiß ich.»

Er schüttelte entschieden den Kopf. «Nichts zu machen, tut mir leid. Sie haben die Auflage mit sofortiger Vollziehbarkeit ausgestattet, und das bedeutet, die Frist läuft, ganz egal, ob man dagegen Widerspruch einlegt, Klage erhebt oder Männchen macht.»

Ich merkte mir, dass er ein Witzbold war. Bei Gelegenheit würde ich dafür sorgen, dass dieser Punkt in seine Personalakte kam. Vielleicht konnte man dann ja mal auf ihn zurückgreifen, wenn bei irgendeiner Betriebsfeier eine Lachnummer gebraucht wurde. Verärgert fuhr ich ihn an: «Dann klagen Sie eben verdammt noch mal gegen diese komische sofortige Vollziehbarkeit!»

Er antwortete mit einem bekümmerten Lächeln. «Das ist völlig aussichtslos. Unter den gegebenen Umständen zieht da kein Gericht mit — zu viel Politik im Spiel.»

«Okay,» sagte ich und grapschte mir den Wisch vom Tisch und steckte ihn wieder ein, «dann werden Sie eben mal Ihre grauen Zellen ’n bisschen strapazieren und was herausfinden, das nicht aussichtslos ist. Denken Sie sich was aus, was funktioniert, und denken Sie sich’s schnell aus. Wozu gibt Ihnen die Firma ein Büro mit Vorzimmer, ’n dickes Gehalt, Aufsichtsratsmandate und Prokura?»

Wir starrten uns noch ein bisschen über seinen leeren Schreibtisch hinweg an. Dann ließ ich ihn allein, damit er freie Bahn hatte fürs Austüfteln seiner Rechtsverdrehertricks.

Möglicherweise hatte er Recht, und die Sache war wirklich schon zu heißgelaufen und zu politisch für ein rein juristische Lösung. Wenn das so war, würde ich es herausfinden, und ich würde auch eine passende Lösung finden.

Im Allgemeinen interessiere ich mich nicht besonders für Kläranlagen. Aber in diesem speziellen Fall würde ich kaum darum herumkommen, mir die Bescherung einmal etwas näher anzusehen.

Diesen Text als e-book herunterladenDiesen Text als e-book herunterladen

<< 3. Die Tigernummer5. Es stinkt >>
Leserbewertung:
[Bewertungen insgesamt: 0 | Durchschnitt: 0]