Wasser, Ärzte und häusliches Leben

All­jähr­lich wur­de Leip­zig ein- oder zwei­mal von ei­ner gro­ßen Ue­ber­schwem­mung heim­ge­sucht. Von Con­ne­witz und Schleu­ßig her wälz­ten sich die Was­ser­mas­sen her­an und über­schwemm­ten das wei­te Ge­biet zwi­schen Leip­zig und Plag­witz-Lin­denau. Die jet­zi­ge Renn­bahn, das Schei­ben­holz, der jet­zi­ge Kö­nig Al­bert-Park bis zur Wie­sen­stra­ße, dann wei­ter­hin die jet­zi­ge Plag­wit­zer Stra­ße und die Frank­fur­ter Wie­sen bis in das Ro­sen­tal hin­ein und die gan­ze Flä­che bis nach Möckern bil­de­ten ei­ne ein­zi­ge gro­ße, wild durch­flu­te­te Was­ser­flä­che. So­weit das Au­ge reich­te, er­blick­te man nichts als ei­nen un­ge­heue­ren See. In sol­chen Zei­ten ver­dien­te Leip­zig in Wahr­heit die Be­zeich­nung ei­ner „gro­ßen See­stadt“, wie es in dem be­kann­te Lie­de: „In der gro­ßen See­stadt Leip­zig herrscht‘ einst ei­ne gro­ße Was­ser­not“, so schön heißt, das an­fangs der 1850er Jah­re in ei­ner lus­ti­gen Ge­sell­schaft auf der In­sel Buen Re­ti­ro von dem da­ma­li­gen Stu­den­ten, spä­te­ren preu­ßi­schen Land­rat von Ton­dern und Land­tags­ab­ge­ord­ne­ten G. J. Br. Han­sen ge­dich­tet wur­de. Vie­le Ver­wüs­tun­gen wur­den da­durch an­ge­rich­tet, aber wenn die Ue­ber­schwem­mung im Spät­herbst statt­fand und ein früh­zei­ti­ger Frost die wei­te Was­ser­flä­che in ei­ne ein­zi­ge gro­ße Schlitt­schuh­bahn ver­wan­del­te, da war die Freu­de der Leip­zi­ger Ju­gend doch sehr leb­haft, denn sie konn­te nun­mehr, und da­zu un­ent­gelt­lich, dem Schlitt­schuh­lau­fen nach Her­zens­lust fröh­nen. Mit der Plei­ße und Els­ter trat im Nor­den re­gel­mä­ßig auch die Par­the aus ih­ren Ufern, doch war ih­re Ue­ber­schwem­mung und der Scha­den, den sie da­durch an­rich­te­te, nicht so groß wie der von Els­ter und Plei­ße. Mit dem Her­an­na­hen des gro­ßen Was­sers stieg auch, ins­be­son­de­re im West­vier­tel, das Grund­was­ser, das in den Häu­sern auch vie­len Scha­den ver­ur­sach­te. In ei­nem Win­kel des Kel­lers mei­nes el­ter­li­chen Hau­ses war ein tie­fes Loch an­ge­bracht, das das Stei­gen des Grund­was­sers an­zeig­te. So­bald das­sel­be ei­ne ge­fahr­dro­hen­de Hö­he er­reicht hat­te, wur­den die Woh­nungs­in­sas­sen da­von be­nach­rich­tigt, da­mit sie ih­re Kel­ler­vor­rä­te hin­weg­schaff­ten oder in ei­ne hö­he­re La­ge bräch­ten. Wel­cher Ju­bel bei uns Kin­dern aber, wenn der Kel­ler über­schwemmt war und wir nun in ei­nem Wasch­faß dar­in um­her­gon­deln konn­ten. Es ist das Ver­dienst von Dr. Hei­ne, daß er Leip­zig von die­ser Was­ser­ka­la­mi­tät durch sei­ne groß an­ge­leg­ten Fluß­re­gu­lie­run­gen be­freit hat.

Ei­ne Was­ser­lei­tung im ei­gent­li­chen Sin­ne die­ses Wor­tes be­stand da­mals noch nicht, sie wur­de erst spä­ter, in den Jah­ren 1867 und 1868, ein­ge­führt. Wohl aber gab es ei­ne „Was­ser­kunst“, de­ren Ge­bäu­de un­ge­fähr an der Stel­le stand, wo sich jetzt die Post in der Har­kort­stra­ße be­fin­det. Dort wur­de mit­telst ei­nes gro­ßen He­be­wer­kes das Was­ser aus der Plei­ße ent­nom­men, not­dürf­tig fil­triert und durch höl­zer­ne Röh­ren nach ver­schie­de­nen Plät­zen der Stadt ge­lei­tet, wo das Was­ser in gro­ße Trö­ge lief. Sol­che Plät­ze be­fan­den sich haupt­säch­lich an den Kir­chen, In ih­rer Nä­he wa­ren die Drosch­ken­hal­te­stel­len und die Pfer­de wur­den aus den Trö­gen ge­tränkt. Die­se Trö­ge muß­ten auch bei Aus­bruch ei­nes Feu­ers das für die Sprit­zen er­for­der­li­che Was­ser her­ge­ben, so­fern der Brand nicht in der Nä­he ei­nes der durch die Stadt ge­hen­den Fluß­läu­fe aus­ge­bro­chen war, wo dann das Was­ser dem Flus­se ent­nom­men wur­de. In der Nach­bar­schaft die­ser Trö­ge und auch an sons­ti­gen Plät­zen der Stadt stan­den für den Fall ei­nes Feu­ers mit Was­ser ge­füll­te gro­ße Ton­nen in Be­reit­schaft. Die­se Ton­nen wa­ren auf Ku­fen be­fes­tigt, vor die bei Feu­ers­ge­fahr die für die­sen Zweck eben­falls be­reits be­stimm­ten Pfer­de an­ge­spannt wur­den. Sol­che Ku­fen wur­den auch, na­ment­lich zu Meß­zei­ten, be­nutzt, um Bal­len und Kis­ten durch die Stra­ßen zu trans­por­tie­ren. Zur ra­schen Hil­fe beim Ent­ste­hen ei­nes Scha­den­feu­ers muß­ten in je­dem Hau­se an leicht er­reich­ba­rer Stel­le ei­ne An­zahl Le­derei­mer, so­wie ei­ne lan­ge Lei­ter vor­han­den sein.Das Rohr­was­ser war für den mensch­li­chen Trink­be­darf na­tür­lich nicht ge­eig­net. Das Trink­was­ser muß­te viel­mehr aus den öf­fent­li­chen Brun­nen ge­holt wer­den, die zu­wei­len recht weit von den Woh­nun­gen ent­fernt wa­ren. Das war nun ein wah­res Kreuz für die Haus­frau­en. Denn die Dienst­mäd­chen, wel­che zu den Brun­nen ge­schickt wur­den, tra­fen sich dort mit ih­ren Liebs­ten oder mit ih­ren Kol­le­gin­nen, mit de­nen sie ei­nen stun­den­lan­gen Plausch hiel­ten, und blie­ben in­fol­ge­des­sen „ei­ne Ewig­keit“ weg. Täg­lich gab es dies­er­halb Zank und Streit. Das Koch- und Auf­wa­sch­was­ser wur­de aus dem Brun­nen in Ei­mern her­bei­ge­holt und in der Kü­che in ei­ne aus­ge­pich­te Ton­ne ge­schüt­tet, die mit ei­nem De­ckel sorg­sam ver­schlos­sen wur­de. Das Trink­was­ser aber hol­te man in ei­nem gro­ßen, bau­chi­gen, mit ei­nem Zink­de­ckel ver­se­he­nen Stein­krug, Lä­se ge­nannt, den man an ei­nem mög­lichst küh­len Or­te auf­be­wahr­te.

Die Fa­mi­li­en be­sa­ßen zu­meist ei­nen stän­di­gen Haus­arzt, der ein Pau­scha­le er­hielt, wo­für er nicht nur die in der Fa­mi­lie auf­tre­ten­den Krank­hei­ten zu be­han­deln, son­dern auch die Ver­pflich­tung hat­te, von Zeit zu Zeit un­ge­ru­fen sich nach dem Ge­sund­heits­zu­stand sei­ner Schutz­be­foh­le­nen zu er­kun­di­gen. Es bil­de­te sich da­durch fast über­all ein in­ni­ges Freund­schafts­ver­hält­nis zwi­schen Fa­mi­lie und Arzt aus. Un­ser Haus­arzt pfleg­te als ers­tes bei ei­nem Krank­heits­fall das Trin­ken von war­mem Was­ser zu ver­ord­nen, was wir Kin­der so ab­scheu­lich fan­den, daß wir uns nach Mög­lich­keit ge­gen das Krank­sein stemm­ten.

Das häus­li­che Le­ben ei­ner Bür­ger­fa­mi­lie war ein streng ge­re­gel­tes. Im Som­mer wur­de um 6 Uhr (an be­son­ders son­ni­gen Ta­gen noch frü­her) und im Win­ter um 7 Uhr auf­ge­stan­den. Dem ers­ten Früh­stück, be­ste­hend aus Kaf­fee (mit Zu­satz von Gers­te oder Zi­cho­rie) und But­ter­sem­meln, das gleich nach dem Auf­ste­hen ein­ge­nom­men wur­de, folg­te um 9 Uhr ein zwei­tes Früh­stück in Ge­stalt ei­ner be­leg­ten Bem­me. Kurz nach 12 Uhr, wenn die Kin­der aus der Schu­le heim­ge­kom­men wa­ren, wur­de zu Mit­tag ge­ges­sen, wel­cher Mahl­zeit ei­ne Stun­de spä­ter der Kaf­fee folg­te. Um 4 Uhr war Ves­per­zeit und wer woll­te, konn­te sich da aus der Kü­che wie­der ei­ne Bem­me ho­len. Zwi­schen 6 und 7 Uhr wur­de als­dann zu Abend ge­ges­sen. Die Abend­mahl­zeit be­stand aus kal­ter Kü­che, zu­meist Brot, But­ter und Kä­se, da­zu ein Krug Braun­bier, das selbst ab­ge­füllt wur­de. Nur an Sonn- und Fest­ta­gen und bei sons­ti­gen be­son­de­ren Ge­le­gen­hei­ten — na­ment­lich wenn, wie dies im Früh­jahr und Herbst je ein­mal ge­schah, in der Fa­mi­lie ein Schwein ge­schlach­tet wor­den war — ka­men auch Wurst und Schin­ken auf den Tisch. Im Win­ter wur­de vor­her noch ei­ne Sup­pe ge­ge­ben. Der Abend war als­dann der Ge­sel­lig­keit ge­wid­met. Der Va­ter ging zu sei­nem Stamm­tisch, um Skat oder Schafs­kopf zu spie­len und die Zu­rück­blei­ben­den gin­gen ent­we­der in das Thea­ter, auf das abon­niert war, oder sie mu­si­zier­ten zu Hau­se und be­schäf­tig­ten sich mit Schul- oder Hand­ar­bei­ten. Häu­fig wur­den auch Tee­aben­de ver­an­stal­tet, wo­zu Gäs­te ein­ge­la­den wur­den. Um 11 Uhr war aber wie­der voll­kom­me­ne Ru­he, al­les war zu Hau­se und be­reits im Bett; schon halb im Schlaf hör­te man dann noch den Nacht­wäch­ter in sein Horn tu­ten und mit kräch­zen­der Bier­stim­me sein Lied­lein sin­gen: „Hört Ihr Her­ren und laßt Euch sa­gen.“ Aus­nah­men bil­de­ten na­tür­lich Bäl­le und sons­ti­ge Fest­lich­kei­ten.

Für uns Klei­nen war da­mals die Däm­mer­stun­de die liebs­te Ta­ges­zeit. Da kam der Va­ter aus sei­nen Werk­stät­ten in das‘ Wohn­zim­mer, setz­te sich ne­ben die Mut­ter auf das So­fa und wir Kin­der klet­ter­ten auf den Schoß der bei­den. Die El­tern er­zähl­ten uns dann Mär­chen und sons­ti­ge Kin­der­ge­schich­ten, auch san­gen sie mit uns klei­ne Lie­der wie: „Es klap­pert die Müh­le am rau­schen­den Bach, klipp­-klapp“, wo­bei wir bei dem Klipp-Klapp mit den Hän­den zu­sam­men­schlu­gen, oder; „Fuchs du hast die Gans ge­stoh­len“ oder: „Weißt du wie viel Stern­lein ste­hen, an dem blau­en Him­mels­zelt?“ und an­de­re mehr. Das Be­dau­ern war dann stets groß, wenn die Lam­pe her­ein­ge­bracht wur­de und der Va­ter sich dar­auf er­hob, um wie­der zu sei­nen Ar­bei­tern zu ge­hen.

Be­son­ders fest­li­che Zei­ten für uns Kin­der wa­ren die, wo Ku­chen ge­ba­cken wur­de. An Ge­burts­ta­gen buk die Mut­ter selbst ei­ni­ge Asch­ku­chen im Kü­chen­herd, aber zu Os­tern, Pfings­ten und Weih­nach­ten wur­de der zu Hau­se an­ge­mach­te und ge­form­te Teig zum Bä­cker ge­tra­gen, um dort ge­ba­cken zu wer­den. Zu Os­tern gab es als Spe­zia­li­tät Quark­ku­chen und zu Pfings­ten dün­nen Kar­tof­fel­ku­chen, den wir be­son­ders gern aßen, da­zu noch Man­del- und Streu­ßel­ku­chen. Au­ßer der Rei­he und je nach der Jah­res­zeit wur­de auch ein Speck­ku­chen, Kirsch- und Pflau­men­ku­chen ge­ba­cken. Ganz be­son­ders hat­te es aber das Stol­len­ba­cken „in sich“, denn es bil­de­te die greif­ba­re Vor­freu­de für das sehn­lichst her­bei­ge­wünsch­te Weih­nachts­fest. Schon die Zu­be­rei­tun­gen für das Ba­cken fan­den die le­ben­digs­te Teil­nah­me von uns Kin­dern. Mit leuch­ten­den Au­gen ver­folg­ten wir das Her­bei­schaf­fen des Meh­les, des Zu­ckers (der da­mals noch auf dem Reib­ei­sen klein ge­rie­ben wer­den muß­te), der But­ter und der sons­ti­gen Zu­ta­ten, und mit Ei­fer be­tei­lig­ten wir uns am Ver­le­sen der Ro­si­nen und dem Zer­klei­nern der Man­deln. Wenn dann der Bä­cker­ge­sel­le kam, um den Teig in ei­ner gro­ßen Mul­de an­zu­ma­chen, um­stan­den wir ihn und be­ob­ach­te­ten ge­nau je­den sei­ner Hand­grif­fe. Der fer­tig­ge­kne­te­te Teig wur­de als­dann an den Ofen ge­stellt, da­mit er auf­ge­he und so­bald dies ge­sche­hen war, wur­de er sorg­lich mit Tü­chern zu­ge­deckt, zum Bä­cker ge­schafft. Dort­hin be­gab sich zu glei­cher Zeit die Mut­ter, wel­che das For­men der Stol­len be­auf­sich­tig­te und ih­re Zahl fest­stell­te, und nicht frü­her die Back­stu­be ver­ließ, bis die Stol­len fix und fer­tig wa­ren und die­sel­ben von den Bä­cker­ge­sel­len und Lehr­lin­gen nach Hau­se ge­bracht wur­den, wo sie mit ih­rem lieb­li­chen Duft die Zim­mer an­füll­ten und von uns Kin­dern mit Ju­bel be­grüßt wur­den. Der Va­ter aber nahm ei­ne pas­sen­de Ge­le­gen­heit wahr, um ei­ne Stol­le heim­lich ver­schwin­den zu las­sen, die er dann an ei­nem Sonn­tag lan­ge nach Neu­jahr, wenn schon längst das letz­te Stück­chen Stol­le ver­zehrt war, zu un­se­rer freu­digs­ten Ue­ber­ra­schung auf den Kaf­fee­tisch setz­te.

 

 

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