3. Die Tigernummer

Im Konferenzraum wurden wir von vier Mann hoch erwartet. Bollmann machte mich mit ihnen bekannt: Ohlsen, ein sehniger Mittvierziger, zuständig für Produktion und Beschaffung, war verdammt gut gebräunt für einen hart arbeitenden Menschen in diesen Breiten. Korf, Syndikus, Dr. jur., ein blässlicher Jüngling von höchstens Mitte dreißig mit angepappten schwarzen Haaren und lüsternem grauäugigen Karrierblick. Sein gedeckter Zweireiher war eine erstklassige Maßarbeit. Schäffer, Marketing und Vertrieb mit dem Titel Direktor. Einer von diesen feuchtfröhlichen Karnevalsfritzen aus dem Rheinland, die immer irgendwie den Aschermittwoch verpassen. Ziemlich vollgefressen, ziemlich rot im Gesicht und sehr jovial, verdammt jovial. Alles, was ihm noch fehlte, war ’ne Pappnase. Ich hatte diese dröhenden Schunkelheinis noch nie leiden können. Und ich sah keinen Anlass, bei ihm eine Ausnahme zu machen. Und schließlich Frost — ja wirklich: Frost — Finanzen und kommissarischer Geschäftsführer, ein hagerer, grauer Bursche kurz vor der Pensionsgrenze mit einer abgezehrten Bittermiene, die aussah, als ob er sich jeden Euro in der Firmenkasse vom Munde abgespart hätte. Denken Sie jetzt bloß nicht, ich hätte Vorurteile — alles nur Berufserfahrung und Menschenkenntnis.

Wir setzten uns an den Konferenztisch. Bollmann ließ sich, weil er nicht zur Chefetage gehörte, in am weit entfernten unteren Ende nieder und beobachtete uns von dort respektvoll.

Frost passte es nicht, dass er überhaupt noch dablieb, und fragte nörgelnd: «Bollmann, ist noch was?»

Bollmann zuckte ertappt zusammen und wollte sich schon gehorsam verkrümeln. Aber ich entschied: «Bollmann bleibt da.»

Der kleine Fettsack ließ sich erleichtert in den Sessel zurückplumpsen und war mir wieder mal dankbar.

Qualmend blickte ich in die Runde. Frosts Mund hatte sich zusammengezogen, als habe er gerade eine Zitrone ausgelutscht. Und die anderen Herren musterten angestrengt ihre Fingernägel oder irgendwelche imaginären Punkte vor sich auf der schwarz gebeizten Tischplatte.

Ich sah sie mir genau an — einen nach dem anderen. Wohl war keinem von ihnen. Aus ihrer Sicht war ich ungefähr so nötig wie eine Blinddarmentzündung. Und sie hatten Angst, die Angst vor Kontrolle und besonders davor, dass etwas herauskommen könnte. Wenn man nur scharf genug hinguckt, kommt immer etwas heraus, und ich würde verdammt scharf hingucken. Ich würde ihnen die Haut abziehen, sie in ihre Einzelteile zerlegen und bis in ihr Innerstes vordringen. Und nichts, absolut nichts, würde mir verborgen bleiben. Vivisektionen sind eine ausgesprochene Spezialität von mir.

Als sich dann die allgemeine Befangenheit halbwegs gelegt hatte und die Konferenz langsam in Gang kam, kriegte ich erst mal das Übliche zu hören: Ausreden, Ausreden, Ausreden.

Frost hielt eine lange Rede über den knallharten Wettbewerb im Geschäft mit Autolacken, die schlechte Baukonjunktur und die schrumpfenden Wachstumsraten in der Heimwerkersparte und nannte das Ganze Analyse der Ertragsentwicklung.

Man sagt, Leute mit schlechtem Gewissen, würden zu viel reden. Und Frost redete verdammt zu viel.

Nachdem er sein Herz ausgeschüttet hatte, spuckte ich einen Tabakkrümel aus und erklärte: «So. Und jetzt werde ich mal eine Analyse vom Stapel lassen, meine Herren. Sie haben im letzten Quartal nicht nur die fünf Millionen nicht verdient, die im Gewinnplan vorgesehen waren, sondern Sie haben gleich auch noch sechs Millionen Verlust gemacht — summa summarum sind das elf Millionen, die auf der Strecke geblieben sind. Von den Marktanteilen ganz zu schweigen.» Ich machte eine effektvolle Pause, ließ den freipräparierten Nerv ein bisschen an der frischen Zugluft liegen und gab ihnen Gelegenheit zu bereuen. Dann streute ich noch ein wenig Salz in die offene Wunde und erkundigte mich freundlich: «Wie würden Sie so ein Quartalsergebnis nennen?» Natürlich erhielt ich keine Antwort. «Rückschlag? Debakel? Oder vielleicht sogar Katastrophe?» bohrte ich. Wieder nichts. «Nun, ich will Ihnen nicht vorenthalten, wie man in Cleveland über so etwas denkt. Dort betrachtet man so ein Ergebnis schlicht und einfach als Sabotage und pflegt die Verantwortlichen der Mafia für zehn Cent Flaschenpfand pro Nase zu Schießübungen zu überlassen.»

Frost hüstelte. «Mit anderen Worten, wir sind gefeuert.»

Wie zum Teufel kamen sie hier nur alle darauf, dass sie gefeuert wären? Sie stellten sich an, als ob ich sie beim Stehlen silberner Löffel erwischt hätte. — Hatten sie vielleicht silberne Löffel gestohlen, und ich hatte es nur noch nicht mitgekriegt? Ich würde die Augen offen halten. Liebenswürdig versetzte ich: «Aber, aber, ganz im Gegenteil. Sie werden hübsch bleiben und die Scharte wieder auswetzen und der Firma zu ihren elf Millionen verhelfen und Maddox-Color am Markt weiter nach vorne bringen als je zuvor.»

Keiner sagte etwas, den Brocken mussten sie erst mal verdauen.

Manchmal kann ich schon auf eine geradezu übermenschliche Art großzügig sein. Aber selbstverständlich ließ ich sie nicht nur aus reiner Menschenfreundlichkeit am Leben. Eine Vorstandsetage kann man nicht einfach auf einen Schlag entvölkern, selbst wenn sie noch so unfähig ist. Der Betrieb würde zusammenbrechen. Man muss Schritt für Schritt vorgehen, immer hübsch einen nach dem anderen — das Zehn-kleine-Negerlein-Prinzip.

Ich stand auf, trat an die Fenster und schaute hinaus. Möglich, dass da draußen eine kühle Brise von den Deichen herüber wehte. Aber hier drinnen hinter den Scheiben staute sich bloß heiße Luft. Und natürlich kein Fenster zu öffnen — Bauvorschrift. Der Glaskasten war ein einziges gottverdammtes Treibhaus. Bauvorschriften werden von Idioten gemacht. Und Klimaanlagen auch. Ich lockerte den Schlips und knöpfte mir den Kragen auf. Seit mindestens neunzig Jahren bauen sie jetzt diese Dinger, und immer noch hat man nur die lausige Auswahl zwischen einem Schwitzbad und einer Lungenentzündung. Ich habe keine Ahnung, ob Maddox Industries irgendwo auf der Welt vielleicht auch Klimaanlagen herstellt, aber falls es so einen Betrieb gibt und ich ihn einmal in die Finger kriegen sollte, wäre das Problem innerhalb von ein paar Wochen endgültig vom Tisch, das können Sie mir glauben. — Größenwahn? Kein bisschen, ich weiß eben, wo man den Hebel ansetzen muss, und dazu braucht man nun wirklich kein Nobelpreisträger zu sein.

Meine Gedanken kehrten wieder zu den Pennern hinter meinem Rücken zurück. Ich stand wieder einmal vor dem alten Problem, wie bringt man Versagern bei, dass sie Versager sind? Und soll man es überhaupt versuchen? Niemand akzeptiert, dass er eine Flasche ist; da ist nicht mal mit den Überzeugungskünsten eines erstklassigen Gebrauchtwagenverkäufers etwas zu machen.

Elf Millionen in drei Monaten zu verwirtschaften, das war so katastrophal, dass dafür eigentlich fast schon so etwas wie ein Oscar fällig gewesen wäre. Konnte allerdings durchaus auch sein, dass dahinter irgendein krummes Ding steckte. Aber als krummes Ding war die Sache so dämlich aufgezogen, dass es allein schon für die Dämlichkeit mindestens zweimal Lebenslänglich hätte geben müssen.

Wenigstens für eine gewisse Übergangszeit musste ich mit diesen trüben Tassen noch auskommen. Ich suchte nach einem Bild, das einfach war und eindringlich genug, um ihren Hohlköpfen den Ernst der Lage begreiflich zu machen. Und als ich eines gefunden hatte, blies ich eine Wolke gegen das Fenster, beobachtete, wie sie an der Scheibe zerquoll, und sagte: «Meine Herren, wir befinden uns auf hoher See, die Wellen gehen hoch und irgendwer hat das Steuerrad geklaut und über Bord geworfen, es war genau elf Millionen wert. Es wird ein hartes Stück Arbeit werden, den Pott wieder auf Kurs zu bringen, und wir werden uns verdammt beeilen müssen, damit er uns nicht vorher absäuft.

Das Steuerrrad muss wieder her. Elf Millionen Gewinn zusätzlich zum laufenden Geschäft, das bedeutet, entweder wir quetschen aus den Kosten noch die letzte, aber auch wirklich letzte Rationalisierungsreserve raus, oder wir verpassen den Verkaufszahlen einen Treibsatz, der mindestens bis zum Mars reicht. Was meinen Sie?»

Hinter mir das große Schweigen. Irgendwer scharrte mit den Füßen. Mit der Sanierung von Firmenfinanzen waren sie offenbar weit weniger vertraut als mit ihrer Zerrüttung. Wenn es nach ihnen gegangen wäre, wäre sowieso alles beim alten geblieben, und niemand hätte sich Gedanken um irgendwelche Änderungen gemacht. Ich begann vor den Fenstern auf und ab zu marschieren und erläuterte: «Ich bin allerdings nur an Lösungen interessiert, die schnelle und greifbare Resultate bringen. Also, was ist?»

«Wie schnelle Resultate?» erkundigte sich Korf.

«Sagen wir, innerhalb von drei Monaten.»

Lange Gesichter. «So schnell kann man auf der Absatzseite nichts bewegen,» versicherte Schäffer eilig.

Ich blieb kurz stehen und starrte ihm mitten in sein Rotweingesicht. Sehr wahrscheinlich ging ihm außer Ausreden überhaupt nichts schnell von der Hand. «Ach, tatsächlich?» Er wurde nervös und rutschte unbehaglich auf seinem Sitz herum. Leute, die nervös werden, wenn man sie anstarrt, haben in der Regel weder Rückgrat noch ein gutes Gewissen. Ich merkte mir, dass er nervös wurde, wenn man ihn anstarrte.

Ohlsen streifte ihn mit einem spöttischen Blick und lächelte matt. «Dann bleiben ja wohl nur noch die Kosten übrig.»

«Sieht ganz so aus,» knurrte ich und warf einen aufmunternden Blick in die Runde. «Also, meine Herren, im Pott ist Platz für elf Millionen. Lassen Sie mal die Hosen runter, Ihre Einsätze bitte.»

«Mein Ressort hat sowieso nur ein Jahresbudget von fünf Millionen,» tönte Schäffer, «da steckt kaum was an Potential drin.»

«Fünf Millionen für so ein Ressort in so einem Betrieb, ist das nicht ein bisschen mickrig?» erkundigte ich mich.

«Nun ja, es ist sicher nicht besonders viel, wir wollten eben sparsam wirtschaften. . .»

Ein Typ wie Schäffer rührend um die Finanzen seiner Firma besorgt? Das schrie nach sofortiger Vergeltung. «Wussten Sie eigentlich schon, dass es einen direkten Zusammenhang gibt zwischen lausigen Ressortetats und lausigen Ressortchefs?» unterbrach ich ihn freundschaftlich.

Er verfärbte sich dunkelrot wie kurz vor einem Schlaganfall, kriegte dann aber doch keinen. Mord und Totschlag lagen in der Luft. Korf grinste vermittelnd und erklärte: «Bei mir ist noch weniger zu holen. Ich könnte Ihnen höchstens die Planstelle für meine zweite Sekretärin zur Verfügung stellen.»

«Irrtum!» schnaubte ich. «Sie haben mit dem Rechtsressort die Finger auf den Vertragsbedingungen, den Kreditkonditionen, dem Mahnwesen, dem Inkasso und so weiter. Das ist bares Geld wert. Sie können Millionen machen, wenn Sie’s richtig anpacken!»

Er grinste nicht mehr. Und Frost lenkte die Aufmerksamkeit mit einem Räuspern auf sich und teilte mit: «Die Verhandlungen mit den Banken fallen aber in meinen Bereich.»

Wenn er unbedingt den Helden spielen wollte — bitte. Ich röhrte: «Na prima, dann können Sie beide den Geldsäcken bei der Bank ja mit doppelter Überzeugungskraft klar machen, dass wir für die laufenden Kredite neue Zinssätze brauchen, niedrigere, versteht sich, bedeutend niedrigere.»

«Und Sie meinen, die werden das einfach so akzeptieren?» lächelte Frost säuerlich.

«Natürlich. Sie brauchen ihnen bloß auszurichten, dass die Zentrale keinen müden Euro mehr in den Laden hier steckt, und dass er Pleite geht, wenn sie nicht mitziehen.»

«Wir sollen die Banker bluffen?»

«Niemand verlangt von Ihnen, dass Sie sich beim Pokern blamieren,» grinste ich. «Es genügt völlig, wenn Sie sich an die Wahrheit halten.»

Konsterniert starrte Frost mich an, und auch den anderen fielen beinahe die Augen aus dem Kopf. «Sie meinen es also wirklich ernst mit dem Konkurs?»

«Ich bin hier, um festzustellen, ob die Farbenaktivitäten noch lebensfähig sind oder schon tot. Und wenn sie tot sind, werden wir sie beerdigen, wie sich das für Tote gehört.»

«Konkurs, Konkurs!» nörgelte Schäffer dazwischen, «Gibt es nicht noch Zwischenstufen, zum Beispiel Verkauf?»

Ich fixierte ihn ungefähr eine Minute lang. «Wie lange sind Sie jetzt schon bei Maddox, lieber Herr Schäffer?»

«Na ja, so an die fünfzehn Jahre. Warum?» antwortete er verdattert.

«Und haben Sie in dieser Zeit schon mal erlebt, dass Maddox irgendeine Firma verkauft hätte?»

Er druckste herum. «Nnnein, ich glaube nicht.»

«Sie haben völlig Recht, Maddox hat nichts verkauft. Bei Maddox gibt es grundsätzlich keine Ausverkäufe. Maddox investiert nämlich nicht Millionen in die Erschließung von Märkten, bloß damit sich die Konkurrenz zum Schluss für ’n Appel und ’n Ei ins gemachte Nest setzen kann.»

Er dachte darüber nach, dann ging ihm irgendwas auf und er beschwerte sich: «Das läuft auf eine Politik der verbrannten Erde hinaus!»

Fuffzehn Jahre dabei, und schon die Geschäftspolitik durchschaut! Ich bewunderte seine rasche Auffassungsgabe. Und mit einem sardonischen Lächeln setzte ich ihm auseinander: «Schon möglich, dass was anbrennt. Aber noch sind wir nicht so weit. Wenn die Zentrale Maddox-Color schon abgeschrieben hätte, hätte sie gleich den Totengräber geschickt und nicht erst den Notarzt. Und mir persönlich wäre es alleine schon wegen meiner Erfolgsprämie lieber, wir brächten den Patienten durch. Aber bloß mit Korfs zweiter Sekretärin und ein paar Retuschen an den Sollzinsen werden wir’s wohl kaum schaffen.»

Die Blicke richteten sich auf Ohlsen. Nur von ihm waren noch keine faulen Ausreden gekommen. Für einen kurzen Moment schaute er etwas gehetzt drein, dann entblößte er seine makellosen Zähne zu einem gewinnenden Reklamelächeln und bot an: «Ich könnte Wasser in die Farbe geben.»

«Pinkeln Sie doch gleich rein, das wäre noch billiger,» dröhnte Schäffer vorlaut und brüllte los vor Lachen.

Und weil wir gerade so schön beim Witzereißen waren, steuerte ich auch noch einen kleinen Scherz bei und schlug vor: «Wir könnten natürlich auch den ganzen Laden hier einfach anstecken, bei der Versicherung groß abkassieren und uns dann nach Südamerika absetzen.»

Diese Idee gefiel allen bis auf Frost, und sie lachten sich halbtot. Ich sah mir das eine Weile an und knurrte schließlich: «Freut mich, dass Sie sich so gut amüsieren, meine Herren. Aber eigentlich sind wir hier, um zu arbeiten. Und die Zeit läuft.»

Das Gewieher hörte schlagartig auf, als hätte jemand einen Schalter betätigt. «Also, Brainstorming, meine Herren. Stellen Sie sich vor, wir müssten eine Arche bauen, und nur das Allernötigste kann mit. Was würden Sie zurücklassen?»

«Wir könnten erst mal an die übertariflichen Leistungen rangehen,» erwog Korf.

Ohlsen warf ein: «Die sind doch vertraglich abgesichert.»

«Verträge kann man kündigen,» konterte Korf ungerührt.

Der Mann imponierte mir.

«Mann, Sie können doch nicht alles mit einem einzigen Federstrich wegfegen!» protestierte Schäffer.

«Was alles?» erkundigte Korf sich stirnrunzelnd bei ihm.

Schäffer fuchtelte mit einem Paar Klodeckel herum, die seine Hände waren. «Die ganzen Sondergratifikationen, Lohnzulagen, Zusatzurlaub, na, Sie wissen schon! Die Leute rechnen fest damit.»

«Ein harter Schnitt bei diesen Leistungen könnte ziemliche Unruhe im Betrieb auslösen, da muss ich dem Kollegen Schäffer zustimmen,» räumte Ohlsen ein, und es ihm sehr deutlich anzumerken, dass er es nicht gerne tat.

Von mir aus hätte er es überhaupt nicht tun müssen. Ich erkundigte mich süffisant: «Möchten Sie vielleicht, dass wir in ihren eigenen Gehältern anfangen?»

Das wirkte, und die Diskussion über diesen Punkt war gestorben. Bollmann begann plötzlich hilflos zu kichern und blökte: «Es ist nur so, dass es gar keine übertariflichen Leistungen gibt. Maddox-Color ist in keinem Tarifverband und zahlt noch nicht mal den üblichen Tariflohn.»

Das war die erste gute Nachricht, die ich in diesem Laden hörte. — Wenn es natürlich auch äußerst blamabel für die ehrenwerte Vorstandsriege war, sich darüber von einer kleinen Leuchte wie Bollmann belehren lassen zu müssen. Und ärgerlich, weil wir zehn Minuten mit völlig gegenstandslosem Gerede verplempert hatten. Vielleicht klang ich ein wenig gehässig, als ich feststellte: «Tja, damit ist Korfs schöner Vorschlag leider im Eimer. — Hat jemand eine andere Idee?»

Das grässliche Wort Entlassungen stand im Raum — aufdringlich, penetrant, unumgänglich, für jeden mit Händen zu greifen. Nach einer guten alten Verkäuferregel darf man unangenehme Dinge (wie zum Beispiel den Preis) unter keinen Umständen selber zuerst ansprechen. Wer mit schlechten Nachrichten als erster rausrückt, dem bleiben sie wie Pech an den Fingern kleben. Mir würde dieses Wort ganz bestimmt nicht über die Lippen kommen. Ich wollte es von Korf hören. Aber entweder war er zu clever dazu, oder er kannte sich ein bisschen in Verkaufstaktik aus. Jedenfalls lächelte er nur matt und winkte resigniert ab. Und jetzt raten Sie mal, wer in diese Falle reintappte. — Richtig: das Oberverkaufstalent Schäffer. Er folgerte messerscharf: «Dann bleiben eigentlich nur noch Entlassungen.»

Ich hatte es gewusst, der Bursche war wirklich ein Null. Betont unwirsch stellte ich erst mal fest: «Das haben Sie gesagt.» Und scheinbar widerstrebend fügte ich hinzu: «Aber es wäre ein Gedanke.»

«Ein verdammt heißes Eisen,» fand Ohlsen.

Und Frost stellte tonlos die Frage in den Raum: «Wie viele Entlassungen?»

Ich hakte nach: «Na, Schäffer, an wie viele Rausschmisse dachten Sie denn so?»

Verdattert glotzte er mich an. «Ähm, darüber habe ich eigentlich noch gar nicht nachgedacht.»

«Das sollten Sie aber,» rügte ich milde. «Wenn Sie so große Dinge planen, möchte man natürlich Näheres wissen. Also, wie viele — eine, fünf, hundert?»

Er zappelte im Netz und wand sich. «Ich dachte, es wäre klar, dass es Entlassungen gibt.»

«Was? Sie dachten, es wäre klar?» tat ich verwundert. Und dann rieb ich es ihm hin: «Niemand hat hier von Entlassungen gesprochen, bevor Sie sie aufs Tapet gebracht haben.»

Da endlich dämmerte ihm, dass er irgendwas falsch gemacht hatte. Aber es gab kein Zurück. Unerbittlich trieb ich ihn in die Enge und grinste ihn freundlich an. «Welches Einsparvolumen schwebt Ihnen denn so vor? Nennen Sie einfach mal eine Zahl. Bollman wird es dann in Jobs umrechnen.»

Er leckte sich über die Lippen, und sein Blick irrte hilfesuchend umher. Aber keiner flüsterte ihm die richtige Lösung zu. Offenbar hatte er nicht sehr viele Freunde im Vorstand. Er stierte auf mich. Ich wartete rauchend. Schließlich gab er sich einen Ruck und schlug mit dicker Stimme vor: «Sagen wir, elf Millionen.»

«Hübscher Betrag, kommt mir irgendwie bekannt vor,» grinste ich und wandte mich an Bollmann: «Wie viele Jobs würde das die Firma kosten?»

«Alle,» erwiderte er, ohne groß nachzurechnen. «Unsere gesamten Personalkosten liegen bei 9,75 Millionen Euro im Quartal.»

Das war ziemlich peinlich für Schäffer. Es zeigte, dass ihm nicht einmal die wichtigsten Betriebskennzahlen geläufig waren.

«Okay, schmeißen wir also einfach alle raus,» höhnte Ohlsen. «Aber wer macht dann die ganze Arbeit — Sie vielleicht, Schäffer?»

In der Runde griff Häme um sich. Schäffers Selbstzufriedenheit zerbröselte wie Mürbekeks. Er machte den schwachen Versuch, sich mit einem bagatellisierenden Grinsen aus der Affäre zu ziehen, aber viel mehr als ein grimassenhaftes Zähneblecken kam nicht dabei heraus.

Ich sagte: «Meine Herren, wir sollten dem Kollegen Schäffer für sein kleines Zahlenbeispiel dankbar sein, denn es weist uns auf einen ganz interessanten Zusammenhang hin.»

«Zusammenhang?» echote Frost verständnislos.

«Ja, nämlich zwischen den Personalausgaben und dem Verlust im letzten Quartal. Sie haben das Kunststück fertiggebracht, in einem einzigen Quartal mehr als die ganzen Lohngelder zu verjubeln.»

Die allgemeine Schadenfreude über Schäffers Reinfall verschwand aus den Gesichtern.

«Und außerdem ist Schäffers Vorschlag gar nicht so schlecht,» fuhr ich fort. «Wenn wir statt elf erst mal nur, äh, fünf Millionen sagen, brauchen wir uns nur von von der Hälfte der Belegschaft zu trennen.»

«Das wären immer noch fast fünfhundert Leute,» platzte Ohlsen heraus.

«Mein Gott!» entfuhr es Frost.

«Das wird einen Haufen Ärger geben,» ahnte Korf.

«Ärger mit wem?» erkundigte ich mich forsch.

Frost lächelte wieder dieses Zitronenlächeln. «So ziemlich mit allen. Die Beschäftigungslage hier oben an der Küste ist bekanntlich nicht gerade rosig. Es stehen einfach schon viel zu viele Menschen auf der Straße, und niemand sieht es gerne, wenn es noch mehr werden. Fünfhundert Entlassungen wären ein ausgesprochenes Politikum. Es wird Proteste hageln, von allen Seiten, und nicht einmal die Unternehmerverbände werden uns da unterstützen.»

Langsam wurde ich ärgerlich. Diese Brüder hatten vor allem und jedem Angst — vor den Banken, vor der Belegschaft, vor den Unternehmern und höchstwahrscheinlich sogar auch noch vor dem Pfarrer, weil der einen schwarzen Rock trug. Sauer stellte ich fest: «Auf nette Art viel Geld machen, das können Sie nur als Erbschleicher und Heiratsschwindler, meine Herren. Aber in der freien Wirtschaft muss man schon ab und zu mal jemandem auf die Zehen treten. Und wenn Sie Ihre Ellenbogen bisher nicht gebraucht haben, sollten Sie sie langsam mal warmlaufen lassen.»

«Die Zustimmung des Betriebsrats zu den Entlassungen werden Sie so aber nie bekommen,» versprach mir Frost. «Und die Zustimmung brauchen wir nun mal.»

«Man müsste einfach erst mal alle feuern, die im Betriebsrat sitzen,» dröhnte Schäffer dazwischen. «Kein Betriebsrat, kein Widerstand, hähä.»

Im Prinzip war dagegen genauso wenig einzuwenden wie gegen einen Großbrand im Finanzamt mit komplettem Aktenverlust, aber leider gab es da ein paar hinderliche gesetzliche Bestimmungen. Ich stauchte ihn zusammen: «Heben Sie sich Ihre dämlichen Vertreterwitzchen gefälligst für den Stammtisch auf, oder für den nächsten Betriebsausflug — falls es überhaupt noch einen gibt!»

Er kriegte eine knallrote Birne und schwieg betreten.

Korf betrachtete seine sorgfältig manikürten Hände und sagte nachdenklich: «Kollege Frost hat Recht. Wir werden Schwierigkeiten mit dem Betriebsrat bekommen. Wenn überhaupt wird er sich seine Zustimmung nur mit einem gepfefferten Sozialplan abkaufen lassen. Und das bedeutet, dass die Einsparungen bei den Personalausgaben gleich wieder für den Sozialplan draufgehen.»

«Wer hat denn gesagt, das wir für einen Sozialplan Geld rausschmeißen?» schnauzte ich.

Korf hob den Kopf und lächelte mich an. «Wir sind dazu verpflichtet. Bei Betriebsbedingten Kündigungen schreibt das Gesetz zwingend vor, dass ein Sozialplan ausgehandelt werden muss.»

«Dann werden wir eben nicht betriebsbedingt kündigen,» grinste ich zurück.

«Wie dann?»

«Individualkündigungen. Da gibt es diese Beschränkungen nicht.»

«Gleichzeitig fünfhundert verhaltensbedingte Kündigungen?»

«Mann kann da sehr individuell vorgehen. Jeder hat irgendwo Dreck am Stecken. Kündigungsgründe gibt’s wie Sand am Meer.»

Korf blickte sich ratlos um. Frost schüttelte sich aus einem Döschen ein paar giftgrüne Pillen auf die flache Hand und klatschte sie sich in den Mund — wahrscheinlich spielte sein Magen verrückt. Schäffer schaute recht belämmert aus der Wäsche, kraulte sich am Kinn und schwitzte. Und Ohlsen hatte sich zurückgelehnt, starrte abwesend zum Fenster hinaus und dachte vermutlich an sein nächstes Tennismatch oder sein Segelboot oder irgend etwas anderes, was schön braun machte. Bollmann war nahezu unsichtbar.

Ich wandte mich wieder zum Fenster und beobachtete einen Maddox-Color-Lastzug, der unten am Ende der breiten Straße zwischen den langgestreckten Fertigungshallen gerade rückwärts an eine Laderampe rangierte, und eine interessante Frage kam mir in den Kopf, die ich dem geneigten Publikum hinter meinem Rücken nicht vorenthalten wollte: «Wie groß ist eigentlich der LKW-Fuhrpark von Maddox-Color?»

«Sechs 38-Tonnen-Züge, nagelneu, alle erst dieses Jahr angeschafft,» berichtete Schäffer beflissen. «Und dann noch einige kleinere Fahrzeuge für den Werksverkehr.»

«Wie viele Jobs?»

«Hmhm,» er wiegte den Kopf, «mit Disponenten, Mechanikern, Fahrern et cetera so fünfzehn bis zwanzig, würde ich sagen.»

Der Rotschrift in meinem Kopf begann zusammenzuzählen: «Ein 38-Tonner kostete gut und gerne seine dreihunderttausend Mäuse. Die ganze Flotte war also knapp zwei Millionen wert. Und in der Transportbranche musste man pro Mann und Nase und Jahr mit allem Drum und Dran so an die vierzigtausend veranschlagen, machte bei zwanzig Leutchen also noch mal achthunderttausend.»

Über die Schulter sagte ich zu Schäffer: «Okay, dann setzen Sie eine Anzeige in die Zeitung, dass wir sechs nagelneue 38-Tonner zu verkaufen haben. Und den Leuten aus der Transportabteilung sagen Sie, dass sie sich ab sofort bei Bollmann ihre Papiere holen können.»

«Und was ist mit den Kündigungsfristen?» warf Bollmann ein.

«Was soll damit sein? Ab sofort haben wir keine Transportabteilung mehr, wir können uns so einen Luxus einfach nicht mehr leisten. Und wo’s nichts mehr zu arbeiten gibt, gibt’s auch keinen Anspruch mehr auf irgendeine Art von Weiterbeschäftigung. Das ist doch nun wirklich logisch, oder?»

Schäffer grunzte. «Ja, aber ob das die Leute so einfach schlucken?»

«Ist doch ganz einfach. — Windhundprinzip: Setzen Sie eine Prämie aus, sagen wir zweitausend bar auf die blanke Kralle für die ersten fünf, die bei Bollman auf der Matte stehen. Das wird ihnen beim Schlucken schon helfen.» Prämien sind immer noch die billigste Methode, einen Haufen Leute dazu zu bringen, sich trotz lausigster Erfolgsaussichten ein Bein auszureißen. Sehr wahrscheinlich würde es vor Bollmanns Büro eine Riesenschlägerei um die ersten fünf Plätze geben. Tja, so entfesselt man die Kräfte des freien Wettbewerbs.

«Wenn das klappt, sind wir zwar die Kosten los, aber dann haben wir ein Transportproblem,» analysierte Ohlsen scharfsinnig.

«Schon mal was von Outsourcing gehört? — Holländische Spediteure reißen sich um Fracht, außerdem fahren sie viel billiger und schneller; die kümmern sich nämlich einen Scheißdreck um Lenkzeiten, Geschwindigkeitsbeschränkungen, zulässige Gesamtgewichte und andere Produktivitätshindernisse. Von den polnischen und den ganzen anderen osteuropäischen Kutschern mit ihren Klapperkisten ganz abgesehen. Wir werden also einen Holländer unter Vertrag nehmen. — Schäffer, regeln Sie das.» Ich setzte mich wieder an den Tisch.

«Bleiben immer noch vierhundertachtzig Entlassungen,» bemerkte Frost säuerlich.

Ich grinste ihn an. «Glauben Sie, ich säße hier, wenn das meine ersten vierhundertachtzig Entlassungen wären?»

Er blinzelte irritiert, erwiderte aber nichts, sondern pickte sich nur einige weitere Pillen aus einem weiteren Döschen. Und auch die anderen hatten keine Fragen mehr.

Fürs erste waren wir intim genug geworden. Der Pulverdampf hatte sich verzogen, und ich glaube, es war mir gelungen, ihnen klarzumachen, wohin die Reise ging. Zusammenfassend stellte ich fest: «Meine Herren, Sie müssen wissen, ich liebe es zu gewinnen. Und wenn mir dabei einer in die Suppe spuckt, brat ich ihn überm offenen Feuer am Spieß. Also reißen Sie sich lieber selber den Arsch auf, bevor ich es tue.» Und nach einem intensiven Rundblick in alle Gesichter erkundigte ich mich: «Möchte vielleicht jemand aussteigen? — Jetzt wäre noch Zeit dazu.»

Keiner wollte. Natürlich nicht. Sie wussten verdammt genau, dass sie mit ihren Referenzen anderswo nicht mal als Pförtner untergekommen wären. Das hier war ihre letzte Chance.

Korf plättete sich mit dem Handteller über die pomadisierten Haare und fragte an: «Ähm, wie ist das eigentlich, auf welcher Basis arbeiten wir? Ich meine den Status, die Vollmachten und so weiter.»

Ich warf mich in den Sessel zurück und schnarrte jovial: «Ich bitte Sie, in dieser Beziehung bleibt natürlich alles beim Alten. Sie haben völlig freie Hand, niemand macht Ihnen Vorschriften. Sie treffen die Entscheidungen, Ihre Unterschrift gilt, die Verantwortung liegt alleine bei Ihnen. Mein Name wird nicht mal im Handelsregister auftauchen.» (Wär ja auch noch schöner.) «Ich bin nur da für den Fall, dass sich irgendwelche Fragen ergeben sollten. Betrachten Sie mich einfach als Ihren Coach.» Gibt es für besonders große Lügen eigentlich eine besonders heiße Hölle? Ich hoffe es nicht.

Und um ihrem Arbeitseifer den richtigen Drive zu geben, setzte ich noch eins drauf und verblüffte sie mit der Mitteilung: «Und es wäre sicher nicht verkehrt, wenn Sie zwischen Ihren Leistungen in der nächsten Zeit und den Namen, die für den Chefsessel hier in die engere Wahl kommen, einen Zusammenhang sehen würden.»

Die Gesichter verklärten sich, und es war die Geburtsstunde für eine Menge falsche Hoffnungen. Selbstverständlich würde es keiner von ihnen schaffen, in der Zentrale hatte man ihre Namen auf sämtlichen Beförderungslisten schon längst dick und endgültig durchgestrichen. Niemand kommt bei Maddox weiter, der schon mal bei einem Elf-Millionen-Debakel mitgewirkt hat. Aber braucht der Mensch nicht Hoffnung? Und ist das Leben nicht eine einzige falsche Hoffnung?

Im großen und ganzen war damit alles Wesentliche besprochen. Die Details würde ich ihnen in Einzelgesprächen eintrichtern. Ich hob die Sitzung auf. Warum ich das Ganze Tigernummer nenne? Na, das ist doch klar: Weil ich die großen Tiere durch den brennenden Reifen springen lasse. Oder was dachten Sie?

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