Leipzig wächst weiter

Seit 1866, mehr aber noch nach dem Kriege gegen Frankreich 1870—71 hat sich Leipzig gedehnt und ge­streckt. Ganz neue Stadtviertel sind entstanden, viele alte Häuser im Innern der Stadt sind durch moderne Prachtbauten ersetzt worden und eine vielgestaltige Industrie hat hier ihre Heimstätte gefunden und sich dem ausgedehnten Export- und Importhandel Leip­zigs, der schon seit Jahrhunderten den Ruhm unserer Stadt bis in die fernste Gegend getragen, hinzugesellt. Nach der Einverleibung der ebenfalls machtvoll em­porgewachsenen Vororte zählt Leipzig das Zehnfache der Einwohnerzahl in den sechziger Jahren des vori­gen Jahrhunderts. Die Messen haben nach ihrer anfangs der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts erfolgten Reform an internationaler Bedeutung ge­wonnen und sie sehen eine ebenfalls gegen früher be­deutend zugenommene Zahl von Fremden hier ver­sammelt. Die in den letzten Jahrzehnten entstan­denen Meßmusterhäuser boten bald nicht mehr ge­nug Raum für die Aussteller und es mußten deshalb Meßhäuser auch außerhalb des Stadtinnern errichtet werden, wobei auch einige freie Plätze, auf die der Alt-Leipziger stolz ist, wie z, B. der Königsplatz und der nördliche Teil des Fleischerplatzes (gegenüber dem ehrwürdigen Alten Theater, in dem einst Schil­ler seinen schönsten Triumph feiern konnte, und un­weit des Einganges zum Rosental) mit unschönen, Baracken ähnlichen Hallen bebaut wurden. Sie soll­ten ursprünglich nur provisorisch dort stehen, in­zwischen hat man sich aber, wie es scheint, für die Ewigkeit in ihnen eingerichtet. Da wäre eine baldige Aenderung im Interesse des historischen Aussehens unserer Stadt sehr zu wünschen. Selbst den Markt­platz verunzierte durch viele Jahre eine solche Meß­halle. Man hat sie jetzt unter­irdisch gemacht, indem man den Marktplatz aushöhlte und in seinen Bauch die Meßhalle baute. Aber statt sich dabei dem präch­tigen Renaissancebau des alten Rathauses anzupas­sen, der dem Marktplatz sein Gepräge gibt, sowie dem von Rudolf Siemering geschaffenen künstlerisch schönen Siegesdenkmal, hat man die Ein- und Aus­gänge zu diesem Untergrund-Meßhaus in seltsamer Geschmacksverirrung mit Zyklopen­steinen markiert und dadurch den Marktplatz verunstaltet.

Der Leipziger ist stolz auf seine Messen und wenn sich dieselben in den letzten Jahren gehoben haben — sie blühten auch in den ersten Jahren nach dem Weltkriege, was freilich nur eine Scheinblüte war— so gilt doch auch von ihnen das Wort aus Goethes Faust:

Was du ererbt von deinen Vätern hast,

Erwirb es, um es zu besitzen.

Mit der Kleinmesse, aus der heraus doch erst unsere große internationale Messe erwachsen ist, hat man schon in mancher Hinsicht experimen­tiert, wobei vielfach im Hintergrunde der Gedanke schlum­merte, daß diese Messe sich überlebt habe und nicht mehr in die Neuzeit passe — ein Irrtum, den man erst er­kennen würde, wenn es zu spät ist. Denn die Klein­messe dient den Bedürf­nissen der minderbemittelten Bevölkerung und besitzt dadurch ihre vollkommene Berechtigung und Anziehungskraft. Auch hinsichtlich des Volksvergnügens, das gegen die früheren Jahr­ hunderte bereits in mancher bedeutungsvollen Weise beschnitten und eingeengt worden ist, wäre das Fort­leben der Kleinmesse zu wünschen. Denn werden die auf dieser Messe dem Volke gebotenen, im all­gemeinen doch nur harmlosen Vergnügungen beschränkt, so sucht dasselbe in dem gleichen Maße wie diese Beschränkung erfolgt, Zerstreuung in an­derer, oft heimlicher und unkontrollierbarer und des­halb wohl auch bedenklicherer Weise.

Der Ruhm und die Erfolge unserer Messen haben den Neid mancher anderen Städte hervorgerufen. Schon in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhun­derts machte Berlin alle Anstren­gungen, auch dort eine Messe einzuführen. Es rechnete dabei auf den großen Fremdenverkehr, welchen des Reiches Haupt­stadt ohnehin jahraus jahrein besitzt und erbaute so­gar etwas voreilig ein Meßhaus, das dann, als die gehegten Erwartungen nicht in Erfüllung gingen, einer anderen Bestimmung zugeführt wurde. Aber die Be­strebungen, in Berlin eine Messe in Konkurrenz mit der Leipziger zu errichten, haben nie ganz geruht und sie sind neuerdings darauf gerichtet, dauernde Musterlager in Berlin zu etablieren, um auf diese Weise den Leipziger Messen nach und nach ihre Existenzberechtigung zu untergraben. Auch andere Städte haben sich in Wettbewerb mit Leipzig ge­stellt. So sind Messen in Breslau, Frankfurt a. M., Köln, Königsberg und an noch anderen Orten ent­standen und wenn auch einige bereits gezeigt haben, daß die auf sie verwen­deten Mühen und Kosten sich nicht verlohnen, so bilden sie doch immerhin eine Gefahr; wenn nicht für das Bestehen der Leipziger Messen selbst, so doch für deren weiteres Wachs­tum. Da gilt es denn für die Leipziger, allen Witz aufzuwenden und, den Forderungen der Neuzeit ver­ständnisvoll entgegen­kommend, alles aufzubieten, um die Bedeutung ihrer Messen und durch sie der Stadt auch für die Zukunft in steigendem Masse die Be­deutung zu sichern.

Nach der Niederreißung der früheren (Dresdner-, Magde­burger-, Thüringer- und Berliner-) Bahnhöfe ist dort, wo dieselben gestanden, also in hierfür bester Lage, ein Hauptbahnhof erbaut worden, der durch seine Größe und seine mustergültigen Anlagen der gegenwärtig größte und schönste in ganz Deutschland ist. Aber wie schon früher, so hat auch nach seiner Erbauung ein kleinlicher, von Berlin her kommender Geist des sacro egoismo dafür gesorgt, daß Leipzig hinsichtlich der Fahrpläne und der von Norden nach Süden und in umgekehrter Richtung fahrenden Züge nach Möglichkeit ignoriert und zugunsten von Halle hintangesetzt wird. Die Hauptzüge des Nord-Süd- und West-Ost-Fernverkehrs werden um Leipzig herum über Halle—Merseburg—Corbetha, bezieh­ungsweise über Halle—Falkenberg geführt, und wenn der Leipziger oder der in Leipzig anwesende Fremde diese Züge benutzen will, muß er Anschluß in Halle oder Corbetha bezw. Eilenburg suchen. Will man aber nach Berlin fahren, so muß man in Bitter­feld den Zug verlassen, um dort den von Halle kom­menden Zug zu besteigen. Ebenso in umgekehrter Richtung. Nur einige wenige Züge, die als Ausnahme gelten können (bekanntlich bestätigen die Ausnahmen die Regel), führen direkt von Leipzig nach Berlin und von dort hierher. Alle diesbezüglichen Eingaben der Handelskammer, als der berufenen Vertreterin von Leipzigs Verkehrsinteressen, sowie alle Vorstellungen der sächsischen Staatsbehörden haben daran nichts geändert, man predigte in Berlin tauben Ohren. Als die Bahnen nach der Revolution in den Besitz des Reiches übergingen und hierbei wie schon so oft Schillers Spruch: „Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern“ jedem Deutschen erneut warm ans Herz gelegt wurde, da erhoffte man, daß diese be­klagenswerten Verhältnisse beseitigt werden würden und Leipzig eine seiner Bedeutung und seinen Be­dürfnissen besser entsprechende Würdigung in den Fahrplänen finden werde. Leider hat auch diese Hoffnung getäuscht. Nach wie vor beherrscht partikularistische Engherzigkeit maßgebender preußischer Eisen­bahndirektoren die Eisenbahnfahrpläne, soweit das in Sachsen liegende Leipzig dabei in Frage kommt. Dieser bedauerliche Geist des Eigennutzes und des Konkurrenzneides hat sogar neuerdings auch noch auf andere Kreise übergegriffen und sich auf den Luftverkehr erstreckt. Auch hier will man (und hat es bereits getan) Halle vor Leipzig bevorzugen, trotzdem Leipzig durch die Anlage eines großen Flug­platzes in leicht erreichbarer Nähe von der Stadt bereits sehr große Opfer für die Ausge­staltung eines großzügigen Luftverkehrs gebracht hat.

Leipzig ist von jeher eine der patriotischsten Städte Deutsch­ lands gewesen. Wo es galt, dem großen deutschen Vaterlande Opfer an Gut und Blut zu bringen, hat Leipzig stets mit an erster Stelle ge­standen. Und in seiner Geschichte ist mehr als ein Beispiel zu finden, wo Leipzigs Bürgerschaft dem Interesse Alldeutschlands das eigene unterordnete und daß es dies freudig tat. Um so schmerzlicher wird in der Bürgerschaft die konse­quente, durch keine sachlichen Gründe gestützte Hintansetzung Leipzigs zugunsten preußischer Städte empfunden. Auch in Bayern fühlt man einen Hauch dieses Geistes, und man geht dort deshalb oft eigene Wege, gewiß zu manchem Nachteil des Ansehens des Deut­schen Reiches im Innern wie nach außen. Aber das böse Beispiel in Berlin wie in München darf doch nicht nachgeahmt werden, so sehr man sich dazu auch veranlaßt fühlen möchte. Wir dürfen nur in unseren Anstrengungen, die berechtigten Interessen Leipzigs zu verfechten und ihnen eine bessere Berücksichti­gung zu erkämpfen, niemals erlahmen. Keine Ge­legenheit darf unausgenutzt vorübergehen, um mit allen unseren Kräften die Wünsche Leipzigs zur Gel­tung zu bringen. Einem unermüdlichen tapferen Streiter wird schließlich doch der Sieg zuteil. Dabei aber immer: „Hie gut Deutsch allewege“ und: „Ein einig Volk von Brüdern!“

Leipzigs Bürgersinn und die Opferwilligkeit seiner Bewohner hat in den letzten 30, 40 Jahren gar viele Verschönerungen der Stadt geschaffen. Dahin rechnen wir vor allem den herrlichen König-Albert-Park, die Ausschmückung des Augustusplatzes durch den Mendebrunnen, den Umbau des Universitätsge­bäudes und der Paulinerkirche, sowie auch die Errich­tung des Königsbaues. Mancher Schmuckplatz ist außerdem in der Stadt und an ihrer Peripherie ent­standen und namentlich ist für Kinderspielplätze (deren erster, wie bereits berichtet, im Juli 1870 im Rosental errichtet wurde) und Sportplätze reichlich gesorgt worden.

Zahlreiche Schrebergärten erfreuen alt und jung und nebenher sind einige große Vergnügungs­ und Unterhaltungs­stätten, wie der Palmengarten (auf dem Gelände des Kuhturms) und der Zoologische Garten (aus einer ursprünglich kleinen Menagerie des Pächters des Pfaffendorfer Hofes, Pinckert, her­ausgewachsen) entstanden, die bereits Weltruf ge­nießen. Sie sowohl wie vor allem unsere mustergül­tig geleiteten und in ständiger Vergrößerung begrif­fenen Museen bilden einen beson­deren Anziehungs­punkt für die Fremden.

Auch das Rosental (z. B. der Scherbelbergundseine Anlagen) und die Waldungen im Süden der Stadt haben manche Verschönerungen durch die An­lage von Wegen und Erholungs­plätzen usw. erfahren.

Neue breite Straßen sind mit dem Wachstum der Stadt entstanden und manche von ihnen sind mit ihren Reihen reich­bewipfelter Bäume als Boulevards anzusprechen. Leider ist ein Plan nicht zur Ausfüh­rung gelangt, der in der ersten Hälfte der neunziger Jahre die Bürgerschaft lebhaft beschäftigte, der Plan nämlich, rechts und links der nach Lindenau führenden Frankfurter Chaussee, die zu diesem Zwecke mehrere große Brücken erhalten sollte, ein großes Wasserbassin („Elsterbassin“ nach dem Muster des Hamburger Alsterbassins) anzulegen, an dessen Rande eine hübsche Strandpromenade und hinter derselben eine Kette schöner Villen mit Gärten erstehen sollte. Von diesem Plane ist nur der breite Flutkanal übrig geblieben, der aber auch noch nicht planmäßig aus­gebaggert worden ist. Die nördliche, der Stadt zu­gekehrte Seite des Flutkanals ist für ein neues Villenviertel vorgesehen, womit bei der gegenwärti­gen allgemeinen Geldnot ein Anfang aber noch nicht gemacht worden ist. Einen schönen Zugang wird dieses Villenviertel freilich kaum haben. Dafür hat die Städtische Ortskrankenkasse gesorgt, die am Ausgang der Stadt, jenseits der jetzt ausgefüllten alten Elster, ein hohes, langgestrecktes Gebäude er­richtete, das sich schlecht in den Rahmen einer Vil­lenstadt einpassen wird.

Im übrigen sind aber im Laufe der letzten Jahr­zehnte zahllose Prachtbauten entstanden. Dahin ge­hört vor allem das neue Rathaus, das jetzt die Stelle einnimmt, wo früher die altehr­würdige Pleißenburg gestanden hat. Dahin gehört auch das schon an an­derer Stelle erwähnte Reichsgerichtsgebäude, die Akademie für Buchgewerbe und graphische Künste (früher Kunstakademie), die Universitätsbibliothek, das jetzt im Umbau für ein Meßhaus begriffene Grassimuseum (Museum für Völkerkunde), das dafür einen Neubau auf dem alten Johannis­friedhof erhält, das Konzerthaus (neues Gewandhaus), das Konser­vatorium für Musik, das Volkshaus, das Lehrer­seminar, die Oberpostdirektion, das deutsche Buch­händlerhaus verbunden mit dem Deutschen Buch­gewerbehaus, der stattliche Bau der Deutschen Bücherei, die Russische Kirche, die Refor­mierte-, so­wie die Petri-, Luther- und Andreaskirche, die neue

Börse mit Handelskammer, das Operettenhaus, der Handelshof, das Zentralmeßhaus, das Meßhaus Specks Hof, das Künst­lerhaus und manch andere Gebäude mehr, nicht zu vergessen die Monumentalbauten der Allgemeinen Deutschen Creditanstalt, der Deutschen Bank, der Dresdner Bank, der Commerz- und Privat­bank und der Darmstädter- und Nationalbank, denen sich gleichwertig die Gebäude der Leipziger Feuer-Versicherungs­ -Aktiengesellschaft, der Leipziger Lebens-Versicherungs-Akti­ engesellschaft, des Deutsch­nationalen Handlungsgehilfenver­ bandes, sowie die Bauten der großen Warenhäuser Althoff, Polich, Brühl, Ebert usw. anschließen.

In dem allen ist seit dem unglücklichen Ausgange des Weltkrieges leider ein Stillstand eingetreten, wie auch Leipzigs Handel und Industrie — wie allerwärts im Deutschen Reiche — einen bedeutenden Rückgang erfahren hat. Aber wie Leipzigs Bürgerschaft nach den Einbußen und Drangsalen im Dreißigjäh­rigen Kriege, sowie im Siebenjährigen Kriege und in den napoleonischen Kriegen mit eiserner Tatkraft sich im­mer wieder durchgerungen hat und zu neuem Auf­stieg gelangt ist, so ist mit Sicherheit darauf zu rechnen, daß sie auch die unglücklichen Folgen des letzten Krieges überwinden wird. Es ist nicht zu zweifeln, daß Leipzig in den nächsten 50 Jahren (und wie zu hoffen ist auch All-Deutschland) eine neue Epoche glanzvoller Entwicklung und verstärkten Wiederaufstiegs erleben wird, wenn nur erst die drückendsten Erscheinungen des uns aufer­legten Versailler Friedensdiktates überwunden sein werden. Als eine der Voraussetzungen für Leipzigs künftige Entwickelung dürfte die endliche Verwirklichung eines Kanals anzusehen sein, der Leipzig mit der Saale und Elbe und dem Mittelland­kanal verbindet. Seit nahezu hundert Jahren wird an solchen Kanal­projekten in Leipzig gearbeitet und der unvergeßliche Dr. Heine hat ja auch bereits Ende der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre mit frischem Wage­mut auf eigene Kosten einen Kanal zu bauen begon­nen, der Leipzig zunächst mit der Saale verbinden sollte. Dieser Kanal, der ja in seiner Anlage den Be­dürfnissen der Jetztzeit freilich bereits nicht mehr genügen könnte, ist in seinen Anfängen liegen ge­blieben. Aber nunmehr sind nach Ueberwindung un­endlicher Schwierig­keiten bindende Beschlüsse sei­tens der beteiligten Staats- und städtischen Behörden gefaßt worden, so daß demnächst der Elster-Saale-Kanal in Verbindung mit dem Mittellandkanal ge­baut werden wird. Es ist somit zu hoffen, daßinabsehbarer Zeit auch Leipzig einen Schiffsverkehr erhält.

Nicht minder wie in Handel und Industrie hat Leip­zig auch in Kunst und Wissenschaft die erfreulichsten Fortschritte gemacht. Zwar ist die Zahl der an der hiesigen Universität Studierenden infolge der Ab­tretung bedeutender deutscher Gebietsteile und der Neugründung von Universiäten in Frankfurt a. M., Köln und Hamburg in den letzten Jahren zurück­gegangen, aber nach wie vor sind die Lehrstühle der Leipziger Universität mit ersten Autoritäten besetzt und der Geist, der in dem Lehrkörper herrscht, bürgt dafür, daß der alte Ruhm unserer alma mater nicht nur niemals verblassen, sondern stets im neuen Glanze erstrahlen wird. Davon legen bereits die Neuschaffung von mustergültigen Instituten und Ein­richtungen der medizinischen Fakultät und die Ver­bindung der tierärztlichen Hochschule mit der Uni­versität ein beredtes Zeugnis ab. In diesem Zusammen­hange sei auch der Errichtung der Handels­hochschule gedacht, die sich einer steigenden Fre­quenz erfreut.

Die Malerei und Bildhauerkunst haben in Leipzig eine bevor­ zugte Pflegestätte gefunden, was namentlich durch den bevorstehenden Erweiterungsbau des Museums zu einem lebendigen Ausdruck gelangen wird. Auch der alte Ruf Leipzigs als Musikstadt ist nicht nur erhalten geblieben, sondern hat auch durch den genialen Gewandhausdirigenten Nikisch und dessen Nachfolger Furtwängler im Verein mit dem, seinen hohen künstlerischen Rang stets neu befesti­genden Thomanerchor und den hervorragenden Lei­stungen des Konser­vatoriums der Musik noch eine weitere Förderung erfahren. Ebenso bieten Schau­spiel und Oper erstklassige Leistungen und unsere Theater können sich getrost neben die ersten Kunstin­stitute Deutschlands und Europas stellen. Im Buch­gewerbe aber sind unablässig hervorragende Kräfte bemüht, unserer Stadt die erste Stelle, die sie auf diesem Gebiete in der ganzen Welt einnimmt, nicht nur zu erhalten, sondern dieselbe noch weiter auszu­bauen.

Leipzig besitzt viele Vorzüge vor zahlreichen an­deren Städten und wird seine Anziehungskraft trotz mancher Unkenrufe auch ferner ungeschwächt aus­üben, sofern nur seine Bürgerschaft auf der Wacht bleibt.

Wenn wir jetzt, gleichviel zu welcher Tageszeit, durch die Straßen, namentlich der inneren Stadt, wandern, so sehen wir dieselben, dank der so stark gewachsenen Einwohnerzahl in einer Weise bevöl­kert, wie es in meiner Jugendzeit nur dann der Fall zu sein pflegte, wenn besondere Festlichkeiten statt­fanden, die alle Einwohner auf die Beine brachten und auch viele Fremde nach Leipzig führten. Dazu ein um das Mehrhundert­fache vermehrter Verkehr auf den Straßendämmen durch Pferdewagen, Autos, Motor- und Fahrräder und elektrische Straßenbahn­wagen. Dieser Verkehr wird sich in Zukunft noch mehr vergrößern und die Menschen, welche genötigt sind, ihre Wege zu Fuß zurückzulegen, trotz aller Verkehrsordnungen und Vorsichtsmaßregeln durch Verkehrspo­lizisten und dergleichen in immer größere Lebensgefahr bringen. Es wird sich dann, wenigstens für die Hauptverkehrsstraßen, die Notwendigkeit zeigen, für den Fahrverkehr die Straßen zu unter­tunneln. Oder es muß, da dies vielfach technisch nicht ausführbar sein oder sich als unzureichend er­weisen wird, der Fußverkehr auf andere Bahnen ge­lenkt werden, indem man denselben auf eiserne Brückenstege verweist, die in erster Etagenhöhe an den Häusern entlang gehen und zu denen in ge­wissen Abständen Treppen und Aufzüge führen werden; Querläufer würden in geringen Entfer­nungen die beiden Straßenseiten miteinander ver­binden. Gleich­zeitig mit dieser Neuerung würden die Läden vom Erdgeschoß in die erste Etage zu verlegen sein. Im Erdgeschoß aber würden nur noch die Vorratsräume und Magazine untergebracht sein, wobei dann auch die Waren bequem ab- und zu­gerollt werden könnten, denn die untere Straße wird dann nur noch dem Fahrverkehr dienen.

Bei Neubauten werden auch flache Dächer bevor­zugt werden. Denn ich sehe die Möglichkeit voraus, daß die Weiterentwi­ckelung der auch jetzt noch erst in ihren Anfängen befindlichen Luftschiffahrt dahin führen wird, daß sich jeder Einzelne eines Flugzeuges wird bedienen können, um mit demselben eine belie­bige Fahrt durch die Luft auszuführen. Er wird dann eines flachen Daches auf seinem Hause zur Abfahrt und zum Landen bedürfen.

 

 

Diesen Text als e-book herunterladenDiesen Text als e-book herunterladen

<< Noch ein Krieg
Leserbewertung:
[Bewertungen insgesamt: 0 | Durchschnitt: 0]