Ein verbranntes Fräulein und des Königs Rock

Die weiteren Kriegsereignisse erlebte ich nicht in Leipzig. Ich kehrte erst im Winter 1871 zu 1872 in die Heimat zurück. Hier ward ich einige Wochen später Zeuge eines äußerst betrü­benden Unglücksfalles. Schon vor meiner Abreise aus Leipzig war ich einer Gesellschaft junger Leute beigetreten, welche die „Esperance“ hieß und die Geselligkeit pflegte. Dieser Gesell­schaft war ich auch während meiner Ab­wesenheit treu geblieben und wurde bei meiner Rück­kehr von ihr mit offenen Armen empfangen. Alle Monate im Winter fand ein Vergnügen statt, in dem ein von uns gemimtes Theaterstück gegeben wurde, dem dann ein Ball folgte. An einem dieser Vergnü­gungsabende, der im Trianonsaale des Schützen­hauses abgehalten wurde, führten wir das Lustspiel „Humoristische Studien“ auf, wobei ich einen Vater und Fräulein Marie Heber, die achtzehnjährige hüb­sche Tochter einer geachteten Bürgerta­milie, meine Tochter gab. Nach Beendigung des Stückes folgten zu­nächst einige Rundtänze, worauf eine gemeinsame Tafel stattfand, die wie üblich, den Ball auf einige Zeit unter­brach. Noch war die Tafel nicht aufge­hoben, als plötzlich von der Galerie des Saales die Schreckensrufe ertönten: „Feuer! Auf der Bühne brennt es!“ Erschrocken sahen wir auf und ich be­merkte hinter dem sich heftig bewegenden Vorhang einen Feuerschein. Ich sprang auf, kletterte rasch auf die nicht hohe Rampe, hob den Vorhang auf, schlüpfte unter demselben hinweg — und stand vor einer Feuersäule! Ein mir ewig unver­geßlicher Anblick. Die da in Flammen gehüllt vor mir sich befand, war Fräu­lein Heber. Als sie mich erblickte, eilte sie, während die Flammen um sie rauschten und knisterten, auf mich zu und sank mir mit den Worten: „Mein Gott, ich verbrenne!“ in die Arme. Ich war im Frack und kein Hilfsmittel mir zur Hand. So suchte ich, nun selbst von Flammen umgeben, mit den Händen das Feuer zu ersticken, was natürlich ein vergebliches Bemühen war. Nach wenigen Augenblicken riß sich die Unglückliche auch wieder von mir los und eilte über die Bühne und durch die Kulissen zu der Tür, die dort ins Freie, in den Garten führte. Da ich be­fürchten mußte, daß, wenn die Brennende ins Freie gelangte, durch den Luftzug das Unglück sich ver­größern und dann eine Rettung nicht mehr möglich sein würde, so eilte ich ihr nach. Aber schon kam sie mir wieder entgegen, da sie die Tür verschlossen gefunden hatte, und zwischen zwei Kulissen sank sie mir erneut in die Arme. Ich zog sie, befürchtend, daß die leicht brennbaren Kulissen Feuer fangen könnten, rasch daraus hervor und drückte sie fest an mich, hoffend die Flammen ersticken zu können. Inzwi­schen waren noch einige Herren von der Gesellschaft auf die Bühne geeilt, aber da nichts vorhanden war, was zum Löschen geeignet gewesen wäre — an das einfache Mittel des Rockausziehens, um mit dem Rocke die Flammen zu ersticken, dachte in diesen Momenten höchster Aufregung niemand —, so waren alle Rettungsversuche, wie das Ausschütten des In­halts einer kleinen Wasserflasche und das teilweise Herabreißen des brennenden Ballkleides, vergeblich. Schließlich riß sich die Aermste wieder von uns los und eilte abermals zur Tür, deren Schloß sie nun­mehr, indem die Todesangst ihr verdoppelte Kräfte verlieh, aufriß, um alsbald auf den draußen befind­lichen Stufen mit einem Weheruf zusammenzustürzen. Mittlerweile hatte aber auch einer der Herren einen Mantel herbeigeholt und bedeckte damit die Bren­nende, worauf die Flammen erloschen. Aber diesel­ben hatten doch bereits das leichte weiße Mullkleid, sowie die Unterkleider verzehrt, so daß, als wir die Un­glückliche aufhoben, dieselbe nur noch mit den Strümpfen und dem Korsett bekleidet war. In fast bewußtlosem Zustande wurde das junge Mädchen von ihrer mit anwesenden Mutter nach Hause gefahren, von wo aus sie jedoch sofort ins Krankenhaus über­führt werden mußte, wo sie nach einigen Tagen qual­vollen Leidens starb. Das Unglück war dadurch ent­standen, daß die junge Dame, um einen Gegenstand zu holen, in die Damengar­derobe der Bühne gegangen war und dort mit einem an einer entfernten Gas­flamme angezündeten Fidibus die Gasbe­ leuchtung in Funktion hatte setzen wollen. Sie war hierbei auf einen Stuhl gestiegen und hatte, nachdem sie das Gas angezündet, den noch brennenden Fidibus fortgewor­fen. Derselbe war aber auf ihr leichtes Mullkleid ge­fallen und hatte dasselbe im Nu in Brand gesetzt. Selbstverständlich wurde die Festlichkeit sofort auf­gehoben. Einige Freunde brachten mich nach Hause, da ich selbst mehrere schmerzharte Brandwunden da­von getragen hatte. Dieselben heilten bald, aber noch viele Wochen lang sah ich im Wachen wie im Träu­men die lebende Feuersäule vor meinen Augen, die ich erblickt hatte, als ich auf die Bühne geeilt war.

Am l. Oktober 1872 trat ich bei dem Infanterie-Regiment Nr. 107 ein, um meiner Dienstpflicht als Einjährig-Freiwilliger zu genügen. Ich wurde der 2. Kompagnie überwiesen und in Gemeinschaft mit den übrigen Einjährig-Freiwilligen des ersten Batail­lons militärisch ausgebildet. Diese Ausbildung ge­schah in außerordentlich gründlicher Weise; allein vier Wochen wurden auf die Einübung des langsamen Schrittes verwendet und wir wurden daher erst im Februar in unsere Kompagnie eingereiht. Mein Haupt­mann, Käufler, hatte von der Pike auf gedient, wie es in der sächsischen Armee vor 1866 möglich gewesen war. Er war vordem Maurer gewesen, dann, zur Artillerie ausgehoben, war er 1859 bei der Mobil­machung gegen Frankreich (während des öster­reichisch-italienischen Krieges, wo das ganze Bundes­heer in Kriegsbereitschaft gesetzt wurde) Leutnant geworden, da er sich als intelligent und tüchtig erwies. Die mangelnde wissenschaftliche Ausbildung holte er später nach. Sein Bruder war zur Zeit meines Dienst­jahres Feldwebel bei dem Schützen­regiment Nr. 108 in Dresden. Käufler starb später als charakte­risierter Oberst a. D., sein Sohn fiel im Weltkriege als Ma­jor. Wir hatten übrigens noch einige andere Offi­ziere bei dem Regiment, die ebenfalls von der Pike auf gedient hatten, u, a, den Oberstleutnant Hagen, der vordem, gleich seinem großen Vorgänger Derfflinger, Schneidergeselle gewesen war.

Ich war mit Leib und Seele Soldat und verrichtete den Dienst gewissenhaft. Daneben aber blieb noch ein breiter Rahmen für die Freuden der Jugend und da wir Einjährig-Freiwilligen eine innige Freund­schaft schlössen, so gehört meine Militär­dienstzeit zu einer der schönsten Erinnerungen meines Lebens. Es ist dies übrigens wohl bei allen der Fall, die den bun­ten Rock getragen haben. Mögen sie manchmal auch noch so sehr über den Dienst und ihre Vorgesetzten geschimpft haben, in ihrem späteren Alter bekennen sie im vertrauten Kreise doch, daß ihre Dienstzeit ihre schönste Erinnerung sei und mit Vorliebe er­zählen sie davon.

Den Vorbereitungsunterricht für die Einjährig-Frei­willigen des ersten Bataillons zum Reserve-Offiziers­examen erteilte Hauptmann Lothar von Hausen. Wie seine beiden anderen Brüder, von denen der ältere als Generaloberst die 3. Armee im Weltkriege bis nach der Marneschlacht führte, war er ein glänzen­der, ausgezeichnet unterrichteter Offizier, vom Schei­tel bis zur Sohle nur Soldat. Die drei Brüder, die alle es bis zur Exzellenz brachten, bildeten ein Dreigestirn, auf das die sächsische Armee wohl stolz sein konnte. In den vielen fremden Armeen, die ich spä­ter kennen lernte, habe ich kaum einen Offizier von den glänzenden militärischen Eigenschaften der drei Brüder angetroffen. Wenn Generaloberst von Hausen an Stelle des unsicheren und schwankenden, sich nur schwer zu entscheidenden Entschlüssen durchringen­den jüngeren Moltke an der Spitze der Obersten Heeresleitung gestanden hätte, so würde der Opera­tionsplan des Grafen Schlieffen sicher nicht ver­pfuscht worden sein, und wenn Generaloberst von Hausen nicht die durch die Unfähigkeit ihres Führers versagende, ihn immer von neuem in Anspruch neh­mende 2. Armee hindernd, statt stützend zur Seite ge­habt hätte, so würde wohl auch die Marneschlacht einen anderen Ausgang genommen haben und das Kriegsende sehr wahrscheinlich ein glücklicheres ge­wesen sein. Begierig lauschte ich den militärischen Lehren, die Hauptmann von Hausen mit köstlicher Klarheit vortrug. Dieselben befähigten mich einige Jahre später, als ich an der Seite der herzegowinisch-bosnischen Aufständischen und der Montenegriner an deren Freiheitskampfe gegen die Türken teilnahm, rasch an die Spitze einer Truppe zu gelangen und mehrere glückliche Gefechte gegen Suleiman Pascha selbständig zu leiten.

Gegen Ende meiner Dienstzeit spielten sich in Leip­zig Ereignisse ab, welche eine halb kriegerische Be­tätigung meines Regiments bedingten. Es waren dies die sogenannten Pleißen­gassen-Skandale. Die Pleißengasse (jetzt Wächterstraße) war eine verrufene Straße, in welcher sich ein Freudenhaus an das an­dere reihte. Vor dem Manöver waren behufs Exer­zierens in der Brigade die Truppenteile in Leipzig zu­sammengezogen worden, welche zu der diesseitigen Brigade gehörten. Hierunter befand sich auch das in Meißen in Garnison liegende Jägerba­taillon. Ein Un­teroffizier dieses Bataillons hatte nun in der Trunken­heit einem solchen Hause einen Besuch abgestattet und war aus demselben, da er Skandal gemacht, her­ausgeworfen worden. Draußen vor der Tür, die hin­ter ihm verschlossen worden war, hatte er den Skan­dal fortgesetzt, es hatten sich Leute um ihn gesam­melt, die, wie es so geht, ihre Freude an dem Radau hatten und ihn nun ihrerseits crescendo fortsetzten. Daraus war dann bitterer Ernst geworden. Die sich rasch vermehrende Menge stürmte einige der Freu­denhäuser und richtete darin große Verwüstungen an. Die herbeigeeilten Polizeidiener, gering an Zahl und obendrein nur mit einem dicken Spazierstock ver­sehen – der einzigen Waffe, mit der damals die Po­lizeidiener genannten Schutzleute versehen waren – wurden verhauen und so mußte gegen Mitternacht das Regiment alarmiert werden, um die Ordnung wieder herzu­stellen.

Diese Skandale setzten sich eine volle Woche fort. Trotz aller in den Tagesblättern und durch Anschläge verbreiteter Warnungen sammelten sich täglich gegen Dunkelwerden auf dem Königsplatze immer zahl­reichere Menschen an, aus denen sich dann der Janhagel absonderte, um den Polizeikordon, der die Pleißengasse abgesperrt hielt, zu durchbrechen und sein sinnloses Zerstörungswerk in der genannten Gasse fortzusetzen. War es so weit, so wurde das Regiment wieder alarmiert und je nach Bedürfnis rückten zwei oder drei Kompagnien aus, um die Men­schenmenge zu zerstreuen.

An drei Abenden traf auch meine Kompagnie diese Bestimmung. Wir erhielten im Kasernenhofe scharfe Patronen und dann rückten wir aus, um Stellung auf dem Königsplatz zu nehmen und einzugreifen, wo es Not tat. Sehr bald waren wir dort regelmäßig von einer johlenden Menge umringt. Da wurde dann vor den Augen des Publikums scharf geladen und das­selbe zum Auseinandergehen aufgefordert. Fast nie wurde dieser Aufforderung Folge gegeben und so er­scholl das Kommando: „Zur Attacke Gewehr rechts! Marsch, Marsch!“ Da ging es denn mit dem gefällten Bajonett (wir hatten damals das aptierte Zündnadelgewehr, bei welchem das Bajonett nie herunterkam) in die Menge hinein. Dieselbe wich dann rasch aus, floh in die Promenadenanlagen und wenn wir nun weit zerstreut in den Anlagen waren, wurde wieder zum Sammeln geblasen. Wir kehrten darauf wieder auf den Königsplatz zurück, wobei wir Gefangene und auch Verwundete — es kamen, wie leicht er­klärlich, viele Bajonettverwundungen vor — mit­brachten. Gefangene und Verwundete wurden durch kleine Abteilungen in das Wachtlokal der Pleißenburg gebracht, um später der Polizei überliefert zu werden. Kaum aber waren wir auf dem Königs­platz wieder versammelt, als auch die Menschenmenge wie eine Mauer wieder vor uns stand, worauf sich das Schauspiel von vorhin wiederholte.

Nach einigen Tagen kam man zu der Auffassung, daß die Alarmierung des Militärs die Ausdehnung der Ruhestörungen verursache, indem dieselbe viele Neugierige anlockte. Deshalb wurde an einem Abend das Militär nicht requiriert. Da ging es aber nur um so toller zu. Die Polizeidiener wurden in ein Haus der Pleißengasse gedrängt, dort eingeschlossen und umlagert, während der Pöbel in einige andere Häuser eindrang und darin alles zerstörte, was nicht niet- und nagelfest war, Tische und Stühle, Gardinen, ja selbst ein Papagei in einem Käfig wurden aus den Fenstern geworfen, die Polstermöbel zerschnitten und sonstige Verwüs­tungen angerichtet. So sah man sich schließlich doch noch genötigt Militär herbeizurufen. Wir säuberten rasch den Königs­ platz und die an­stoßenden Straßen, wobei ich einen Herrn wegwies, der dem Verbot zuwider stehen geblieben war. Da er nicht gleich meiner Weisung folgte, so befahl mir der hinzu­kommende Leutnant: „Arretieren Sie den Mann!“ Demgemäß erklärte ich den Mann für ver­haftet und mußte ihn bald darauf mit noch einigen anderen Arrestanten in die Pleißenburg trans­portieren, wobei der gute Mann sich nicht genug über die ihm zuteil werdende Behandlung wundern konnte, da er nur aus Neugierde nach dem Königsplatze gekom­men sei. Bei seinem alsbaldigen Verhör in der Pleißenburg stellte es sich heraus, daß er ein bekann­ter Leipziger Buchhändler war und die Polizei setzte ihn darauf wieder in Freiheit. Am nächsten Tage erschienen große Bekannt­machungen, daß nach einem aus Dresden vom Kriegs­minister eingetroffenen Befehle der volle Waffen­gebrauch eintreten solle, wenn sich die Ruhestörun­gen wiederholten. Auf dem Königsplatz und dessen Umgebung dürfe niemand stehen bleiben, die An­sammlung von mehr als drei Personen an einer Stelle wurde überhaupt verboten, auch mußten die Wirtschaften in der Gegend der Ruhestörungen be­reits um 9 Uhr abends schließen. Trotzdem fanden wiederum zahlreiche Ansammlungen von johlenden Menschen statt, deren Geschrei wir bis in den Kasernenhof vernahmen.

Der im Kasernenhof verweilende Divisionär schickte deshalb gegen 9 Uhr seinen Adjutanten zu dem die wieder alarmierten Truppen auf dem Königsplatz kommandierenden Hauptmann Leusmann mit dem Befehle, den vollen Waffengebrauch eintreten zu lassen, sobald er den Augenblick dazu für gekommen erachte. Der Adjutant kehrte von diesem unter dem Schutze einer Patrouille ausgeführten Gange erst nach etwa einer Stunde zurück. Die Patrouille war unterwegs mit Steinen bewerten worden und der Helm des Adjutanten hatte dabei mehrere Beulen wegbekommen. Die Sache sah also sehr bös aus. Der Adjutant brachte jedoch die Meldung von dem Haupt­mann, daß gerade jetzt, nach Schluß der Vorstellung im Neuen Theater, sehr viel neugieriges Publikum in den Promenadenan­lagen sich befände und daß daher bei scharfem Schießen viele Unschuldige getroffen werden könnten. Er bäte daher, mit der Ausführung des Befehls noch eine Stunde warten zu dürfen, wo dann wohl nur noch der Janhagel anwesend sein werde. Der Besonnenheit des Hauptmanns Leusmann, der früher in der österreichischen Armee gedient und es in derselben bereits bis zum Major gebracht hatte, verdanken die Einwohner Leipzigs mithin viel. Denn in der Tat würde bei den scharfen Salven einer gan­zen Kompagnie gegen die johlende Menge es auch zahlreiche Opfer unter den hinter derselben befind­lichen unbeteiligten Personen gegeben haben. Wirk­lich flaute auch von der Stunde an der Aufruhr ab und die Truppen konnten gegen Mitternacht zurück­genommen werden.

Inzwischen waren aber doch wieder zahlreiche Arrestanten in die Wachtstube der Pleißenburg ge­bracht worden und ich erhielt von meinem Haupt­mann den Befehl, einen Teil davon — gegen achtzig Personen — zur Polizeiwache auf dem Naschmarkt zu transpor­tieren. Hierzu erhielt ich zehn Mann, die ich auf Anweisung des Hauptmanns, der mich per­sönlich dafür verantwortlich machte, daß keiner der Arrestanten entfloh, scharf laden ließ und sie sodann um den Trupp verteilte. Das Pleißenburgtor nach der Burgstraße wurde geöffnet und ich marschierte mit meinem Transport zum Naschmarkt, der eben­falls von Soldaten besetzt und abgesperrt war. Dort lieferte ich meine Gefangenen im Polizeigebäude gegen Quittung an den wachthabenden Polizei­leutnant ab und verweilte mit meinen Leuten noch einige Zeit auf der Polizeiwache, da es daselbst für die. Soldaten und Polizisten ihres angestrengten Dienstes halber Freibier gab.

In der Polizeiwache wurden die eingelieferten Ge­fangenen einem ersten kurzen Verhör unterzogen und hierbei zunächst nach Namen, Stand und Wohnung befragt. Unter diesen Gefan­genen befand sich ein Tischler, der in Hausschuhen war und angab, in Reudnitz zu wohnen. „Und da kommen Sie noch nachts und in Hausschuhen von Reudnitz auf den Königs­platz, um Revolution zu machen?“ sprach ihn der Polizeileutnant scharf an. „Nur aus Neigierde bin ich hergeloofen“, erwiderte der Tischler, „in Haus­schuhen kann ich doch keene Revolution machen!“ Da hatte er ja recht, und in der Tat war das Ganze eigentlich nur ein sinnloser Krawall, die Skandale lediglich aus Lust am Radaumachen und um etwas nicht Alltägliches zu erleben, hervorgerufen. Irgend­welche ernste Absichten gegen die Obrigkeit lagen wohl der überwiegenden Mehrzahl der Tumul­tuanten fern. Doch wurden diejenigen, die sich des Wider­ standes gegen die Staatsgewalt, des Aufruhrs und der Sachbe­schädigung schuldig gemacht hatten, später vom Schwurgericht zu empfindlichen Strafen ver­urteilt.

An den folgenden Abenden fanden sich immer weniger Skandalmacher und Neugierige auf dem Königsplatz und dessen Umgebung ein, bis die Sache endlich ganz einschlief. Infolge dieser Krawalle konnte das Regiment aber erst einen Tag später in das Manöver abrücken.

Die Pleißengassenskandale gaben die Ursache ab, daß das städtische Polizeiwesen reformiert wurde. Die Nächtwächter wurden gänzlich abgeschafft und die Polizeidiener, die von jetzt ab Schutzleute hießen, tauschten Rock, Mütze und Spazierstock gegen Uniform, Helm und Seitengewehr ein.

Doch ich will diese Erinnerungen mit einer heite­reren Episode, als das vorstehende Erlebnis, aus mei­ner Militärzeit schließen, obgleich dieselbe, da sie sich einige Monate vorher abspielte, chronologisch an eine frühere Stelle zu setzen gewesen wäre.

Unter all den Einjährigen verband mich mit zweien eine besonders innige Freundschaft. Der eine davon war Otto Nauhardt (später Inhaber der Buchhändler­firma Carl Friedr. Fleischer und Kommerzienrat; er starb während des Weltkrieges), der andere Karl Hartmann, von uns gemeinhin Spanne-Karl genannt, er war Kaufmann und ging nach seiner Dienstzeit in die weite Welt. Noch sehr jung starb er in Buenos Aires. Damals dachten wir aber noch nicht an unsere späteren Schicksale und den Tod, und wir drei waren wohl allezeit die vergnügtesten im ganzen Regiment.

Als ich eines Morgens über den Kasernenhof ging rief mich Nauhardt an: „Kautschebübchen“ — mit diesem aus meinem Namen abgeleiteten Diminutiv pflegten er und Hartmann mich anzureden— „weeßte was neies?“

„Nee“, versetzte ich voller Unschuld.

„Ich spiele heute abend Theater!“

„Du bist verrückt!“

„Jawohl, und zwar spiele ich mit Theodor Wachtel zusammen.“

„Du bist nicht bloß verrückt, sondern auch tob­süchtig, mein holder Schwan.“

„Nee, ganz und gar nicht. Die Sache stimmt. Spanne-Karl spielt ooch mit. Es werden doch heute abend die Hugenotten gegeben mit Theodor Wachtel als Gast, und da werden viele Soldaten als Statisten gebraucht. Mein Feldwebel (Nauhardt und Hartmann dienten in der 3. Kompagnie) hat mir soeben Marken gegeben zur Verteilung an meine Korporalschaft. Die Marken gelten zur Legitimation für die Soldaten als Statisten und ich und Hartmann behalten je eine für uns selber zurück.“

„Na, da spiele ich ooch mit!“ rief ich aus und ging sporn­streichs zu meinem Feldwebel, um zu sehen, ob derselbe nicht auch solche Marken zur Verteilung an die Mannschaften habe. In der Tat besaß er solche, und ich kam ihm gerade zurecht, da er mir einen Teil der Marken zur Verausgabung an meine Korporal­schaft überbringen wollte.

Zur festgesetzten Zeit, anderthalb Stunden vor Be­ginn der Vorstellung, fanden wir uns alle im Neuen Theater ein, wo wir von dem Inspizienten in die Garderoberäume für die Statisten geführt wurden. Hier kleideten wir uns nun gemäß den uns gemachten Mitteilungen als Soldaten des Königs Karl IX., andere wieder als Hugenotten und Partisane Colignys an und beschatteten unsere Lippen mit marti­alischen Bärten. Dieses Umkleiden geschah unter einer Flut von guten und schlechten Witzen, und namentlich tauschten wir Königssoldaten mit den Hugenotten die fürchterlichsten Drohungen aus, wie wir uns gegenseitig vom Leben zum Tode befördern würden.

Nach dem Ankleiden wurden wir in den Raum seitlich der Bühne geführt und voller Interesse schaute ich mich in der neuen Welt um, die mich da umgab. Bald jedoch wurde meine Aufmerksamkeit auf die Vorgänge auf der Bühne selbst hingelenkt. Alles war dort vorbereitet, um eine Glanzleistung ersten Ranges zu bieten, wie eine solche des Auf­tretens des berühmten Gastes — Theodor Wachtel war zu jener Zeit der gefeierteste Tenorist Deutsch­lands — würdig war. Durch das im Vorhang ange­brachte Loch sah ich, daß schon lange vor Beginn der Vorstellung — die bei aufgehobenem Abonnement stattfand — das Haus bis auf den letzten Platz ge­füllt war.

Wir drei Freunde hatten zunächst nichts zu tun, da andere Gruppen von Statisten von Zeit zu Zeit auf der Bühne zu erscheinen hatten. Dann aber wur­den wir dazu ausersehen, dem Nachtwächter als Tra­banten auf die Bühne zu folgen, und gravi­tätisch be­traten wir die Bretter, welche die Welt bedeuten. Dicht hinter dem Nachtwächter Spanne-Karl, dann ich, zuletzt Nauhardt. Es war uns gesagt worden, daß wir uns, während der Nachtwächter sein Lied singe, hinter ihm in einer Reihe aufzu­stellen hätten, Spanne-Karl, der immer etwas an­ders machte, als ihm geheißen war, weshalb er auch schon Bekanntschaft mit dem „Kittchen“ gemacht hatte, befolgte diese Weisung nicht, sondern pflanzte sich, als der Nachtwächter mit seinem Liedlein an­hob, neben demselben auf. Ich zog ihn deshalb am Rockschöße zurück und bemerkte dabei zu meinem Entsetzen, daß Spanne-Karl, der etwas kurzsichtig war, seinen Kneifer noch auf der Nase hatte. Man denke sich einen Nachtwächtertra­banten mit Spieß und Schwert und — einem Klemmer! Mit einer nicht gerade salonfähigen Anrede raunte ich ihm zu, sofort den Kneifer abzutun, was er denn dann auch gelassen und unter dem vergnügten Schmunzeln des Publikums tat. Als wir darauf die Bühne wieder verlassen hatten, belehrte uns der Regisseur; „Aber meine Herren, ein Klemmer gehört nicht zu den Re­quisiten dieses Stückes!“ und Spanne-Karl steckte den Kneifer in die tiefsten Tiefen seines Habits, nicht ahnend, welches Unheil er dadurch für uns herauf­beschwor.

Theodor Wachtel bot als Raoul sein Bestes. Von Akt zu Akt steigerte sich der Beifall für ihn, und ge­spannt verfolgte ich von meinem Platze hinter einer Kulisse sein Spiel. Als er am Schlüsse des 4. Auf­zuges nach der großen Szene mit Valentine durch das Fenster sprang, erwartete ihn dort seine Frau mit einem Riechfläschchen, das sie ihm, während er sich erschöpft und keuchend auf einen bereitstehenden Stuhle niederließ, unter die Nase hielt. Bald aber ermannte er sich wieder, sprang auf und folgte dem tosenden Beifallsgeklatsche und den Heraus­rufen des Publikums, indem er nach wieder in die Höhe gegang­enem Vorhang sich wieder und wieder dem Pu­blikum zeigte und sich vor demselben verbeugte.

Endlich nahte der große Augenblick, wo wir alle unsere Statistenkünste in Wirksamkeit treten lassen konnten. Es war bei der Kirchhofsszene im letzten Akt, wo die Hugenotten von den Mördern — das waren wir mit unseren Korporalmannschaften, die Soldaten Karls IX. — überfallen werden. Spanne-Karl hatte uns schon in den aufregendsten Worten aufgestachelt, „voll und ganz“ unsere Pflicht zu tun, zu zeigen, daß wir stramme und tapfere 107er seien, daß wir unserem eisernen Regiment keine Schande machen dürften und mit den lausigen Hugenotten nicht fackeln sollten. So waren wir zur höchsten Kampf- und Mordlust entbrannt, als das Zeichen ge­geben wurde, das uns auf die Bühne rief. In wildem Blutdurst stürzten wir zu dem Gittertor des Fried­hofes herein, allen voran Spanne-Karl.

Aber jetzt zeigten sich in verhängnisvoller Weise die Folgen, daß er seinen Klemmer hatte verbergen müssen. Er bemerkte in seiner Kurzsichtigkeit die Leiste nicht, welche unten an der Kulisse des Gitter­tores am Boden entlang lief, er stolperte und schoß mit einem Salto mortale auf die Bühne. Wir hinter ihm Dreinstürmenden stürzten über ihn hinweg und kollerten ebenfalls auf die Bühne, einen Knäuel bil­dend, der zunächst unentwirrbar schien. Vom Zu­schauerraum aus muß dies ein gottvoller Anblick ge­wesen sein,

Schließlich aber rafften wir uns doch auf und stürzten mit nun verdoppelter Wut auf die Hugenot­ten. „Nu aber feste druff!“ rief Spanne-Karl in das beginnende Waffengetöse hinein. Und wir schlugen los, rücksichtslos nach rechts und links, daß die Fetzen flogen. Bald erhob sich ein allgemeines Jam­mern unter den Hugenotten. „Hauen Sie doch nicht so'“ riefen Stimmen. „Heeren Se uff, beeren Se doch uff, ’s is doch kee Ernst!“ schrien andere. Ein Hugenotte, welcher einen eisernen Halskragen trug und an demselben erfaßt in die Höhe gehoben und geschüttelt wurde, bat ängstlich: „Lassen Se doch los, Se erwärgen mich ja!“ Aber wir kannten kein Erbarmen, alle mußten sie hin werden, getreu der vorangegangenen Mahnung des Saint-Bris und der Mönche:

„Jede Schonung bleibe fern!

Jeden Feind schnell erschlaget!

Jeden Feind, welcher fliehet,

Jeden Feind, welcher zaget!“

Bald hatten wir denn auch die Hugenotten hin­gemäht, während diejenigen, welche unser Schwert nicht erreichte, in wilder Flucht die Bühne verließen.

Weder vorher, noch nachher ist wohl kaum eine Kampfszene im Neuen Theater so realistisch dar­gestellt worden wie diese und als wir nach beendigter Vorstellung aus der Theaterkasse das hohe Künstlerhonorar von 30 Pfennigen pro Mann erhiel­ten, empfingen wir das Geld in dem stolzen Bewußt­sein, dafür Vollendetes geleistet zu haben.

 

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