Hinter den Gardinen

An gut besuchten Bier- und Weinrestaurants war in der Stadt kein Mangel. Da war zunächst der alt-berühmte, durch die Faustsage bekannte Auerbachs Keller, dem sich gleichwertig Aeckerleins Keller anschloß. Gut besucht war ferner das Dähnesche Weinrestaurant (jetzt Page), sowie Hotel de Russie und Hotel de Baviere, beide in der Petersstraße, und außerhalb des Promenadenringes (nach Niederreißung des prächtigen Baues des "Kurprinz"), Hotel de Prusse, unter Krafts, des Freundes Richard Wagners, bewährter Leitung. Nach den Theatervorstellungen pflegte namentlich Kaltschmidts Weinstube auf dem Nikolaikirchhof viel aufgesucht zu werden, wo dann auch manches Spielchen aufgelegt wurde. Das Haringsche Restaurant in der Hainstraße, in dem schon Lortzing und Herlossohn verkehrt hatten, war der Versammlungsort der Bühnenmitglieder und es ging dort zumeist sehr lustig zu. Auch das Schützenhaus (jetzt Krystallpalast), wo der alte Hofmann noch kraftvoll und erfolgreich das Szepter schwang, zog viele Gäste an sich, namentlich seitdem Hofmann den prachtvollen Trianongarten mit seinem Alpen glühen, den schwebenden Gärten der Semiramis, der Nadel der Cleopatra, der blauen Grotte und anderes mehr geschaffen hatte. An den Sommerabenden konnte dort oft keine Stecknadel zur Erde fallen und auch die Varietevorstellungen während der Meßzeit waren stets bis auf den letzten Platz besetzt. Anfang der Sechziger Jahre tat sich in dem Neubau des Lomerschen Hauses im Brühl eine "Gute Quelle" auf, die sich sehr bald eines zahlreichen Zuspruchs erfreute. Dort war auch ein großer Stammtisch, an dem sich angesehene Persönlichkeiten der Stadt zusammenzufinden pflegten. U. a. waren dort Dr. Bock, der bekannte Verfasser des Buches vom gesunden und kranken Menschen, der freigesinnte Prof. Roßmäßler, der dem Frankfurter Parlament angehört hatte, und der Drechsler Bebel, der spätere Führer der Sozialdemokraten, zu finden. Mit der "Guten Quelle" war auch ein Vaudeville-Theater verbunden. Einige Jahre später wurde auch im Brühl (unter der Georgenhalle) der Esterhazykeller (jetziger verkleinerter Winzerkeller) eröffnet, der bei seinen billigen Weinpreisen ebenfalls rasch ein zahlreiches Publikum an sich zog. Von sonstigen Bier- und Weinrestaurants seien das Baarmannsche Lokal, das Hotel de Pologne, der Goldene Apfel, die Große Feuerkugel, der altehrwürdige Kaffeebaum, Schulze-Klapka in der Klostergasse, Kitzing & Heibig, Zilk Tunnel, der Thüringer Hof, die Stadt Berlin im Thomasgäßchen (wo der polnische Grat Poninsky einen Spiritistenverein leitete), Huths Weinkeller im Mauricianum, die Bavaria (jetzt "Zum Pilsner"), der Silberne Bär, das Restaurant Schatz in der Ritterstraße, der Strohsack in der Universitätsstraße, der Taubenschlag im Preußergäßchen (ein trotz seiner Kleinheit viel besuchtes Lokal, in dem die Harfenjule, ein altes verknittertes Weibchen, ein Ueberbleibsel aus der Zeit, wo die Harfenmädchen noch in hellen Scharen zur Leipziger Messe zogen, noch ihr Wesen trieb), die Stadt Gotha und die Stadt Frankfurt in der Fleischergasse, die Stadt Freiberg im Brühl, sowie das Schwarze Brett (an der Goethestraße) erwähnt, welch letzteres, einst die bestbesuchte Studentenkneipe, schon seit Jahren eingegangen ist. Auch manche andere der oben genannten Gastwirtschaften existieren heute nicht mehr. Wer Gose trinken wollte, fand solche in vorzüglicher Qualität bei Cajeri in Lehmanns Garten, in der Zentralhalle (wo zu Meßzeiten ebenfalls sehr gut besuchte Varietevorstellungen stattfanden), sowie in dem Restaurant zu den zwei Sternen in der Kloster-Straße und im Blauen Hecht in der Nikolaistraße. Der Wirt des letztgenannten Lokals, Maue, war ein Original. Er pflegte, ohne plump-vertraulich zu werden, seine Gäste zu duzen, die dies harmlos hinnahmen. Sein Lokal war aus allen Schichten der Bevölkerung stets sehr zahlreich besucht. Dort in einer Ecke saß auch der lange schmächtige Schneider, dessen von der Döllnitzer Gosenbrauerei unter der Bezeichnung: "Der achtzigjährige Gosentrinker" angefertigtes Reklamebild wohl jedem Leipziger bekannt ist. Von bayrischen Bierstuben war namentlich das kleine Lokal von Bierbaum in der Petersstraße viel besucht, des Vaters des nur allzufrüh verstorbenen Otto Julius Bierbaum. Vater Bierbaum war seinen Gästen ein alleweil vergnügter Wirt, der gern sein Späßchen machte. Doch fällte auch ihn der Tod in noch verhältnismäßig jungen Jahren.

In einem Teil der Lokalitäten des Burgkellers hatten lange Zeit die Landfleischer ihre Verkaufsstätten aufgeschlagen. Erst später wurde, nach einem entsprechenden Umbau, der Burgkeller wieder in vollem Umfange jener alten Bestimmung zurückgegeben, der er in früheren Jahrhunderten unseren Vorfahren feucht-fröhlich gedient hatte.

Unter den Cafes und Konditoreien nahm Felsches "Cafe français" den ersten Rang ein, wie dies noch jetzt der Fall ist. Demnächst waren aber auch das Cafe National (Ecke Markt und Grimmaische Straße), das Cafe Hennersdorf, das Cafe Helvetia (jetzt Küster), das Cafe Tilebein, die Seyffertsche Konditorei auf dem Neumarkt, das Cafe Zaspel in der Klostergasse und das Cafe Konze in der Petersstraße gut besucht.

Außerhalb des Promenadenringes waren außer der schon erwähnten Zentralhalle, des alten Schützenhauses, des (später entstandenen) Hotel de Prusse und des Tivoli, die Große und die Kleine Funkenburg, das Restaurant im Bayrischen Bahnhof, die Stadt Nürnberg und das Odeon in der Elsterstraße (jetzt Sanssouci), letzteres allerdings nur zu den sonntäglichen Bällen und öffentlichen Versammlungen, viel besucht. Einer großen Frequenz erfreute sich nach Fertigstellung des Neuen Theaters das dortige Restaurant und Cafe, insbesondere wurde die Theaterterrasse stark besucht, wo im Sommer des Abends und Sonntags vormittags Konzerte stattfanden. Es war ein herrlicher, idyllischer Aufenthalt daselbst und ich habe es sehr bedauert, daß später aus irgendwelchen Gründen die Theaterterrasse vom Restaurationsbetriebe ausgeschlossen wurde.

In den Leipzig benachbarten Dörfern war die Papiermühle in Stötteritz, ferner das Restaurant Schulze, dessen Besitzer (Kuchen-Schulze) eine viel bewunderte Georginenzucht betrieb, und der Goldene Löwe daselbst stets gut besucht. In Lindenau übten die Drei Linden, wie der dortige Ortsgasthof benannt worden war, eine besondere Anziehung aus. Die Gastwirtschaft gehörte nämlich zu einem Gutshof, dessen Besitzer, Jahn eine Vorliebe für allerlei Getier hatte, mit dem er den großen Gutshof bevölkerte. Da sah man prächtige Pfaue ihr Rad schlagen, hörte stetig erboste Truthähne ergrimmt kollern, und Perlhühner, Fasanen, exotische Enten, Störche und Tauben liefen und flogen bunt durcheinander. Ein großer Ziegenbock führte das Regiment unter diesen Tieren und ließ sich auch von den Menschen nur wenig sagen. Die anspruchslosen Leipziger, noch von keinem zoologischen Garten verwöhnt, hatten ihre Freude an diesem Schauspiel und besuchten deshalb gern die Drei Linden, die sich seitdem zu einem großen Vergnügungsunternehmen entwickelt haben. Nächst diesem Gasthof war der nahe gelegene Felsenkeller eine bevorzugte Erholungsstätte. In Plagwitz war die Wirtschaft Helgoland, in Schleußig (namentlich zu Pfingsten) der Waldpark und näher der Stadt zu das Forsthaus zum Kuhturm, wohin man am liebsten seinen Weg über die "Heiligen Wiesen" nahm, das Ziel hauptsächlich sonntäglicher Wanderungen. In Connewitz lockte die Krone, in Gohlis außer dem Waldschlößchen und dem Schillerschlößchen die Oberschänke (wo der Lustspieldichter Roderich Benedix ständiger Gast war). In Eutritzsch waren der Goldene Helm, die Gosenschänke, die Oberschänke und die Kümmelapotheke stets gern besuchte Lokale. Im Helm wurde gelegentlich der alljährlichen Kirmesfeier altherkömmlich zwischen Schriftsetzern und Studenten eine große Schlacht geliefert. Schon nachmittags nahmen die Schriftsetzer die Galerie bis auf den letzten Platz ein, und wenn dann die Studenten erschienen, gingen sogleich die Hänseleien los. Bald wurde dann aus den ursprünglichen Harmlosigkeiten bitterer Ernst. Gläser und Stühle flogen von der Galerie in den Saal hinab, wo die Studenten Platz genommen hatten, und diese feuerten die gleichen Gegenstände wieder zur Galerie hinauf; man stürmte die Treppe hinauf und hinab und wenn dann "das lustige Spiel" beendet war, gab es eine Anzahl eingeschlagener Köpfe und der Saal war besät mit zerbrochenen Stühlen, Gläsern und Flaschen.

Wer seine Schritte noch weiter lenken wollte, der ging zur Terrasse in Kleinzschocher, oder in den Reichsverweser in Großzschocher, oder in das Schützenhaus in Sellerhausen. Von dort aus kam man dann in den "Stünzer Käsebruch", wie diese Gegend scherzweise genannt wurde. Aber auch die Gasthöfe in Böhlitz-Ehrenberg (Große Eiche), Knauthain, Zöbigker und Zweinaundorf erfreuten sich, namentlich zur Sommerszeit, eines zahlreichen Zuspruchs. In dem Gasthof zu Abtnaundorf wurde die Jugend namentlich durch eine Kletterstange angezogen, an deren Spitze an einem Reifen allerlei schöne Sachen hingen, unter denen der Glückliche, der die hohe Stange erklettert hatte, seine Auswahl treffen konnte.

Trinkgelder für die Kellner waren damals im allgemeinen nur wenig üblich. Dagegen präsentierten die Kellner ihren Gästen zu Neujahr eine Weichselholz-Zigarrenspitze, schön mit künstlichen Blumen und Seidenband umwickelt, und dafür mußte man einen mehr oder minder großen Obolus als Ablösung für das Trinkgeld auf den Teller legen,

In fast jeder Wirtschaft, die mit einem Garten versehen war, fand im Sommer ein Vogelschießen statt und im Herbst wurden überall Kirmes- und Karpfenschmäuse mit anschließendem Ball abgehalten. Es war da Ehrenpflicht der Stammgäste hierbei mit ihren Angehörigen nicht zu fehlen. Schwedische Streichhölzer waren noch unbekannt, auch die Phosphorzündhölzchen noch ziemlich selten, da man im allgemeinen von dem Brauche des Feuersteins und des Schwammes noch nicht abgekommen war. So sah man auf den Tischen in den Gastwirtschaften zum Gebrauche für das Zigarren- oder Pfeifenanzünden eine brennende Kerze oder ein Spiritusflämmchen stehen und daneben in einem blechernen Becher Fidibusse aus Papier oder dünn gespaltetem Holz.

Die meisten der genannten Wirtschaften annoncierten in den Tageszeitungen fleißig Speck- und Zwiebelkuchen, Prophetenkuchen, Schweinsknochen mit Klößen und Meerrettich, sowie Leipziger Allerlei. Von diesen alten Leipziger Lieblingsgerichten findet man jetzt nur noch selten das eine oder andere in den Blättern angezeigt. Ganz verschwunden aber scheint das selbst dem verwöhntesten Gaumen eine Freude bereitende Leipziger Allerlei zu sein, denn was man jetzt unter dieser Bezeichnung auf der Speisekarte eines Restaurants findet, ist nur ein ganz gewöhnliches Mischgemüse und hat auch nicht das geringste gemein mit dem ausgewählt feinen Geschmack des Leipziger Allerlei. Wahrscheinlich bereitet dieses Gericht unseren heutigen Gastwirten zu viel Arbeit und sie suchen dasselbe durch Kalbshaxen, bayrisches Kraut und "Künstler"-Konzerte zu ersetzen. Die alten Gosentrinker aber klagen darüber, daß die Gosenflaschen bei ständig erhöhten Preisen immer kleiner werden. Gar wehmütig wird man da gestimmt, wenn man an die in diesem Falle doch besseren Verhältnisse in der goldenen Jugendzeit denkt.

Vielfach waren in den Wirtschaften und auch in den privaten Häuslichkeiten noch Zinngeräte gebräuchlich. In meinem elterlichen Hause gab es z. B, außer einem Schrank mit Porzellangeschirr auch einen Schrank mit einem vollständigen Zinnservice. Es war dies ein Erbstück, das nur noch selten benutzt wurde, ebenso wie die Etuis mit Löffel, Messer und Gabel; denn die frühere Sitte, bei Tafeleinladungen das eigene Besteck mitzubringen, war bereits im Aussterben begriffen.

Mit der Beleuchtung war es im allgemeinen, namentlich im Häuslichen, noch schlecht bestellt. Zwar gab es schon seit langem Gaslicht und damit waren auch die Straßen beleuchtet, aber in den Wohnungen herrschte doch noch die alte Rüböllampe vor. Eine solche Tischlampe bestand aus einem festen Fuß, von dem aus eine lange Messingstange emporragte. An dieser befand sich auf der einen Seite ein länglicher Oelbehälter, der durch ein geschweiftes Rohr mit dem auf der anderen Seite befindlichen, mit Zylinder und Glocke versehenen Brenner verbunden war. Durch eine Schraube konnte man Oelbehälter und Brenner an der Stange beliebig hoch und niedrig schrauben. Diese Rüböllampe verbreitete nur ein schwaches Licht, und über den Tisch hinaus, auf dem die Lampe stand, blieb das Zimmer in Halbdunkel gehüllt. Der Oelbehälter warf zudem Schatten und man mußte die Lampe deshalb so stellen, daß dieser Schatten in den Raum zwischen zwei am Tische sitzende Personen fiel.

In der Küche und zum sonstigen Handgebrauch aber wurde die "Funzel" benutzt. Das war eine kleine Blechlampe mit offenem Oelbassin, in dem der Docht ruhte, der durch eine Schnauze geführt direkt am Rande des Bassins angezündet wurde, denn bei dem Rüböl gab es ja keine Explosionsgefahr. Erst später, in den Jahren 1859 und 1860 erhielt diese Art der Beleuchtung eine Verbesserung. Es kamen da die Moderateurlampen auf, die eine ähnliche Gestalt wie die späteren Petroleumlampen besaßen, also über einem Fuß, aber von demselben noch verdeckt, ein Glasbassin hatten, über dem sich unmittelbar der Brenner befand. Diese Lampen, mit gereinigtem und deshalb heller brennendem Rüböl gespeist, konnten ringsherum ihr Licht verbreiten und warfen keinen Schatten mehr, der stets als überaus lästig empfunden worden war.

Im Scheine dieser alten Rüböllampen und oft auch der Funzeln machte ich meine ersten Schularbeiten, zunächst mit dem Schieferstift auf einer Tafel und dann mit der Gänsefeder in ein Heft. Denn bei dem Unterricht waren bis etwa 1863 noch die Gänsefedern gebräuchlich und ich sehe noch die lange Reihe der Schüler vor mir, die bei Beginn der Schreibstunde sich mit ihren Gänsekielen an das Katheder drängte, damit der Lehrer mit seinem langen lanzettenartigen Messer die Feder neu schneide oder stutze.

Die Kerzen, die zur Unterstützung der mangelhaften Beleuchtung mehr noch als jetzt, wo wir in fast jedem Raum des Hauses, vom Keller bis zum Boden, elektrisches Licht besitzen, herangezogen wurden, besaßen auch noch nicht die Vollendung wie die heutigen. Sie hatten einen sehr starken Docht, der sich nicht selbst verzehrte; der verbrannte oder angekohlte Teil des Dochtes mußte vielmehr mit einer Lichtputzschere abgeschnitten werden. Eine solche befand sich in jedem Haushalt und sie lag stets neben dem Kerzenleuchter. Sie war von einer besonderen Beschaffenheit. Der obere Teil der Schere besaß ein kleines Kästchen, in das von dem Schneider des unteren Teiles mit Hilfe einer an dem Schneider befindlichen kleinen Wand, die in das Kästchen paßte, der abgeschnittene Docht eingeführt wurde, so daß derselbe nicht herunterfallen und auch nicht qualmen konnte,

An den Fenstern hingen Rouleau, die an einer Schnur heruntergelassen und hinaufgezogen wurden. Es verlangte dies einige Uebung, damit das Rouleau nicht schief hing, was, namentlich von der Straße aus gesehen, dem Fenster ein liederliches Aussehen gab. Vitragen waren erst selten zu sehen, sie wurden erst später gebräuchlicher. Sehr oft waren die Rouleau mit darauf gedruckten Landschaftsbildern versehen und hierbei gab man den chinesischen Szenerien den Vorzug. Ueberhaupt bevorzugte man zu jener Zeit Gegenstände aus China, und Bilder aus dem bezopften Lande waren überall zu sehen. Chinesisches Porzellan, chinesische Fächer und Flechtereien, auch chinesische Metallarbeiten waren stark begehrt und wurden erst später von Japan verdrängt. Auf dem Topfmarkt wurden zur Messe große schöne Tassen mit chinesischen Malereien in zahlreichen Exemplaren verkauft und wir Kinder mochten aus keiner anderen als aus einer solchen "chinesischen" Tasse unseren Kaffee trinken.

Das Innere der Stadt trug im allgemeinen dasselbe Gepräge wie heute. Allerdings war der glücklicherweise inzwischen wieder hergestellte herrliche Laubengang am Alten Rathaus noch mit den "Bühnen" ausgebaut, am Naschmarkt erhob sich noch das alte Stockhaus und die Polizeiwache, neben der auch die Kommunalgarde ihr Wachtlokal hatte; an Goethes Denkmal war noch nicht zu denken, während der alte Löwenbrunnen sich noch in seinem alten unschönen Holzgewande zeigte. Am Naschmarkt hatten auch die Chaisenträger mit ihren noch aus der Rokkokozeit stammenden Chaisen ihren Platz, doch handelten sie in Ermangelung ihrer beruflichen Beschäftigung, die immer seltener in Anspruch genommen wurde, mit dem Klepperbeinschen Magenpflaster, einem damals vielfach begehrten Universalmittel. Die alte Ratswage, Ecke Markt und Katharinenstraße, war noch vorhanden, das Thomasgäßchen noch unverbreitert, an der Ecke der Klostergasse stand noch die alte reformierte Kirche, daneben, nach dem Thomaskirchhof zu, die alte Post, und der Neukirchhof — mit der Umtaufe der Neukirche in Matthäikirche erhielt auch der Platz um dieselbe die Bezeichnung Matthäikirchhof — zeigte nach der Promenadenseite noch die alten hohen Gebäude, die mit ihren davor befindlichen schmalen Gärten bis zu dem tief gelegenen Töpferplatze hinabreichten. Ihre Stelle nimmt jetzt, nachdem man zugleich eine Straßennivellierung vorgenommen hat, das imposante Gebäude der Leipziger Feuerversicherung ein. Der Markt hat durch den Umbau von Baarmanns Haus, der Alten Wage, sowie von Barthels und Stieglitzens Hof, ferner durch die Errichtung des Bismarckhauses (Witzleben) und den Umbau des alten Cafe National (Ecke Markt und Petersstraße), vor allem aber durch die Errichtung des historisch hervorragenden Siegesdenkmals und der leider nur allzu unschönen Zyklopensteine zu den Eingängen des unterirdischen Meßhauses, ein nicht unwesentlich verändertes Aus sehen erhalten. In der Petersstraße sind eine Reihe neuer Häuser entstanden, wobei leider mit der Niederreißung des an der nördlichen Ecke der Sporergasse stehenden Hauses und dem Neubau desselben ein interessantes Wahrzeichen Leipzigs verschwand; ein dort von der Decke des großen Hausflurs herabhängendes echtes Grönländer Boot mit einer Figur in echtem Eskimo-Kostüm darin. Der alte Auerbachs Hof ist durch die Umwandlung in die Mädlerpassage gegen früher nicht wieder zuerkennen und auch die Grimmaische Straße hat durch die Errichtung des Handelshofes, des Zentralmeßpalastes und indirekt durch den Umbau der Universität und der Neuanlage ihrer Höfe in Verbindung mit der durchgreifenden Renovierung der Paulinerkiche und dem Wegfall des Kreuzganges mit seinen interessanten Gemälden als öffentlicher Durchgang ein vielfach verändertes Aussehen erhalten. Weiterhin ist durch den Neubau von Specks Hof als Meßpalast, die Niederreißung des alten Gewandhauses und den Aufbau des Städtischen Kaufhauses auf seinem Grund und Boden, den Neubau des Dresdner Hofs, die Errichtung des Zeißig-Hauses auf dem Neumarkt und die Neubauten des Roten Kollegs und der sonstigen, der Universität gehörigen Häuser in der Ritter- und der Universitätsstraße, ein in mancher Hinsicht verändertes Städtebild entstanden. Immerhin würde ein vor 100 Jahren verstorbener Leipziger, wenn er heute wieder käme, sich unschwer im Innern der Stadt wieder zurechtfinden können. Sind doch auch die alten interessanten Durchgänge, die schon Goethe erwähnt, im großen und ganzen unversehrt geblieben.

Auch das an der Ecke des Marktes und der Katharinenstraße stehende Gebäude der Alten Wage, in dem sich jetzt das Messe-Amt befindet, ist in seiner früheren Gestalt so ziemlich unverändert geblieben. Allerdings verschwand bereits 1860 sein charakteristischer Treppenturm, den wir auf den alten Abbildungen des Marktplatzes erblicken, auch das Erdgeschoß ist in neuzeitliche Büros umgewandelt worden, aber das Gebäude selbst ist unverkennbar das alte geblieben.

Die alten Kaufstätten im Brühl, wie die Leinwandhalle, Kramstas Haus, und unter den Höfen namentlich Schwabes und Krafts Hof, zeigen sich fast ganz noch in alter Gestalt.

Nahezu unverändert steht ferner die alte Buchhändlerbörse. Die Räumlichkeiten in derselben wurden von dem alten braven Kastellan Bogen, der der älteren Buchhändlergeneration wohl noch im besten Andenken stehen wird, mit seinen liebreizenden Töchtern in mustergültiger Weise verwaltet. In dem Saale der Buchhändlerbörse wurden vielfach wissenschaftlich-populäre Vorträge und physikalische Vorführungen abgehalten. Hier hörte ich 1867Dr.Gerhard Rohlfs über seine soeben zurückgelegte erste große Afrikareise berichten. Später verband mich mit Dr. Rohlfs eine nähere Bekanntschaft und es fügte sich, daß ich nach seinem Tode seinen Spuren in Tripolitanien folgen sollte.

Außerhalb des Promenadenringes befanden sich noch mehrere große Gärten, die in früheren Zeiten von Patrizierfamilien angelegt waren. Dazu gehörte vor allem der große, allerdings bereits zum Teil bebaute Bosesche Garten am Roßplatz. Ein langgestrecktes zweistöckiges Haus mit dahinter gelegenem großen Hof trennte diesen Garten von dem öffentlichen Verkehr. In dem Hofe, wo sich ein großer Kuhstall befand, war eine vielbesuchte Milchwirtschaft, in der man Milch frisch von der Kuh weg erhalten konnte. In dem hinteren Teil des Grundstückes, teilweise schon von Häusern begrenzt, erblickte man noch die alten gärtnerisch kunstvoll angelegten Bosketts und zierlichen Pavillons, die einst Böses Garten zu einer Berühmtheit gemacht hatten. Neben dem langgestreckten Hause befand und befindet sich noch die Kreishauptmannschaft, aus deren Gehöft die letzten Postkutschen die Verbindung Leipzigs mit einigen noch nicht von der Eisenbahn berührten Nachbarorten vermittelten. Im Norden der Stadt erstreckte sich, weithin mit alten schönen Bäumen besetzt, der Löhrsche und Keilsche Garten und auch südlich vom Fleischerplatz traf man auf zwei ähnliche Gärten. Der westliche davon war der Gerhardsche Garten, der sich vom Fleischerplatz bis zur Ausmündung der jetzigen Poniatowskystraße in die Elsterstraße erstreckte. In diesem Garten befand sich etwa dort, wo sich jetzt die Thomasiusstraße mit der Poniatowskystraße kreuzt, das Denkmal des bei dem Rückzuge der Franzosen am 19. Oktober 1813 dort in der Nähe in der Elster um das Leben gekommenen französischen Feldmarschalls Fürsten von Poniatowsky, das später, bei Anlegung dieser Straßen, auf den Vorhof der Schule an der Lessingstraße verlegt wurde. Vom Fleischerplatz, nahe der dort befindlichen Barfußmühle, führte eine Brücke in den Teil von Gerhards Garten, der dem öffentlichen Verkehr freigegeben war. Es befand sich dort ein Teich, der im Winter fleißig zum Schlittschuhlaufen benutzt wurde, sowie ein Sommertheater, also eine offene Bühne, die an schönen Sommerabenden zahlreich besucht wurde. Dieses Theater war das erste, in das mich meine Eltern mitnahmen. Ich kann mich an die Handlung nur noch unvollkommen erinnern, doch weiß ich noch den Titel des Stückes; es war "der Aktienbudiker", eine aus Berlin importierte, damals viel gegebene Posse.

Links von der Barfußmühle ging eine Brücke über die Pleiße in den ehemaligen kleinen Boseschen Garten, der nach dem Namen des neuen Besitzers jetzt Lehmanns Garten hieß. Dort war gleich linker Hand die bekannte Gastwirtschaft von Cajeri, während sich rechts die Villa des Besitzers befand. In der Flucht von Cajeris Gosengarten stand im östlichen Teil des großen Gartenkomplexes eine Reihe aneinandergebauter stattlicher Häuser, die schöne, viel begehrte Wohnungen aufwiesen. Eine davon wurde bis zu seinem Tode von dem Ehrenmitgliede des Städtischen Theaters, dem verdienstvollen Schauspieler Stürmer bewohnt, auch hatten sich mehrere hervorragende Mitglieder des Gewandhausorchesters dort eingemietet. Den übrigen Teil von Lehmanns Garten nahmen Mietsgärten, sowie ein Trockenplatz ein.

Weiterhin an der Pleiße, an der Thomasmühleund Lurgensteins Garten vorüber, gelangte man an Apels und Reichelts Garten, die jedoch bereits zum größten Teile bebaut waren. Aber noch waren einige Ueberbleibsel dieser ehemaligen "Königlichen Gärten", wie der sechzehnjährige Student Goethe an seine Schwester in Frankfurt a. M, schrieb, vorhanden: der ehemalige Lusttempel in der von der Dorotheenstraße (jetzt Otto Schill-Straße) nach der Zentralstraße abzweigenden Schlippe, nunmehr "Bad Petersbrunn" genannt, weil in dem Tempel ein übrigens in keinem guten Rufe stehendes Bad eingerichtet worden war, sowie eine Anzahl Statuen, die auf den Säulen der Vorgärten der Dorotheenstraße aufgestellt waren. Südlich von der Nonnenmühle traf man auf den Schwägrichschen Garten, der sich weithin bis an den späteren Johannapark erstreckte und ebenfalls eine große Anzahl von Mietsgärten aufwies. Auf dem vorderen Teil von dem Schwägrichschen Garten wurde später das Reichsgerichtsgebäude errichtet. Beinahe hätte sich Leipzig desselben nicht zu erfreuen gehabt. Es machten sich nämlich sehr machtvolle Berliner Einflüsse geltend, den früheren Beschluß, das Reichsgericht nach Leipzig zu verlegen, wieder aufzuheben, um das Reichsgericht an Berlin zu ketten. Die Sache war bereits sehr weit gediehen, als ich in der Sitzung des Reichstags vom 3. Dezember 1881, dem ich damals als Abgeordneter für Zschopau-Marienberg angehörte, dieselbe aufgriff und durch eine Rede, die dann noch von den Abgeordneten Dr. Windthorst, Dr. Stephani und Dr. Lasker unterstützt wurde, die Reichsregierung in die Zwangslage brachte, die heimlich gehegten Pläne aufzugeben und sich erneut für Leipzig als Sitz des Reichsgerichts zu erklären. Es wurde dann auch alsbald, was jahrelang verzögert worden war, zum Kauf eines geeigneten Platzes für das Reichsgerichtsgebäude geschritten und die Wahl fiel dabei auf den Schwägrichschen Garten.

Neben dem Schwägrichschen Garten in der Richtung nach Süden befand sich, westlich der Pleiße, der botanische Garten mit einer Fülle von seltenen Pflanzen. Hinter ihm lagen zwei Teiche, von denen der vordere Triers Teich hieß.

Reiche Leipziger besaßen in den Vororten, so namentlich in Gohlis, Eutritzsch, Plagwitz und Connewitz schöne Sommer wohnungen und zum großen Teil sehr stilvoll gebaute Villen, um die dieselben von den minder Bemittelten viel beneidet wurden. Denn jede dieser Besitzungen war mit einem herrlichen Garten umgeben und für Gärten hatten die Leipziger von jeher eine besondere Vorliebe. Deshalb waren auch die in der ehemaligen Sandgrube, dem Johannistal, von Dr. Seeburg angelegten Gärten rasch vergriffen, wie man auch sonst auf jeden frei werdenden Mietsgarten auf der Großen Funkenburg, in Lehmanns und dem Schwägrichschen Garten und wo sonst sich die Gelegenheit dazu bot, scharfe Jagd machte. Aus dem gleichen Grunde wurde die spätere Schenkung des Johanna-Parks durch den Bankier Wilhelm Seyfferth an die Stadt von der ganzen Bevölkerung mit großer Freude begrüßt. Seyfferth überwies den Park der Stadt mit der Bestimmung, daß derselbe zum Gedächtnis an seine nach kurzer Ehe mit Dr. jur. Fr. Gust, Schulz 1858 verstorbene älteste Tochter Johanna Natalie für alle Zeiten die Bezeichnung Johanna-Park führen solle. Im Volke wurde und wird noch diese Schenkung irrigerweise mit dem Schicksal und dem Tode der jüngeren Tochter Seyfferths in Verbindung gebracht. Diese Tochter, die aber eben nicht Johanna, sondern Gertrud hieß, hatte sich nämlich in einen stattlichen jungen Leutnant, der damals hier garnisonierenden Jäger, v. M. verliebt. Dem Vater sagte diese Verbindung jedoch nicht zu (wie man sich erzählte, hatte er Bedenken, weil der junge Offizier ein Rencontre mit einem Zivilisten gehabt, bei dem er den Säbel gezogen und den Zivilisten verwundet hatte) und er verweigerte deshalb der Tochter seine Genehmigung zu ihrem Verlöbnis. Die Tochter begann hierauf zu kränkeln und der besorgte Vater rief alle ärztlichen Autoritäten herbei, um seinem Kinde die Gesundheit wiederzugeben. Aber alle ärztliche Hilfe versagte, die Kranke siechte immer mehr dahin, bis schließlich einer der Aerzte den geheimen Herzenskummer des jungen Mädchens entdeckte. Er offenbarte dies dem Vater und riet demselben, um seine Tochter zu retten, seine Einwilligung zu deren Verlobung mit dem jungen Offizier zu geben. Nunmehr überwand der Vater alle Bedenken und beschloß, den Herzenswunsch seiner Tochter zu erfüllen. Da es kurz vor Weihnachten war, bescheerte er dem jungen Mädchen den Geliebten unter dem Christbaum. Die Freude und das Glück Gertrud waren natürlich sehr groß, und schon glaubte man, daß dieselbe wieder aufblühen werde. Aber ihr inneres Leiden war bereits zu weit fortgeschritten und sie starb schon acht Wochen später im Alter von 24 Jahren (1865). Im Volke erzählt man sich nun, daß Seyfferth, der sich über den Tod dieser seiner letzten Tochter nie zu trösten vermochte, aus diesem Anlaß Seinen hinter der Weststraße gelegenen großen, schönen Park der Stadt unter dem Namen Johanna-Park vermacht habe, was aber, wie wir gesehen haben, unzutreffend ist. Dagegen setzte Seyfferth bei seinem später erfolgten Tode den hinterlassenen Bräutigam seiner Tochter, der bis dahin unvermählt geblieben war, zum Universalerben seines großen Vermögens ein.

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