1915 in Berlin

Der Eisenbahnzug, der Berlin im Schneckentempo verließ, war angefüllt mit Frauen und Kindern, aber kaum einem Mann im wehrfähigen Alter. In einem Abteil saß neben einer ältlichen Frau, die schwach und krank aussah, ein grauhaariger Landsturmmann. Über dem Rattern der Waggonräder konnten die Fahrgäste hören, wie sie – offensichtlich ganz in Gedanken – zählte: „Eins, zwei, drei.“ Manchmal wiederholte sie diese Worte in kurzen Abständen. Zwei Mädchen kicherten gedankenlos und tauschten geistlose Bemerkungen über dieses außergewöhnliche Verhalten aus. Ein älterer Herr tadelte sie mit einem finsteren Blick. Die Mädchen verstummten.
„Eins, zwei, drei,“ wiederholte die Frau, die offensichtlich nicht recht bei Verstand war. Und wieder kicherten die Mädchen dümmlich. Der grauhaarige Landsturmmann beugte sich vor.
„Fräulein,“ sagte er ernst, „Sie werden vielleicht nicht mehr lachen, wenn ich Ihnen sage, dass dieses arme Weib meine Frau ist. Wir haben gerade unsere drei Söhne auf dem Schlachtfeld verloren. Und bevor ich selbst an die Front fahre, muss ich ihre Mutter ins Irrenhaus bringen.
Es wurde schrecklich still im Abteil.

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