19. Woche zwei

Der übliche Anruf von A.S. kam kurz vor zehn.

«Wo zum Henker ist Ihr Wochenbericht?» meckerte er gleich los.

«Ist am Freitag in meinem Wagen verbrannt.»

«Was?!»

«Ein Mordanschlag wurde verübt auf mich,» erklärte ich melodramatisch.

«Von wem?»

«Von einem haltlosen Trinker, den ich feuern musste, weil er das Erscheinungsbild der Firma verunzierte. Er versuchte, mich umzulegen, aber erschossen hat er meinen Wagen. Der ging sofort in Rauch auf, und ist jetzt nur noch ein verkohlter Klumpen Blech.»

«Sie sollen da oben den Laden wieder auf Vordermann bringen und nicht bürgerkriegsähnliche Zustände auslösen,» sagte A.S. Das war wieder mal typisch für ihn. Ich wäre um ein Haar hops gegangen, weil ich mich für die Firma aufopferte, aber das beeindruckte ihn kein bisschen, er dachte nur ans Geschäft.

«Wenn ich drauf gegangen oder zum Krüppel geschossen worden wäre, hätte die Firma dann eigentlich eine Rente rausgerückt?» erkundigte ich mich unschuldig.

«Wenn Sie draufgegangen wären, wozu hätten Sie dann noch eine Rente gebraucht?»

«Na für die Hinterbliebenen.»

«Sagen Sie bloß, Sie haben Verwandtschaft und von Ihrer Sorte gibt’s noch mehrere. Das wäre ja nicht auszuhalten.»

«Von uns gibt’s noch einen ganzen Haufen,» flunkerte ich. «Und dann wären da noch die zahlreichen Unterhaltspflichten, die ich habe.»

«Wollen Sie mich etwa mit Ihrem verlotterten Privatleben langweilen?»

«So langweilig ist mein verlottertes Privatleben gar nicht.»

«Wenn Sie sich in Ihrem Job einsetzen würden, wie sich’s gehört, hätten Sie überhaupt keines.»

Da war sie wieder, seine alte Vision vom mönchischen Leben seiner Gefolgsleute. Ich wieherte mein derbstes Lachen und pflaumte ihn an: «Kann ja sein, dass die Eunuchen in der Zentrale damit zufrieden sind, mit ihren Schreibtischen verheiratet zu sein. Aber hier draußen im richtigen Leben sieht’s ein bisschen anders aus. Da gibt’s Männer, die Frauen brauchen, und Frauen, die sich nach richtigen Männern sehnen. Und wie sie sich sehnen. Möchten Sie mal ein paar Geschichten aus den letzten drei Tagen hören?»

«Hören Sie auf mit Ihrem Angebergequatsche. Schürzenjäger beeindrucken mich überhaupt nicht, oder höchstens in dem Sinn, dass sie offensichtlich ein kleines Sozialproblem haben und damit für Führungsaufgaben eigentlich ungeeignet sind.»

«Soll ich Ihnen mal sagen, wie lange sich einer von Ihren Strebern aus der Zentrale hier halten würde?»

«Sie sollen mir überhaupt nichts sagen außer den neuesten Zahlen. — Wie viele Entlassungen? Wie sieht’s bei den Kosten aus? Machen Sie endlich wieder Gewinn?»

«Wir hatten gerade Wochenende.»

«Ja, und?»

«Es war niemand da, den ich feuern konnte. Die Kosten sind horrend. Und vom Gewinn wollen wir lieber gar nicht erst reden. Alles noch genauso wie am Freitag.»

«Ich muss schon sagen, Sie lassen nach, Lünch, Sie lassen ganz gewaltig nach.»

«Muss wohl an dem Attentat liegen. Vielleicht ein Schock.»

«Nu werden Sie mal nicht albern. Ist doch gar nichts passiert. Sie sind frech wie Oskar, trödeln rum und machen sich über alle Welt lustig. Mit anderen Worten, Sie sind noch ganz der Alte und nach wie vor voll einsatzfähig — na ja, im Rahmen Ihrer begrenzten Möglichkeiten natürlich.»

«Ich habe keinen Wagen mehr.»

«Dann kaufen Sie sich einen.»

«Es war ein schöner Daimler mit AMG-Maschine, ich dachte, die Firma…»

«Schlagen Sie sich das aus dem Kopf, die Firma wird überhaupt nichts!»

«Es war eine Dienstfahrt.»

«Dafür gibt’s Spritgeld. Aber auch nur, weil die Personalvertretung uns das in einem schwachen Moment aus dem Kreuz geleiert hat. Wenn’s nach mir ginge, gäbe es gar nichts.»

«Soll das heißen, ich habe mein Privateigentum für die Firma ganz umsonst geopfert?»

«Geopfert! Geopfert! Werden Sie mal bloß nicht pathetisch! — Holen Sie sich den Zaster bei Ihrer Versicherung. Versichert werden Sie doch wohl sein, oder?»

«Die Versicherung zahlt nur bei Verkehrsunfällen, Diebstahl oder höherer Gewalt, aber nicht bei Mordanschlägen.»

«Da kann ich nur sagen: Pech für Sie!»

«Bis ich ’ne neue Mühle habe, werde ich aber was für den Übergang brauchen. Die AMG-Schlitten werden nur auf Bestellung angefertigt, das kann ganz schön dauern.»

«Na, dann mieten Sie sich eben was.»

«Hab ich schon gemacht, die hatten da einen hübschen Maybach, wirklich sehr hübsch. Wir haben ausgemacht, dass sie die Rechnung an Maddox schicken.» Das musste einfach sein, ich musste ihm noch eine reinwürgen.

Lange Zeit war es still in der Leitung. Dann kam die lauernde Frage: «War das jetzt wieder einer von Ihren saublöden Witzen? Oder sind Sie tatsächlich so weit gegangen?»

«Sie kennen mich doch, ich stehe auf schnelle Wagen und schöne Frauen.»

«Sehr zu meinem Bedauern muss ich zugeben, dass ich Sie kenne. Aber ich warne Sie, wenn Sie in der Mietwagensache irgend etwas machen, das über einen Golf hinausgeht, schicke ich Ihnen das Strategische Bomberkommando auf den Hals.»

«Die sind auch nicht mehr das, was sie mal waren,» konterte ich sorglos und wünschte ihm noch einen schönen Tag und legte auf. A.S. die Stimmung versaut, damit war schon mal ein wichtiger Tagesordnungspunkt erledigt.

Mir blieb ein knappes Viertelstündchen, um eine Morgenhavanna in Betrieb zu nehmen und mir in groben Zügen einen Plan für die neue Woche zurechtzulegen, dann rückten Ohlsen und sein Technikfex Meyer an. Den Meyer sah ich da zum erstenmal. Er war nicht sehr groß, hatte nicht mehr viele Haare auf dem Kopf, dafür aber eine mächtige schwarze Bürste quer unter der Nase.

Als sie sich auf den Besucherstühlen vor meinem Schreibtisch niedergelassen hatten, erkundigte ich mich: «Nun, wie sieht’s aus meine Herren? Ist der Kahn noch zu retten, oder sind wir schon abgesoffen?»

Ohlsen lächelte mokant. «Nun, wir haben einmal die Kosten kalkuliert für die Produktionsumstellung inklusive Abschreibung auf die Lagerbestände und so weiter.»

«Und?»

«Das Ganze wird uns etwa so an die drei Millionen kosten.»

Kleiner Schock in der Morgenstunde. Und genauso war das wohl auch gemeint. Aber nicht mit Bodo Lünch, dem Unschockierbaren. Ich knurrte: «Wie kommen Sie denn auf diese Nummer?»

«In Folge des schleppenden Absatzes in der letzten Zeit sind ziemlich hohe Lagerbestände aufgelaufen, die Abschreibungen darauf belaufen sich alleine schon auf knapp zwei Millionen. Dann kommen noch die Kosten für die Entsorgung dazu, für den Produktionsausfall, für den erhöhten Verpackungsaufwand und schließlich für die Qualitätsverbesserungen, wobei die noch nicht abschließend kalkulierbar sind.» Insgesamt machte er einen hochzufriedenen Eindruck. Meinte, er hätte es mir gegeben. Dieser Tropf.

Ich rollte die Havanna zwischen Daumen und Zeigefinger und verkündete: «Dann werden wir die Lagerbestände eben nicht entsorgen lassen. Damit hätten wir schon mal diese Kosten eingespart.»

Meyer räusperte sich und erklärte: «Wir brauchen die Tankkapazitäten aber für die neu anlaufende Produktion.»

«Das ist mir auch klar,» nickte ich. «Das Zeug soll ja auch nicht bei uns vergammeln. Wir werden es als No-Name-Produkt an irgendeinen Konkursverwerter losschlagen, der den Kram in irgendwelchen Schnäppchenmärkten verhökert. Das macht die Tanks leer und bringt uns sogar noch was ein. Ich schätze, das wird die Abschreibungsverluste um die Hälfte vermindern. Wichtig ist nur, dass unser Name auf den Dosen nicht auftaucht. Das einzige, was wir wirklich entsorgen lassen müssen, ist diese ukrainische Drecksbrühe, die bringt uns sonst womöglich nur einen Haufen Ärger und Schadenersatzforderungen ein.»

«Sollen wir etwa dafür neue Verpackungen ordern,» fragte Ohlsen aufgescheucht.

«Wo denken Sie hin? Wir werden natürlich die alten nehmen, die wir noch haben und sie durchgehend in der Farbe lackieren, die drin ist.» Ich wandte mich an Meyer. «Das wird sich doch mit einem Tauchbad oder einer Art improvisierter Lackierstraße machen lassen, oder?»

Meyer wiegte nachdenklich den Kopf. «Das müssten wir mal durchspielen.»

«Tun Sie das. Aber ohne große Zusatzkosten bitte.» Und zu Ohlsen sagte ich: «Den Produktionsausfall können Sie aus Ihrer netten kleinen Kalkulation streichen. Wenn wir weiter Pissbrühe produzieren würden wie bisher, hätten wir nicht nur keine Einnahmen, sondern noch horrende Lagerkosten. Und die Kosten für die Qualitätssteigerung werden wir schon irgendwie im Preis unterbringen. — Bleiben summa summarum eine runde Million für die Abschreibung, und das ist genau das Budget, das ich Ihnen zur Verfügung stellen kann.» Und das ich mir von Burger wieder zurückholen würde, und sollte die Welt dabei in Scherben gehen.

Eine Pause entstand. Ohlsen war ein bisschen perplex, und Meyers Gehirn war schon mit den technischen Problemchen beschäftigt. Um die Havanna herum erkundigte ich mich: «Und wie stehen die Dinge in Sachen Abwasserentsorgung?»

Ohlsen sagte: «Der günstigste Anbieter, den wir in der Kürze der Zeit auftreiben konnten, sitzt in Polen in der Nähe von Stettin. Er würde uns unsere Industrieabwässer gegen Zahlung von zweihunderttausend Euro abnehmen. Und es kämen noch zwanzig- bis dreißigtausend für den Bahntransport dazu, so dass man alles in allem grob mit einer Viertelmillion rechnen muss.»

«Und wie teuer käme uns eine Sanierung der Kläranlage?»

«Die letzten Schätzungen und Kostenvoranschläge beliefen sich ungefähr auf sieben Millionen.»

«Was mindestens fünfhunderttausend Euro an Zinsen ausmachen würde — plus Tilgung. Damit sind die Würfel wohl gefallen.»

«Einen Bahnanschluss haben wir zwar,» schaltete Meyer sich ein, « und der lässt sich auch ohne großen Aufwand reaktivieren. Aber es gibt keine Verladestation.»

«Dann verlegen Sie mit Ihren Männern eben eine Rohrleitung von der Kanalisation bis zu den Gleisen. Und lassen Sie sich von einer Gerüstbaufirma irgendeine Plattform hinstellen. Braucht ja nicht schön zu sein, nur funktionieren muss es.»

«Solche Anlagen müssen aber vom TÜV abgenommen werden.»

«Wenn alles gut und solide ausgeführt ist, wo ist dann das Problem? Ich bin sicher, Sie schaffen das.» Ich lächelte ihn an.

Er zog nachdenklich die Brauen zusammen. «Und was ist mit den regulären Abwässern?»

«Die gehen wieder — harmlos wie sie dann sind — wieder in die städtische Kanalisation. Jepsen hinten in der Kläranlage erzählte etwas von einem zubetonierten Anschluss. Machen Sie ihn wieder auf.»

«Die Stadt könnte Schwierigkeiten machen.»

«Warum sollte sie? Es ist ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit, reguläre Abwässer zu beseitigen, und nichts anderes sollen sie ja tun. Wenn Ihnen da irgendwer Probleme bereiten sollte, dürfen Sie ihn ruhig zu mir schicken.»

Ohlsen wurde richtig konstruktiv und berichtete: «Die Produktion wurde heute eingestellt. Die stillgelegten Anlagen werden gereinigt und überholt. Das Labor arbeitet an den neuen Lackrezepturen und am Mittwoch werden der ersten Vorprodukte aus England eintreffen. Spätetestens am Donnerstag sollten wir dann einen ersten Vorlauf mit den einfacheren Produkten fahren können. Und wegen der Verpackungen verhandeln wir im Augenblick mit einigen Dosenlieferanten. Eine vorläufige Zusage für eine Lieferung nach den neuen Mustern haben wir für Ende der Woche.»

«Na prima, dann können wir ja schon am Wochenende voll wieder loslegen. Und Anfang nächster Woche können wir die ersten vorliegenden Bestellungen abarbeiten und endlich mal wieder richtig Geld verdienen.»

«Wir arbeiten am Wochenende?» fragte Meyer.

«Was dagegen?»

«Ich nicht. Aber der Betriebsrat sehr wahrscheinlich.»

«Den können Sie ruhig mir überlassen. Der wird noch andere Kröten schlucken müssen.»

Damit hatten wir fürs Erste zunächst mal alles Wesentliche bekaspert. Ich lehnte mich zurück, saugte an meiner Havanna und erkundigte mich: «Noch Fragen, Gentlemen?»

Sie hatten keine mehr.

Ich sagte: «Nun, dann will ich Ihnen nicht noch mehr von Ihrer kostbaren Zeit stehlen. — Halten Sie mich auf dem Laufenden, besonders wenn es Abweichungen vom Fahrplan gibt.»

Die beiden zogen ab. Das Telefon klingelte. Es war Privatschnüffler Torstein. Er berichtete: «Ich glaube, ich habe eine Spur von Zeck.»

«Wo ist er?»

«Das bin ich gerade dabei herauszufinden. Aber ich habe einige Anhaltspunkte dafür anzunehmen, dass er die Stadt nicht verlassen hat.»

«Hatten wir das nicht schon längst vermutet?»

«Ja eben — vermutet. Aber jetzt verdichten sich die Hinweise.»

«Was sind das für Hinweise?»

«Das kann ich Ihnen jetzt nicht im einzelnen aufzählen, würde zu lange dauern. Ich muss bloß wissen, ob ich weitermachen soll.»

«Ich denke, das ist doch wohl klar. Natürlich sollen Sie.»

«Was ist mit der Polizei?»

«Was soll damit sein?»

«Sollen wir sie schon zum jetzigen Zeitpunkt einschalten?»

«Nach allem, was ich bisher gehört habe, scheinen sie nicht besonders scharf auf den Fall zu sein. Wäre also besser, wenn wir erst was Handfestes haben, das sie richtig auf Trab bringt.»

«So hab ich mir das auch gedacht,» sagte er und legte auf.

Bollmann schaute kurz vorbei und teilte mir mit, dass die Bewerbergespräche für die Assistentenstelle für nachmittags um drei anberaumt worden seien. Ich sagte ihm, dass ich mir die Vögel persönlich ansehen würde.

Als er wieder weg war, kam Herzchen hereingeschneit — ziemlich spät. Sie brachte die Post und sah wieder ganz entzückend aus in einem sehr knappen, sehr tief ausgeschnittenen roten Fähnchen von Kleid.

Ich grinste ihr entgegen und fragte: «Na, ein schönes Wochenende gehabt?»

«Ja,» strahlte sie. «Sehr schön.»

«Wie heißt denn der Glückliche?»

«Robert.»

«Das ist aber kein besonders aufregender Name.»

«Der Name vielleicht nicht. Aber…» Sie machte eine vielsagende Geste.

Ich nahm ihr die Post ab und nickte. «Hm, verstehe.»

«Darf ich Sie was fragen?»

«Wenn’s nichts Unanständiges ist.»

«Nein, das ist es nicht. Aber privat, sehr privat.»

«Lassen wir’s drauf ankommen.»

«Waren Sie schon mal verliebt?»

«Tausendmal mindestens.»

«Oh! — Ist es normal, wenn man weiche Knie kriegt?»

«Wann?»

«Na, wenn man den sieht, den man liebt — oder die.»

«Ist das so bei Ihnen und Ihrem Robert?»

Sie wurde fast so rot wie ihr Kleid. «Ja, jedesmal.»

«Dann würde ich sagen, dass ein ziemlich ernster Fall von Verliebtsein vorliegt.»

«Bei Ihnen ist das auch so?»

«Hin und wieder.»

«Das kann man sich bei Ihnen gar nicht vorstellen.»

«Wieso nicht?»

«Weil Sie gar nicht so wirken.»

«Wie wirke ich denn?»

«Wenigstens nicht wie jemand, dem so was passiert.»

«Verliebt zu sein?»

«Nein, ich meine, dass er weiche Knie kriegen kann.»

«Das kommt ja auch so gut wie nie vor, außer wenn der Blitz einschlägt.»

Sie lächelte gewitzt. «Aber das kommt bei Ihnen ja ziemlich oft vor.»

«Das stimmt auch wieder.»

«Sind Sie eigentlich verheiratet?»

«Sehe ich so aus?»

«Nein, eigentlich nicht. — Aber Sie haben doch sicher eine Freundin.»

«Nur eine? Ich habe massenhaft Freundinnen. Eine einzige wäre viel zu langweilig. Wollen Sie vielleicht dazustoßen?»

Ihr Lächeln wurde ein bisschen verschämt. «Nein, ich habe doch meinen Robert.»

«Ein bisschen Abwechslung dann und wann kann aber gar nicht schaden,» scherzte ich.

«Sie sind ein ganz toller Mann,» sagte sie ernst. «Aber das wäre zuviel für mich.»

«Vielen Dank für die Blumen. Aber jetzt haben wir genug Komplimente ausgetauscht, mir wird schon ganz schwindelig im Kopf davon. Bleiben Sie ruhig bei Ihrem Robert, und bringen Sie mir eine große Kanne starken Kaffee.»

Giggelnd zwitscherte sie hinaus, um den Auftrag auszuführen.

In der Post war wieder mal nichts von Belang außer einer schriftlichen Endabrechnungen von Eddy Storch über die Dienstwagen. Er kaufte sie für zweihundertsechsundsiebzigtausend. Machte knapp vierzehntausend Provision für mich. Nicht gerade ein Vermögen, aber doch ziemlich leicht verdientes Geld.

Das Telefon klingelte. Im Hintergrund hörte ich Supermarktgeräusche. Paula flüsterte: «Bodo, bist du’s?»

«Wer sonst? Wie bist du an meine Nummer gekommen?»

«Man muss eben nur ein bisschen rumfragen. Ich kann nicht lange sprechen. Ich wollte nur wissen, ob du mich noch liebst?»

Das Thema schien mich zu verfolgen an diesem Morgen. Ich grunzte. «Wie kommst du denn auf diese verwegene Idee.»

«Bodo,» bat sie, «sei ehrlich zu mir.»

«Na gut, wenn du mich so schön bittest. Hier hast du’s mit Brief und Siegel: Ich liebe dich, meine Kirschblüte.»

«Das ist schön, ich liebe dich nämlich auch. Kannst du heute Abend nicht schon früher kommen?»

«Ich denke, du musst bis acht arbeiten.»

«Ja, aber bis neun ist es dann noch so lange hin. Kannst du mich nicht am Supermarkt abholen?»

«Wo ist dieser Supermarkt?»

Sie sagte es mir. Und ich sagte ihr, dass ich mir Mühe geben würde, es einzurichten.

«Sagst du mir noch mal, dass du mich liebst?»

Ich seufzte und buchstabierte zum Mitschreiben: «Ich lie-be dich.»

Sie schmatzte mir noch ein Kuss in den Hörer und legte auf.

Prager stand in der Tür und hatte den letzten Teil des Gesprächs mit angehört und machte ein bedenkliches Gesicht.

Ich grinste ihn an. «Das war meine Domina, sie hat eine neue Peitsche gekriegt, die sie unbedingt ausprobieren will.»

«An Ihnen?» fragte er mit säuerlicher Miene.

«An wem sonst?»

«So hätte ich Sie nicht eingeschätzt,» erklärte er humorlos. «Aber was ist schon sicher auf dieser Welt?»

«Zahlen — stimmt’s?»

«Ein wahres Wort. Und wenn wir schon dabei sind: Bei dem Schaden, den Burger der Firma zugefügt hat, kommt wirklich allerhand zusammen. Wenn wir einmal annehmen, dass die eins Komma vier Millionen für diese Jerseygutachten letztlich in seiner Tasche gelandet sind — und eine andere vernünftige Erklärung ist weit und breit nicht in Sicht — und die Schmiergelder für die Lieferungen aus der Ukraine dazu nimmt, sowie die Barentnahme von achthunderttausend, ergibt sich eine Summe von rund vier Millionen.»

«Und zusammen mit der Million für die Abschreibung auf die Lagerbestände, kommt man auf satte fünf Milliönchen,» ergänzte ich.

Prager nickte gewichtig. «Und darin sind noch nicht einmal seine Spesenexzesse enthalten.»

«Kommt noch mehr dazu?»

«Gut möglich. Aber im Augenblick ist das alles, was wir an harten Fakten in der Hand haben. — Und noch was ganz anderes: Dieses Bargeld, das Sie am Samstag bei Menges eingeliefert haben, scheint tatsächlich aus der Firmenkasse zu stammen. Zumindest für den größten Teil konnten unsere beiden Hausbanken anhand der Banderolen und stichprobenartig notierter Geldscheinnummern rekonstruieren, dass es sich dabei um mehrere Barauszahlungen an die Firma handelt. Es laufen noch weitere Untersuchungen, aber das Bild ist schon ziemlich klar.»

«Was sagt Menges dazu?»

«Hat gleich wieder einen Migräneanfall gekriegt.»

«Und was steht im Kassenbuch?»

«Als Eingang sind die Beträge vermerkt. Im Moment prüfen wir noch, welchen Ausgängen sie zuzuordnen sind. Es gab jedenfalls keinen direkten Durchfluss.»

Herzchen brachte den Kaffee und erkundigte sich bei Prager: «Möchten Sie auch eine Tasse?»

Er winkte dankend ab.

«Dürfte es vielleicht ein Tässchen Kamillentee sein?» neckte ich ihn ein wenig.

«Verbindlichen Dank,» antwortete er hölzern. «Aber wenn weiter gerade nichts anliegt, würde ich mich wieder gerne meiner Arbeit zuwenden. Es gibt noch eine Menge zu tun.»

«Reisende soll man nicht aufhalten,» grinste ich.

Und er verbeugte sich knapp gegen Herzchen und schritt davon.

Herzchen blickte ihm nach und murmelte: «Ich glaube, der hat nicht viel Freude am Leben.»

«Sagen Sie das nicht. Er freut sich eben nur an anderen Dingen als Sie und ich,» informierte ich sie und schlürfte ein Schluck Kaffee.

Sie drehte sich wieder zu mir. «Und was ist das?»

«Och, dies und das, Knäckebrot mit Kräuterquark beispielsweise, oder in die Kirche gehen und beten, oder Leute feuern…»

«Ein komischer Mann,» stellte sie fest.

«Das finde ich nicht. Jeder hat eben so seine Macken.»

«Man kann sich gar nicht vorstellen, dass er verheiratet ist oder eine Familie hat.»

«Verheiratet ist er nicht. Sie könnten ihn also noch haben, wenn das mit Robert nichts werden sollte. Allerdings fürchte ich, selbst Ihre Reize würden beim in dieser Hinsicht nichts fruchten. So etwas wie eine Heirat wäre aus seiner Perspektive pure Geldverschwendung. Und wie es um seine Familie steht, kann ich nicht sagen. Jeder hat eine, und die man man nicht einfach so feuern aus Kostengründen.»

«Sie können ihn wirklich verstehen?»

«So weit würde ich nicht gehen. Aber er hat mir immer sehr geholfen. Und das reicht mir.»

Korf erschien in der Tür. «Darf man stören?»

«Wenn es der Wahrheitsfindung dient,» nickte ich.

Er ließ sich auf dem Besucherstuhl nieder und warf einen begehrlichen Blick auf die Kaffeekanne.

«Herzchen, bringen Sie noch eine Tasse für Herrn Korf. Er sieht ganz so aus, als ob er etwas von Ihrem vorzüglichen Kaffee brauchen könnte. Habe ich Recht?»

Er machte eine Geste, die bedeutete, dass es ihm sehr recht war.

«Sehen Sie,» sagte ich zu Herzchen, «es sind eben längst nicht alle solche Ignoranten wie unser kamillenteeabhängiger Herr Prager.»

Sie enteilte fröhlich, um die Tasse zu holen.

Ich paffte mir eine Havanna an und sagte durch den Rauch zu Korf: «Schießen Sie los, was gibt’s Neues?»

«Morgen haben Frost und ich einen Termin mit den Bankern.»

Herzchen brachte die Tasse, goss ihm ein, lächelte nett und zwitscherte wieder ab. Korf nahm einen kleinen Schluck und fuhr fort: «Und diese Firma, von der Sie mir die Prospekte gegeben haben, die gehört einer gewissen Familie Benkhoff. Sie scheinen schon eine Weile in dem Geschäft zu sein, aber soweit ich es überprüfen konnte, hatten wir noch nie mit ihnen zu tun. Der Geschäftsführer ist ein Dr. Frielingshaus. Das ist hier in der Stadt ein ziemlich verbreiteter Name, vielleicht gibt es da Verbindungen.»

«Finden Sie’s raus. Auch was mögliche Verbindungen zu diesen Benkhoffs angeht. Ich will wissen, ob es da in irgendeiner Form Connections zu irgendwem hier in der Firma oder zu den Behörden gibt.»

«Hm ja. — Und wenn es tatsächlich so ist, was machen wir dann?»

«Dann werden wir demjenigen ganz gewaltig aufs Dach steigen. Oder derjenigen.»

«Und warum?»

«Na, ich denke, das ist doch klar. Wegen Interessenkollision natürlich. Ich habe jedenfalls nicht die Absicht, irgendwen die etwas delikate Umweltsituation der Firma dazu ausnutzen zu lassen, dass er darauf sein eigenes Süppchen kocht.»

«Haben Sie schon jemand im Verdacht?»

«Gut möglich. Aber bevor ich in dieser Angelegenheit Beweise in der Hand habe, werde ich die Unvoreingenommenheit in Person sein.»

Er grinste. «Würden Sie mir wohl verraten, wie man das hinkriegt?»

«Ist doch ganz einfach,» grinste ich zurück. «Man muss nur gegen alle gleichmäßig voreingenommen sein, und schon ist man der objektivste Mensch von der Welt.»

«So habe ich das noch gar nicht gesehen.»

«Probiern Sie’s aus. Klappt ganz wunderbar.»

Er nickte und trank seinen Kaffee aus. «Ich muss weiter.»

«Nur zu, auf zu frischen Taten. Und geben Sie Ihr Bestes, die Firma braucht es.»

«Hoffentlich ist die Firma nicht allein auf meine schwachen Kräfte angewiesen.»

«Unterschätzen Sie sich nicht. Wir sind alle nur kleine Rädchen im großen Getriebe. Es kommt nur darauf an, dass wir uns immer hübsch drehen. Dann läuft die Maschinerie. Und mehr kann man nicht verlangen.»

«Sollen wir eigentlich in Sachen Nobling noch etwas unternehmen?»

«Ich glaube, das wird nicht nötig sein. Er hat sich bei Lieferantenverhandlungen am Samstag wacker geschlagen und der Firma eine Menge Geld gespart.»

«Und wenn er das Schmiergeld nicht zurückzahlen kann? Ich meine, bis morgen, das ist doch etwas knapp.»

«Keine Sorge, da wird sich schon eine Lösung finden. Aber Sie können ihn ja noch mal wirkungsvoll an den Termin erinnern, wenn es Sie beruhigt.»

«Vergessen haben wird er ihn wohl nicht.»

Das Telefon klingelte. Es war Inga. «Arbeitest du gerade?»

«Was denn sonst.»

«Dann wird es dich sicher freuen, dass die Eintragung der Auflassungsvormerkung durch ist. Heute Nachmittag steht sie im Grundbuch. Die Benachrichtigung an den Notar ist schon rausgegangen.»

«Du bist ein Engel,» sagte ich voll ehrlicher Bewunderung.

«Manchmal. — Was hast du heute Mittag vor?»

«Soll ich dich zum Essen einladen? Du hättest es verdient.»

«Eigentlich esse ich nie zu Mittag, wenn ich im Amt bin. Aber wir könnten ein bisschen spazieren gehen und uns irgendwo in die Sonne setzen.»

«Abgemacht. Wann?»

Sie sagte ‚halb eins‘ und war aus der Leitung, ohne noch irgendwelches Süßholz zu raspeln. Anscheinend hatte sie gespürt, dass dies nicht der geeignete Moment dazu war. Frauen wie sie waren wirklich selten. Ich legte den Hörer auf und sah Korf an. «Ich höre gerade, dass die Auflassungsvormerkung über die Bühne ist.»

«Wie haben Sie denn das geschafft?» fragte er bass erstaunt.

Ich muss zugeben, ich genieße es, meine Mitarbeiter in Erstaunen zu versetzen. Aber dies hier war nur zu einem sehr geringen Teil mein Verdienst. Mich hatte das nicht viel mehr gekostet als einen anständigen Blumenstrauß und ein paar Prozentpunkte Schadenfreiheitsrabatt. Deshalb ritt ich nicht allzu sehr darauf herum und sagte nur: «Bloß ein paar nützliche Beziehungen.»

Korf schüttelte ungläubig den Kopf. «Diese Beziehungen möchte ich auch gerne haben.»

Gedankenvoll zwirbelte ich meine Havanna zwischen Daumen und Zeigefinger. «Wie heißt es doch so schön? Hinter jedem großen Mann, steht immer eine starke Frau.» Ich richtete den Blick auf Korf und grinste. «Oder mehrere.»

Er wusste nicht, was ich meinte, und zog ab, immer noch kopfschüttelnd.

Keine zwei Minuten später klopfte Nobling an die offen stehende Tür.

«Von Ihnen haben wir gerade gesprochen,» empfing ich ihn.

Mit einem schüchternen Lächeln setzte er sich auf den Stuhl. «Hoffentlich nicht nur Schlimmes.»

«Ganz im Gegenteil. Ihre Heldentat vom Samstag hat bereits die Runde gemacht und allgemeine Bewunderung erregt.»

«Deshalb bin ich hier. Ich habe den Vertrag und die Endaufstellung der Kostenrechnung.» Er schob mir ein paar Blätter über den Tisch.

Ich warf ein flüchtigen Blick darauf. «Schön. Ich hoffe, es bleibt alles, wie besprochen.»

«Das ja. Aber ich wollte Sie noch was fragen.»

«Und das wäre?»

Er druckste herum und rückte schließlich damit heraus: «Es ist nämlich so, ich werde die Hundertachtzigtausend bis morgen nicht zusammenbringen.»

Ich machte ein besorgtes Gesicht — mein besorgtestes.

Unbehaglich fuhr er fort: «Und da wollte ich Sie fragen, ob man das nicht verrechnen könnte.»

«Verrechnen womit?»

«Mit der Provision, die mir für den Vertragsabschluss vom Samstag zusteht.»

«Ihnen steht eine Provision zu? Wo steht das?»

«In meinem Arbeitsvertrag. Von jedem Euro, um den ich ein laufenden Lieferantenvertag drücken kann, stehen mir zehn Prozent zu.»

«Von welchem Gangsteranwalt haben Sie denn Ihren Arbeitsvertrag aushandeln lassen?»

«Das habe ich gar nicht ausgehandelt. Diese Regelung wurde mir von der Firma angeboten. Soviel ich weiß, ist das hier allgemein üblich.»

Paffend legte ich Widerspruch ein: «Aber es war gar kein laufender Lieferantenvertrag. Es war ein Neugeschäft.» Mit den Gedanken war ich allerdings schon ganz woanders. Und so erreichte Noblings kleinlaut gemurmelte Antwort nur noch halb mein Ohr. Er stotterte irgendwas davon, dass die regulären Lieferantenbeziehungen durch das Ukrainegschäft nur unterbrochen gewesen wären, und wir es normalerweise mit den viel ungünstigeren Konditionen zu tun gehabt hätten, und die hätte er eben heruntergehandelt.

Abwesend teilte ich ihm mit, dass wir darüber morgen noch einmal sprechen würden. Und als er draußen war, rief ich Prager an.

«Haben Sie sich die Provisionsabrechnungen schon mal vorgenommen?»

«Nein, das hatte bisher keine Priorität.»

«Jetzt hat es eine. Ich habe eben erfahren, dass hier im Hause einige Leute geradezu paradiesische Provisionsregelungen in ihren Arbeitsverträgen haben. Ich will wissen, was es damit auf sich hat und in welchem Ausmaß damit Schindluder getrieben wurde. Und ganz besonders interessiert mich, ob Burger sich in dieser Hinsicht auch bedient hat.»

«Als Geschäftsführer war er dazu gar nicht berechtigt.»

«So steht’s im Gesetz und im Katechismus. Aber um beides hat er sich ja bekanntlich wenig geschert. Vielleicht war er dumm und dreist genug, direkt in die Kasse zu greifen, vielleicht hat er aber auch Strohmänner benutzt. Also eine verschärfte Tiefenprüfung bitte. Bis heute Abend um halb elf brauche ich die Resultate, zumindest, was unseren Freund Burger angeht.»

Prager stöhnte. «Wie sollen wir das denn schaffen?»

«Erstens, indem Sie alles andere stehen und liegen lassen, und zweitens, indem Sie der gute alte Prager sind, der Wunder wahr werden lässt,» sagte ich charmant und legte auf und nuckelte an meiner Havanna und sog mich voll mit Rachegelüsten gegen Burger. Prager würde etwas finden. Das sagte mir mein amputiertes linkes Bein in aller Deutlichkeit. Und dabei war es gar nicht mal amputiert.

WIRD FORTGESTZT

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