18. Sonntags nie

Und am nächsten Morgen klappte es. Inga war wieder an mich herangerückt und hatte einen Arm um mich geschlungen. Behutsam machte ich mich frei, glitt aus dem Bett, sammelte meine Sachen vom Boden auf und ging ins Bad. Als ich geduscht und fertig angezogen noch einmal ins Schlafzimmer schaute, lag sie noch genauso da, wie vorhin, friedlich schlummernd und zum Anbeißen schön.

In der Küche setzte ich mich kurz hin und schrieb ihr eine Nachricht: ‚Wenn Du bis Mittag ausgeschlafen und Lust hast, essen zu gehen, ruf mich an.‘ Ich schrieb meine Handynummer darunter und signierte mit ‚ Bodo, der Rastlose‘.

Ganz leise zog ich die Wohnungstür hinter mir zu und nahm die Treppen im Galopp und sauste los. An irgendeiner Tankstelle hätte ich sicher Brötchen aus dem Backautomaten gekriegt. Aber die enthalten mehr Benzol als sonstwas. Deshalb versuchte ich mein Glück im Hotel. Vielleicht hatten die sonntags ja ein bisschen mehr auf Lager als nur Toastbrot oder irgendwelches Vollkornzeug aus Gummi mit Dauerhaltbarkeitsgarantie.

Als ich in den Frühstücksraum kam, war von Prager noch keine Spur zu sehen. Na ja, schließlich hatten wir Sonntag, da darf man schon ein Viertelstündchen länger liegenbleiben.

Die Bedienung am Frühstücksbuffet enttäuschte mich nicht. Sie hatten Brötchen, frische Brötchen. Ich ließ mir ein halbes Dutzend in einer Tüte geben und verzwirnte mich. Im Foyer stieß ich auf Prager, der im zugeknöpften Regenmantel dem Ausgang zustrebte.

«Schon gefrühstückt?» wunderte ich mich. «Und wieder unterwegs zu neuen Taten?»

«Ich gehe in die Frühmesse,» entgegnete er mir würdevoll.

«Ich wusste gar nicht, dass Sie katholisch sind und auch noch so religiös.»

Er verdrehte die Augen und meinte: «Tja, der Heilige Geist leuchtet eben nicht immer und überall.»

«Ist das so? Dann beten Sie ein Ave Maria für mich, wer weiß. wozu das gut ist. Ich kann jede Hilfe brauchen.»

«Man betet kein Ave Maria, das wird gesungen. Gebetet werden Rosenkränze.»

«Ah ja, dann eben das. Hilft ja vielleicht auch. — Ich würde Sie ja gerne ’n Stückchen mitnehmen, aber ich hab einen Termin hier gleich um die Ecke.»

«Hm ja, Ihr Mädchen. Verstehe.»

«Wenn’s nur eine wäre,» grinste ich anzüglich. «Ich kann Ihnen sagen, das nimmt vielleicht Ausmaße an… Wenn das so weiter geht, werde ich noch Blaulicht und Martinshorn brauchen, um rumzukommen.»

«Ich glaube, ich werde mindestens drei Rosenkränze für Sie beten. Ob das genügt, ist allerdings sehr die Frage. Aber für mehr ist keine Zeit, schließlich wartet noch viel Arbeit auf mich in der Firma.»

Vor dem Hoteleingang trennten wir uns. Er schritt nach links in den Nieselregen dieses grauen kühlen Morgens hinein. Und ich trollte mich zur anderen Seite. Feddersens Baustelle lag still und menschenleer da. Heute hätten mich seine Radaubrüder nicht gestört. Aber man kann nicht alles haben.

An Paulas Haustür klingelte ich dreimal kurz, dreimal lang, dreimal kurz. Trotzdem dauerte es ein Weilchen bis der Summer ging. Immer zwei Stufen auf einmal nehmend stürmte ich die Treppe hinauf bis in den dritten Stock. Dort stand eine Wohnungstür halb offen. Ich klopfte. Sich das Haar kämmend kam Paula an die Tür.

Ich hielt die Tüte hoch und verkündete: «Echte frische Brötchen!»

«Mann, bist du ein Frühaufsteher,» meinte sie.

«Bin ich zu früh?»

Sie lächelte. «Eher zu spät, würde ich sagen.»

Ich warf einen Blick ins Wohnzimmer, einen kleinen Raum, dessen beide Fenster auf einen engen, verschachtelten Hinterhof hinausgingen. Auf der Couch lagen zwei zerknautschte Kissen und eine zurückgeschlagene Wolldecke. Der Bildschirm des gerade abgeschalteten Fernsehers knisterte noch. Hm, vor der Glotze eingepennt, so, so.

«Komm,» sagte sie. «Der Kaffee ist gleich fertig.»

Wir gingen in die Küche, die kaum kleiner war als das Wohnzimmer und eine gemütliche Sitzecke hatte in der Nische eines Mansardenfensters, von dem aus man einen Blick hatte auf die dichtgedrängten Ziegeldächer der Altstadthäuser. Es war eine hübsche kleine Wohnung. Ich fragte mich, ob sie hier Kunden empfing. Wahrscheinlich nicht. Alles war nett und freundlich hier. Das war nichts das, was ihre Patienten suchten.

Sie hantierte mit der Kaffeemaschine und erkundigte sich: «War das Konzert schön gestern Abend?»

«Wir haben es geschwänzt,» gab ich zu, «es gab Wichtigeres zu tun.»

«Ich frage lieber nicht, was.»

«Soll ich’s dir zeigen?»

Sie warf mir einen kleinen Seitenblick zu. «Jetzt frühstücken wir erst mal. Ich hab nämlich einen Riesenhunger.»

«Ich auch,» sagte ich ehrlich.

Wir mampften und schlürften uns durchs Frühstück und sprachen nicht viel dabei.

Als wir fertig waren, fragte sie mich. «Rauchst du?»

«Ab und zu mal eine.»

«Du kannst dir gerne eine anzünden.»

«Auch wenn’s ’ne Zigarre ist?»

«Nichts dagegen.»

«Nett von dir. Aber es ist mir gerade nicht danach.»

Eine Pause entstand. Wir blickten uns an. Voller Interesse.

Sie stand auf und kam um den Tisch herum zu mir und setzte sich halb auf mein Knie. Sie kam mir sonderbar leicht vor.

Ich sagte: «Ich werde dich Kirschblüte nennen.»

«Warum Kirschblüte?»

«Du bist leicht und duftig wie eine Kirschblüte.»

«Kirschblüte gefällt mir.»

Keine fünf Minuten später — mir kam’s noch nicht mal vor wie fünf Sekunden — lagen wir in ihrem Bett und liebten uns leidenschaftlich. Sie forderte mich dazu heraus, mein Äußerstes zu geben. Und ich gab es ihr gerne. Bis wir beide nicht mehr konnten.

Völlig verausgabt lagen wir nebeneinander. Eine Turmuhr schlug halb zehn. Als mein Puls wieder halbwegs im grünen Bereich war und ich wieder sprechen konnte, ohne Atemnot zu kriegen, fragte ich: «Stimmt es, dass Dominas nie Sex mit ihren Kunden haben?»

«So sind die Spielregeln.»

«Da entgeht den Kunden aber ganz schön was.»

«Ich glaube nicht, dass die Kunden darauf aus sind. Ich glaube noch nicht mal, dass sie auch nur ein Bruchteil von dem hinkriegen würden, was du gerade hingekriegt hast.»

Ich schnaufte. «Es gibt so viel Schmerz und Elend auf der Welt. Ich werde nie verstehen, wie man dafür noch Geld ausgeben kann.»

«Manchen reicht das eben immer noch nicht, und sie müssen sich noch welchen dazu kaufen. Und wir liefern es ihnen. Es ist eine Dienstleistung, ein Geschäft, ein sauberes Geschäft, viel sauberer als die meisten anderen.»

«Hoffentlich wird’s gut bezahlt.»

«Keine Sorge, es wird. Das gehört zum Schmerz mit dazu.»

«Es gibt doch noch eine Menge Dinge zwischen Himmel und Erde, die ich nicht begreifen kann. Bodo Lünch — die Unschuld vom Lande.» Ich musste lachen.

Sie drehte das Gesicht zu mir. «Jetzt haben wir miteinander geschlafen,» stellte sie fest. «Aber geküsst haben wir uns noch nicht.»

Tatsächlich? Nun, das ließ sich ja leicht nachholen. Und wir holten es nach, bis die Turmuhr zehn schlug. Dann lösten wir uns wieder voneinander und mussten erst mal wieder richtig Luft holen.

«Bodo, versprichst du mir was?»

Mir schwante nichts Gutes. Und wenig frohgemut erkundigte ich mich: «Was darf’s denn sein?»

«Dass du immer so ehrlich bist zu mir. Wir gehören uns nicht, und wir müssen uns nichts vormachen.»

War das das Kontrastprogramm zu Inga? Und sollte ich das gut finden? Es klang nicht schlecht so auf den ersten Blick. Aber kann man immerwährende Ehrlichkeit überhaupt versprechen, ganz egal in welchem Zusammenhang? Also ich konnte es nicht. Und ich glaube, niemand konnte das. Deshalb wurde ich ein bisschen philosophisch und sagte abgeklärt: «Wenn ich das versprechen würde, wäre das schon eine Unehrlichkeit. Wer behauptet, dass er immer ehrlich wäre, der ist ein Lügner.»

«Ich will doch nur, dass du mir nichts vormachst, was andere Frauen angeht.»

«Kirschblüte, du bist wirklich ein ganz besonderes Mädchen.»

«Findest du?»

«Ja.»

«Aber das ist immer noch keine Antwort.»

«Ich habe mir immer Mühe gegeben, nur eine Frau auf einmal zu haben. Und meistens ist mir das auch gelungen. Mehr hält ein Mann auch gar nicht aus»

«Das ist nicht das, was ich meine.»

«Du willst, dass ich dir sage, wenn ich noch eine andere habe?»

«Du sollst mir nur nicht vormachen, dass ich die einzige bin.»

«Hm.» Ich rieb mir übers Kinn und stellte dabei fest, dass ich mich unbedingt rasieren musste. Ich fragte: «Hast du was zum Rasieren da?»

«Auf Männerbesuch bin ich eigentlich nicht eingerichtet.»

«Ihr Frauen habt doch immer was zum Beinerasieren und so weiter, das würde es auch tun.»

Sie streckte ein Bein hoch in die Luft. «Ich rasiere mich nie, weder an den Beinen noch sonstwo.»

Ich betrachtete das Bein. Es war ein makelloses Bein, und es hatte einen zarten blonden Flaum, den man wirklich nicht rasieren musste. Ich nickte anerkennend.

«Also?» fragte sie. «Was ist?»

«Was soll sein?»

«Versprichst du es?»

«Du willst was über andere Weiber hören?»

«Ich will nur wissen, wenn welche da sind — von dir.»

«Und wenn keine da sind?»

«Dann werde ich das schon merken. Bin ja nicht dumm.»

«Das ist doch keine Frage der Intelligenz.»

«Aber der Lebenserfahrung.»

«Oho!»

«Du glaubst, ich würde das nicht merken?»

«Käme auf einen Versuch an. Aber zutrauen würde ich es dir. Du bist wirklich ein ganz außergewöhnliches Mädchen.»

«Kein Mädchen, schon lange nicht mehr. — Eine Frau.»

«Okay, ich geb mich geschlagen. Gegen dich kommt man ja nicht an.»

«Du versprichst es?»

«Was willst du hören?»

«Gibt es eine andere?»

«Nur eine? Dutzende! Die Weiber fliegen auf mich, ich weiß ja auch nicht warum.»

«Angeber!»

«Also gut — eine.»

«Ist sie… — nein, das will ich gar nicht wissen.»

«Sie ist älter als du, sie sieht auch sehr gut aus genau wie du, sie hat Temperament wie du…»

«Nein, nein, hör auf, das will ich gar nicht wissen.» Sie hielt sich die Ohren zu.

Mit sanfter Gewalt zog ihr die widerstrebende Hand vom Ohr weg und flüsterte hinein: «… aber sie ist keine Kirschblüte.»

Ihre Lippen öffneten sich leicht. Ich küsste sie heiß und fest. Auch dieser Kuss hielt uns wieder eine kleine köstliche Ewigkeit aneinander fest. Die Turmuhr bimmelte halb elf. Es wurde höchste Zeit für mich, mich wieder in den harten Existenzkampf da draußen zu stürzen. Sehr ungern ließ ich von ihr ab und schaffte mich zum zweiten mal an diesem Morgen in meine Klamotten.

Sie beobachtete mich dabei und fragte: «Wann sehen wir uns wieder?»

«Heute Abend?» schlug ich vor, ohne daran zu denken, dass eigentlich Inga dran war.

«Geht nicht. Ich muss arbeiten.»

«Dann sag du.»

«Morgen? Um acht macht der Supermarkt zu.»

«Also um neun hier bei dir?»

«Das ist noch so lange hin,» seufzte sie.

Und ich seufzte auch und gab ihrem Bein, das sie aus dem Bett hängen ließ, einen Abschiedskuss.

Ich ging noch mal ins Hotel, um mich zu rasieren. Dort ließ man mich in Ruhe, niemand schob Zettel unter der Tür durch oder klopfte daran. Niemand rief an. Und so schaffte ich es, noch vor elf in der Firma zu sein. Ich hatte gerade den Mondeo abgeschlossen, als mein Handy fiepte. Inga sagte: «Warum bist du einfach so gegangen und hast mich schlafen lassen?»

«Von wegen einfach so gegangen, ich habe dich gekitzelt und abgeschmatzt, Handstand hab ich gemacht und die Ode an die Freude gesungen — alle Strophen, aber es war einfach nichts zu machen. Weißt du, dass du ab und zu grunzt, wenn du schläfst?»

«Tue ich das wirklich?»

«Klingt süß, wirklich ganz süß.»

«Wo bist Du gerade?»

«Na, in der Firma, bei der Arbeit. Wo sonst?» Und weil wir gerade schon dabei waren, entschloss ich mich, endlich zu des Pudels Kern zu kommen und mal langsam auf mein eigentliches Anliegen an sie hinzusteuern. Mitleidheischend beklagte ich mich: «Wir haben hier gerade einen Haufen Ärger. Unser firmeneigener Paragrafenreiter hat letzte Woche einen Grundstücksvertrag geschlossen und dabei nicht aufgepasst. Und jetzt kommt raus, dass uns das eine Menge Ärger mit unserer Zentrale einbringen wird.»

«War der Vertrag schlecht?»

«Das nicht gerade. Aber eigentlich sollte vereinbart werden, dass der Kaufpreis nächste Woche bezahlt wird, aber im Vertrag haben wir jetzt die übliche Klausel, dass die Zahlung erst bei Eintragung der Auflassungsvormerkung fällig wird. Das Geld ist aber der Zentrale schon für die nächste Woche zugesagt. Und an dieser Zusage werden sie sich festbeißen und mir die Hölle heiß machen.»

«Das ist doch nicht schlimm.»

«Ich finde schon, dass das schlimm ist. Ganz schön schlimm sogar. Du kennst meinen Boss nicht, das ist ein direkter Nachfahre von Dschingis Khan. Und in dieser Familie sind sie nicht friedlicher geworden durch die Jahrhunderte.»

«Das meine ich nicht. Eine Auflassungsvormerkung kann man ja vorziehen und beschleunigt bearbeiten.»

«Wer kann das?»

«Na, ich.»

«Du?»

«Ich arbeite im Grundbuchamt, erinnerst du dich?»

«Hatte ich ganz vergessen. Die letzte Nacht hat mir die Festplatte gelöscht, ich habe nur noch das Weib in dir gesehen — mein Gott, was für ein Weib!»

Sie kicherte. «Bodo! Jetzt doch nicht!»

«Wann dann?»

«Wann kannst du?»

«Ich werde mir eine ausgiebige Mittagspause genehmigen.»

«Soll ich was kochen?»

«Führe mich nicht in Versuchung, sonst kann ich mich in ein paar Tagen als Sumoringer verdingen. Wie wär’s, wenn wir ’n bisschen raus aufs Land fahren?»

«Ich überleg’s mir. — Fehle ich dir?»

«Mehr als du denkst.» Konnte ich etwas anderes sagen nach dieser Nacht und nachdem sie mir diese Tonnenlast mit der blöden Auflassungsvormerkung vom Herzen genommen hatte?

«Bodo…»

«Ja-ah?»

«… ich sag’s dir lieber später. Jetzt arbeite mal schön, du Workaholic.»

«Was bleibt mir anderes übrig? Aber koholisch bin ich in ganz anderer Beziehung.»

«Du machst mich ganz verlegen.»

«So verlegen bist du mir gar nicht vorgekommen. Ich würde eher sagen heiß, ziemlich sehr heiß.»

«Ich habe einen ganzen schönen Muskelkater, wusstest du das?»

«Wo?»

«Na, wo wohl.»

«Werd mir bloß nicht lendenlahm, das steht nur Männern zu.»

«Kann es sein, dass du ein bisschen besessen bist?»

«Gut möglich — zum Beispiel von deinem himmlischen Dessert gestern.»

«Und sonst von nichts?»

«Nicht dass ich wüsste. Ich bin ein ganz normaler Mann mit seinen Höhen und Tiefen. Und im Moment bin ich noch nicht mal auf der Höhe.»

«Oh nein, erzähl mir nicht, dass das heute Nacht ein Formtief war.»

«Sag ich ja nicht. Aber das Maximum war’s auch noch nicht. Ich meine, wir hätten gut noch das eine oder andere Stündchen…»

«Bodo,» sagte sie mahnend, «ich glaube, du bist doch ein bisschen fixiert auf solche Sachen.»

«Ist das schlimm?»

Sie stöhnte auf. «Du bist wirklich unverbesserlich.»

«Das habe ich schon in der Schule immer wieder zu hören gekriegt. Mir scheint fast, dass ich ein hoffnungsloser Fall bin.»

«Ich werde nicht versuchen, dich zu reparieren,» versprach sie mir.

«Das finde ich sehr nett von dir.»

«Gell?»

«Zeigst du mir nachher endlich mal deine Briefmarkensammlung?»

«Geh zum nächsten Wasserhahn und halte mal den Kopf ein paar Minuten unters kalte Wasser. Vielleicht hilft dir das, wieder ein braver Bodo zu werden.»

«Ich glaube, einen braven Bodo wolltest du gar nicht haben.»

«Kann sein, aber es kommt ja nur darauf an, dass du bis zum Mittag durchhälst und nicht als willenloser Spielball deiner Hormone durch die Gegend torkelst.»

«Keine Sorge, der kleine Bodo beruhigt sich auch ohne eine kalte Dusche und wird keine Gefahr für die öffentliche Sicherheit darstellen.»

«Ich weiß nicht, ob das die Mütter schöner Töchter wirklich beruhigen kann.»

«Soll ich mal bei der alten Dame in Göttingen anrufen und sie fragen?»

«Du hälst mich also für eine schöne Tochter?»

«Wofür sonst?»

«Ich dachte schon, für die Inhaberin einer Briefmarkensammlung, die man morgens einfach weiterschnarchen lässt.»

«Na ja, wenn sie doch so einen Muskelkater hat…»

«Bodo! Du bist unmöglich! — Sagst du mir noch was Liebes zum Abschied?»

In solchen Situationen bewährt sich oft ein Dichterwort, also deklamierte ich: «Einstweilen, bis den Bau der Welt Philosophie zusammenhält, erhält sie das Getriebe durch Hunger und durch Liebe.»

«Vom wem ist das?»

«Von einem Dichter.»

«Er muss dich kennen.»

«Kaum, er ist schon zweihundert Jahre tot — Schiller.»

«Bodo, ich staune, du kennst Schiller?»

«Na ja, wie gesagt, nicht persönlich.»

«Aus dir soll einer schlau werden,» seufzte sie. «Der Vers ist schön. Woraus ist er? Aus der Glocke oder den Kranichen jedenfalls nicht.»

«Es ist aus ‚Die Taten der Philosophie‘.»

«Ich glaube, ich hab sich sehr, sehr lieb,» sagte sie und legte auf.

Wegen Schiller? Oder wegen dem Muskelkater? Hmhm. Da hat man mal ein Buch gelesen und sich zwei, drei Zeilen gemerkt, und schon fallen die Mädels fast in Ohnmacht. Das kapiere, wer wolle.

Während ich mit Inga geplaudert hatte, war Frost flüchtig grüßend an mir vorbeigeeilt und im Gebäude verschwunden. Und auf den Chefparkplätzen entdeckte ich Schäffers Klapperkiste. Erstaunlicher Arbeitseifer allenthalben. Hier würde sich doch nicht etwa etwas zum Besseren gewendet haben? Ich trabte hinauf in die Buchhaltung. Dort fuhrwerkte Prager erfrischt und erbaut von der Frühmesse in den faulen Stellen des Bilanzwesens herum. Er blickte von seiner Arbeit auf und erkundigte sich : «Haben Sie eigentlich schon eine Vorstellung, wie viele Leute noch entlassen werden sollen?»

Ich war noch nicht wieder ganz in die öde Welt der Zahlen zurückgekehrt und antwortete etwas abwesend: «Das hängt davon ab, wie sich unser Absatz in der nächsten Zeit entwickelt. In den nächsten zwei, drei Wochen werden wir damit ein bisschen kürzer treten und uns nur auf das Notwendigste beschränken.»

«Wie Sie meinen,» sagte er schmallippig. Er war ja auch nur für die Kostenseite zuständig. Entlassungen waren sein Ein und Alles, auf sie war er scharf wie Kater Kuno auf Schmidts Katze. Aber ich musste auch an die Einnahmeseite denken. Und wenn wir den Absatz wirklich wieder auf Touren bringen sollten und die Produktion dazu wieder hochgefahren werden musste, wollte ich personalmäßig nicht mit leeren Händen dastehen. A.S. war zwar am leichtesten mit Entlassungszahlen zu beeindrucken, aber in erster Linie wollte er natürlich den Rubel rollen sehen und zwar in Richtung der Kasse der Zentrale. Und wenn ich ihm sagen musste, dass wir den einen oder anderen Auftrag wegen Personalmangels nicht ausführen konnten, hätte mich das ganz sicher den letzten Rest seiner Freundschaft gekostet. Da machte ich mich schon lieber bei Prager unbeliebt.

Ich sagte: «Da wäre noch was: Ich bräuchte dringend eine Aufstellung über die Schäden, die der Firma durch Burger entstanden sind. Die definitiv feststehenden und die, die möglicherweise noch dazukommen werden.»

Prager blickte auf dem Schreibtisch herum. «Genaugenommen ist dieses ganze Desaster ein einziger Burgerschaden.»

«Ich meine nur das, was man ihm persönlich ankreiden kann: die Spesenexzesse, die Schmiergeldgeschäfte, die Unterschlagungen und so weiter.»

«Haben Sie ihn etwa am Haken?» erkundigte er sich.

«So gut wie.»

Er nickte anerkennend. «Eigentlich gehört dieser Mann hinter Gitter.»

«Wir werden es ihm so ungemütlich wie möglich machen,» versprach ich ihm. Während wie miteinander redeten, hatte ich die Prospekte durchgeblättert, die dieser Ringwald mir so warm ans Herz gelegt hatte. Und mir war aufgefallen, dass sie nur von einer einzigen Firma waren. Warum nur von einer Firma? Und wem wollte er einen Gefallen tun? Mir? B.B.? Oder sich selber?

Menges kam hereingeschneit mit einem Stapel Akten aus der Registratur. Wunder über Wunder. Anscheinend arbeitete die halbe Verwaltung das Wochenende durch.

«Na, was macht die Migräne?»

Er entblößte seine langen gelben Zähne zu einem trüben Lächeln. «Geht so, das Wetter ist ein bisschen besser geworden.»

Ich blickte aus dem Fenster in den feucht-grauen Tag hinaus. «Wie man’s nimmt. Aber jedem Tierchen sein Pläsierchen.» Ich hielt ihm die Prospekte hin und zeigte auf die Firmenadresse. «Wissen Sie zufällig, wo dieses Kaff liegt?»

Er warf einen Blick darauf. «Das ist keine vierzig Kilometer von hier.»

So, so. Ich fragte: «Kann mir einer von Ihnen sagen, ob Korf im Haus ist? Ich meine, wo heute doch anscheinend alle wichtigen Leute ihrer Arbeitswut freien Lauf lassen.»

Sie hatten ihn nicht gesehen. Aber er musste ja auch nicht durch die Buchhaltung, um zu seinem Arbeitsplatz zu gelangen. Ich trollte mich und machte mich auf die Suche nach ihm. In seinem Büro war er nicht. Ich traf ihn bei Frost an, dem ich kurz mal meine Aufwartung machen wollte. In trauter Gemeinsamkeit saßen sie über einem Berg von Zahlenmaterial beisammen und berieten die Strategie gegenüber den Banken bei den Verhandlungen zu Kreditkostensenkung.

«Na, meine Herren, wie weit sind Sie gediehen?» erkundigte ich mich fröhlich.

Frost sah mich mit seiner üblichen Leichenbittermiene an und erklärte: «Im Quartal machen unsere gesamten Kreditkosten kaum mehr als zweihunderttausend Euro aus. Und wenn wir davon zehn Prozent runterhandeln könnten, wäre das schon viel, betragsmäßig aber kaum der Rede wert.»

«Kleinvieh macht auch Mist,» entgegnete ich ungerührt. «Bleiben Sie dran, und sehen Sie zu, dass Sie noch mehr als bloß lausige zehn Prozent rausschlagen. Wir brauchen jeden Euro, den wir kriegen können.» Ich wandte mich an Korf und lud bei ihm meine Prospekte ab und sagte: «Würden Sie diesen Laden bitte mal durchleuchten. Besitzverhältnisse, allgemeiner Hintergrund und so weiter. So gut, wie Sie bei dieser Jersey-Firma gearbeitet haben, bin ich sicher, dass Sie auch hier Erhellendes zutage fördern werden.»

Korf sah sich die bunten Blättchen an. «Diese Firma ist mir noch nie begegnet.»

«Sieht so aus, als ob sie unbedingt mit uns Geschäft kommen wollten. Und ich würde gerne wissen, warum das so ist und wer alles dahinter steckt.»

«Haben Sie irgendwelche Anhaltspunkte, dass da etwas nicht in Ordnung ist?»

«Keine anderen als meine Nase,» sagte ich und zog mich taktvoll zurück, um die beiden nicht weiter bei ihren Kreditstrategien zu stören.

Gerne hätte ich noch ein paar Takte mit Ohlsen geredet, aber der hatte sich anscheinend nicht von dem grassierenden Arbeitseifer anstecken lassen und war nicht zugegen. Damit war der Weg zu Inga frei.

Als ich bei ihr eintrudelte, war sie noch nicht ganz auf Besuch eingerichtet. Sie empfing mich im Bademantel. «Du bist aber früh dran.»

«Ich konnte es eben nicht erwarten,» grinste ich.

Es folgte eine ziemlich ausgiebige Kussorgie, während der wir uns zielstrebig Richtung Schlafzimmer bewegten. Dort fielen wir ins Bett, und alles fing wieder von vorne an. Als wir nach ich weiß nicht wie langer Zeit wieder einigermaßen zur Ruhe kamen und keuchend nebeneinander lagen, fühlte ich mich doch etwas geschlaucht. Irgendwie musste ich dann weggeduselt sein, ohne es zu merken. Als ich wieder aufwachte, saß Inga jedenfalls fix und fertig angezogen und sorgfältig zurechtgemacht neben mir auf der Bettkante und beobachtete mich. Besorgt sagte sie: «Bodo, du musst entweder mit deinem ausschweifenden Nachtleben aufhören oder den Sonntag wirklich zum Ausspannen nehmen.»

«Was wäre dir denn lieber?»

«Das, was das Beste für dich wäre.»

«Jetzt bin ich auch nicht viel schlauer.»

«Ich weiß ja, wie sehr du an deiner Arbeit hängst.»

«Sagen wir lieber, meine Arbeit hängt an mir. Ich käme auch sehr gut ohne aus — das Gehalt müsste natürlich weiterlaufen. Wie spät ist es eigentlich?»

«Kurz vor sechs. Ich habe das Mittagessen schon seit drei Stunden fertig. Aber ob es jetzt noch schmeckt…»

Ich fuhr auf. «Ich habe fünf Stunden gepennt?»

«Du hattest es offensichtlich dringend nötig. Heute werden wir früher ins Bett gehen und nicht mehr so wilde Sachen machen. Das heißt, wenn du überhaupt bei mir schlafen willst.»

«Also viel lieber schlafe ich ja mit dir.»

«Bodo, Bodo,» sie schüttelte den Kopf. «Du bist wirklich unersättlich.»

Ich zog sie zu mir herunter, nestelte an ihrer Bluse und warf einen lüsternen Blick in den Ausschnitt. «Wie sollte es auch anders sein, wenn es so appetitlich angerichtet ist.»

Es kostete mich keine großen Überredungskünste, und schnell war sie entblättert und lag neben mir, und wir hatten wieder sehr viel Spaß miteinander. Ich allerdings immer mit einem halben Blick auf die Uhr, denn ich wollte das Gespräch aus Hawaii auf keinen Fall verpassen. Und als ich so gegen halb neun endgültig von ihr abließ und erklärte, dass ich unbedingt noch mal kurz in die Firma müsse, war sie richtig enttäuscht.

«Ein wichtiges Überseegespräch,» erklärte ich ihr. «Schon gestern vereinbart. Da hatte ich ja noch keine Ahnung, wie es mit dir abgeht, mein süßer kleiner Vulkan.»

Sie aalte sich in den Kissen und strahlte mich an. «Findest du wirklich?»

«Aber sicher doch — ich als alter Seismologe muss es ja wohl wissen.»

«Ich glaube die Vulkanfachleute heißen Vulkanologen,» verbesserte sich mich grinsend. «Seismologen sind mehr für Erdbeben zuständig.»

«Aber bei jedem Vulkanausbruch gibt’s auch ein Erdbeben. Du kannst dir aussuchen, was du lieber wärst, ein Vulkan oder ein Erdbeben.»

«Ich glaube, ein Vulkan,» sagte sie bescheiden.

«Qkay, also ein niedlicher kleiner Süßseevulkan, ja?»

Nachdenklich blickte sie mir in die Augen. «Hast du das zu deinen anderen Frauen auch gesagt?»

Hmhm, ging das schon wieder los. Immer diese verdammte Vergleicherei. Und am Ende kam nichts dabei heraus als ein schmollendes ‚Eigentlich geht es mich ja gar nichts an‘ und ein Haufen Ärger. Ich brummte: «Du bist mein erster Vulkan, das ist vulkanbeobachtungsinstitutsamtlich.»

«Und was hast du zu ihnen gesagt?» bohrte sie.

Sollte ich etwa sagen ‚Kirschblüte‘? Und dass es nicht in der Vergangenheit, sondern in der Gegenwart war, in der sehr unmittelbaren Gegenwart? Wozu denn? Was dein Mädchen nicht weiß, macht dein Mädchen nicht heiß. Mich — zum wievielten Male an diesem Tag eigentlich? — in meine Klamotten arbeitend grummelte ich nur: «Das ist ein weites Feld, zu weit. Ich muss jetzt wirklich los, sonst verpasse ich den Anruf.»

Sie schmollte nicht und fragte nur: «Kommst du nachher wieder?»

Ich grinste. «Wenn der Platz da neben dir dann noch frei ist, liebend gerne.»

Als Antwort erhielt ich ein Kissen an den Kopf. Ich zog es mir von der Schulter und deponierte es sorgfältig auf dem Fußende und erklärte feierlich: «Ich interpretiere das als ein Ja und werde der Einladung mit Vergnügen Folge leisten.»

Ein flüchtiger Abschiedskuss noch, und dann ging’s ab im Galopp. Ich musste den Mondeo ganz schön durch die sonntagabendlich leeren Straßen des Städtchens heizen, um rechtzeitig in der Firma zu sein. Schon weit vor dem Tor fing ich an wild zu hupen, um durch die geöffnete Schranke brausen zu können. Mit quietschenden Reifen stoppte ich vor der Verwaltung. Der Aufzug war nicht unten, ich nahm die Treppen, immer drei Stufen auf einmal. Und gerade hatte ich mich keuchend auf meinen Schreibtischstuhl fallen lassen, da klingelte auch schon das Telefon. Es war Punkt neun. Am anderen Ende meldete sich ein Luther Gillis von der First Private Investigations, Honolulu. Automatisch fragte ich mich, wie ich ihn mir wohl vorzustellen hatte. Vielleicht im Baströckchen auf einem Liegestuhl am Pool mit einem gut gekühlten Sunrise Flip in der Linken? Er hatte jedenfalls eine dicke, blubbernde Stimme und legte in einem amerikanisch-deutschen Kauderwelsch, wie A.S. es nicht besser hinkriegen konnte, gleich los und erklärte mir stolz, dass er so gut Deutsch sprechen könne, stamme aus seiner Zeit bei der CID der Militärpolizei in ‚Wörzbörg‘ her. Er verlor sich in den üblichen Reminiszenzen an das ‚very good German beer‘ und die ‚wonderful Frauleins‘. Und ich erklärte ihm, bier- und frauleinmäßig sei nach wie vor alles im grünen Bereich. Nach dem Bier und den Mädels auf Hawaii fragte ich nicht. Ersteres gibt es bekanntlich nicht — wenn man der Schlagerweisheit glauben darf, und mädchenmäßig war ich over here in good old Germany schon dermaßen ausgelastet, dass mir allein der Gedanke an schokoladenbraune Hulahopp-Schönheiten Schweißperlen der Überlastung auf die Stirn getrieben hätte.

Wir waren sehr schnell bei ‚Bodo‘ und ‚Luther‘ angelangt, und Luther gab mir einen kurzen Überblick über die Lage. Sie hatten Burger unter ständiger Beobachtung. Burger machte ihnen nicht viel Arbeit, er verbrachte den Tag am Pool, von innen immer gut mit Drinks von der Pool-Bar gekühlt, während seine Lieben in der Gegend herumschwirrten und die Stadt und die Insel unsicher machten und einen Haufen Geld unter die Leute brachten.

Ich fragte ihn, ob er ein Notebook mit Webcam zur Verfügung hätte. Er hatte nicht, meinte aber, es sei überhaupt kein Problem sich eins zu besorgen.

«Okay, Luther,» sagte ich. «Dann besorgen Sie sich das Zeug und machen Sie sich mit der Technik vertraut. Und dann rücken Sie Burger auf der Pelle, wenn er schön gemütlich am Pool liegt und die schöne Sonne Hawaiis und die prima Drinks genießt. Richten Sie die Kamera unauffällig so aus, dass er schön im Bild ist und dann wählen Sie mich über Internet an.»

«Sie wollen eine Live-Übertragung von diesem Bastard?»

«Ich will seine Eier.»

«Eier?»

«Balls,» übersetzte ich ihm.

Er lachte herzlich. «Verstehe. Sie wollen ihm das Gefühl geben, dass Sie ihn genau im Blick haben, right?»

«Very right. Ich will den Kerl schwitzen sehen — aber nicht wegen der molligen Temperaturen, die Sie da drüben haben.»

«Was hat er denn eigentlich genau verbrochen?»

«Er hat seine Firma ausgeplündert bis auf den letzten Cent und sich mit dem Zaster aus dem Staube gemacht.»

«Ähm, was ist ‚aus dem Staube machen‘?»

«Piss off.»

«Yeah. — Aber was ist, wenn er nervös wird?»

«Das soll er ja. Und Ihr Job ist es ihm klarzumachen, dass er umzingelt ist. Rücken Sie ihm auf den Pelz mit allen Leuten, die Sie haben. Bringen Sie ihn dazu, dass er hinter jedem Busch – ich meine nicht George W. sondern einen richtigen – einen vermutet.»

Luther schickte ein herzliches Lachen aus Hawaii zu mir herüber. «Er scheint ein gerissener Bursche zu sein, er wird sicher einen Trick probieren.»

«Sicher wird er das. Aber der einzig wirksame Trick wird sein, dass er stirbt. Und in diesem Fall möchte ich den amtlichen Totenschein haben, damit ich für die Firma das Erbe antreten kann.»

«Wir werden eine Menge Leute brauchen.»

«Nehmen Sie sie sich. Bringen Sie ihm das Fracksausen bei. Wichtig ist nur, dass er sich nicht spurlos verkrümelt.»

Luther erkundigte sich nach dem Wort Fracksausen. Diese verdammte Übersetzerei ging mir langsam auf die Nerven, es wäre mir lieber gewesen, wenn er nicht mit seinem halbgaren Deutsch herumgeprahlt hätte und wir gleich auf Englisch Tacheles hätten reden können. Aber gegen sentimentale Anwandlungen kommt man eben nur schwer an. Also setzte ich ihn ins Bild, was es mit ‚Fracksausen‘ auf sich hatte, und er war so vernarrt in dieses Wort, dass er es gleich ein halbes Dutzend mal wiederholen musste. Bis dahin hatte ich immer geglaubt, dass ‚Reinemackefrau‘ für einen Ami das Höchste an phonetischer Exotik wäre.

Wir plauderten noch ein wenig über dies und das. Zum Schluss gab ich ihm die Daten für die Internetverbindung durch, und als Zeit für den Anruf vereinbarten wir den nächsten Abend um elf. Um diese Zeit würde Burger mit Sicherheit wieder seinen Liegestuhl am Pool eingenommen haben und den Badenixen lüsterne Blicke zuwerfen, während Frau und Kinder auf Einkaufstour in der Stadt waren. Zum Abschied musste Luther unbedingt noch einmal ein dröhnendes ‚Fracksausen‘ loswerden. Laut lachend legten wir beide auf. Und erst da fiel mir ein, dass ich den Abend eigentlich Paula versprochen hatte. Nun ja, die Party am Pool stieg ja erst um elf, und bis da hin konnte man noch einiges auf die Beine stellen.

Keine Viertelstunde später lag ich neben Inga im Bett, und wir betrieben ein wenig Vulkanologie. Ohne hier allzu sehr ins Detail gehen zu wollen, nur so viel, es kam zu Vulkanausbrüchen und zwar zu einer ganzen Serie, die die vorangegangene Nacht noch glatt in den Schatten stellen. Und irgendwelche bedeutungsschwangeren Fragen bekam ich von Inga auch nicht mehr zu hören. Nichts dagegen, wenn das immer so weiterging.

Am nächsten Morgen kutschierte ich Inga ins Grundbuchamt zu ihrem segensreichen Wirken. Nach einem langen Kuss zum Abschied fragte sie: «Sehen wir uns heute Abend?»

«Heute wird’s bei mir richtig spät.»

«Du kommst nicht?»

«Wir haben eine Videokonferenz mit Amerika. Wegen der Zeitverschiebung fängt sie erst um elf an. Und ich weiß nicht, wie lange das geht. Aber du könntest ja morgen zum Frühstück zu mir ins Hotel kommen.»

Sie überlegte. «Um acht?»

«Lieber ein bisschen früher. Wir brauchen ja ein bisschen Zeit füreinander,» grinste ich.

Sie gab mir mein Grinsen zurück. «Das stimmt. Ich werde dich wecken kommen.»

«Kann gut sein, dass ich noch gar nicht ins Bett gekommen sein werde.»

«Bodo,» sagte sie streng, «gib auf deine Gesundheit Acht.»

«Vielleicht sollte ich Priester werden — oder Mönch,» seufzte ich.

Schon aus dem Wagen beugte sie sich noch einmal herunter und versicherte mir: «Die nehmen dich nie.»

«Was soll ich bloß machen?»

«Versuche einfach mal, ein braver Bodo zu sein.»

«Wenn ich nur wüsste, wie das geht,» wieherte ich und startete den Motor und brauste hupend davon.

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