Wahlen, Karneval und Plon-Plon

Von dem Grausigen zu etwas Heiterem. Es mag vielleicht in der Weltgeschichte schon einmal vorge­kommen sein, daß ein Buchhändler in einem Delirium von Großmut einem seiner Autoren ein Reitpferd schenkte. Daß aber umgekehrt ein Schriftsteller seinem Verleger ein Roß zum Präsent machte, das war bis zu dem Dezember 1866, von dem ich hier berichte, jedenfalls ganz neu. Feierte da also ein Verlagsbuch­händler seinen Geburtstag und er hatte schon die Glückwünsche seines Personals gebührend entgegen­genommen, als es durch seinen zu ebener Erde ge­legenen Laden gepoltert kam und gleich darauf in sei­nem daran­stoßenden Kontor ein hiesiger Schriftstel­ler, dessen Werke er, verlegte, hoch zu Roß, auf einem Schimmel, erschien, um ihn mit einer Anrede in Ver­sen zu beglückwünschen und ihm, sich vom Pferde herabschwingend, mit einer generösen Handbe­wegung das edle Tier als Geburtstagsgeschenk zu übergeben. Eine nicht vorhergesehene Improvisation des Schim­mels im Kontor erhöhte noch die Heiterkeit, in die der Buchhändler und seine Leute durch den Vorgang versetzt wurden.

Das Jahr 1867 brachte die erste Wahl nach dem allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrecht, die zum konstituierenden norddeutschen Reichstag. Die Wahl versetzte die Gemüter in große Aufregung. In der Hauptsache bekämpften sich zwei Richtungen, die der Preußenfreunde und die, welche die alte Selb­ständigkeit Sachsens vertrat. Diese letztere Richtung hatte zwei Kandidaten, Geheimrat Prof. Dr. von Wäch­ter und Prof. Dr. Wuttke, die erstere den Leipziger Vizebürgermeister. Dr. Stephani aufgestellt. Daneben rührten sich aber auch die Demokraten und die nach größeren Rechten ringenden Arbeiter. Dieselben nominierten als ihren Kandidaten den alten 48er De­mokraten Ludwig Würkert. Derselbe war früher Pastor gewesen, hatte sich dann aber an der 48er und 49er Erhebung in einem Maße beteiligt, daß er zu mehrjähriger Zuchthausstrafe verur­teilt wurde, die er in Waldheim abbüßte. Nach seiner Entlassung beschäftigte er sich zunächst literarisch, hatte aber, da er hierbei eine Existenz nicht finden konnte, vor einigen Jahren die Bewirtschaftung des Restaurants im Hotel de Saxe übernommen. Dieses Restaurant, das ehemals zu den erstklassigen und besuchtesten ge­hörte, in dem die vornehmen Leipziger aus Spitz­kelchen Champagner schlürften, war im Laufe der Zeit ganz herabgewirtschaftet worden. Würkert suchte nun das Restaurant wieder in die Höhe zu bringen, indem er für gute Küche und guten Keller, sowie für eine aufmerksame Bedienung sorgte, ins­besondere und hauptsächlich aber, indem er mehr­mals in der Woche in seinem Lokal volkstümliche Vorträge über allerlei Themata hielt, die ihm nach und nach ein interessiertes Publikum zuführten, so daß er schließlich eine kleine Gemeinde um sich ver­sammelt sah. Der Wahlkampf wurde hauptsächlich durch Inserate in den Zeitungen geführt und nur die Anhänger Würkerts schrieben eine öffentliche Wählerversammlung aus. Große Plakate kündigten an, daß diese Versammlung als „die erste seit 1848 unter freiem Himmel“ auf dem Floßplatz stattfinden werde. Es war an einem Sonntag vormittag und da das Wet­ter, trotzdem wir im Februar waren, mild und ange­nehm war, so trieb mich die Neugierde und das er­ wachende Interesse für Politik nach dem Versamm­lungsort. Eine große Menschenmenge fand ich da­selbst versammelt. Sie scharte sich um einen Leiter­wagen, auf dem sich das Würkertsche Wahlkomitee befand und von dem herab auch die Reden gehalten wurden. Meine Erwartung, Bebel sprechen zu hören, von dem man damals in Leipzig bereits viel sprach, wurde getäuscht. Ich erfuhr, daß er sich in Glauchau-Meerane als Kandidat hatte aufstellen lassen und dort für seine Wahl wirke, also abwesend war. (Er wurde auch gewählt und bezeichnete sich später in einer Rede im Reichstag als Nicht-Lassalleaner, aber der radikal-demokratischen Partei zugehörig.) Statt Bebel hörte ich nun Fritzsche sprechen, der eine ziemlich heftige Ansprache hielt, worauf Würkert ruhig und gesetzt sprach. Die Versammlung spendete ihm am Schluß großen Beifall und viele begleiteten ihn dann auf seinem Heimwege durch die Stadt. Im Thomasgäßchen drehte er sich nach ihnen um und bat sie, nunmehr ruhig nach Hause zu gehen und sich jeder Demonstration zu enthalten, einer Aufforderung, der auch willig Folge geleistet wurde.

Die Wahl fand am 12. Februar statt. Bei der Neu­heit des Wahlverfahrens und da viele sich über ihre eigene politische Stellungnahme noch nicht einig waren, wurden nur verhältnis­ mäßig wenige Stimmen abgegeben, insgesamt 9159. Hiervon waren 8905 gültig und es entfielen davon auf Dr. Stephan! 4307, auf Geheimrat Dr. von Wächter 3287, auf Würkert 951 und auf Prof. Dr. Wuttke 355 Stimmen. Da somit keiner der Kandidaten die absolute Mehrheit erhal­ten hatte, mußte eine Stichwahl zwischen Dr. Stephani und Geheimrat Dr. von Wächter stattfinden, zu welcher der Termin bereits am 20. Februar anbe­raumt wurde. Als gewählt ging hierbei Geheimrat Dr. von Wächter hervor, der 5433 Stimmen erhielt, während auf Dr. Stephani 4502 Stimmen entfielen. Kurz nach der Wahl verließ Würkert Leipzig, um nach Hanau überzusiedeln, wo ihm von der dortigen freireligiösen Gemeinde die Stelle eines Predigers übertragen worden war.

Im nächsten Monat, im März, sah Leipzig wieder­um etwas Neues in seinen Mauern: den Einzug des Prinzen Karneval, In früheren Jahrhunderten waren allerdings schon, wie die Chronisten vermelden, Fast­nachtsumzüge gebräuchlich gewesen, aber die Er­innerung daran war längst erloschen. Jetzt sollte der Karneval eine neue Auferstehung erfahren. Die An­regung hierzu gab der humoristische Verein „Klap­perkasten“, der in Stadt Frankfurt seine Sitzung ab­hielt. Die Anregung fand fruchtbaren Boden und viele Vereine und Privatpersonen erklärten sich als­bald bereit, an der Verwirklichung der hübschen Idee mitzuwirken. Der Karneval sollte ganz im Stil des Kölnischen veranstaltet werden und die Mitglieder des Klapperkasten nahmen die Ausführung und Lei­tung energisch in die Hand. Der kühne Wurf gelang ganz über Erwarten. Schon am Tage des Einzuges des Prinzen Karneval am Sonntag, dem 3, März, hatte sich ganz Leipzigs, nachdem in einer Reihe von Karnevalssitzungen bereits darauf hingearbeitet worden war, eine echt karnevalistische Stimmung bemächtigt. Ueberall sah man Narrenkappen und Masken in den Straßen und in den Restaurants, Scherz und Gegen­rede flogen hin und her und an den Straßenecken prangten in den buntesten Farben die närrischen Auf­rufe des Prinzen Karneval, sowie der an dem Feste aktiv teilnehmenden Vereine, namentlich des Klap­perkasten, der Feuerrüpelbrigade und der Insulaner­riege, in welch letzterer „Seeler-Emst, vulgo Strick-Fritze“ (der Seiler­meister Ernst Luther) eine sehr po­puläre Figur spielte. Im ersten Jahre gäben zwei Kinder den Prinzen und die Prinzessin Karneval. (Im nächsten Jahre präsentierte denselben der Wein­händler Boom aus Rheims als „Graf von und zu Dattenberg.) Zahlreiche humoristische Zeitungen und Flugblätter wurden in den Straßen verteilt, deren In­halt die Lustigkeit weiter erhöhte, Stadt Frankfurt aber diente während der Karnevalstage als „Veste Malepartus“ dem Prinzen Karneval und seinem Hof­staate zum Hauptquartier. Der am Rosenmontag (4. März) durch die Stadt ziehende Festzug hatte in Leipzig seines Gleichen noch nicht gesehen. Nicht weniger als 40 reich geschmückte Wagen, auf denen neben drastisch humoristischen auch historische und ethnographische Gruppen in geschmackvoller Form zur Darstellung gelangten, sowie 30 Berittene in schö­nen bunten Trachten waren in dem Zuge vertreten und diesem schlossen sich zahlreiche sonstige „Nar­ren“ an. Auch an „Almosenieren“ fehlte es nicht, denn es sollte bei dem fröhlichen Feste auch der Armen nicht vergessen werden und die Almoseniere hatten die Aufgabe, freiwillige Spenden für dieselben zu sammeln.

Auch das Theater schloß sich von dem Karneval nicht aus. Es war kurz vorher die Meyerbeer’sche Oper „Die Afrikanerin“ in Szene gegangen und die­selbe hatte das ganze musikliebende Leipzig in hohem Grade begeistert. Tage- und wochenlang sprach man von fast nichts anderem als von dieser Oper und die­selbe mußte deshalb oft wiederholt werden. Jetzt nun hatte der beliebte Komiker des Stadttheaters Engelhardt als Karne­vals-Festspiel die Parodie „Die Afrikanärrin“ geschrieben und dieselbe gelangte am Rosenmontag vor ausverkauftem Hause und einem jubelnden Publikum zur Aufführung.

Der Karneval bürgerte sich rasch ein. Von Jahr zu Jahr vergrößerte sich der Zug und vermehrte sich das lustige Faschingstreiben in den Lokalen und auf den Straßen, namentlich nachdem ein Korso einge­führt worden war, der am Sonntag vor dem Rosen­montag und am Nachmittag des letzteren auf dem Königsplatz und dem Roßmarkte abgehalten wurde. Allerlei Buden waren da aufgebaut, in denen alle möglichen närrischen Kuriositäten gezeigt wurden. So z. B. war eine Menagerie vertreten, die zwei Eingänge besaß. Jeder dieser Eingänge führte zu besonderen durch einen Vorhang von den anderen getrennten Sitzreihen. War die Menagerie mit Publikum ge­füllt, so erschienen Dompteure vor den Zuschauern, um in einer humoristischen Ansprache zu verkünden, daß man sofort die wildesten Raubtiere, die ungeheuer­lichsten Affen und die größten Esel, Kamele und Nil­pferde zu sehen bekommen werde. Danach wurde der Vorhang in die Höhe gezogen und die Zuschauer konnten sich gegenseitig erblicken, sie waren also selbst das angepriesene Getier und somit die Herein­gefallenen, was aber jedermann mit gutem Humor hinnahm, denn man hatte ja schließlich nichts anderes als einen Jux erwarten können. Oder Ausrufer prie­sen die in ihrer Bude ausgestellten ägyptischen Mu­mien an und beim Hereintreten erblickte man Schornsteinfegerjungen in ihrem Kostüme in Eier­kisten gelehnt. In einer anderen Bude war das ,,Ge­heimkabinett“ des Kaisers Napoleon III, zu sehen, das sich alsdann als ein — Klosett entpuppte. Narren­zirkusse boten unübertroffene ulkige equili­bristische Leistungen, ein „Krepelhaftes Hippodrom“ hatte seine Pforten für ein pp. närrisches Publikum weit ge­öffnet, der altberühmte Tauchsche Jahrmarkt wurde parodiert, ebenso das Fischerstechen und auf dem Fleischerplatz pflegte ein Faschingsrennen unter Teil­nahme von Damen stattzufinden mit einer great steeple chase am Schluß. Von weit und breit kamen an diesen Tagen Fremde nach Leipzig und die Stadt war fast ebenso bevölkert wie zur Messe.

An der Leitung des Karnevals beteiligten sich immer mehr angesehene Bürger der Stadt,wie Prof. Dr. Reclam, Oberre­gisseur Hock, Gasdirektor Westerholz, Weinhändler Voltz, Hofrat Kleinschmidt, M. Wolf, Dr. Mothes und andere, so daß man den Karneval als für alle Zeiten gesichert betrachtete. Es entstand eine Leipziger Karnevalsgesellschaft, deren Vorsit­zender der bekannte Hutfabrikant Hermann Haugk war, während als Kassierer Moritz Wolf jr. und als Schrift­führer G. Neuse fungierte. Diese Gesellschaft stellte in einer Bekanntma­chung als „höheres Ziel“ des Kar­nevals die folgenden Thesen auf; dem Handels- und Verkehrsleben einen kräftigen Impuls zu verleihen, dem strebsamen Gewerbsmann, dem fleißigen Arbei­ter Gelegenheit zu verstärkter Tätigkeit und reich­licherem Verdienst zu bieten, in unserer Stadt fremde Gäste von nah und fern in großen Massen zusammen­ strömen zu sehen und dadurch in allen Schichten der Bevölkerung eine außergewöhnliche Rührigkeit um sich greifen zu lassen.

Leider aber fielen bei dem bunten Treiben in den späteren Jahren doch mancherlei Roheiten vor und dies war dann auch die Veranlassung, daß, nachdem der langjährige tolerante Bürgermeister Dr. Koch ge­storben war, Mitte der siebziger Jahre der Karneval nicht mehr gestattet wurde und derselbe somit wie­der eingehen mußte. Die alten Leipziger, die sich ein frohes Gemüt bewahrt haben und den Anspruch des Volkes, wenigstens einmal im Jahre seiner Fröh­lichkeit lauten Ausdruck geben und die Trübsal des Lebens wenigstens auf einige Tage vergessen zu dür­fen, als berechtigt anerkennen, trauern dem so ver­heißungsvoll begonnenen und dann schon in jungen Jahren wieder zu Grabe getragenen Leipziger Karne­val noch heute nach.

Am 8, April 1867 starb ziemlich unerwartet der alte Volks­freund Prof. Roßmäßler. Sein Tod riet all­gemeine Trauer unter der Leipziger Bevölkerung hervor. Das Leichenbegängnis, dem viele hundert Menschen beiwohnten, legte rührendes Zeugnis von der, Liebe und Achtung ab, die der Verstorbene unter seinen Mitbürgern besessen hatte.

Sehr beunruhigt wurde in dieser Zeit die Bürger­schaft durch die Nachrichten von einem drohenden Kriege zwischen Frank­reich und Preußen, der dann auch gemäß den vorjährigen Friedensbedingungen nicht nur ganz Norddeutschland, sondern auch Süd­deutschland mit in seinen Strudel gerissen hätte. Die Ursache des Streites war die Luxemburger Frage. Frankreich erhob Anspruch auf das luxemburgische Gebiet, das unter der Souveränität des Königs von Holland stand, während Preußen das Besatzungsrecht in der Stadt Luxemburg, die damals als Festung galt, besaß. Die Kriegsgefahr wurde bald eine sehr drohende und sie beeinträchtigte sehr wesentlich den Verlauf der Ostermesse. Durch Vermittlung Englands und da beide Teile nicht ernstlich den Krieg woll­ten — Frankreich wegen der bevorstehenden Welt­ausstellung in Paris und Preußen wegen der noch nicht konsolidierten Verhältnisse in Deutschland — wurde der Streit in einer Konferenz in London schließlich beigelegt, Preußen gab sein Besatzungs­recht unter der Bedingung auf, daß Luxemburg auf­höre, eine Festung zu sein, das Land verblieb der Souveränität des Königs von Holland, während Frankreich auf alle Ansprüche verzichtete. Alles atmete auf, als man von diesem friedlichen Aus­gange des Konflikts erfuhr.

Eine vielbeachtete Feier fand am 6, Juli 1867 im großen Saale des Schützenhauses statt. Dieselbe war von dem Verein Klapperkasten (dem auch der in­zwischen von Breslau nach Leipzig übergesiedelte Ru­dolf Gottschall und Roderich Benedix beigetreten wa­ren) zu Ehren Freiligraths und zur Stärkung des Freiligraths-Fonds veranstaltet worden. Freiligrath, der in London lebte, war eben durch den Bankerott einer Bank, zu deren Direktor er nach vielfachen Mühen aufgestiegen, brotlos geworden und im deutschen Volke sammelte man zu einem Fonds, aus dem dem Freiheitsdichter ein Ehrensold gegeben werden sollte. Als Festredner hatte der Schriftführer des Klapper­kastens Universitätsprofessor und Polizeiarzt Dr. Carl Reclam keinen Geringeren als Gottfried Kinkel in Zürich gewonnen, der nach seiner mit Hilfe von Carl Schurz bewerk­stelligten Flucht aus dem Zuchthause in Spandau langjähriger Freund und Schicksalsge­nosse Freiligraths in London gewesen war. Kinkel hielt eine zündende Rede, die von dem äußerst zahl­reich erschienenen Publikum enthusiastisch aufge­nommen und später gedruckt in vielen Exemplaren verbreitet wurde. Der Abend ergab einen beträcht­lichen Beitrag zu dem Freiligraths-Fonds.

Nachdem der konstituierende norddeutsche Reichs­tag in einer mehrmonatigen Tagung dem neuen nord­deutschen Bunde eine Verfassung gegeben und er so­mit seine Aufgabe erfüllt hatte, wurden nunmehr die Wahlen zum ersten ordentlichen norddeut­schen Reichstage ausgeschrieben. Dieselben fanden am 31, August 1867 statt. Auch diesmal wurden keine öffentlichen Wählerversammlungen abgehalten und der Wahlkampf spielte sich nur in den Zeitungen ab. Von den 6869 abgegebenen Stimmen waren 6792 gül­tig. Davon entfielen auf Dr. Stephani (nationalliberal) 3407, auf Kreisdirektor von Burgsdorff (großdeutsch), den man an Stelle des eine Wiederwahl ableh­nenden Geheimrat Dr. von Wächter aufgestellt hatte, 3016, auf Stadtrat Winter (demokratisch) 172 und auf Dr. Reinecke aus Elberfeld (radikaldemokratisch) 161 Stimmen. 65 Stimmen waren zersplittert. Somit war Dr. Stephani mit einer Majorität von 10 Stimmen ge­wählt und er zog in den Reichstag ein, dem er dann noch viele Jahre angehören sollte. Wie naiv aber man damals bei der Neuheit der Sache bei dem Wahl­verfahren verfuhr, davon kann ich selbst ein Beispiel ablegen. Mein Vater war an dem Wahltage krank und mußte das Zimmer hüten. Er beklagte dies leb­haft, da er gern seine Stimme an der Wahlurne abge­geben hätte. Da erbot ich mich, seinen Wahlzettel in das Wahllokal zu tragen und dort abzugeben. Dort wurde in der Tat, nachdem ich den Namen meines Vaters genannt, der Zettel ohne Widerspruch ent­gegengenommen und in die Wahlurne getan, obgleich meine noch sehr jugendliche Erscheinung doch un­möglich mit dem in der Wählerliste eingetragenen Alter meines Vaters übereinstimmen konnte.

Am Geburtstag des Königs Johann, dem 12. De­zember, machte der König von Preußen demselben in Anbetracht dessen Bemühung, sich und seine Re­gierung den neuen Verhältnissen anzupassen und die übernommenen Bundespflichten treu zu erfüllen, ein besonderes Geschenk, das im ganzen Lande lebhafte Anerkennung fand und große Freude auslöste. Er erließ nämlich den Befehl, daß die noch in Sachsen stehenden preußischen Truppen, mit Ausnahme der auf dem Königstein liegenden Abteilung (die aber dann auch bald zurückgezogen wurde), das Land verl­assen und in die preußi­schen Garnisonen sich begeben sollten, die ihnen neu angewiesen werden würden. Infolgedessen verließ zunächst das Füsilierbataillon des 6. Brandenburgischen Infanterie-Regiments Nr. 52, welches Regiment seit dem Kriege hier in Garnison lag, am 27. Dezember Leipzig, um sich in Fußmär­schen nach Spremberg zu begeben, und diesem Batail­lon folgten am 29, Dezember die beiden anderen Ba­taillone des Regiments. Die Truppen versammelten sich zum Abmarsch auf dem Roßplatz, wo seitens der Stadt- und Staatsvertretung mit dem Regiments­ kommandanten Ansprachen gewechselt wurden. Vorher hatte die Regimentsmusik dem Kreisdirektor von Burgsdorff und den beiden Bürgermeistern Dr. Koch und Dr. Stephani vor deren Wohnungen ein Ständ­chen gebracht. Das Verhältnis zwischen den preußi­schen Truppen und der Bevölkerung war mit der Zeit ein recht freundschaftliches geworden und so schied man nicht ohne gegenseitiges Bedauern. Auch die beiden Bataillone mußten zu Fuß nach ihren neuen Garnisonen marschieren, das l. Bataillon mit dem Stabe nach Frankfurt a. d. O., das 2. Bataillon nach Kottbus, Zahlreiche Leipziger begleiteten die aus­ziehenden Truppen eine große Strecke Weges. Auch aus Bautzen, wo außer in Leipzig noch preußische Truppen gelegen hatten (aus Dresden waren sie schon früher zurückgezogen worden), wurde das dort stehende preußische Regiment in seine Heimat zu­rückverlegt.

Als die letzten Preußen das Weichbild der Stadt verließen, kam von Plagwitz und Lindenau her, wo das erste Bataillon des neugebildeten Sächsischen Schützenregiments Nr. 108 bereits seit Oktober in Quartier gelegen hatte, durch die Weststraße ein Wachtkommando dieses Regimentes, um die Pleißenburg zu besetzen, die notwendigen Posten zu be­ziehen und die erforder­lichen Vorkehrungen für das spätere Eintreffen des Regiments zu treffen. Das Wachtkommando wurde von der Bevölkerung ju­belnd begrüßt und mit Blumen geschmückt und den ganzen Tag über wurde der Pleißenburghof von Neu­gierigen nicht leer, die nach so langer Zeit wieder sächsische Soldaten an ihrer altgewohnten Stätte sehen wollten. Diesen Vorboten folgte am 16, Januar 1868 von den westlichen Nachbardörfern her das Schützenregiment selbst. Schon auf der Lindenauer Chaussee hatte sich eine große Menschenmenge ver­sammelt, um die Schützen mit lebhaften Hochrufen zu begrüßen. Am Eingange der Stadt, bei dem Frank­furter Torhause, war eine Ehrenpforte errichtet mit der weithin sichtbaren Inschrift „Willkommen“, und die Weststraße, die in gerader Richtung zur Pleißenburg führte, war mit Fahnen und Girlanden reich ge­schmückt. Hier war das Gedränge der herbeige­strömten Bevölkerung nahezu lebensgefährlich und die jauchzenden Zurufe, mit welchen die Truppen be­grüßt wurden, wollten kein Ende nehmen. Der Haupt­eingang der Pleißenburg an der Promenade prangte in herrlichem Fahnen-, Girlanden- und Blumenschmuck und auch das Innere des Schloßhofes war prächtig ge­schmückt, vom Schloßturme wehte eine mächtige Fahne. Des Nachmittags und Abends bewirtete die Stadt die einmarschierten Soldaten in verschiedenen Lokalen. Indessen blieb das Schützenregiment nicht auf die Dauer in Leipzig. Nach eineinhalb Jahren wurde es nach Dresden verlegt. Nur ungern sah man das Regiment wieder scheiden, in welches gemäß der allgemeinen Wehrpflicht, die nach der mit Preußen abgeschlossenen Militärkonvention auch in Sachsen eingeführt worden war, bereits viele junge Leipziger eingetreten waren. An Stelle des Schützenregiments kam das 8. Sächsische Infanterie-Regiment Nr. 107 „Prinz Johann Georg“, welches bis dahin in Döbeln und Leisnig in Garnison gelegen hatte. Dieses Regi­ment verwuchs dann im Laufe der vielen Jahre, die bis zu dem Weltkriege und seinem unglücklichen, die Auflösung der ruhmreichen deutschen Armee brin­genden Ende reichten, innig mit der Leipziger Be­völkerung.

Nach mehr als dreijähriger Bautätigkeit wurde am 28. Januar 1868 das Neue Theater eröffnet. Nach langem Streit, wo man dasselbe errichten solle — es kam hierbei der Königsplatz ernstlich mit in Frage — hatte man sich für den Schneckenberg entschieden und im Jahre 1864 waren dort die ersten Axtschläge zur Klärung des Baugrundes getan worden. Der Er­öffnung des neuen Kunstinstituts sah ganz Leipzig mit fieberhafter Erwartung entgegen. Die Einweihung erfolgte durch eine Gala-Festvorstellung, zu welcher auch das Königs- und das Kronprin­zenpaar aus Dres­den herübergekommen waren. Alles was in Leipzig zur Gesellschaft gehörte, sowie die Spitzen der Be­hörden und das Offizierkorps, erschien in Festklei­dung im Theater. Eröffnet wurde die Vorstellung mit einer Ansprache an den König, die der Konsul L. hielt. Leider war derselbe kein Sprecher, die glanz­volle Gesellschaft, die er in dem lichter­füllten Thea­terraum sah, brachte ihn bald aus dem Text, er ver­hedderte sich und am Schluß brachte er in seiner Ver­wirrung das Hoch nicht auf den König Johann, son­dern auf den König Anton aus, der schon seit einem Vierteljahrhundert tot war. Trotzdem stimmte das gesamte Publikum jubelnd in das Lebehoch ein. Es folgte nunmehr, von dem Gewandhaus- und Theater­orchester vorzüglich zu Gehör gebracht, die Glucksche Iphigenie-Ouvertüre, worauf das von Rudolf Gottschall verfaßte Festspiel „Die Heimat der Künste“ in Szene ging, ein Stück, das mit anmutigen Versen eine Reihe lebender Bilder brachte. Diesem Festspiel folgte alsdann die eigentliche Vorstellung: Goethes Iphigenia auf Tauris, wobei Clara Ziegler eine Glanz­leistung vollbrachte.

Der Monat darauf sah in Leipzigs Mauern einen inter­essanten Gast; den Vetter des Kaisers Napo­leon III., Jerome, der den Spitznamen Plon-Plon führte. Dieser Spitzname war dadurch entstanden, daß der Prinz als kleiner Knabe bei seinen ersten Sprechübungen den Namen Napoleon nicht ausspre­chen konnte, sondern ihn in Plon-Plon verkauderwelschte, Jerome reiste mit großer Dienerschaft und brachte sogar seine eigenen Equipagen mit, auf deren Schlag unter dem kaiserlichen Adler ein N prangte. Der Prinz hielt sich mehrere Tage in Leipzig auf, um die Schlachtfelder zu besichtigen und dem Kunstin­stitut von Giesecke & Devrient einen eingehenden Besuch abzustatten. Dieses Kunstinstitut war schon seit langer Zeit berühmt durch die Herstellung von in- und ausländischem Papiergeld, das bei ihm in Auftrag gegeben wurde. Prinz Jerome besaß eine frappante Aehnlichkeit mit Napoleon I., und er erregte deshalb überall das größte Aufsehen, wo er sich zeigte. Die Gunst des Zufalls fügte es, daß ich den Prinzen mehr­fach aus nächster Nähe zu Gesicht bekam.

 

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