17. Überstunden

 

Als ich am nächsten Morgen ins Hotel kam, erkundigte ich mich als erstes beim Portier, ob man hier im Städtchen irgendwo einen Wagen mieten könne. Er nannte mir eine Tankstelle an der Ausfallstraße zur Autobahn. Ich ging in mein Zimmer hoch zum Duschen, Rasieren, Umziehen und so weiter. Als ich die Zimmertür aufgeschlossen hatte, entdeckte ich auf dem Boden einen Zettel, den jemand unter ihr durch geschoben hatte. Darauf stand: «Man trifft Sie ja nie an. J.» J.? Wie hieß Prager eigentlich mit Vornamen? Aber so intim waren wir nun auch wieder nicht. Also B.B.? Oder Herzchen? Hmhm.

Ich kam noch nicht mal halb bis zum Badezimmer, da klingelte das Telefon. Es war der Blonde von der Polizei. Er hatte ein brillantes Stück Ermittlungsarbeit geleistet und sich bis ins Hotel zu mir durchgefragt. Er wollte, dass ich eine Aussage machte wegen gestern. Ich sagte ihm, dass ich vorbeikommen würde, sobald ich die Nachwirkungen des Schocks überwunden hätte.

Er lachte herzlich und meinte: «So schockiert haben Sie mir gar nicht ausgesehen gestern.»

«Der Schock kam später,» knurrte ich.

«Sie können mich den ganzen Vormittag auf dem Revier antreffen,» teilte er mir heiter mit.

Und ich sagte ihm, dass sei mir eine große Beruhigung und legte auf. Trotzdem kam ich dem Badezimmer keinen Meter näher, denn das Telefon klingelte gleich wieder. Es war der Privatschnüffler Torstein. Auch er hatte anscheinend keine Schwierigkeiten gehabt, meine Privatgemächer ausfindig zu machen. Ohne Umschweife kam er zur Sache und erkundigte sich: «Sind Sie sicher, dass dieser Zeck überhaupt noch am Leben ist?»

«Wie kommen Sie darauf?»

«Ich habe noch eine Menge anderer Leute aufgetrieben, die mit ihm zu tun hatten, in der einen oder anderen Form. Aber niemand von ihnen hat ihn in den letzten Monaten zu Gesicht bekommen.»

«Vielleicht ist er abgehauen.»

«Das überprüfe ich gerade noch, obwohl es nicht den geringsten Anhaltpunkt dafür gibt.»

«Was soll das heißen?»

«Ich hab seine letzte Wohnung gefunden. Nun ja, der Strom war abgestellt, das Telefon gesperrt und der Kühlschrank… — na ja, lassen wir das lieber. Aber sonst war in der Wohnung alles vorhanden, was in einer bewohnten Wohnung vorhanden sein muss. Ich würde sagen, wenn er das Weite gesucht hat, hat kann er kaum mehr mitgenommen haben als das, was er auf dem Leibe trug.»

«Wo ist diese Wohnung?»

«’n bisschen außerhalb am Stadtrand in so einer Art Baracke.»

«Das würde ich mir gerne mal angucken. Können Sie mich abholen?»

«Sicher doch.»

«In einer halben Stunde vor dem Hotel.»

«So sei es,» sagte er und legte auf.

Bloß wer war J.?

Ich stellte mich unter die Dusche und ließ abwechselnd heißes und kaltes Wasser laufen. Dann schabte ich mir die Stoppeln aus dem Gesicht und zog mir frische Sachen an. Aber wer J. war, kam mir immer noch nicht.

Ich galoppierte die Treppe hinunter ins Foyer und warf einen Blick ins Frühstückszimmer. Prager saß andächtig mümmelnd vor seiner Hungerkost. Als er mich sah seufzte er und sagte: «Ich geb’s auf.»

«Was geben Sie auf?»

«Mit Ihnen außerhalb der Stechuhrenzeit Kontakt aufnehmen zu wollen. Sie scheinen ja ein ziemlich wildes Nachtleben zu haben.»

«Na ja, das von Einhart dem Einsiedler ist es gerade nicht, aber viel fehlt nicht mehr daran,» grinste ich. «Was gab’s denn so Dringendes?»

«Nichts wirklich Dringendes. Nur dies und das.» Er schlürfte einen Schluck Kräutertee.

«Schön. Dann können wir ja nachher im Büro uns den Vormittag damit verschönen.»

Er warf mir einen prüfenden Blick zu. «Stimmt es, das man Ihnen gestern den Wagen in Brand geschossen hat?»

«Tja, von jetzt an werden wir beide den Weg vom Hotel in die Firma zu Fuß gehen müssen.»

«Das mache ich schon die ganze Zeit,» teilte er mir todernst mit.

«Wie ist eigentlich Ihr Vorname?»

«Mein Vorname?»

«Eben der.»

«Richard.»

«Sonst nichts?»

«Mir reicht das völlig. Und bisher hat sich auch niemand beschwert,» informierte er mich, während er sorgfältig Quark auf ein Knäckebrot strich.

«Ich bin sogar schon mit Prager zufrieden,» verriet ich ihm und machte, dass ich weiterkam.

Vor dem Hotel wartete schon Torstein auf mich in einer Ente Modell Charleston.

Ich quetschte mich auf den Beifahrersitz und knallte die Tür zu, dass das Klappfenster nur so schlackerte. «Schöner Wagen.»

Wortlos leierte Torstein das Maschinchen an und wir tuckerten los. Wer war J.?

Die Baracke, wie Torstein sich ausgedrückt hatte, stellte sich heraus als ausgebaute Hütte in einem verwilderten Schrebergarten.

«Wie sind Sie da rein gekommen?» fragte ich.

«Mit diesem hier,» sagte er und hielt mir ein Patenteinbruchswerkzeug für alle möglichen Sicherheitsschlösser hin, während wir uns zwischen wild wuchernden Büschen und Sträuchern einen Weg zur Tür bahnten.

Er fummelte ein bisschen am Schloss herum und hat die Tür in Null Komma nix auf. Die Bude war innen wesentlich größer als es von außen schien. Zwei Räume, Küche, Bad. Und alles komplett eingerichtet. Die Luft roch abgestanden, muffig und nach viel Staub. Staub gab es auch mehr als genug, er lag dick und gleichmäßig über allem und zeigte, dass sich in diesen Räumen schon lange niemand aufgehalten hatte.

Ich fing an herumzuschnüffeln, in den Schränken, unter dem Bett im Schlafzimmer, im Spülkasten der Toilette und so weiter und so weiter.

Torstein sah mir dabei zu und erkundigte sich schließlich. «Wonach suchen Sie?»

«Nach Papieren, die der Firma gehören.»

Bis dato hatte ich noch nichts gefunden. Nur eines war klar, Zeck schien wirklich nur mit kleinem Gepäck auf die Reise gegangen zu sein, mit ganz kleinem. Wenn überhaupt. Im Kleiderschrank gab es keine Lücken, Zahnbürste und Rasierzeug waren noch an ihrem Platz im Bad, und in der Schublade des Nachtschränkchens lag sogar noch sein Reisepass.

In der Küche nahm ich mir, soweit vorhanden, die Vorräte vor und stocherte mit einem Löffel in Zucker- und Mehltüten und allem was locker oder flüssig war und sich in einer offenen Verpackung befand. Ohne Erfolg. Zuletzt wandte ich mich dem Kühlschrank zu. «Vorsicht!» warnte mich Torstein von hinten, als ich die Tür aufmachte.

Die Warnung war berechtigt. Dicker grünlicher Schimmel überzog die Innenwände und alles, was sich in offenen Gefäßen in ihm befand. Es war wirklich eine schöne Schweinerei. Mit spitzen Fingern holte ich alles heraus, was sich an Marmeladen- und Gurkengläsern, Joghurtbechern und Milchtüten darin befand, und untersuchte es. Immer noch nichts. Als letztes nahm ich mir das Gefrierfach vor. In einer Plastikwanne schwappte unter grünem Schimmel zerlaufenes Stracchiatellaeis, und im Eiswürfelformer fand ich es dann: ein Schlüssel. Ich fischte ihn heraus und gab ihn Torstein. «Wofür würden Sie das halten? Und sagen Sie jetzt bloß nicht: Für einen Schlüssel.»

Er betrachtete das Teil. «Hm, ein Schlüssel ist es schon. Daran führt kein Weg vorbei. Aber ich würde sagen, es ist ein spezieller Schlüssel, ein Schließfachschlüssel. Nicht von der Bank, eher von einem Gepäckschließfach.»

«Das scheint mir auch so. Wo gibt es hier in der Gegend Gepäckschließfächer?»

«Am Bahnhof.»

«Soviel ich weiß, werden die nach vierundzwanzig Stunden geräumt, wenn man nicht Geld nachschmeißt.»

Torstein nickte. «So ist es.»

«Wenn der Schlüssel aber immer noch hier ist und zwar schon seit vielen, vielen Tagen, und Zeck nicht, heißt das doch, dass ihm da irgendwas Gravierendes dazwischen gekommen sein muss.»

«Es scheint, als ob wir uns langsam ernste Sorgen um ihn machen müssten,» meinte Torstein.

«Also, auf zum Bahnhof,» sagte ich.

Und während wir dorthin gondelten sagte ich: «Wir sollten noch herausfinden, wann ihm der Strom abgedreht wurde. Und welche Zahlungsweise Zeck bevorzugte. Glauben Sie, dass das zu schaffen ist?»

Torstein nickte. «Sicher ist das zu schaffen. Wenn Sie noch bis Montag warten können. Am Wochenende werde ich kaum irgendwen erwischen, der uns da weiterhelfen kann.»

«Hoffen wir, dass Ihre Gewährsleute nicht noch einen blauen Montag dranhängen.»

«Hoffen wir’s,» brummte er und kurvte direkt vors Bahnhofsportal.

Mit dem Bahnhof hatten wir insofern Glück, als es sich bei ihm noch nicht um eine von diesen vollautomatisierten Provinzklitschen handelte, wo nur noch Automaten rumstehen und man wegen der kleinsten Auskunft von Pontius zu Pilatus laufen muss. Es gab noch einen Fahrkartenschalter und eine Gepäckannahme. Und beide waren sogar geöffnet. Wir hielten uns an die Gepäckannahme und legten den Schlüssel vor und erzählten eine kleine Geschichte dazu von unserer schusseligen Oma, die jetzt im Altersheim wäre und das Gepäck ganz vergessen hätte.

Der Bursche an der Annahme schnappte sich den Schlüssel und verschwand irgendwo hinter den Regalen. Er kam zurück mit einer schäbigen Reisetasche aus hellbraunem Kunstleder. «Ist sie das?»

Torstein und ich nickten heftig. Wir hatten noch saftige vierzig Euro Aufbewahrungsgebühr zu entrichten, dann konnten wir damit abziehen.

In der Ente zerrte ich den widerborstigen Reissverschluss auf, und was war drin? — Geld. Haufenweise Geldscheine, fein säuberlich gebündelt. Hunderttausend, zweihunderttausend…, allein das Zählen würde schon ganz schön dauern.

Torstein sagte: «Verdammt!»

«Warum sagen Sie ‚verdammt‘? Haben Sie noch nie so viel Bares auf einem Haufen gesehen?»

«Das auch. Aber wenn jemand so viel Zaster in der Gepäckaufbewahrung zinslos vergammeln lässt, dann ist er doch höchstwahrscheinlich…»

«..tot,» ergänzte ich. «Und trotzdem, das Wesentliche fehlt immer noch.»

«Was ist denn das Wesentliche?»

«Die Firmenpapiere.»

«Er wird sie verhökert haben. Und das hier war der Preis dafür.»

«Er kann sie eigentlich nur an den alten Firmenboss verhökert haben. Und dann müssten sie in der Firma sein — oder…»

Torstein legte die Stirn in Falten. «Oder?»

«Wir müssen ein bisschen rausfahren aufs Land,» sagte ich und dirigierte ihn zu Burgers nettem kleinen Anwesen.

Torstein stieß einen anerkennenden Pfiff aus, als wir durch das weiße Holzportal auf den Hof rollten.

«Brechen wir ein?» erkundigte er sich, als ich ihn mit seinem Patentwerkzeug auf die Haustür ansetzte.

«Keine Spur. Dieser Palast gehört der Firma, ich hab bloß gerade die Schlüssel nicht bei mir.»

Torstein stocherte kurz im Schloss herum, dann sprang die Tür auf. Wozu gibt’s überhaupt noch Schlüssel? Wahrscheinlich nur, damit die Ganoven von den Schlüsselnotdiensten ihren Reibach machen können, falls die rechtmäßigen Eigentümer sich mal wieder ausgesperrt haben. Alle anderen können ganz nach Belieben ein- und ausgehen.

Ich nahm mir die oberen Räume vor, Torstein kümmerte sich ums Erdgeschoss. Aber wir fanden nichts. Ich zündete mir eine Havanna an und dachte nach. Sicher, Burger konnte die Papiere mitgenommen haben. Aber wozu? Er konnte schlecht seine alte Firma mit seinen eigenen Unterlassungssünden erpressen. Vielleicht hatte er sie Zeck abgekauft und gleich vernichtet, damit sie kein weiteres Unheil anrichten konnten. Bloß warum war Zeck tot? Und wer zum Teufel war J.?

«Kommen Sie, wir gehen,» sagte ich zu Torstein. Und an der Tür ermahnte ich ihn: «Und schließen Sie schön wieder ab.»

«Soll ich weitermachen?» fragte er, als wir in die Stadt zurückschaukelten.

Rauchend dachte ich darüber nach und teilte ihm mit: «Bisher sind das alles nur Vermutungen. Wäre besser, wir hätten was Handfestes. Finden Sie raus, wann ihm der Strom abgedreht wurde und so weiter. Wenn wir genauer wissen, wann er von der Bildfläche verschwunden ist, sehen wir vielleicht schon ein bisschen klarer.»

Zusammen mit der Reisetasche ließ ich mich von ihm bei der Tankstelle absetzen, wo sie Autos vermieteten. Viel hatten sie nicht im Angebot, hauptsächlich nur Kroppzeug der Lupoklasse. Und als einzig halbwegs ernst zunehmenden Schlitten einen Mondeo-Diesel, ganz ähnlich wie der ehemalige Dienstwagen von Frost, nur in Rot. Den nahm ich und sauste damit zur Polizei. Dort traf ich den langen Blonden gemütlich an seinem Schreibtisch frühstückend. Ich erzählte ihm, was sich wie zugetragen hatte, und er tippte es mit zwei Fingern in seinen Computer.

Er ließ das Protokoll ausdrucken und schob es mir zum Unterschreiben über den Tisch. Dazu sagte er: «Er war ziemlich besoffen, wir haben bei ihm zwo Komma vier Promille festgestellt.»

«Deshalb ist er ja auch bei uns rausgeflogen. Scheint so eine Art Dauerzustand bei ihm zu sein,» brummte ich und kritzelte meinen Kaiser Wilhelm unter das Papier.

«Damit ist er bei der Schuldfrage aus dem Schneider,» erklärte der Blonde.

«Was soll das heißen?»

«Sachbeschädigung, Brandstiftung, versuchter Mord oder Totschlag — zählt alles nicht. Ein klassisches Trunkenheitsdelikt. Wenn er für etwas büßen muss, dann höchstens für den Schusswaffenbesitz und seinen Suff.»

«Machen Sie sich’s da mal nur nicht so einfach. Es ist ihm nicht schnell mal im Suff eingefallen, dass er mich umlegen muss. Schließlich hatte er die Knarre dabei und genug Munition. Und er hat schon seit einer ganzen Weile darauf hingearbeitet. Vorgestern hat er sein Töchterchen aufgehetzt, über mich herzufallen.»

«Was ist da passiert?»

«Nicht viel, nur ein paar Püffe, ein Glas Wasser ins Gesicht und einen Haufen wüster Beschimpfungen.»

«Gibt es Zeugen dafür?»

«So an die sechzig, siebzig. Wie viel genau müssten Sie mal den Wirt von diesem Guinness Pub fragen.»

Das stimmte ihn nachdenklich und er murmelte: «Wenn das so ist…»

«So ist es. Und dieser Bastard wird mir meinen Schlitten bezahlen bis auf die letzte Radmutter. Immerhin hat er mich fast zweihundert Mille gekostet.»

«Ob bei ihm so viel zu holen ist…» Der Blonde ließ den Satz skeptisch in der Luft hängen.

Ich grinste ihn an. «Keine Sorge, es wird zu holen sein. Und wenn ich ihm die Rente bis zu seinem hundersten Geburtstag pfänden lassen muss.»

Nachdem das erledigt war, kam ich endlich mal wieder dazu, mich den Belangen der Firma zu widmen. Am Tor mussten sie sich erst an meinen neuen fahrbaren Untersatz gewöhnen, bis die Schranke hochging. Ich gab beim Pförtner die Schlüssel des Omegas ab und sagte ihm, das sie in am Hotel abholen könnten.

Im Büro war der erste, der mir über den Weg lief, Bollmann.

«Bollmann,» staunte ich, «Sie arbeiten auch samstags?»

Er wurde rot, als ob ich ihn bei etwas Verbotenem ertappt hätte. «Sie sagten doch, dass wir jetzt auch samstags arbeiten.»

«Sagte ich das? — Sehr vernünftig von mir. Wie sieht’s bei den Bewerbungen aus?»

«Alle sind benachrichtigt und für Montagnachmittag einbestellt.»

«Schön, schön. Dann wünsche ich Ihnen noch eines frohes Schaffen, und sehen Sie zu, dass Sie genug Toner in den Druckern Ihrer Abteilung haben für die nächsten Entlassungsschreiben.»

«Gibt es noch weitere Entlassungen?» fragte er erschrocken.

«Aber selbstverständlich. Wir haben ja gerade erst angefangen.» Damit ließ ich ihn stehen und begab mich zu Menges und packte ihm Zecks Reisetasche auf den Tisch und erklärte fröhlich: «Mal wieder ein kleiner Posten Bargeld.»

Er blickte in die Tasche und ließ sich wieder auf seinen Stuhl zurückfallen. «Mein Gott! Das müssen Hunderttausende sein. Wo haben Sie das her?»

«Man könnte fast sagen, dass ich es mir an den Hacken abgelaufen habe. Stellen Sie fest, wie viel es ist, und ob es zufällig aus der Firmenkasse stammt. Es sind noch Bankbanderolen drum. Vielleicht gibt das einen Hinweis.»

Ich ließ ihn mit dem Haufen Geld allein und ging ein Zimmer weiter zu Prager. «Also, was gibt’s?»

Prager legte seinen unvermeidlichen Bleistift weg und berichtete: «Das mit Nobling ist geregelt. Er hat sein Geständnis beim Notar schriftlich niedergelegt und beeidet. Wie sich das mit der Rückzahlung gestaltet, bleibt natürlich abzuwarten. Aber er machte mir da einen, nun äh, recht motivierten Eindruck. Die gewinnneutrale Verbuchung der Einnahmen aus diesem Vorgang dürfte ebenfalls keine Schwierigkeiten bereiten. Wir werden Rückstellungen zur Qualitätssicherung bilden und sie Zug um Zug mit den neuen Materiallieferungen auflösen. Der Bereich Spesenabrechnungen sieht wirklich vielversprechend aus, fast schon zu vielversprechend. Auch wenn man sich nur auf die gravierenden Fälle konzentriert. Am Montag werde ich Ihnen Genaueres sagen können.»

«Menges hat gerade mal wieder eine kleine Bareinlierferung von mir erhalten, Sie könnten ihm helfen, die Spur zurückzuverfolgen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es Geld aus der Firmenkasse ist.»

«Diese vermaledeiten Barzahlungen bringen einen immer ganz aus dem Rhythmus,» beschwerte er sich.

«Aber sie sind Fakten, was man von den Zahlen in den Büchern hier weiß Gott nicht immer behaupten kann,» grinste ich.

Er nahm seinen Bleistift wieder in die Hand und sagte: «Mir ist noch nicht ganz klar, wie wir den Scheck aus Holland für die Laster verbuchen sollen. Hatten Sie da schon irgendwelche Pläne?»

«Jeden Euro, den wir entbehren können, werden wir der Zentrale in den Rachen werfen, um sie milde zu stimmen. Aber es muss sicher sein, dass wir ihn auch wirklich entbehren können. Die Kosten für die Produktionsumstellung sind noch unabsehbar, deshalb werden wir unser Geld erst mal hübsch zusammenhalten, wenigstens soweit es aus der Verwertung von Betriebsvermögen stammt.»

Er nickte verstehend.

Und ich begab mich in mein Büro. Um ganz sicher zu gehen, durchforstete ich die Akten, die von Burger auf mich gekommen waren, aber die Wasserbücher waren auch hier nicht dabei.

Während der Computer startete, rief ich noch kurz bei Eddy Storch in Frankfurt an.

«Haste noch einen Daimler gefunden?» erkundigte er sich erwartungsvoll, als ich mich gemeldet hatte.

«Ganz im Gegenteil, mein eigener ist hops gegangen, und ich wollte fragen, ob du nicht vielleicht was Passendes für mich auf Lager hättest.»

Eddy ließ ein herzliches Wiehern vernehmen. «Du machst mir vielleicht Spaß! Was glaubst du wohl, warum ich dir immer so gute Preise machen kann?»

«Weil ich dein guter alter Freund Bodo bin?»

«Nee, nee. Weil ich beim Verkauf noch bessere Preise kriegen kann. Und die könntest du dir wirklich nicht leisten.»

«Okay, die Kameltreiber abzuzocken, ist die eine Sache. Aber einen guten Freund lässt man doch nicht hängen, oder?»

«Mach keine Witze, Bodo, altes Haus. Beim Geschäft gibt’s für mich genau so wenig gute Freunde wie für dich.»

«Du willst mich also kalt lächelnd zu Fuß gehen lassen?»

«Kleiner Tipp unter Freunden: Kaufe nie bei Eddy Storch, das ist nur was für Wüstensöhne, die nicht wissen, wohin mit ihren Öldollars. Such dir lieber irgendeinen anderen Autohändler, damit fährst du auf jeden Fall besser,»

«Vielen Dank, Eddy, bist ’n richtiger Kumpel. Ich hoffe, du schickst mir keine Rechnung für den Tipp.»

«Einiges wert wäre er schon,» kicherte er.

«Ich werd mal sehen, wie ich dir das vergelten kann.»

«Den blöden Phaeton könnte ich dir überlassen.»

«Möchtest du wissen, wohin du dir den jubeln kannst?»

«Lieber nicht, sonst werd ich noch ganz rot.»

Mit den besten Wünschen fürs Wochenende schmiss ich ihn aus der Leitung und rief meinen Autohändler an und fragte ihn nach einem Ersatz für meinen Schlitten. Wie ich befürchtet hatte: Es war nichts auf Lager, noch nicht mal gebraucht. Die Karre musste bestellt und angefertigt werden, Lieferzeit neun Monate — wenn alles gut ging. Das sah wirklich trübe aus.

Ich wandte mich dem Computer zu. Aus Hawaii hatte ich eine Email bekommen. Ein gewisser Luther Gilles von First Honolulu Private Investigations teilte mir mit, er habe Fühlung mit dem Objekt und fragte an, ob ich einen telefonischen Bericht wünsche.

Ich schrieb zurück, dass mir das recht wäre und gab als Zeit Sonntag Abend um neun an. Sie waren zwölf Stunden zurück, dieser Termin würde sie also nicht um den Schlaf bringen, abgesehen davon, dass es Sonntag war. Ich schrieb noch meine Durchwahl rein — Herzchen hatte das Wochenende ja frei — und schickte alles mit einem Mausklick auf die andere Seite des Erdballs.

Ohlsen rief an und teilte mir mit, das Lieferantengespräch fände um drei statt.

Ich sagte ihm, er solle Nobling dazu mitbringen.

Nach einer langen Pause in der Leitung fragte er zurück, als hätte er nicht richtig gehört: «Nobling?»

«Genau den.»

«Ist er denn nicht entlassen?»

«Wie kommen Sie denn darauf?»

«Ich dachte, nach allem, was Sie mir über ihn erzählt haben… — Oder stimmt das etwa nicht?»

«Es stimmt bis aufs I-Tüpfelchen. Aber er ist schon dabei, den Schaden wiedergutzumachen. Und dem Ganzen könnte er natürlich ein Sahnehäubchen aufsetzen, indem er bei den Lieferantenverhandlungen seine ganze Brillanz als Einkäufer in die Waagschale wirft. Er ist doch ein brillanter Einkäufer, oder habe ich sie da missverstanden?»

«Nein, nein, es ist richtig, er ist ein sehr guter Mann.»

«Na bitte. Sagen Sie ihm also Bescheid. Und setzen Sie ihn ins Bild, was heute Nachmittag ungefähr auf ihn zukommt.» Ich legte auf.

Es war kurz nach zwölf. Ich fuhr zu Inga zum Mittagessen. Sie hatte schön gekocht mit mehreren Gängen, weiß gedecktem Tisch und allem Komfort. Es war richtig festlich, obwohl es mitten am Tage war. Und sie konnte kochen. Ich mampfte mit großen Appetit durch die Gänge.

«Schmeckt’s dir?» erkundigte sie sich.

«Und wie.»

«Was machst heute Abend?»

Ich seufzte. «Ich muss mich kurz auf einer Gartenparty sehen lassen. Hab leider nur eine Einladung für mich selber. Aber es wird nicht lange dauern. Ich denke, spätestens um neun bin ich da wieder weg.»

«Ist es bei dieser Frau von vorgestern Abend?»

«Wie kommst du gerade auf die?»

«Nur so ein Gefühl.»

«Gutes Gefühl,» nickte ich.

«Sie will etwas von dir.»

«Meinst du?»

«Niemand lädt seinen Chef ein einfach so.»

«Kann sein.» Ich seufzte. «Was tun die Leute nicht alles für ihre Karrieren.»

«Und? Wirst du etwas für ihre Karriere tun?»

«Wenn sie so gut kochen könnte wie du — vielleicht. Aber das ist ausgeschlossen, so gut kocht niemand. Das hier ist das Beste, was ich jemals gegessen habe.»

Inga lächelte ein wenig. «Und warum gehst du hin?»

«Eigentlich mehr wegen ihrem Mann und den anderen Leuten, die da sein werden. Ich brauche ein paar informelle Kontakte hier in der Stadt.» War das wirklich der Grund? Fragen Sie mich was Leichteres.

Sie servierte das Dessert, irgendeine komplizierte Kreation aus Mousse au Chocolat, Vanilleschaum und Stachelbeersoße garniert mit Sternfrüchtchen. Mein Appetit nahm fast schon die Züge von Gier an. Ich mümmelte: «Für diese Gaumenoper musst du ja den ganzen Vormittag in der Küche gestanden sein.»

«Nicht ganz,» lächelte sie. «Das Einkaufen hat ziemlich viel Zeit in Anspruch genommen.»

Als wir beim Espresso angekommen waren, sagte sie: «Du kannst gerne rauchen. Ich mag Zigarrenduft.»

«Woher weißt du, dass ich rauche? Ich habe doch noch nie gequalmt, wenn wir zusammen waren.»

«Du riechst immer ein bisschen nach Zigarre, und dein Auto auch,» verriet sie mir mit einem Anflug von mädchenhafter Schüchternheit, die ihr sehr gut stand.

Lachend nahm ich das Angebot an und paffte eine Havanna in Gang und fühlte mich pudelwohl und fand, dass es eigentlich immer so sein könnte.

Die Zeit bis drei verging wie im Fluge. Und als ich mich zum Aufbruch in die Firma rüstete, sagte sie: «Heute Abend geben sie in der Stadthalle ein philharmonisches Konzert. Das würde ich mir gerne anhören, aber es fängt schon um acht an.»

«Na prima, besorg mir auch eine Karte, und in der Pause stoß ich dann zu dir. Und wenn sie mich nicht mehr reinlassen, seile ich mich vom Schnürboden ab mitten in die Vorstellung.»

«Du bist schon ein verrückter Kerl, Bodo,» sagte sie und blickte mir lange in die Augen.

«Verrückt ist gar kein Ausdruck,» grinste ich. «Also, bis heute Abend in der Pause. Und nochmals meine Empfehlung an die Köchin.»

Ich kam etwas zu spät. Die Konferenz war in vollem Gange, und die drei Vertreter der Lieferanten lagen sich schon in den Haaren und machten sich gegenseitig ihre Angebote madig. Ohlsen saß mehr oder weniger tatenlos dabei, aber Nobling tröpfelte sorgsam dosiert immer wieder Öl ins Feuer und hielt so diesen Grabenkrieg hübsch am Köcheln.

Ich hatte mich zu ihnen gesetzt und verfolgte das Schauspiel mit großem Interesse aber ziemlich wenig Verständnis. Es war dauernd die Rede von irgendwelchen Spezifikationen und Normen und jeder Menge chemischem Formelkrimskrams, von dem ich nicht den geringsten Schimmer hatte. Irgendwann schob Ohlsen mir auf einem Blatt Papier so eine Art Sitzplan zu, dem ich entnehmen konnte, wen wir das auf der anderen Seite des Tisches vor uns hatten. Ganz links, schwergewichtig, rotgesichtig Rolf Meindl aus Ludwigshafen. Er hätte gut der Bruder von Schäffer sein können. In der Mitte pausbäckig, blauäugig, jungenhaft Nigel Willougby von King Chemicals aus Hull. Sein graumelierter Anzug wirkte ein bisschen wie von der Stange. Aber das tun bei den meisten Geschätsleuten von der Insel die Anzüge inzwischen meistens. Rechts von ihm Lothar Tanz irgendwo aus den Tiefen der ostdeutschen Braunkohlegebiete. Er machte insgesamt einen ziemlich farblosen Eindruck, aber wenn er loslegte, sächselte es gewaltig.

Als sich die Wogen vorübergehend mal etwas beruhigend, und man sich ohne einen Schreikrampf Gehör verschaffen konnte, ergriff ich das Wort und wurde offiziell: «Meine Herren, zunächst einmal möchte ich mich im Namen der Geschäftsleitung herzlich dafür bedanken, dass Sie den weiten Weg zu uns auf sich genommen — ganz besonders natürlich bei unserem englischen Freund Mr. Willoughby — und dann auch noch zu so einer ungewöhnlichen Stunde. Wo wir alle doch sicher etwas Besseres mit unserem Wochenende anfangen könnten. Schließlich muss der Rasen noch gemäht werden und der Wagen gewaschen. Von der Grillparty ganz zu schweigen. Aber wie Sie sicher wissen, befindet Maddox-Color sich in einer schwierigen Phase der Umstrukturierung, in der jede Minute zählt. Und jeder Euro übrigens auch. Aus diesem Grunde waren wir gezwungen, sie ohne große Vorwarnung zu diesem etwas unchristlichen Termin zu bitten. Ich hoffe, Sie haben Verständnis dafür. Und Sie sollten auch bedenken, dass wir nicht die Absicht haben, die Produktion hier irgendwie gerade noch so am Laufen zu halten. Die Zeichen stehen auf Expansion,» — Sie hätten da mal das Gesicht von Ohlsen sehen sollen –, «wir haben vor, mit einem neu strukturierten Produktmix in den nächsten Quartalen den Absatz zu verdoppeln bis zu verdreifachen. Das bedeutet natürlich auch eine stark gesteigerte Abnahme von Liefermengen. Da ich aber ein blutiger Laie bin auf dem hochkomplizierten Gebiet, das Sie hier gerade so leidenschaftlich erörtern, und immer nur Bahnhof verstehe, werde ich mich einstweilen zurückziehen und später wieder zu Ihnen stoßen, wen die Details geklärt sind und ein Normalsterblicher wieder mitreden kann. Es möge der Beste gewinnen. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg.» Nach diesen salbungsvollen Worten beugte ich mich zu Ohlsen und sagte ihm, dass ich bis auf weiteres in der Buchhaltung zu erreichen sei. Dann machte ich mich auf den Weg dorthin, und ich hatte die Tür zum Konferenzsaal noch nicht erreicht, als das Gezerfe schon wieder munter weiterging.

Unten bei Prager steckte ich mir erst mal eine Havanna ins Gesicht und nebelte das Büro ordentlich ein und erkundigte mich: «Was gab’s zum Mittagessen bei Ihnen?»

Er kniff die Augen gegen den Rauch zusammen und teilte mir mit, dass er sich vom Frühstücksbüffet zwei Knäckebrote mit Margarine mitgenommen hätte.

«Übertreiben Sie’s bloß nicht mit Ihrer Fettlebe,» foppte ich ihn.

«Wie ich Sie kenne, haben Sie wieder fürstlich diniert,» gab er giftig zurück.

«Sie haben’s erfasst. Vier Gänge, oder waren es fünf? Erstklassig, ganz erstklassig. Und dann noch das Dessert. Und das Mädchen dazu, das alles gekocht hat. Heute Abend gehen wir ins Konzert. Aber das interessiert Sie wohl nicht besonders, oder?»

«Also ich bin froh, wenn ich meine Arbeit schaffe,» knurrte er. Die schönen Seiten des Lebens liegen ihm wirklich nicht. Das heißt, vielleicht ist es nur eine Frage des Blickwinkels und für ihn sind die schönen Seiten ganz etwas anderes als für Sie oder mich. Ich glaube es fast. Eine richtig schön versaute Bilanz mit Unstimmigkeiten hinten und vorne, das bereitet ihm beinahe schon so etwas wie Lustgewinn. Keine Ahnung, ob das schon zu den Perversitäten zählt. Gegen diese Art von Perversitäten hätte ich jedenfalls nichts einzuwenden, ohne Perverslinge wie Prager würde mir meine Arbeit ganz schön sauer. Dann müsste ich den Job ja selber machen und hätte keine Zeit mehr für die schönen Dinge des Lebens. So kamen wir beide auf unsere Kosten. Jeder auf seine Art. Erzähle mir niemand, das Leben sei ungerecht.

Ich sagte: «Apropos Arbeit, sind Sie mit dem Haufen Bargeld weitergekommen, den ich bei Menges abgeliefert habe?»

«Wo haben Sie den her?»

«In einem Schließfach gefunden.»

«Was für ein Schließfach?»

«Es wurde von einem gewissen Zeck gemietet, der hier mal gearbeitet hat und als er gefeuert wurde, wichtige Papiere aus der Produktion mitgehen ließ. Er ist irgendwann letztes Jahr von der Bildfläche verschwunden. Seit mehreren Monaten hat ihn niemand mehr zu Gesicht bekommen. Deshalb spricht einiges dafür, dass der Zaster schon so lange im Schließfach beziehungsweise in der Gepäckaufbewahrung rumlag.»

«Wenn ich Sie richtig verstehe, gehen Sie davon aus, dass er die Firma mit den Papieren erpresst und dafür das Geld erhalten hat.»

«So könnte es gewesen sein. Haben Sie etwas Sachdienliches herausgefunden, das dazu passen könnte?»

«Das Geld stammt von zwei Banken, mit denen die Firma zusammenarbeitet. Aber um dazu Genaueres zu erfahren, müssen wir bis Montag warten, bis sie wieder geöffnet haben und wir sie fragen können. In den Büchern gibt es ja leider eine Menge hoher Barauszahlungen. Und bisher wussten wir nicht, wo wir den Betrag zeitlich einordnen sollen. Wenn Ihre Theorie stimmt, müssen wir über ein Jahr zurückgehen.»

«Wieviel ist es denn eigentlich genau?»

«Hundertsiebenundachtzigtausend und ein paar Zerquetschte.»

«Und dieser Betrag ist Ihnen noch nicht irgendwo ins Auge gesprungen?»

«Dieser Betrag muss erstens nicht vollständig sein. Und zweitens setzt er sich offensichtlich aus verschiedenen kleineren Beträgen zusammen. Sechsstellige Summen am Stück sind selten von der Bank abgehoben worden. Es waren meistens kleinere, die sich dann nach und nach in der Firmenkasse ansammelten und für verschiedene Zwecken verausgabt wurden.»

«Was sagt Menges dazu?»

«War da noch keine große Hilfe. Anscheinend ist ihm ganz schwindelig geworden von den Bargeldsummen, mit denen er hier rumjongliert hat. Jedenfalls ist er nach Hause gegangen — Migräne.»

Ich konnte nicht behaupten, dass Menges mir viel Freude bereitete — mit seiner Migräne. Missvergnügt nuckelte ich an der Havanna und sagte nichts.

Prager sagte nachdenklich: «Wenn diesen Zeck schon so lange niemand mehr gesehen hat, könnte er sich doch nach irgendwohin abgesetzt haben.»

«Ohne das ganze schöne Geld?»

«Stimmt auch wieder. Ist er denn als vermisst gemeldet?»

Das war eine gute Frage. Wieso war ich eigentlich nicht selbst darauf gekommen? Sofort griff ich zum Telefonhörer und rief bei der Polizei an. Mein langer blonder Freund hatte immer noch Dienst und war praktischerweise auch gleich am Apparat.

«Ist Ihnen noch was eingefallen?» fragte er.

«Zur Abwechslung geht es mal nicht um Mord und Totschlag. Wie Sie ja wissen, herrscht bei Maddox-Color zur Zeit noch ein gewisses Durcheinander. Es gibt da einen ehemaligen Mitarbeiter, der ziemlich wichtig für die Firma war und seit Monaten spurlos verschwunden ist.»

«Wollen Sie eine Vermisstenanzeige erstatten?»

«Ich will wissen, ob eine vorliegt.»

«Wie ist der Name?»

«Zeck, Bruno Zeck.»

Ich hörte ihn mit seiner Computertastatur klappern. Und nach ein paar Minuten erklärte er: «Nein, über einen Zeck haben wir hier nichts. — Halt, hier ist doch noch was. Ein offener Strafbefehl. Nicht vollstreckbar, weil unbekannt verzogen. Der Vogel scheint ausgeflogen zu sein. Aber das dürfte ich Ihnen eigentlich gar nicht sagen.»

«Trösten Sie sich, vielleicht rettet es Arbeitsplätze. Außerdem habe ich da vielleicht etwas für Sie. Der Bursche hat immer noch eine Wohnung hier. Vielleicht nicht direkt in den Mauern der Stadt. Aber nicht weit weg, in der alten Schrebersiedlung am südlichen Stadtrand.» Ich beschrieb ihm den Weg dorthin. Es interessierte ihn, er schrieb mit.

Ich sagte: «Können Sie mir vielleicht noch verraten, wofür er den Strafbefehl gekriegt hat?»

«Körperverletzung.»

«Das wundert mich nicht, passt sehr gut zu seiner Personalakte. Und ich wette, das ist nicht sein einziger Eintrag im Strafregister.»

Er ließ ein gewitztes Lachen hören. «So, jetzt ist aber genug geplaudert. Wenn Sie noch etwas von ihm hören sollten, wäre es sehr nett, wenn Sie uns davon informierten.»

«Das fänden wir im umgekehrten Fall auch sehr nett,» teilte ich ihm mit.

Dann verabschiedeten wir uns und wünschten uns gegenseitig ein schönes Wochenende. Ich legte auf und sah Prager an.

«Es liegt ein Strafbefehl vor gegen ihn.»

«Vielleicht ist er ja deswegen getürmt.»

«Er hätte die Strafe bloß zu bezahlen brauchen, Geld genug hatte er ja. Damit wäre für ihn die Sache erledigt gewesen.»

Prager nickte und meinte: «Undurchsichtige Geschichte.»

«Dieser Zeck scheint eins der größten Rätsel in der Murksbude hier zu sein. Aber eines ist sicher, in den Wasserbüchern müssen wirklich schöne Schweinereien stehen, wenn die Firma so viel Zaster dafür rausgerückt hat.» Ich produzierte einige Rauchkringel und verfolgte, wie sie davon schwebten und sich langsam in nichts auflösten. «Und dass sie womöglich immer noch irgendwo da draußen rumschwirren, ist, was mir richtig Sorgen macht. Was passiert, wenn sie in falsche Hände geraten?»

«Wenn Zeck das Geld gekriegt hat, dann er er sie doch höchstwahrscheinlich abgeliefert an irgendwen hier in der Firma, der über solche großen Summen verfügen konnte und dem daran lag, Schaden von der Firma abzuwenden. Vermutlich also Burger. Und der wird sie wohl vernichtet haben.»

«Das ist auch so ein Punkt,» brummte ich. «Burger ist bisher nicht dadurch aufgefallen, dass er Schaden von der Firma abgewendet hätte, sondern im Gegenteil, dass er der Firma Schaden zugefügt hat.»

«Vielleicht muss man das unter dem Blickwinkel seines Verhältnisses zur Zentrale sehen.»

«Und das wäre?»

«Nun, auf rein wirtschaftlichem Gebiet war er nicht übermäßig erfolgreich, wie wir wissen. Wenn ihm dann noch diese Kläranlagengeschichte zwischen die Beine geraten wäre und er wäre plötzlich gezwungen gewesen, Millionenbeträge in die Sanierung zu pumpen, hätte ihm das die Gewinnzahlen auf viele Quartale hinaus total versaut, und er wäre in Frankfurt unten durch gewesen, wahrscheinlich wäre die Sache sogar bis Cleveland durchgedrungen. Vielleicht war das der Grund, warum er in dieser Angelegenheit so ungewöhnlich viel Engagement gezeigt hat.»

«Wäre eine Möglichkeit. Aber irgendwas fehlt da noch.»

Das Telefon klingelte. Prager hob ab, hörte zu und gab mir den Hörer. Es war Ohlsen. Er teilte mir mit, dass sie an einem toten Punkt angelangt wären und jetzt Kaffeepause machten und ob ich nicht raufkommen wollte. Na ja, wenn man nicht alles selber macht…

Ich überließ Prager seinen geliebten Zahlenkolonnen und begab mich nach oben ins Krisengebiet.

Ohlsens Sekretärin hatte Kaffee gemacht und Kekse auf den Tisch gestellt. Auf den ersten Blick sah ich, wer an seine Grenzen geraten war. Die gelockerten Schlipse verrieten es mir. Es waren die von Meindl, Tanz und Ohlsen. Nobling und Englishman Willoughby wahrten eisern die Form.

Ich nahm Nobling zur Seite und sagte: «Die Inselbewohner liegen vorne, stimmt’s?.»

Er fiel fast aus allen Wolken. «Woher wissen Sie das?»

Man muss nicht immer gleich aus dem Nähkästchen plaudern. Ich grinste und verriet ihm: «Ich hab geraten. Die Chancen standen zwei zu eins.»

Auf einem Block hatte er den Stand der Dinge festgehalten. Er zeigte mir die Zahlen und meinte: «Wir haben sie schon ziemlich gedrückt. Anfangs lagen sie noch um mehr als hundert Prozent über den bisherigen Preisen. Jetzt sind’s nur noch knapp fünfundzwanzig Prozent. Ich glaube, bei Meindl ist nicht mehr viel Luft drin, er musste schon dauernd mit seinem Chef telefonieren. Und der Tanz wird auch langsam nervös. Saunders scheint noch Spielraum drin zu haben. Sollen wir uns auf ihn konzentrieren und die anderen nach Hause schicken?»

«Nur nichts überstürzen,» bremste ich ihn ab. «Wie sieht’s denn bei den Konditionen aus?»

«Darüber haben wir noch nicht gesprochen.»

«Sollten Sie aber, da kann sich das Bild nämlich noch gewaltig verschieben. Entscheidend ist, wieviel uns der Liter per saldo mehr kostet. Diese Zahl müssen Sie unbedingt im Auge behalten. Können Sie kurz mal ausrechnen, wieviel das beim gegenwärtigen Stand ist?»

Er rechnete und kam auf neun Cent. «Allerdings noch ohne Versandkosten, Verpackung, Zahlungsziel und so weiter.»

«Okay, meine Herren,» sagte ich laut in die Runde, «unterhalten wir uns mal ein bisschen über die Lieferbedingungen.»

Sie stellten die Kaffeetassen weg und schluckten die letzten Kekskrümel hinunter und blickten erwartungsvoll auf mich. Ich forderte sie auf: «Diktieren Sie doch mal dem Herrn Nobling Ihre Vorstellungen in den Block. Dann werden wir ja sehen, was sich für ein Gesamtbild ergibt. Ich glaube, alle werden zustimmen, wenn unser Freund von der fernen Insel das Recht des ersten Angebots hat.»

Saunders rasselte seine Konditionen wie am Schnürchen herunter, Nobling schrieb eifrig mit und rechnete. Meindl musste auch im Kopf mitgerechnet haben, denn noch bevor Saunders ganz fertig war, entschuldigte er sich und ging raus, um mal wieder zu telefonieren. Deshalb ging der zweite Startplatz an Tanz, der bedächtig seine Zahlen dahersächselte, so dass Nobling Zeit genug hatte, immer schon mal Zwischensummen zusammenzuzählen. Schließlich kam auch Meindl wieder rein und ließ seine von seiner Obrigkeit abgesegneten Zahlen vom Stapel.

Nobling zog Bilanz. Das Bild hatte sich etwas verschoben. Tanz lag jetzt auf Platz eins. Saunders war um eine Position zurückgefallen. Meindl trug die rote Laterne.

Ich zog seinen Block zu mir her und fasste zusammen: «Gentlemen, im Augenblick sieht es so aus, dass uns der Liter von Herrn Tanz um elf Cent teurer zu stehen kommt als bisher, der von Mr. Saunders dreizehn und Meindls vierzehn. Das Starterfeld liegt also immer noch dicht beisammen. Unter der Voraussetzung, dass die Qualität gleich und auch die sonstigen Konditionen sich nicht allzu sehr unterscheiden, könnte ich Ihnen anbieten, dass jeder von Ihnen ein Drittel des Lieferkontingents erhält.»

«Moment mal,» protestierte Meindl, « das wäre ja auch nur ein Drittel der Liefermenge, da müssten wir einen anderen Preis machen.»

Ich lächelte ihn an und setzte ihm geduldig auseinander: «Wie ich vorhin schon erwähnte, ist beabsichtigt, die Produktion mindestens um den Faktor drei auszuweiten. Das würde bedeuten, alles bliebe beim Alten. — Nun?»

In Meindls rotem Gesicht arbeitete es angestrengt. Tanz schien dem Angebot nicht abgeneigt. Und Saunders kam mit der Ankündigung raus, auf die ich es eigentlich abgesehen hatte, und erklärte: «Wenn wir hier über die dreifache Menge reden, könnten wir natürlich mit dem Preis noch etwas machen.»

Nur damit es alle mitkriegten, sagte ich: «Sie wollen also das gesamte Kontingent übernehmen und dafür mit dem Preis noch weiter runtergehen?»

«Das wäre möglich, ja.»

«Wieviel?»

Er hatte eigene Berechnungen angestellt und tippte noch ein bisschen auf seinem Blackberry rum und las das Ergebnis ab: «Nun, Gentlemen, unter Berücksichtigung aller Kosten und Bedingungen könnten wir bis auf sieben Cent über dem Basispreis runtergehen.»

Kapitulierend warf Meindl seinen Kugelschreiber vor sich auf den Tisch und schnaufte: «Ausgeschlossen.»

Auch Tanz schüttelte den Kopf.

Ich fixierte Saunders und sagte mahnend: «Wir brauchen das Material aber sofort, die erste Lieferung muss Mitte nächster Woche hier sein.»

«No problem,» grinste er.

Ich wandte mich an Meindl und Tanz: «Nun, meine Herren, halten Sie mit, oder wollen Sie aussteigen?»

Meindl schimpfte: «Das ist nicht fair.»

«Was ist nicht fair, Herr Meindl?

«Dass Sie uns hier so gegeneinander ausspielen,» stellte er bitter fest. «Und dann auch noch gegen eine ausländische Firma, die gar nicht unsere Sozial- und Sicherheitsstandards hat und finanzieren muss.»

«Sind Sie Gewerkschaftsmitlied, Herr Meindl?» erkundigte ich mich boshaft.

«Wie kommen Sie denn darauf?»

«Weil Sie genauso reden wie ein Gewerkschafter.»

«Ich muss doch bitten!»

«Hier wurde niemand irgendwie ausgespielt. Wir haben Ihnen einen Marktplatz geboten, auf dem Sie Ihre Stände aufbauen konnten. Und wir haben uns das günstigste Angebot ausgesucht. Das ist Marktwirtschaft. Darüber sollte nicht niemand beklagen, besonders nicht, wenn er in der freien Wirtschaft ist und Geschäfte machen will.»

Tanz hatte genug und packte seinen Kram zusammen und verkündete: «Nu, meene Herrn Kolleechen, ich darf mich an dieser Stelle verabschieden, ich muss nämlich noch meenen Fliecher nach Leibzsch kriechen.»

Ich wünschte ihm eine gute Reise und sagte: «Grüßen Sie mir Leipzig.»

Er dampfte ab. Auch Meindl räumte das Feld.

Saunders lächelte. «Können wir einen Vertrag machen?»

Ich nickte. «Setzen Sie sich mit Nobling zusammen und tüfteln Sie was Schönes aus. Aber lassen Sie das Kleingedruckte weg — ist nicht gut für die Augen.»

Ich gab Ohlsen einen Wink, und wir gingen in sein Büro.

Als wir uns dort häuslich eingerichtet hatten, schüttelte er den Kopf und meinte: «Das hätte ich wirklich nicht gedacht.»

«Was hätten Sie nicht gedacht?»

«Dass sie so weit runtergehen.»

«War doch ganz einfach. Anscheinend hat es nur noch niemand probiert.»

Abwesend trommelte er mit den Fingern auf die Tischplatte und murmelte: «Hm ja, so, so.»

Ich steckte mir eine Havanna an und erklärte: «Folgendes: die Produktion wird eingestellt. Von der alten Pissbrühe geht kein einziger Tropfen mehr raus. Alles, was wir an Beständen noch auf Lager haben inklusive des ukrainischen Spülwassers wird als Sondermüll entsorgt. Sehen Sie zu, dass Sie bis Ende nächster Woche die neuen Dosen haben und was Sie sonst noch alles brauchen.»

«Eine ganze Woche Produktionsausfall?»

«Die werden wir zum Großreinemachen brauchen. Der alte Dreck muss aus den Leitungen und aus den Tanks gespült werden. Ich will, dass alles klinisch rein ist, wenn wir neu an den Start gehen.»

«Aber der Einnahmeausfall!»

«Keine Sorge, den werden wir ganz schnell wieder reinholen. Notfalls stellen wir auf 24/7-Betreib um.»

«Vierundzwanzig sieben, was ist das?»

«Das heißt vierundzwanzig Stunden an sieben Tagen in der Woche,» setzte ich ihm gereizt auseinander, was man keinem Schulkind mehr erklären musste.

«Dafür brauchen wir Genehmigungen, die kriegen wir nie,» protestierte er.

«Warten Sie’s ab,» knurrte ich. «Und am Montag um elf will ich Sie zusammen mit Meyer bei mir im Büro sehen. Dann möchte ich endlich mal was Verbindliches über die Entsorgungsfrage hören. Und bis Montag möchte ich auch eine Aufstellung über die Abschreibung der Lagerbestände haben und eine Gesamtrechnung der Mehrkosten für das neue Produktsortiment.» Das waren genug Hausaufgaben fürs Wochenende. Jetzt konnte ich mich getrost mal um B.B.s Gartenparty kümmern.

Ich fuhr ins Hotel, um mein Äußeres ein bisschen in Form zu bringen, und wieder ging mir die J.-Frage durch den Kopf.

Ich war gerade fertig mit Umziehen und hatte mir ein bisschen Rasierwasser ins Gesicht gespritzt, als es an der Tür ein Wirbel klopfte. Ich öffnete, und mir gegenüber stand eine junge Frau in Jeans und cremefarbenem T-Shirt. An ihren braunen, tiefen Augen erkannte ich sie sofort. Ich grinste: «So ohne Peitsche hätte ich Sie fast nicht wieder erkannt.»

«Sie sind ja nie zu Hause,» beschwerte sie sich.

Da dämmerte es mir. «Dann war der Zettel also von Ihnen. Für was steht J.? Für Johanna?»

«Für Jana.»

«Was ist das für eine Name?»

«Es ist ein Name,» sagte sie einfach und spähte an mir vorbei.

Ich machte ihr Platz und ließ sie herein. «Was zu trinken?»

«Ein Wasser.»

Aus der Minibar holte ich ein Fläschchen und goss uns zwei halbe Cocktailgläser voll. «Setzen Sie sich doch.»

Sie ließ sich in einem der Chintzsessel nieder und balancierte das Glas auf einem Knie.

«Wie geht’s Nummer drei Null acht? Lebt er noch?»

«Als ich fortging, tat er’s jedenfalls noch. War nur ein bisschen rot hintenrum.»

Ich musste lachen. «Drolliger Job, den Sie da haben.»

«Finden Sie? Eigentlich ist es gar nicht mein richtiger Job. Tagsüber arbeite ich nämlich in einem Supermarkt an der Kasse.»

«Sieh an, sieh an.»

«Und jetzt wollen Sie sicher wissen, warum ich das mache.»

«Nö.»

«Es interessiert Sie nicht?»

«Nicht die Bohne.»

«Sie sind ja komisch.»

«Das kriege ich öfter zu hören, stört mich aber nicht, weil ich ganz gerne komisch bin.»

«Und es interessiert Sie wirklich gar kein bisschen?»

«Wenn ich’s Ihnen sage.»

«Also, die anderen Männer — bei denen ist es immer das erste, was sie wissen wollen, wenn Sie Wind davon kriegen.»

«Ich könnte mir vorstellen, dass es Ihnen ziemlich auf die Nerven geht.»

«Tut es auch. Aber ich bin daran schon so gewöhnt, dass es mir …»

Es klopfte wieder an der Tür. Sollte Prager so früh Feierabend gemacht haben? Aber es war nicht Prager, es war Feder. Den hatte ich ja ganz vergessen. Er hatte sofort Jana entdeckt und rief ihr fröhlich über meine Schulter zu: «Hallo, Paula, wie gehn die Geschäfte?»

Jana oder Paula oder wie auch immer lächelte verlegen. Ich beugte mich vor und wisperte ihm ins Ohr: «Sie ist hier zur Fortbildung. Ich bin nämlich ihr Trainer und bringe ihr die neuesten Foltermethoden bei.»

Instinktiv wich er einen Schritt zurück und sah mich groß an. «Ich denke, Sie sind bei Maddox.»

«Haben wir nicht alle unser Doppelleben?» grinste ich.

«Puh! Aus Ihnen werde noch einer schlau.»

«Die Geschichte für Sie habe ich nicht vergessen,» sagte ich vertraulich und nicht ganz wahrheitsgemäß zu ihm. «Aber sie wächst sich langsam zu einem richtig dicken Ding aus und ich möchte abwarten, bis ich wirklich alle Details zusammen habe. Würden Sie mir wohl noch zwei, drei Tage Zeit lassen?»

«Das ist gegen die Abmachung.»

«Als wir Samstag ausmachten, wusste ich noch nicht, in was für einen Sumpf ich hier geraten bin. Und zum Beispiel auch nicht, dass Zeck höchstwahrscheinlich tot ist.»

«Er ist tot?»

«Das ist so gut wie sicher. Im Augenblick suchen wir noch nach der Leiche.»

«Mannomann!» entfuhr es ihm.

«Also, sagen wir, bis Mittwoch?»

«Aber dann will ich wirklich was hören.»

«Sicher doch. Und bringen Sie vorsichtshalber ein Beruhigungsmittel mit. Es könnte Sie umhauen, was ich Ihnen zu sagen habe.»

Ich machte die Tür ihm mitten in sein fassungsloses Gesicht hinein wieder zu und drehte mich um. Paula war kein Name für eine Domina, deshalb nahm ich an, dass es ihr richtiger war. Ich sagte: «Hm. Paula also.»

Sie sagte nichts, blickte nur abwartend-schüchtern zu mir hoch.

«Woher kennen Sie diesen Pressefritzen? Ist das etwa Ihr Freund?»

«Wir waren zusammen auf der Schule.»

«Und weiß er, was Sie so treiben, wenn’s draußen dunkel wird?»

«Na ja, schon so ein bisschen. — Und was haben Sie mit ihm zu tun?»

«Nur was Geschäftliches, keine große Sache.» Ich sah sie mir an. Sie gefiel mir. An Schönheit konnte sie es mit Inga aufnehmen, wenn sie auch auf eine andere Art schön war. Aber so ohne Peitsche und wildes Dominagehabe hatte sie mit Inga etwas gemein, das mich an den Frauen immer schon viel mehr angezogen hat als irgendwelche äußeren Details. Es war eine stille Bescheidenheit, eine sanfte, zurückhaltende Art, die ziemlich selten geworden ist in unseren plärrenden, spaßigen Zeiten.

«Ich störe Sie wohl,» sagte sie und stellte das Glas weg und wollte aufstehen.

«Keine Spur. Nachher um neun hätten Sie mich gestört, da bin ich nämlich mit jemandem zu einem Konzert verabredet. Aber jetzt muss ich nur zu einer Gartenparty. Wie wär’s, hätten Sie Lust mitzukommen?» Das ging mir über die Lippen, ohne eine Sekunde darüber nachzudenken. Aber so ist das nun mal mit den Weibern, wenigstens mit bestimmten Weibern, sie können einem den Denkapparat hier oben ganz schön zum Aussetzen bringen.

«Sie würden mich mitnehmen?»

«Ich wüsste nicht, was ich lieber täte,» verkündete ich großartig. Bodo, Bodo, du und die Weiber, das ist wirklich ein Kapitel für sich.

«Aber ich bin nicht dafür angezogen.»

«So wie Sie aussehen, sind Sie immer richtig angezogen. Und für eine Gartenparty ist das genau das Richtige.»

Wir zogen also los. Der Himmel war bedeckt, aber es war warm, und es sah nicht nach Regen aus. Ich ließ mich von Paula quer durch die Stadt zu B.B.s Adresse lotsen. Die B.B.s wohnten in so einer Muss-Wohngegend, wo die Leute hinziehen, wenn Sie glauben, mit ihrer Adresse irgendwas darstellen zu müssen. Hauptsächlich Bungalows mit Doppelgaragen und breiten Auffahrten, zur Straße hin abgeschirmt durch Mauern und hohe Hecken.

B.B. öffnete uns selbst und legte sofort los: «Ach wie schön, dass Sie es doch noch möglich machen konnten, Herr Lünch!» Sie beäugte Paula. «Und wieder in so charmanter Begleitung.» Die Spitze hörte ich sehr wohl heraus. Ich machte die beiden miteinander bekannt, und Paula enthob mich der Verlegenheit, dass ich ihren Nachnamen nicht kannte, dadurch, dass sie ihn ganz schnell selber sagte: Schlüter. Na ja, es gibt schlimmere.

«Habe ich Sie nicht schon irgendwo mal gesehen?» erkundigte sich B.B. etwas penetrant.

Ich nahm Paula die Antwort ab und sagte: «Wahrscheinlich beim Einkaufen. Sie jobbt in einem Supermarkt an der Kasse, um ihr Studium der Astrophysik zu finanzieren.»

«Ah ja so, vielleicht,» meinte B.B. «Astrophysik? Interessant. Ich habe nicht die geringste Ahnung, worum es dabei geht.»

Paula guckte mich ganz entgeistert an.

B.B. führte uns durchs Haus in den Garten hinaus. Paula knuffte mich in die Seite und sagte ganz leise: «Sind Sie verrückt?»

«Nur die Ruhe. Niemand wird Sie in Verlegenheit bringen. Von Astrophysik haben die allermeisten Leute keinen blassen Dunst, dafür aber einen Heidenrespekt davor. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass ein Astrophysiker auf der Party ist, viel unwahrscheinlicher als alle anderen Studienrichtungen,» flüsterte ich ihr hinter B.B.s Rücken zu.

«Warum musste es denn überhaupt ein Studium sein?» zischelte sie.

«Um sie einen Kopf kürzer zu machen. Sie war schon dabei, auf Sie runterzublicken, bloß weil Sie im Supermarkt an der Kasse sitzen. Haben Sie das nicht mitgekriegt?»

«Nee.»

«Aber ich. Und ich werde nicht zulassen, dass irgendwer auf Sie runterblickt, ganz egal aus welchem Grund.»

Da schlüpfte ihre Hand ganz schnell in meine und drückte sie warm. Dankbarkeit ist wirklich was Schönes, aber so eine Großtat war das nun auch wieder nicht.

Im Garten stand ein knappes Dutzend Leute über den Rasen verteilt herum, sie hielten Gläser in der Hand, machten in Smalltalk und warteten darauf, dass es endlich was zu essen gab. B.B. machte mit uns beiden im Schlepp die Runde und erledigte das Vorstellen. Das erste Paar war schon eine ziemlich merkwürdige Erscheinung, er mit wehender Haarmähne aber mit Krawatte schon auf hundert Meter als Architekt zu erkennen und seine Frau, sehr dünn mit schwarzen kurzen Haaren und ziemlich männlichem Outfit eine Lesbe wie sie im Buche stand. Entweder er war auch schwul oder er hatte freies Tanzen. Ich neigte zu Letzterem, denn seine Augen leuchteten auf, als er Paula sah. Dann ging es noch über ein paar Stationen mit einem Gynäkologen nebst Frau, irgendeinem höheren Tier aus dem Landratsamt, zwei Mädels in den Zwanzigern und drei Burschen altersmäßig so um denselben Dreh hin zu Herrn Buderus, der den Grill anblies und uns mitteilte, dass es höchstens noch zwanzig Minuten dauern würde, bis wir in den Genuss seiner Super-Spezial-Grillsteaks kommen könnten. Den obligatorischen Familienpsychiater, der einem sonst so gerne bei solchem Gelegenheiten präsentiert wird, suchte ich allerdings vergebens. Und aus der Firma schien auch niemand zugegen zu sein.

B.B. betrachtete es offensichtlich als ihre Aufgabe, sich weiter um uns zu kümmern und drückte uns zwei Gläser mit Champagner in die Hand und erkundigte sich: «Wie haben Sie sich eigentlich kennengelernt?»

«Reiner Zufall,» sagte ich. «Einfach nur mal an der falschen Tür geklopft, und schon sprang der Funke über.»

Sie nahm mein Gefasel für bare Münze und sagte: «Wenn man Sie beide so sieht, merkt man sofort, dass der Funke übergesprungen ist.»

Ich schaute Paula an, und Paula schaute mich an. Und beide fragten wir uns wohl so ziemlich dasselbe.

B.B. entschuldigte sich und ging kurz weg, um irgendetwas zu holen.

Paula wollte wissen: «War das ernst gemeint eben?»

Ich zuckte die Achseln. «Keine Ahnung. Aber irgendwas muss da ja sein, wenn man’s schon von außen sehen kann.»

Gedankenvoll lenkte sie den Blick auf die anderen Gäste.

«Zufällig einer von Ihren Kunden hier?» erkundigte ich mich beiläufig.

«Bis jetzt habe ich noch keinen gesehen.»

«Wenn ich mir die Leutchen hier so ansehe, wäre das viel wahrscheinlicher als ein Astrophysiker.»

«Bodo?»

«Ja?»

«Eigentlich müssten wir jetzt ‚du‘ zueinander sagen, oder?»

«Nichts dagegen. Aber bitte keine Zusätze wie Schatzi, Schnuckibär oder so was. Bodo reicht völlig.»

«Wie ein Schnuckibär siehst du nicht aus,» lachte sie.

Ich blickte ihr in die Augen. «Du auch nicht.»

«Na, für mich wäre das ja auch nicht das Richtige,» sagte sie sanft. «Der Freund, den ich mal hatte, hat immer Schnecke zu mir gesagt.»

«Du hast nur den einen gehabt?»

Sie nickte.

«Und dieser Blödmann hat Schnecke zu dir gesagt und dich auch noch laufen lassen?»

«Na ja, eigentlich habe ich ihm den Laufpass gegeben.»

«Weil er Schnecke zu dir gesagt hat?»

«Nein. Schnecke ist doch auch gar nicht so schlecht. Er wollte nur Dinge mit mir tun…»

«Vergiss es, dass ich gefragt habe,» unterbrach ich sie. Ich war wirklich nicht scharf auf irgendwelche perverse Bettgeschichten.

«Wie würdest du zu mir sagen?»

Ich sah sie mir an, aber bevor ich eine Antwort gefunden hatte, war B.B. zurück und sagte: «Ich glaube, es könnte ganz interessant sein, wenn Sie sich mal mit Herrn Ringwald unterhielten. Fräulein Schlüter wird sich unterdessen sicher mit den jungen Leuten ganz gut amüsieren.»

Ringwald war der vom Landratsamt. Schüttere, fahlblonde Haare, große Hornbrille und im Geiste hoffentlich nicht so schlapp wie am Körper. B.B. begleitete mich zu ihm hinüber und sprach ein paar verbindende Worte. Er hatte die Umweltabteilung unter sich. Aha, das war des Pudels Kern. Wir plauderten ein bisschen übers Wetter und die allgemeine Lage. Während dessen machte sich einer der jungen Burschen an Paula heran. Nett, aber bestimmt ließ sie ihn abfahren und brauchte dazu nicht länger als eine halbe Minute. Erstaunliches Mädchen.

Und dann kam Ringwald langsam zur Sache: «So wie es aussieht, haben Sie da ein nicht ganz kleines Umweltproblem in ihrem Hinterhof.»

Ich sah ihn an. «Glauben Sie?»

«Nun, Frau Bechtel-Buderus scheint es auch zu glauben, sonst hätte sie uns beide wohl nicht mehr oder weniger geschickt zusammengeführt.»

Ein tief blickender Mann. Welch eine Seltenheit in diesen Zeiten und an diesem Ort. Ich fragte: «Und hätten Sie zufällig eine Lösung dafür?»

«Die Lösung haben wir Ihrer Firma schon schriftlich mitgeteilt, wenn ich das recht überblicke,» lächelte er.

«Diese Lösung ist keine Lösung, weil sie einen Haufen Geld kostet. Und Geld ist zur Zeit verdammt knapp in der Firma, jeden freien Euro brauchen wir zur Erhaltung von Arbeitsplätzen.»

Ringwald seufzte. «Ja, ja, die guten alten Arbeitsplätze. Wozu müssen sie nicht alles herhalten.»

«Sie glauben, sie müssten zu irgend etwas herhalten?»

«Machen wir uns nichts vor, dieses Umweltproblem ist älter als Ihre gegenwärtige, nun äh, Finanzkrise. Deshalb finde ich das Arbeitsplatzargument auch nicht sonderlich überzeugend.» Er vielleicht nicht, aber ich kannte andere Leute, die es ganz bestimmt überzeugend finden würden.

Ich sagte: «Schön und gut. Aber wozu unterhalten wir uns dann hier überhaupt noch?»

Wieder lächelte er. «Frau Bechtel-Buderus bat mich, doch einmal zu überlegen, ob man das Problem nicht ein wenig entschärfen könnte.»

«Und? Kann man das?»

«Im Kern nicht wirklich. Aber man könnte den zeitliche Ablauf etwas strecken und damit die finanziellen Folgen sicher etwas abschwächen.»

«Da machen Sie mich aber ganz neugierig.»

«Mein Tipp wäre: beantragen Sie eine Fristverlängerung für die Baumaßnahme. Sie könnten es etwa damit begründen, dass gerade irgendeine neue Technologie entwickelt wird, die sie einsetzen wollen. Das könnte Ihnen einige Monate Luft verschaffen.»

«Wie viele Monate?»

«Drei, sechs, zwölf, das käme ganz auf Ihre Argumentation an.»

«Und wie müsste die aussehen?»

«Ich will Ihnen da natürlich nicht vorgreifen. Aber sie könnte in etwa so aussehen, dass Sie sich in der Umweltbranche mal ein wenig umhören. Da gibt es immer Hersteller, die zur nächsten Messe irgendeine neue Filtertechnik ankündigen. Und wenn Sie so eine Technik als Referenz angeben, wird man Ihnen einen Aufschub schwerlich verweigern können.»

Nachdenklich zwirbelte ich eine Havanna zwischen Daumen und Zeigefinger und blickte zu Paula hinüber. Gerade war der Architekt dabei, sie anzubaggern. Ich sagte zu Ringwald: «Und Sie haben da ich zufällig eine Empfehlung auf Lager?»

«Nein, das dürfte ich von Amts wegen auch gar nicht tun. — Aber wenn ich nicht irre, habe ich beim Hereinkommen vorne an der Haustür zufälligerweise ein paar Prospekte herumliegen sehen. Anscheinend hat Frau Bechtel-Buderus sich mit dieser Frage schon ein wenig befasst.»

Anscheinend hatte er sie selber da hingelegt, dieser Bastard. Ich zündete mir die Havanna an und sagte qualmend: «Haben Sie vielen Dank für den Wink. Ich werde mir die Sache mal durch den Kopf gehen lassen.»

Paula hatte inzwischen auch den Architekten abfahren lassen. Buderus rief zu Tische.

Wir versammelten uns auf der Terrasse und ließen uns an einer langen Tafel nieder. Direkt neben Paula nahm die Frau des Architekten Platz, die sofort anfing, ihr ungeniert Avancen zu machen. Aber Paula hatte in ihrem Nebenjob offensichtlich genug Erfahrungen gesammelt, um unerwünschte Annäherungsversuche unmissverständlich und wirksam abzuwimmeln. Und so wandte sich Frau Architekt ziemlich schnell einem der Mädels zu, das ihr schräg gegenüber am Tisch saß.

Die Grillsteaks von Buderus waren richtig gut, für die Salate seiner Frau traf das nur äußerlich zu. B.B. schien Probleme zu haben, beim Würzen das rechte Maß zu finden — zu sauer, zu salzig, zu scharf oder einfach nur fad, das war ihr Repertoire.

Man aß, man trank, man plauderte mehr oder weniger animiert. Paula sagte nicht viel, drängte nur ihren Schenkel an meinen und blickte dabei unschuldig in die Runde.

So gegen acht, als B.B. mir Wein nachschenkte, weil ihr Mann gerade am Grill zugange war, erklärte ich ihr, das es wirklich ein ganz wunderbarer Abend wäre, ich aber langsam den Rückzug antreten müsste.

«Sie müssen wirklich schon gehen?»

«Ich habe gleich noch einen Termin.»

«Sie haben wirklich einen langen Arbeitstag, sogar noch am Wochenende,» meine sie mitfühlend.

«Sagen Sie das mal meinem Boss in Frankfurt,» grinste ich. «Dem genügt das immer noch nicht. Am liebsten wäre es ihm, wenn ich rund um die Uhr arbeitete.»

«Vielleicht sollten Sie in die Gewerkschaft gehen,» lächelte sie.

«So schlimm ist es nun auch wieder nicht,» winkte ich ab.

«Aber ihre charmante Begleiterin bleibt doch wohl noch.»

Fragend blickte ich Paula an. Sie schüttelte nur den Kopf. Ich sagte: «Richtig, sie hat ja auch noch was vor. Sie muss heute nämlich noch nach den Sternen gucken. Beobachterpraktikum auf der Sternwarte.»

«Wie schade.»

«Sie sagen es.»

Nach einer Runde Händeschütteln und Dankesworten an den Hausherrn für seine fabelhaften Grillsteaks standen wir dann an der Haustür, und B.B.s Blick fiel wie zufällig auf die Prospekte, die da auf einem Schränkchen lagen. Sie gab sie mir und sagte: «Ah ja, die sollten Sie sich vielleicht mal ansehen. Ich hörte, Sie hätten mit Ringwald darüber gesprochen.»

Ich nickte nur und nahm sie an mich.

Als wir wieder im Mondeo saßen, fiel mir auf, dass ich ums Verrecken nicht sagen konnte, was B.B. getragen hatte, wie ihr Haar frisiert war und so weiter. Normalerweise registriert das meine innere Kamera unbestechlich. Und wir hatten doch ausgiebig miteinander geredet. Aber alles weg. Irgendwie hatte sich mir aber immer wieder Paula ins Bild geschoben. Ich drehte den Kopf und sah sie an. Sie wirkte ein bisschen erschöpft. Ich sagte: «Komische Leutchen was?»

«Sie waren doch nett.»

«Besonders die Architektenlesbe.»

Sie kicherte. «Ja, die wollte es wirklich wissen.»

«Hast du noch Kunden heute Abend?»

«Heute nicht.»

«Das Konzert kann ich leider nicht sausen lassen.»

«Ist schon gut. Kannst du mich nach Hause bringen?»

Ich startete den Motor und fuhr los. Sie wohnte in der Altstadt. Als wir in der engen Gasse vor der Haustür gehalten hatten, fragte ich: «Wohnst du allein?»

Sie nickte. «Kommst du mich mal besuchen?»

«Wie wär’s morgen zum Frühstück?»

«Zum Frühstück?»

«Ist zwar Sonntag, aber vielleicht kann ich irgendwo Brötchen auftreiben. Brauchen wir sonst noch was?»

«Alles da,» lächelte sie und stieg aus.

Ich wartete noch, bis sie im Haus war. In der Tür drehte sie sich kurz um und winkte mir zu. Herrgott, wo würde das wieder enden? Ich winkte zurück und fuhr los, um mich hemmungslos ins Kulturleben des Städtchens zu stürzen.

Als ich die Stadthalle betrat, hörte ich gedämpftes Gefidel aus dem Saal. Am Kassenstand, der auch als Garderobe diente, holte ich meine Karte ab und erkundigte mich nach der Pause. Ich hatte es ziemlich gut getroffen und musste keine zehn Minuten warten.

Die Türen gingen auf und das Publikum kam heraus geströmt. Ganz vorne mit dabei Inga. Sie hängte sich an meinen Hals und gab mir einen dicken Kuss. Dann ließ sie mich wieder los und blickte prüfend. «Na, wie war die Gartenparty?»

«Viel leeres Gerade und volle Gläser und Teller. Und ein kleiner Tipp vielleicht»

«Also war es nicht umsonst.»

«Es hat mich einen halben Abend mit dir gekostet.»

Sie hakte sich bei mir unter, und wir gingen im Foyer zwischen all den Leuten ein wenig auf und ab.

«Bekannte von dir hier?» fragte ich.

«Ein paar, die ich vom Sehen kenne.»

«Wie ist das Konzert?»

«Gut, glaube ich.»

«Du glaubst es nur?»

«Ich habe nicht richtig zugehört. Ich habe auf dich gewartet. Und ich wusste nicht, ob du wirklich kommst.»

«Ich habe praktisch alles stehen und liegen lassen, um rechtzeitig hier zu sein,» übertrieb ich ein bisschen.

Sie schaute fragend an mir hoch und schien etwas in meinem Blick zu suchen. Ich sagte: «Wollen wir uns wirklich den zweiten Teil antun?»

Gedankenversunken bewegte sie den Kopf hin und her. Und so verließen wir stehenden Fußes die geheiligten Hallen und fuhren zu ihr und brachten eilig die vier Treppen zu ihrer Wohnung hinter uns. Und nach einem kurzen Wirbel fliegender Kleidungsstücke lagen wir im Bett und liebten uns lange und ausdauernd. Ihr heißer, biegsamer Körper bebte unter mir. Kein Wort fiel, immer und immer wieder kamen wir zusammen. Es war ein nicht enden wollender wilder Rausch, kein Vergleich mit der Nacht zuvor, obwohl auch die schon nicht von Pappe gewesen war. Irgendwann rollte ich mich schließlich zur Seite auf den Rücken, ausgepumpt, keuchend, schweißdampfend. Draußen war es längst dunkel geworden. Ich schob einen Arm unter den Kopf und versuchte, langsam wieder zu mir zu kommen. Heftig atmend lag Inga neben mir. Ich legte meine Hand flach auf ihren Bauch, er glühte und war nass wie mein eigener. Sie drehte sich zu mir und betrachtete mich in dem fahlen Nachtlicht, das durchs Fenster fiel. «Bodo?»

«Ja?»

«Warum hast du mich eigentlich noch nie gefragt?»

«Was gefragt?»

«Warum ich noch nicht verheiratet bin. Schließlich bin ich nicht mehr ganz jung. Dabei sehe ich ganz passabel aus, kann kochen, und auf den Kopf gefallen bin ich auch nicht.»

Ich musste an Paula denken. Auch sie hatte sich beschwert, das ich eine bestimmte Frage nicht gestellt hatte. Ich fragte mich, was das zu bedeuten hatte. War ich vielleicht zu dumm für die Weiber? Beherrschte ich die grundlegenden Regeln dieses ältesten Spiels der Welt etwa nicht? Ich sagte: «Stimmt alles, wenn es auch noch ziemlich stark untertrieben ist. Und dass du nicht verheiratet bist, kann mir doch nur recht sein. Sonst käme ich höchstwahrscheinlich gar nicht in den Genuss der ganzen Pracht. Also, warum sollte ich mir da Gedanken machen? Schließlich bist du ja kein Gebrauchtwagen.»

Sie musste lachen. «Ich glaube fast, du meinst das wirklich ernst.»

Ich seufzte. «Willst du mir etwas sagen?»

«Es ist das erste mal seit langer Zeit, dass ich wieder mit einem Mann geschlafen habe — seit sehr langer Zeit.»

«Und war’s schlimm?»

«Natürlich nicht, du Kindskopf. Und das weißt du auch ganz genau.»

«Wo ist eigentlich die Decke? Wir werden uns noch erkälten,» brummte ich und angelte im Dunkeln danach und zog sie wieder ins Bett über uns.

Inga schmiegte sich eng an mich. «Es war sehr schön.»

Ich grunzte. «Find ich auch. Also warum irgendwelche alten Geschichten aufwärmen? Du bist da, ich bin da. Und wir passen ziemlich gut zusammen. Das ist alles, was zählt, oder?»

«Ist das dein Ernst?»

«Was meinst du?»

«Das wir zusammen passen.»

«Eigentlich dachte ich, das wäre deutlich genug geworden. Aber wir können ja gleich noch mal…»

«Nein, nicht Bodo. Im Ernst, glaubst du, es könnte etwas werden mit uns?»

Einmal, ein einziges Mal nur möchte ich erleben, dass diese Frage nicht kommt. Wenigstens bei einer Frau, die kein Flittchen ist. Immer wenn es am schönsten ist, kommt garantiert dieser Stimmungverderber. Man kann die Uhr danach stellen. Was zum Teufel treibt die Weiber immer und immer wieder dazu? Ist es die Lust an der Zerstörung? Zwanghafte Zukunftsfixierung? Oder ein Chromosomendefekt? Ich weiß es nicht. Und ich fürchte, ich werde nie dahinter kommen. Das Ganze ist mir immer noch so rätselhaft wie am ersten Tag. Man gibt sein Bestes, alles ist in schönster Ordnung, und peng! dann so was. Es ist zum Verrücktwerden.

Ich knurrte: «Tut mir leid, ich habe meine Kristallkugel gerade nicht dabei.»

«Du willst es nicht wissen?» fragte sie.

«Warum freuen wir uns nicht einfach daran, dass es schön ist, wie es jetzt ist, und lassen alles Weitere auf uns zukommen. Es kommt sowieso so, wie es will.»

Sie zog sich ein wenig zurück von mir. «Schade.»

«Was ist schade.»

«Ich dachte, du wärst anders.»

«Wie anders?»

«Als die anderen Männer, die nur ihren Spaß haben wollen und dann…»

«He, ich bin anders. Ich bin Bodo Lünch. Und ich will den Spaß nicht nur für mich, sondern für uns beide. Was ist daran falsch?»

«Ist schon gut,» sagte sie leise, mit einem resignierenden Unterton in der Stimme. «Lass uns schlafen.»

Vielleicht kündigten sich ja ihre Tage an. Oder eine Migräne war im Anzug. Oder, oder, oder… Ich drehte mich auf die Seite und nahm mir vor, um sieben aufzuwachen. Das klappt bei mir. Meistens wenigstens.

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