16. Freitag

Vor dem totalen Verpennen am nächsten Morgen bewahrten mich Feddersens Leute, die auf dem Nachbargrundstück um sieben mit dem üblichen Getöse wieder zu Werke gingen. Ich sprang unter die Dusche, rasierte mich im Eiltempo, rief kurz bei Inga an, dass ich sie nicht vergessen hatte, und stürzte im Frühstückszimmer schnell noch zwei Tassen Kaffee hinunter. Dann machte ich mich auf die Suche nach meiner Karre. Da in dem Städtchen alles klein und übersichtlich und dicht beisammen war, musste ich nicht durch allzu viele Gassen irren, bis ich sie gefunden hatte. Trotz der frühen Stunde hatte ich schon einen Strafzettel unter dem Scheibenwischer. Ich knüllte ihn zusammen, warf ihn weg und schmiss mich hinters Steuer und brauste los.

Inga war von der letzten Nacht überhaupt nichts anzusehen. Frisch und schön wie der Morgen glitt sie auf den Beifahrersitz und lächelte: «Sie sehen müde aus, Bodo.»

«Muss das Tanzen gewesen sein,» brummte ich.

«Vielleicht ist der Muskelkater auch nur ein ganz gewöhnlicher Kater,» stichelte sie.

Betont entrüstet drehte ich den Kopf zu ihr. «Sie wollen damit doch wohl nicht andeuten, dass ich gestern Abend besoffen war?»

«Sie waren ein perfekter Gentleman,» versicherte sie mir mit damenhafter Ironie, falls es so etwas überhaupt gibt. «Nur, die Drinks hier oben sind nicht jedermanns Sache, wenn er aus dem Binnenland kommt.»

«Glauben Sie, dass ich dem Flachland nicht gewachsen bin?»

«Sie sind ein harter Bursche, Sie werden sich schon dran gewöhnen,» sagte sie fröhlich.

So ging das, bis wir die Autobahn erreicht hatten. Dann drehte ich voll auf. Und wenn ich voll sage, dann meine ich auch voll. Gleich auf den ersten Kilometern musste ich einen Fettklops von Siebener BMW bei Tempo zweihundertfünfzig ziemlich massiv mit der Lichthupe von der Überholspur sengen. Inga erkundigte sich mit einem mulmigen Unterton in der Stimme: «Das ist wohl ein ziemlicher schneller Wagen?»

«Nach oben praktisch unbegrenzt,» erklärte ich. «Leider habe ich für heute Morgen keinen freien Luftkorridor mehr gekriegt, deshalb müssen wir uns mit den Lahmärschen hier unten am Boden rumplagen.»

Gebannt starrte sie nach vorne.

Der Berufsverkehr in der Gegend von Hannover machte uns ein bisschen zu schaffen, aber sonst ging’s ganz munter voran. Und bis Göttingen brauchten wir alles in allem eindreiviertel Stunden.

Das Altersheim war eine vornehme, exklusive Angelegenheit in einer alten Villa mit Park und kiesbestreuter Auffahrt.

Ich stoppte vor dem Portal. «Bis heute Abend?»

«Um acht. Wenn du kannst,» sagte sie.

«Bis um acht,» nickte ich.

Sie stieg aus und ging, ohne sich umzusehen, die breiten Stufen hinauf. Ich kurvte um das Rondell und rauschte wieder zur Straße hinunter. Hatte sie eben ‚du‘ zu mir gesagt? Horrido! Die Autobahn hatte mich bald wieder, und den Rückweg schaffte ich in nur wenig mehr als anderthalb Stunden.

Im Büro traf ich einen schlecht gelaunten Prager an, der nörgelte, er habe mich weder gestern Abend, noch um Mitternacht, noch heute früh im Hotel angetroffen.

Ich zündete mir erst mal eine Havanna an und teilte ihm mit: «Da können Sie mal sehen, wie ich mich für die Firma aufreibe. Wenn Sie sich zur Ruhe begeben, ist mein Arbeitstag noch lange nicht zu Ende. Und wenn Sie aufstehen, bin ich längst schon wieder aus dem Haus. Wissen Sie wie viele Kilometer ich heute schon runtergerissen habe?»

«Sie werden’s mir sicher gleich sagen,» antwortete er mit einem boshaften Lächeln.

«Ganz recht,» paffte ich. «Ehre, wem Ehre gebührt. Es waren fünfhundert.»

«Und in welcher Angelegenheit?»

«Ist noch geheim — vorläufig.»

«Schön, schön. Aber heute Nacht hatte ich eigentlich den Eindruck, dass Sie schon im Hause waren, als ich von der Arbeit kam. Ihr Schlüssel hing nicht mehr an der Rezeption, und mir war, als vernähme ich ein Schnarchen, als ich an Ihrer Tür klopfte.»

«Sie müssen sich getäuscht haben,» beschied ich ihn. «Das kann nur aus einem Nachbarzimmer gekommen sein. Ich schnarche nämlich nicht.»

Er grinste müde. «Das behaupten alle Schnarcher.»

«Wenn ich Sie recht verstehe, wollten Sie mir mitteilen, dass Sie etwas Wichtiges für mich haben. Etwas so Wichtiges, dass Sie deswegen sogar zu nachtschlafener Zeit an fremden Türen lauschten.»

«Klopfte, bitte. Ich habe geklopft und nicht gelauscht. Das Geschnarche war unüberhörbar.»

«Wollen Sie mir vielleicht irgendein Patent-Anti-Schnarchmittel andrehen, oder was fasziniert Sie so an diesem Thema? Oder haben Sie vielleicht gar nichts Wichtiges für mich?»

«Ich denke, das habe ich schon.»

«Also raus damit.Oder ist es etwa geheim.»

«Im Gegensatz zu Ihnen pflege ich keine Geheimnisse,» erklärte er würdevoll.

Das Telefon klingelte: A.S.

«Wie sieht’s aus da oben bei Ihnen? Wie viele Entlassungen? Oder sind Sie etwa schon pleite?»

«Na blendend. Und von pleite kann gar keine Rede sein, wir schwimmen förmlich im Geld.» Ich hielt die Sprechmuschel zu und erkundigte mich bei Prager nach dem letzten Stande der Entlassungsstatistik.

«Zweihunderteinundvierzig,» raunte er mir zu.

Ich gab die Zahl an A.S. durch. Er ließ ein befriedigtes Grunzen vernehmen. «Na bitte, geht doch.»

«Find ich auch,» stimmte ich selbstgefällig zu.

«Werden Sie jetzt bloß nicht bequem. Das sind die Zahlen von gestern. Heute wird der Zähler wieder auf Null gestellt.»

«Ein paar Leute müssen Sie mir aber noch lassen, wir wollen ja auch Geld verdienen.»

«Ich hoffe doch sehr, dass Sie das sowieso tun,» knurrte er.

«Wird langsam schwierig bei den Abgängen, die wir hier haben. Im Augenblick planen wir schon wieder Neueinstellungen.» Zu Prager, der sich um die Früchte seiner Arbeit gebracht sah und ganz erschrocken guckte, machte ich eine bagatellisierende Handbewegung.

«Sind Sie verrückt geworden?!» krächzte A.S. aus dem Hörer.

Das hatte ich hören wollen. Großspurig sagte ich zu ihm: «Im Moment holen wir bergeweise Aufträge herein, wir werden hundert neue Leute brauchen, um damit fertig zu werden. Vielleicht auch mehr.»

Mit tückisch gedämpfter Stimme antwortete er: «Wenn ich nicht genau wüsste, dass das wieder eine von Ihren kindischen Provokationen ist, würde ich Sie sofort ablösen.»

«Seien Sie sich da nicht so sicher. — Kann ich sonst noch was für Sie tun?»

«Bringen Sie mir mein Geld zurück.»

«Geht klar — soweit es sich noch im Lande befindet.»

«Was soll das nun wieder heißen?»

«Es mehren sich die Anzeichen dafür, dass einiges beiseite geschafft wurde. Und im Fadenkreuz haben wir dabei vor allem Burger, den Sie, wenn ich nicht irre, persönlich eingestellt haben.»

«Vor allem habe ich ihn persönlich gefeuert,» schnauzte A.S. zurück. Aha, ich hatte also seinen Nerv getroffen.

Fröhlich stellte ich ihm mal wieder die Frage, die er so gerne hörte: «Wissen Sie zufällig, wo er sich gerade aufhält?»

«Nein, weiß ich nicht! Ist mir auch schnurzpiepegal! Das habe ich Ihnen schon gestern gesagt!»

«Ich glaube, es war vorgestern.»

«Warum fragen Sie dann so dämlich!?»

«Dachte mir, es könnte sich etwas Neues ergeben haben. Schließlich ist das Geld wahrscheinlich da, wo Burger ist. Oder er weiß, wo es ist. Aber damit man ihn danach fragen kann, muss man erst mal wissen, wo er selber ist.»

«Erzählen Sie mir bloß nicht, Sie hätten selber verstanden, was Sie da gerade vom Stapel gelassen haben.»

«Muss ich das denn?»

«Man soll niemanden überfordern. Deshalb würde es mir schon genügen, wenn Sie verstehen, was ich vom Stapel lasse.»

«Okay, dann lassen Sie mal was vom Stapel zum Thema Revision. Wie sind Sie da vorangekommen? Ist sie schon aufgelöst? Kann ich Prager sagen, dass unsere Gehälter verdoppelt werden?» Ich muss zugeben, ich war ein bisschen kühn an diesem Morgen. Das lag wahrscheinlich noch an diesem Fischergrog.

Kurioserweise gingen Shoemakers Überlegungen in dieselbe Richtung. Geladen erkundigte er sich: «Haben Sie vielleicht irgend etwas inhaliert?»

«Ich will ja nicht Präsident werden.»

«Mir scheint, Ihre Nerven sind etwas überreizt. Vielleicht ist das Ganze doch zu viel für Sie. Sie sollten sich das Wochenende frei nehmen und sich ins Bett legen und kalte Kompressen machen. Und wenn es bis Montag nicht besser ist, empfehle ich Ihnen dringend, einen Nervenarzt aufzusuchen. Ich hoffe, die haben da oben so was in der Art. Andernfalls gehen Sie zu einem Schamanen oder zu einer Kräuterhexe, nehmen Sie, was Sie kriegen können. In Ihrem Zustand können Sie jede Hilfe brauchen.» Mit diesen warmen, fürsorglichen Worten legte er auf.

Schade, ich hätte ihm gerne noch untergejubelt, dass ich wusste, wo Burger war.

Prager schüttelte den Kopf. «Mann, Mann, wie Sie mit dem Boss reden…»

«Was regen Sie sich auf? Sie haben’s doch gehört, ich habe gerade versucht, eine ordentliche Gehaltserhöhung für Sie herauszuschlagen,» hielt ich ihm entgegen.

Aber das beeindruckte ihn nicht. Es war schon seltsam, er war für die Firma und damit für A.S. noch wichtiger als ich, und trotzdem hatte er Manschetten vor dem alten Halunken. Nicht gerade, dass er unterwürfig gegenüber ihm gewesen wäre, aber sein Respekt vor ihm kannte praktisch keine Grenzen. Erkläre mir das mal einer. Vielleicht sollte ich Inga mal fragen, was die Sterne dazu sagten.

«Er ist der Boss,» sagte er in einem Ton, als müsse er mir es noch mal ganz genau erklären.

«Ja, und? Ist er vielleicht aus Zuckerguss gemacht, oder besteht er aus explosivem Material, oder gibt es sonst irgendeinen Grund, ihn in Watte zu packen?»

«Also, ich hab schon erlebt, wie er aus viel geringeren Anlässen Leute zum Teufel gejagt hat.»

«Natürlich hat er das, wenn er irgendwelche Pflaumen vor sich hatte, die nichts brachten. Aber wer was leistet, der hat auch einen Wert. Und wer einen Wert hat, der braucht nicht mit eingezogenem Kopf und Schwanz rumzulaufen. Sie sollten das auch mal probieren.»

«Werde mich hüten.»

«Jedem nach seiner Fasson. Ich würde jedenfalls mein Verhältnis zu diesem alten ausgekochten Schweinehund als außerordentlich herzlich bezeichnen.»

«Sie werden ihm Magengeschwüre und ’nen Herzinfarkt einbringen.»

«Wenn er sich in dieser Hinsicht irgend etwas zuzieht, dann höchstens deshalb, weil er es immer noch nicht geschafft hat, sich von seinen verdammten amerikanischen Essgewohnheiten zu trennen.»

«Sie bringen ihn noch ins Grab,» beharrte er. «Und wenn er erst mal weg ist, wen kriegen wir dann? Einen Betriebswirtschaftsschnösel frisch von der Uni? Oder irgendein toughes amerikanisches Businessgirl mit grauem Kostüm und rot geschminkten Lippen? Besser wird es sicher nicht.»

«He, Prager, Sie haben ja direkt Phantasie,» staunte ich. «Passen Sie bloß auf, dass die Ihnen nicht in die Quere kommt, wenn Sie mit den Büchern zugange sind. Für Buchhalter gilt so was als ausgesprochenes Handikap.»

«Machen Sie sich da mal keine Sorgen. Wenn ich die Bücher mache, hat alles seine Ordnung.»

«Wollen’s stark hoffen. Alles andere würde auch mein Weltbild irreparabel zerstören. — Aber A.S. hat uns ein bisschen vom Thema abgebracht. Sie wollten mir doch irgendwas sagen.»

«Angesichts des massenhaften Spesenbetrugs wollte ich Sie eigentlich nur fragen, ob ich irgendwo eine Untergrenze einziehen soll. es besteht nämlich die Gefahr, dass, wenn wir allen Fällen nachgehen, unsere gesamten Buchprüfungskapazitäten auf Wochen hinaus gebunden sein werden. Außerdem könnte es leicht sein, dass wir zumindest die Verwaltung fast komplett entvölkern.»

«Wieso zum Teufel konnte hier eigentlich so gut wie jeder Spesen abrechnen?»

Er zuckte die Achseln. «Vielleicht lag das am leuchtenden Vorbild von Burger. Er hat es geschafft, in den knapp drei Jahren seiner Amtszeit, Spesen von knapp einer halben Million zusammenzufahren.»

Ich stieß einen leisen Pfiff aus und nuckelte nachdenklich an meiner Havanna. «Ich werde mir mal ein paar geeignete Auswahlkriterien ausdenken. Bis dahin beschränken Sie sich auf eine rein qualitative Überprüfung. Das heißt, erst mal nur die dicksten Dinger. Dann werden wir weitersehen. — Wie ist es gestern eigentlich bei den Verhören mit den Telefonjunkies gelaufen?»

«Völlig reibungslos. Nur drei haben es geschafft, sich rauszureden. Starke Nerven brauchte man allerdings schon.»

«Sie haben sich doch wohl nicht von Bollmann anstecken lassen?»

«Kein Gedanke. Ich meine nur die Ausreden, die man sich anhören musste. So dämlich wie hier waren sie noch nie. Einer versuchte uns sogar weiszumachen, seine Privatgespräche habe er mit seiner schwer kranken Mutter geführt. Die alte Dame liegt aber seit acht Wochen auf der Intensivstation im Koma und wird künstlich beatmet. Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wie man mit so jemandem telefonieren können soll, außer auf telepathischem Wege, aber der ist bekanntlich gebührenfrei.»

«Das ist wirklich bitter, wenn man so verschaukelt wird. Ich hoffe, Bollmann hat es nervlich durchgestanden.»

«Er machte eigentlich einen ganz munteren Eindruck.»

«Ich schätze gestern war sein ganz persönlicher Rekord an Entlassungen.»

«Serienentlassungen in diesem Umfang schienen ihm recht neu zu sein,» stimmte Prager zu.

Ich sagte: «Okay, dann klemmen Sie sich bis auf Weiteres mal wieder hinter die Spesenabrechnungen.»

Er nickte und zog ab.

Burger fing an, mir ernstlich Sorgen zu machen. Für einen Moment spielte ich mit dem Gedanken, das Hauptquartier in Cleveland einzuschalten. Die hätten den Halunken sofort vom FBI als Staatsfeind Nummer eins ausschreiben lassen und ihre Security nach Waikiki gejagt, um ihn zu schnappen. Aber das hätte so ausgesehen, als ob ich nicht alleine mit dem Problem fertig würde. Ich griff zum Telefon und rief eine Detektei in Frankfurt an, die über ausgezeichnete internationale Beziehungen verfügte und mit der ich in solchen Fällen schon öfter erfolgreich zusammengearbeitet hatte. Ich erkundigte mich, ob sie eine Observation auf Hawaii arrangieren könnten. Sie konnten, und ich erteilte ihnen den Auftrag und verlangte tägliche Berichterstattung und eine unverzügliche Verfolgung, falls sich das Vögelchen absetzen sollte. Danach war mir wohler.

Fünf ruhige Minuten hatte ich für mich und meine Havanna, dann geschah das Erstaunliche, und B.B. erschien persönlich bei mir im Büro. Etwas verwundert blickte sie sich um und meinte: «Sie sind ja bescheiden untergebracht.»

Ich lächelte sie an. «Bescheidenheit ist eine Zier, doch besser lebt man ohne ihr, wie der Dichter sagt. Aber das gilt nicht, wenn es auf Kosten der Firma ist. — Was kann ich für Sie tun?»

«Ich wollte Ihnen nur das PR-Konzept für die Kläranlagenangelegenheit vorbeibringen,» sagte sie und legte einen Aktenhefter vor mich hin.

«Hätte das nicht Frau Rußwurm erledigen können?»

«Die ist gerade sehr beschäftigt.»

«Ah so.»

«Haben Sie sich gestern Abend gut amüsiert?»

Aha, daher wehte der Wind. Ich sagte: «Wie man sich bei einem Arbeitsessen eben amüsieren kann.»

«Ach so, Sie waren dienstlich da. Ich habe diese Dame hier noch gar nicht gesehen.»

«Sie arbeitet auch nicht für Maddox, sondern in der öffentlichen Verwaltung.»

«Ein nettes Mädchen.»

Was war hier eigentlich los? Erörterten wir mein Privatleben? Betrachtete B.B. sich etwa schon als Teil davon? Ich verbreitete viel blauen Dunst um mich herum und meinte: «Na, na, doch wohl eher eine gestandene Frau. Eine Fachfrau für Grundbuchangelegenheiten, wenn Sie’s ganz genau wissen wollen.»

«Es geht mich ja nichts an.»

Ein wahres Wort, aber auch ein Textbaustein aus dem Wörterbuch der Frauen, die damit genau das Gegenteil zum Ausdruck bringen wollen. Mir war immer noch nicht klar, wieso sie eigentlich dermaßen ranging. Vor ein paar Tagen war ich noch das personifizierte Ekel für sie gewesen, und jetzt rückte sie mir aus heiterem Himmel auf die Pelle. Was war passiert? Reichte ihr Herr Bechtel oder Buderus oder wie auch immer nicht mehr? War es Futterneid auf Inga? Oder Teil ihrer Karriereplanung? Ich konnte mich nicht erinnern, in ihr in dieser Beziehung irgendwelche Besorgnisse ausgelöst zu haben.

Sie setzte an: «Ich wollte nur…»

«Ja-ah?»

«Ich wollte Sie nur fragen, ob Sie vielleicht Zeit und Lust hätten, zu unserem Gartenfest zu kommen, das wir morgen geben. Nichts Großes, es werden nur ein paar enge Freunde da sein.»

«Vielen Dank für die große Ehre. Leider werde ich morgen den ganzen Tag hier in der Firma zu tun haben und weiß wirklich noch nicht, wie lange das geht.»

«Kommen Sie einfach, wenn Sie fertig sind. Ich hebe Ihnen auf jeden Fall etwas zu essen auf.»

Ich deutete eine Verneigung an. «Mille grazie. Aber wenn ich bis zwölf nicht da bin, können Sie meine Portion an die begierigen anderen Gäste verfüttern. Um diese Zeit ruft mich nämlich gebieterisch mein Schönheitsschlaf.»

«Gut,» nickte sie. «Machen wir es so.»

Sie war gerade zur Tür hinaus, als das Telefon klingelte und Ohlsen mir mitteilte, dass der Transport aus der Ukraine eingetroffen sei.

«Wer zahlt das Geld aus?» erkundigte ich mich.

«Das macht der Menges.»

«Okay, sagen Sie ihm, er soll die Nummern der Scheine notieren.»

«Was haben Sie vor?»

«Weiß ich selber noch nicht genau,» knurrte ich und legte auf.

Ich ging zu Herzchen hinüber und teilte ihr mit, dass ich bis auf Weiteres außer Haus wäre. Dann suchte ich Kretschmer auf.

«Haben wir einen unauffälligen Wagen zur Verfügung?» fragte ich ihn.

«Haben wir schon, denke ich,» sagte er langsam. «Worum geht’s denn?»

«Kleine Observierung. Kommen Sie.»

Der Wagen war ein neutraler weißer Opel Kombi. Nur die Funkantenne auf dem Dach störte etwas.

Wir stiegen ein.

Kretschmer drehte den Kopf zu mir. «Wohin?»

«Erst mal mal nach hinten ins Werk, da müssen irgendwo gerade ukrainische Tanklaster abladen.»

Er startete den Motor und wir rollten los. An einer der Produktionshallen standen zwei Tanksattelschlepper und ließen ihre Fracht ab.

Kretschmer hielt an und parkte so, dass wir beide Seiten der Laster im Blickfeld hatten. Wir warteten. Ohlsen kam in einem weißen Kittel angeweht und wechselte ein paar Worte mit einem der Fahrer. Ladepapiere wurden übergeben, Durchschläge abgezeichnet. Wenig später erschien Menges mit dem Geld. Der Fahrer, mit dem Ohlsen gesprochen hatte, nahm es entgegen und quittierte. So weit, so gut. Ich holte mir eine Havanna raus.

Kretschmer nickte zu einem Banner hin, das zwischen den Hallen über die Straße gespannt war und dreimal eine durchgestrichene Zigarette im roten Kreis zeigte. «Sie wollen uns doch nicht in die Luft jagen?»

Wo er Recht hatte, hatte er Recht. Ich steckte den Tabakstengel wieder weg.

Die Entladearbeiten kamen langsam zum Ende. Die Schlauchverbindungen wurden getrennt. Ohlsen blickte sich kurz suchend um und verschwand in der Halle. Auch Menges trollte sich. Die Fahrer turnten in ihre Kabinen und schmissen ihre rußenden Kamas-Trucks an. Als sie an uns vorbeifuhren, machte Kretschmer sich Notizen auf einem Block.

«Was machen Sie da?»

«Ich schreibe mir nur die Kennzeichen auf — für alle Fälle,» erklärte er mir grinsend und warf den Block aufs Armaturenbrett und ließ den Motor an und wendete.

«Sehr vernünftig,» lobte ich.

Langsam und mit viel Abstand rollten wir den beiden Tankern durchs Werksgelände hinterher.

«Was machen wir eigentlich, wenn sich die beiden trennen?» fragte Kretschmer.

«Wir halten uns an den vorderen. Das ist der Fahrer mit dem Geld.»

«Worauf sind wir eigentlich aus?»

«Dass etwas passiert.»

«Und was?»

«Keine Ahnung. Meine Nase sagt mir nur, dass hier irgendwas stinkt. Ich will wissen, warum die Lieferungen in bar bezahlt werden. Ich habe eine Menge Erklärungen gehört, aber keine, die mich überzeugt hätte. Da muss es irgendeinen fiesen Dreh geben.»

Die Tanker passierten die Pforte, qualmten durchs Städtchen und nahmen die Bundesstraße nach Süden. Und wir mit Abstand immer hinten dran.

«Warum nehmen die nicht die Autobahn?» fragte Kretschmer.

Da wir jetzt weit genug weg von allen Verbotsschildern und Explosionsgefahren waren, zündete ich mir endlich eine Havanna an und meinte: «Vielleicht holen sie ja bei irgendeinem Schweinefarmer die Jauche ab und verkaufen sie in der nächsten Farbenfabrik als eins A Holzschutzlasur oder so.»

Kretschmer grinste. «Zuzutrauen wär’s ihnen.»

«Alle Welt guckt nur noch auf den Preis. Mach den Leuten einen Superpreis, und du kannst ihnen Scheiße verkaufen. Auf diese Art ist auch Maddox-Color in dieselbe geraten. Aber ich bin sicher, nicht nur unsere ukrainischen Busenfreunde haben daran verdient. Da hat noch jemand die Hand aufgehalten.»

«Und wer?»

«Wird sich bald rausstellen.»

«Was macht Sie so sicher?»

«Die Tatsache, dass niemand seinen Arbeitsplatz für längere Zeit verlassen kann, ohne Erklärungen abgeben oder gar eine offizielle Erlaubnis einholen zu müssen. Sagen wir, dreißig Minuten maximal. In einer halben Stunde kann man ungefähr dreißig Kilometer fahren — hin und zurück. Also dürfte spätestens so bei Kilometer fünfzehn etwas passieren.»

«Da komm ich nicht mit.»

«Ist doch ganz einfach. Meine Theorie beruht darauf, dass die Lieferung gegen bar erfolgt, weil ein Teil des Geldes Schmiergeld ist, das wieder an jemanden in der Firma zurückfließt. In der Firma konnte es der Fahrer natürlich nicht übergeben. Hat er ja auch nicht, wie wir gesehen haben. Überweisen wird er es aber ganz bestimmt auch nicht. Also bleibt nur die persönliche Übergabe irgendwo außerhalb. Und weil die Brüder ja dringend weiter müssen, um irgendwen anderes zu bescheißen, werden sie es ziemlich bald hinter sich bringen wollen. Und das werden wir uns mal angucken. Das ist übrigens auch der einzige Grund, warum wir heute denen ihre gottverdammte Pissbrühe überhaupt noch mal abgenommen haben. Ab nächster Woche werden wir einen neuen Lieferanten haben.»

«Und haben Sie schon jemand im Verdacht?»

«Burger.»

«Aber der ist weg.»

«Sehr wahr. Ich nehme allerdings an, dass er einen Laufburschen gehabt hat, der an der Sache auch ein paar Euro verdient hat. Und heute ist für ihn die große Chance, Burgers Anteil mit abzukassieren. Das wird er sich kaum entgehen lassen. Oder was meinen Sie?»

«Junge, Junge, Sie sind schon ein ganz schöner durchtriebener Schweinehund.»

«Finden Sie? So durchtrieben muss man da gar nicht sein, ein bisschen Lebenserfahrung genügt völlig.»

Wir kamen in ein Waldstück, die Tanker wurden langsamer. Die Autos, die vor uns fuhren, überholten sie. Rechts kam ein Parkplatz, dort bogen sie ein.

«Fahren Sie weiter,» sagte ich zu Kretschmer. «Wenden Sie irgendwo weiter hinten, und dann suchen wir uns drüben auf der anderen Seite ein Plätzchen, von dem man alles im Auge hat, ohne selber aufzufallen.»

Er machte es, und auf der anderen Straßenseite fand sich ein Waldweg, in den wir rückwärts hineinstießen. Ich kurbelte die Seitenscheibe herunter und tauschte den Havannaqualm gegen würzige Waldluft aus. Durch die Zweige des Unterholzes konnten wir sehen, dass die beiden Fahrer ein Zigarettenpause machten und sich die Beine vertraten. Sie spähten die Straße entlang in die Richtung, aus der wir gekommen waren.

Wir mussten nicht lange warten. Ziemlich bald kreuzte ein anthrazitfarbener Volvo auf und rollte auf den Parkplatz. Der eine der Trucker trat an den Wagen heran und wechselte mit dem Fahrer durch das heruntergelassene Seitenfenster ein paar Worte,

«Kennen Sie ihn? Ist er aus der Firma?» fragte ich Kretschmer.

Der linste durch ein Fernglas. «Hm, ich glaube, das ist Nobling.»

«Wer ist Nobling?»

«Hauptabteilungsleiter Einkauf und Beschaffung im Produktionsressort.»

Der Trucker reichte Nobling etwas durchs Fenster. Dann gab er seinem Kumpel einen Wink, und sie bestiegen ihre Kisten, starteten die Motoren und rußten davon.

«Los, rüber,» sagte ich zu Kretschmer. «Blockieren Sie ihn.»

Kretschmer ließ einen Bus passieren, und jagte er den Opel schräg über die Straße auf den Parkplatz hinüber und stellte ihn vor dem Volvo quer. Ich sprang raus und riss die Fahrertür des Volvos auf.

«Nobling?»

Erschrocken blickte er von dem Haufen Geld auf seinem Schoß auf, den er nachdenklich betrachtet hatte. «Wer sind Sie?»

«Ihr neuer Boss, Sie haben sicher schon von mir gehört,» grinste ich und grapschte mir die Scheinchen. «Dies ist Geld der Firma.» Ich hielt den Packen Kretschmer hin und forderte ihn auf: «Zählen Sie es mal.»

Nobling blickte konsterniert zwischen uns beiden hin und her. Er war um die vierzig. Dunkle, volle Haare. Sportlich gebaut. Langsam kam er wieder zu sich und mimte den Verärgerten und wollte wissen: «Was hat das zu bedeuten?»

«Dass Sie eine Menge zu erklären haben werden,» unterrichtete ich ihn.

Kretschmer war mit seiner Zählung durch wie der Blitz und verkündete: «Das sind achtzehntausend Euro.»

«Achtzehntausend?» echote ich und wandte mich wieder zu Nobling. «Heißt das etwa, dass Sie die Firma um achtzehntausend Mäuse beschissen haben?»

«He, geben Sie mir mein Geld wieder,» röhrte er.

«Ihr Geld?!» blaffte ich ihn an. «Dieser Zaster gehört Maddox-Color, mein Freund. Wir können es beweisen, die Nummern der Scheine sind notiert.»

Das brachte seinen Widerstand mit einem Schlag zum Einsturz. Er saß nur da und gaffte mich mit halb offenem Mund an.

«Sie haben jetzt exakt zwei Möglichkeiten,» klärte ich ihn auf. «Entweder, Sie kommen mit Herrn Kretschmer und mir und klären uns restlos über Ihre Vermögensverhältnisse auf. Oder wir fahren zusammen zur Polizei, wo ich Sie verhaften lassen und wegen Verdunkelungsgefahr einsperren lassen werde. — Also, was ist?»

Er brauchte ziemlich lange, bis er zu einem Ergebnis gekommen war. Schließlich nickte er und sagte mit belegter Stimme: «Okay, Sie haben gewonnen.»

«Von einem Gewinn irgendwelcher Art kann ja wohl nicht die Rede sein,» polterte ich los. «Im Augenblick sprechen wir nur über Verluste, die Sie der Firma verursacht haben. Über ganz horrende Verluste, wie es aussieht.»

«Ich hab doch nicht das ganze Geld für mich…,» fing er an.

Aber ich schnitt ihm das Wort ab. «Das können Sie uns nachher erzählen. Steigen Sie bei uns ein.»

«Aber mein Wagen…»

«Der bleibt hier stehen. Sie können ihn nachher abholen — wenn wir ihn nicht pfänden lassen müssen.»

Wie aufgezogen stieg er aus und schloss ab. Kretschmer hielt ihm am Opel eine Tür auf und machte dazu ein amtlich-strenges Gesicht.

Zehn Minuten später saßen wir in Kretschmers Werkschutzleiterbüro.

«Wie lange geht das schon so?» fragte ich.

Nobling zog die Brauen zusammen. «So an die zwei Jahre.»

Ich pfiff durch die Zähne. «Pro Woche eine Lieferung für rund vierzigtausend Euro, davon fünfundvierzig Prozent Schmiergeld, macht per saldo eins Komma acht Millionen. Für den Lieferanten blieb nach Abzug der Transportkosten und allem Pipapo da noch nicht mal ein abgenagter Knochen übrig. Kein Wunder, dass sie uns nur Pferdepisse geliefert haben.»

«Hören Sie!»

«Ja-ah?»

«Das war doch nicht meine Idee. Ich hab den Deal doch nicht ausgehandelt!»

«So? Wer denn?»

«Burger.»

«Wie kommen Sie auf Burger?»

«Na, es war doch seine Idee.»

«Ist es nicht vielmehr so, dass Sie alles auf Burger schieben, weil er nicht mehr da ist und so einen prächtigen Sündenbock abgibt, dem man praktisch alles in die Schuhe schieben kann?»

«Fragen Sie ihn doch!»

«Würde ich ja gerne. Können Sie mir sagen, wo er zu finden ist?»

«Keine Ahnung. Er wird Ihnen ja doch wohl seine Adresse hinterlassen haben.»

Mit finsterer Miene erkundigte Kretschmer sich: «Und wie ist das zugegangen mit diesem angeblichen Deal von Burger?»

«Burger war mal auf Geschäftsreise in der Ukraine. Als er zurück war, kam er zu mir und sagte, er hätte da einen Lieferanten aufgetrieben, der uns zu sehr günstigen Konditionen beliefern könnte. Und dass er dafür sogar noch Provision zahlen würde.»

«Soso,» brummte ich. «Und wie sollte das ablaufen?»

«Burger hatte sich schon alles ganz genau ausgedacht. Er sagte, die Bezahlung würde in bar abgewickelt zum offiziell vereinbarten Preis, und davon würde dann die Provision abgezogen und an einem unverfänglichen Ort übergeben.»

«Wer hat davon wieviel gekriegt?» fragte Kretschmer knapp.

«Na, die Provision gehörte Burger. Er wollte sie nur nicht persönlich abholen. Deshalb hat er mich geschickt.»

«Und Sie haben das ganz umsonst für ihn getan, weil er ja der Boss war?» bohrte ich.

«Nicht ganz umsonst. Zehn Prozent von der Provision hat er mir überlassen — fürs Abholen.»

«Und was haben Sie mit seinem Anteil von heute vor?»

«Darüber habe ich noch nicht nachgedacht.»

«Wer’s glaubt wird selig,» schnaubte Kretschmer. «Und letzten Freitag war Burger auch schon nicht mehr da, da haben Sie auch schon den ganzen Betrag eingesackt»

«Ist das wahr?» fragte ich Nobling mit einem freundlichen Lächeln, das ihm sichtlich unerträglich vorkam.

Er lockerte seinen Schlips. «Na ja…»

«Was ist mit Ohlsen?» erkundigte ich mich.

«Ohlsen? Der hat davon keine Ahnung.»

«Und an der lausigen Qualität der ukrainischen Brühe ist ihm nichts aufgefallen?»

«Dem doch nicht,» sagte er verächtlich. «Der denkt doch nur an seine Hochseeyacht und liest den ganzen Tag Segelzeitschriften.»

Sieh mal einer an, da hatte ich doch gar nicht so schief gelegen.

Nobling fuhr fort: «Der einzige, der gemeckert hat, war Meyer.»

«Wer ist Meyer?»

«Das ist der andere Hauptabteilungsleiter im Produktionsressort,» erklärte mir Kretschmer. «Er ist für die Farbenherstellung zuständig.»

«Aber weil es eine Anordnung von Burger war, konnte er nichts machen,» fügte Nobling hinzu.

«Wer hat sonst noch die Hand aufgehalten bei diesem Schmierentheater?»

«Niemand,» erklärte Nobling und schien sich zu wundern, wie man überhaupt auf diese Idee kommen konnte.

Ich zündete mir eine neue Havanna an, lehnte mich zurück und dachte nach. Und als das Ergebnis da war, verkündete ich: «Okay, zufällig haben wir gerade einen Buchprüfer im Haus, dem werden Sie Ihre sämtlichen privaten Kontounterlagen für die letzten zwei Jahre vorlegen, inklusive der Kontoauszüge aller Ihrer näheren Verwandten. Der Herr Kretschmer wird gleich mit Ihnen nach Hause fahren und Ihnen beim Zusammensuchen helfen. Dann werden Sie mit unserem Herrn Korf von der Rechtsabteilung zum Notar gehen und Ihre Aussage schriftlich niederlegen und eine eidesstattliche Versicherung über die Richtigkeit abgeben. Und bis Dienstag nächster Woche werden Sie in der Buchhaltung bei Herrn Menges allen Zaster abliefern, den Sie der Firma unterschlagen haben. Also die summa summarum Hundertachtzigtausend Ihres Schmiergeldanteils plus die achtzehntausend von letztem Freitag.»

Wie von einem Keulenschlag getroffen hing Nobling auf seinem Stuhl und schüttelte fassungslos den Kopf. «Das kann ich nicht.»

«Was können Sie nicht?» erkundigte ich mich.

«Das mit den Kontoauszügen von den Verwandten.»

«Ich nehme doch an, Ihre Verwandten haben gut gelebt von Ihren ertragreichen Nebengeschäften. Die werden sicher Verständnis dafür haben und nicht wollen, dass Sie im Bau landen.»

«Und die Hundertachtzigtausend habe ich auch nicht mehr.»

«Schnelles Geld ist schnell verbraten, wie?»

«So ähnlich.»

«Aber es war nicht Ihr Geld.»

«Es war Burgers Idee.»

«Vergessen Sie Burger, der kann Ihnen nicht mehr helfen. Der nicht nicht mal mehr sich selbst helfen.»

«Ich habe nichts mehr davon. Ich bin blank.»

«Dann besorgen Sie sich’s eben!» raunzte Kretschmer ihn an.

«Wie denn?»

«Bin ich Ihr Kindermädchen? Gehen Sie zur Bank und nehmen einen Kredit auf. Malen Sie Ostereier an oder schicken Sie ihre Schwiegermutter auf den Strich!»

Der Mann hatte ja richtig Humor. Er wurde mir immer sympathischer. Betont milde sagte ich zu Nobling: «Was der Herr Kretschmer damit sagen will, ist, dass die Firma klamm bis auf die Knochen ist, nicht zuletzt dank Ihrer Schiebergeschäfte. Wir befinden uns in einer sehr ernsten Situation, in der jeder das Seinige zu einer Rettung beitragen muss. Und Ihr Job ist es, den abgezweigten Zaster wieder beizubringen. Wenn Sie das nicht tun, und die Firma kriegt Zahlungsprobleme, könnte es nämlich sein, dass Maddox Sie auf den gesamten Schaden eines etwaigen Konkurses in Anspruch nehmen wird. Und das werden dann Millionen sein. Sie würden dann Ihres Lebens nicht mehr froh. Also vertrödeln Sie keine Zeit mit Ausreden und Trübsalblasen, sondern sehen lieber zu, dass Sie die Knete ranschaffen. Dienstag ist wirklich die allerletzte Frist.»

Meine Handy klingelte. Es war Herzchen. Sie berichtete: «Der Herr Schnell ist wieder da.»

«Welcher Schnell?»

«Der Vorsitzende vom Betriebsrat.»

«Schicken Sie ihn dorthin, wo der Pfeffer wächst!»

«Das geht nicht.»

«Warum nicht?»

«Er hat den ganzen Betriebsrat mit dabei. Und sie sagen, dass sie nicht wieder gehen, bevor sie mit Ihnen gesprochen haben.»

Wenn ich’s mir recht überlegte, war ich gerade so richtig aufgelegt für eine kleine Saalschlacht. Ich knurrte: «Okay, schicken Sie die Bande in den Konferenzsaal hoch. Ich komme dann gleich.»

Und weil ich gerade so schön am Telefonieren war, klingelte ich noch Prager und Korf an und informierte sie über das, was in Sachen Nobling auf sie zukommen würde.

Ich nickte Kretschmer und Nobling zu. «Ab mit Ihnen beiden, Kontoauszüge einsammeln.»

Gemeinsam verließen wir Kretschmers Bürobude.

Zunächst mal marschierte ich zu Menges und lieferte bei ihm den Kies ab, den ich Nobling abgeknöpft hatte.

«Was ist das für Geld?» fragte er, als ich ihm den Packen auf den Tisch geblättert hatte.

«Eigentlich war das als Schmiergeld für Burger gedacht. Es stammt aus diesen verdammten Barzahlungen für die Rohstofflieferungen. Die waren genauso faul, wie sie von Anfang an ausgesehen haben.»

Menges sagte: «Oh!»

«Ich weiß nur noch nicht genau, wie wir die zurückfließenden Mittel — es kommen noch mehr — verbuchen sollen. Als außerordentlicher Ertrag geht nicht. Dann tauchen sie in der Gewinnrechnnung auf und werden uns gleich von der Zentrale weggekrallt. Es ist Geld für Materialbeschaffung, und dafür wird es auch wieder eingesetzt. Sie können sich zusammen mit Prager schon mal was ausdenken. Und bis wir da klarer sehen, nehmen Sie den Zaster erst mal nur in Verwahrung, ohne ihn zu verbuchen. War ich deutlich genug?»

«Sicher doch. Wollen Sie eine Quittung haben?»

«Wozu eine Quittung. Ihnen kann man doch vertrauen, oder?»

«Wenn Sie meinen,» lächelte er gebauchpinselt.

Aber das war weder Tag noch Stunde für Komplimente, und ich knurrte: «Das meine ich nicht, das hoffe ich.»

Als nächstes beehrte ich Bollmann mit meiner Visite. Er hatte schon wieder einen Grund zur Krise. Hinter einem Berg von Briefen kaum noch sichtbar saß er an seinem Schreibtisch und jammerte: «Sehen Sie sich das mal an, das sind die Zuschriften auf unsere Stellenannonce für Ihren Assistenten. — Hunderte, vielleicht sogar tausende. Wie soll ich da bloß durchkommen?»

Herrgott, war das denn wirklich so schwer? Ich knurrte: «Ist doch ganz einfach: Lassen Sie Ihre Sekretärin kommen, halten Sie ihr die Augen zu und lassen Sie sie zehn Umschläge ziehen. Mit denen werden wir uns näher befassen. Der Rest kommt in den Altpapiercontainer.»

«Aber das geht doch nicht.»

«Wieso geht das nicht?»

«Die Leute wollen doch eine Antwort.»

«Keine Antwort ist auch eine Antwort, sie bedeutet: durchgefallen.»

«Aber die Unterlagen sind das Eigentum der Bewerber. Sie können zu Recht erwarten, dass sie sie wieder zurückbekommen. Außerdem ist es üblich, sich für das entgegengebrachte Vertrauen zu bedanken.»

«Sie können diese Schreiben ja gerne in Ihrer Freizeit bearbeiten und auf eigene Kosten zurückschicken — nichts dagegen. Und was die allgemeinen Sitten angeht, die haben sich geändert, wir leben in harten Zeiten, für feinsinnige Umgangsformen ist da kein Platz mehr, sie rechnen sich nicht. Da können Sie hingucken, wohin Sie wollen.»

Mit einer Mischung aus Erschütterung und Verzagtheit blickte er mich über den Briefberg hinweg an. Ich gab ihm keine Gelegenheit, den Zustand der Welt zu beklagen und erklärte: «Aber gekommen bin ich eigentlich wegen ganz was anderem — oben wartet der versammelte Betriebsrat auf mich. Gibt es aus Ihrer Sicht irgendwas, was im Umgang mit diesen Brüdern besonders zu beachten ist? Ich meine, hat Schnell eine gefährliche Rechte, kann irgendwer von denen Taekwondo, oder befinden sich vielleicht sogar Terroristen unter ihnen? Oder neigen sie dazu, mit faulen Eiern zu werfen?»

Bollmann schickte ein tapferes Lächeln zu mir herüber. «Davon ist mir nichts bekannt. Auf eines sollten Sie allerdings Acht geben: und zwar auf Merkel, der ist zwar nur einfacher Betriebsrat, noch mit mal stellvertretender Vorsitzender oder so. Aber bei dem laufen die Fäden zusammen, das ist der Vertrauensmann der Gewerkschaft. Er sagt nie viel, doch auf seine Reaktionen kommt es an, nach denen richten sich die anderen.»

Ich bedankte mich artig für den Tipp und zog dann weiter zu Ohlsen. Oben schmorte der Betriebsrat im Konferenzsaal, das war mir sehr wohl bewusst, und das sollte auch genau so sein. Vielleicht kratzten sie schon die Tapeten von den Wänden oder hatten die Möbel zerkleinert und zu einem Scheiterhaufen aufgeschichtet — für mich.

In Ohlsens Büro marschierte ich schnurstracks an der Sekretärin vorbei direkt in sein Zimmer. Er hatte zwar keine Yachtzeitschrift vor sich auf dem Schreibtisch, aber immerhin eine Zeitung, in der nicht etwa der Wirtschaftsteil aufgeschlagen war, sondern die Sportseiten. Fünf Punkte für Nobling.

«Wo waren Sie denn vorhin bei der Anlieferung?» empfing er mich verwundert. «Ich habe die ganze Zeit auf Sie gewartet. Sie sagten doch, Sie wollten sich das unbedingt ansehen.»

Einen Dreck hatte er. Ich sagte: «Ich war anderweitig in Anspruch genommen. Ich musste Die Observierung der Schmiergeldübergabe vorbereiten.»

«Was für Schmiergeld?»

«Das, welches Ihr Hauptabteilungsleiter in Empfang genommen hat.»

«Meyer?»

Wie kam er auf Meyer? Hatte er Grund, Meyer zu verdächtigen? Oder blickte er wieder einmal einfach nur nicht durch? Unfreundlich erkundigte ich mich: «Was könnte denn Meyer damit zu tun haben?»

«Er ist Hauptabteilungsleiter.»

«Aber nicht der einzige.»

«Also Nobling. — Ich verstehe gar nichts mehr.»

Das nahm ich ihm sogar ab. Wahrscheinlich konnte er sämtliche Platzierungen beim Americas Cup vom ersten Rennen an aus dem Effeff herunterbeten, aber was in der Firma vorging, in seiner Abteilung, direkt unter seinen Augen — das war ihm ein Buch mit sieben Siegeln.

«Das Geld, das Sie dem einen Fahrer gegeben haben, weil die es ja unbedingt so haben wollten, weil sie mit dem Banksystem der zivilisierten Welt angeblich nicht klarkommen, hat draußen auf einem Parkplatz an der Bundesstraße zu einem guten Teil den Besitzer gewechselt. Achtzehntausend Mücken wurden von dem Fahrer an Ihren Herrn Nobling übergeben.»

Ohlsen schüttelte den Kopf. «Ich fasse es nicht.»

«Was gibt’s denn da nicht zu fassen? Die Ukrainer sind hier aus der Firma abgezockt worden und haben sich damit revanchiert, dass sie uns nur Dreck geliefert haben! Die Barzahlungen und die Pissbrühe sind zwei Seiten ein und derselben Medaille. Die ganze Sache stinkt, und sie hat schon immer gestunken.»

«War das Noblings Idee?»

«Würden Sie ihm das zutrauen?»

«Eigentlich nicht. Er war immer so pünktlich und zuverlässig.»

«Und Meyer? Wieso ist der Ihnen zuerst eingefallen? Was stimmt nicht mit ihm?»

«Nein, nein, das dürfen Sie nicht falsch verstehen. Sein Name ist mir nur so rausgerutscht, weil ich mit der Möglichkeit Nobling überhaupt nicht gerechnet hatte. Außerdem hat Meyer mit dem Einkauf ja gar nichts tun — dumm von mir.»

«Aber er hat mit der Produktion zu tun. Und wie ich hörte, hat er sich immer wieder über die Drecksqualität dieser Lieferungen beschwert. Davon werden Sie doch etwas mitgekriegt haben.»

«Das schon. Aber da war nichts zu machen. Burger beharrte stur darauf, dass wir dabei bleiben würden.»

So weit passte die Geschichte zusammen. Deshalb ließ ich ihn gönnerhaft wissen: «Nobling scheint bei der Sache nur ein kleines Licht gewesen zu sein. Der Löwenanteil des Schmiergelds ging offensichtlich an Burger.»

Ohlsen entspannte sich etwas. Ich sah mich genötigt, dem entgegenzuwirken und stellte fest: «Aber Nobling ist ein Mann Ihres Geschäftsbereichs. Und nicht nur irgendeiner, sondern ein Hauptabteilungsleiter. Und Sie hatten ihn nicht im Griff, er konnte volle zwei Jahre lang schalten und walten, wie es ihm beliebte. Das ist nicht gerade eine Zierde für Ihre Leistungsbilanz.»

«Offensichtlich hat hier Burger über meinen Kopf…»

Ich unterbrach ihn mit einer abwinkenden Geste. «Das zieht nicht. Burger war gar nicht berechtigt, direkt auf Ihre Leute zuzugreifen und natürlich schon gar nicht sie zu kriminellen Aktivitäten einzusetzen. Darauf hätten Sie ein Auge haben müssen, aber Sie haben es volle zwei Jahre lang nicht getan. Hier liegt der Hund begraben.»

«Und wie wird sich das auswirken?»

Vielleicht rechnete er damit, dass ich ihn für gefeuert erklären würde. Aber den Gefallen tat ich ihm nicht. So schnell kommt man nun mal nichts durchs Fegefeuer. Ich sagte: «Die mittel- und langfristigen Auswirkungen sind natürlich noch völlig unabsehbar. Aber kurzfristig sollte sich das doch so auswirken, dass Sie sich bemühen, Ihren Bereich endlich voll unter Kontrolle zu bringen. Wer weiß, was da sonst noch alles im Busch ist?»

Er kratzte sich am Kopf. «Dann werde ich also meinen Leuten noch stärker auf die Finger sehen als bisher.»

Noch stärker war gut, vielleicht sollte er überhaupt erst mal damit anfangen. Ich brummte: «Dafür haben Sie meine besten Wünsche.»

Ich wollte wieder weiter und hatte die Hand schon fast auf der Türklinke, als er mir noch mitteilte: «Ach, übrigens, das mit den Lieferantenterminen morgen geht klar. Drei werden kommen, ich habe sie nacheinander über den Nachmittag verteilt bestellt.»

Ich drehte mich um. «Rufen Sie sie noch mal an, und bestellen sie alle auf einen Termin.»

«Wieso denn das?»

«Ich will mal wieder einen richtigen Kampf sehen.»

«Die werden nicht begeistert sein.»

«Aber ich. Und Sie müssen ihnen ja auch nicht verraten, dass sie sich mit der Konkurrenz direkt messen dürfen. Es reicht völlig, wenn sie es morgen mitkriegen.» Ich ging hoch in den Konferenzraum.

Dort war noch alles beim alten, die Tapeten noch an den Wänden, kein Scheiterhaufen, nichts. Nur eine Handvoll Betriebsratsheinis friedlich am Tisch versammelt. Ich setzte mich zu ihnen und ließ gleich mal die erste Bombe hochgehen, indem ich lächelnd feststellte: «Nun, meine Herren, wenn man sich den ganzen Bereich der Sozial- und Zusatzleistungen bei Maddox so anguckt, kommt man sehr schnell zu dem Ergebnis, dass es da praktisch überhaupt nichts gibt — keine Betriebsvereinbarungen, keine übertariflichen Leistungen, keine verkürzten Arbeitszeiten, keine Zusatzversicherungen, nichts, gar nichts. Was hat der Betriebsrat eigentlich getan in den letzten Jahren? Können Sie mir das vielleicht mal verraten?»

Nachdem sich die erste Schockwelle verlaufen hatte, folgte eine kurze Phase allgemeiner Irritation, und schließlich kam Empörung auf. Mit dieser Ouvertüre hatten sie nicht gerechnet. Wahrscheinlich war es ihnen noch nie untergekommen, dass jemand aus der Geschäftsleitung ihnen ihre lausige Erfolgsbilanz vorgehalten hatte. So gesehen, war es höchste Zeit, dass dies endlich mal passierte.

Ein Dickwanst mit einer Speckfalte quer über die Nasenwurzel hatte sich als erster wieder gefangen und erregte sich: «He, kommen Sie uns bloß nicht so! Wir sind hier, wegen Ihrer illegalen Massenentlassungen und nicht, um uns mit irgendwelchen Ablenkungsmanövern abwimmeln zu lassen.»

Mit unerschütterlicher Freundlichkeit grinste ich ihm in sein teigiges Gesicht. «Herr Merkel, nehme ich an. Wie ich hörte, sind Sie der eigentliche Boss in dieser Runde. Ist das wahr?» Das war der zweite Schlag. Damit hatte ich ihnen ihre Schlachtordnung gründlich durcheinander gebracht.

Merkel grunzte. «So ein Quatsch! Der Vorsitzende ist der Herr Schnell, und der sitzt da drüben.» Er zeigte auf einen grauen Knebelbart mit Metallbrille auf der anderen Seite des Tischs.

Ich sah mir Herrn Schnell kurz an, der ein Jackett von einem hellen, kraftlosen Grün trug und dazu eine wildgemusterte Krawatte vorwiegend in Rot. Hier ist nicht der Ort, über Geschmack zu diskutieren, aber ich möchte doch ganz gerne irgendwann mal noch einen Burschen aus der Betriebsrats- und Gewerkschaftsecke erleben, der auch nur einen leisen Anflug von Stil zeigt.

Zu Merkel sagte ich: «Wir sollten uns nicht mit Formalien aufhalten. Ich halte fest, erstens, dieser Betriebsrat hat für die Belegschaft so gut wie gar nichts geleistet. Und zweitens,» — ich ließ meine Stimme einige Grade lauter und schneidender werden –, «Sie haben gerade von illegalen Massenentlassungen gesprochen. Wenn Sie diese Behauptung noch einmal wiederholen sollten, sähe ich mich leider gezwungen, dieses nette kleine Gespräch sofort abzubrechen und Sie wegen Beleidigung und Verleumdung zu verklagen.»

«So? Und was ist das dann gewesen Ihrer Meinung nach? Vielleicht eine Maßnahme zur Beschäftigungssicherung?» erkundigte er sich sarkastisch.

«In der Tat, so könnte man es bezeichnen. Die Firma hat sich von Leuten getrennt, die sie systematisch ausgeplündert und an den Rand des Ruins gebracht haben. Um die Arbeitsplätze der rechtschaffenen Beschäftigten zu sichern, war es allerhöchste Zeit, die Spreu vom Weizen zu trennen. Vielleicht war es sogar schon zu spät. Das werden die nächsten Wochen zeigen.»

«Fakt ist, dass sich die Firma offensichtlich um Abfindungen und einen Sozialplan drücken will.»

«Falsch! In Fällen von Diebstahl und Unterschlagung gibt es keinerlei derartige Ansprüche. Das sollten Sie im Betriebsrat eigentlich wissen.»

«Diebstahl und Unterschlagung, das behaupten Sie.»

«Das können wir beweisen, in jedem einzelnen Fall — hieb- und stichfest. Und wenn es Ihnen lieber ist, die Fälle amtlich zu machen, können wir gerne auch noch die entsprechenden Strafanträge stellen. Dann werden wir den Betroffenen aber auch sagen müssen, wem sie es zu verdanken haben, wenn sie zusätzlich zum Verlust ihrer Jobs auch noch ins Loch fahren.»

«Komisch, dass Sie ganz plötzlich, auf einen Schlag hinter mehr als zweihundert Fälle von Diebstahl gekommen sind.»

«Ich würde es eher fidele Verhältnisse nennen. Wenn ich schon früher da gewesen wäre, wäre es so weit bestimmt nicht gekommen, das können Sie mir glauben. Aber mich ruft man ja immer erst, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist.»

«Und was ist mit der Transportabteilung?» schaltete Schnell sich ein.

«Was für eine Transportabteilung?»

«Die, die Sie aufgelöst haben.»

«Die war so überflüssig wie eine Blinddarmentzündung. Und wenn ich es richtig sehe, haben die meisten da ja eine Abfindung gekriegt.»

«Ich würde das noch nicht mal ein Handgeld nennen,» moserte Merkel.

«Seien Sie froh, dass überhaupt etwas rausgesprungen ist für sie, so runtergewirtschaftet wie die Firma ist.»

«Ist das etwa die Schuld der Belegschaft?»

«Ich bin jetzt immerhin seit einer knappen Woche hier, aber ich habe in diesem Laden noch niemanden gefunden, dem ich bedenkenlos einen Persilschein ausstellen würde. Vielleicht haben Sie ja irgendwo ein paar Unschuldslämmer versteckt, im Heizungskeller oder so. Wenn das so ist, dann her mit ihnen, mein Glaube an das Gute im Menschen könnte dringend etwas Erbauung brauchen.»

«Damit kommen Sie nicht durch,» versprach er mir.

Ich fixierte ihn und fragte kalt: «Womit komme ich nicht durch?»

«Na, mit Ihrer Kahlschlagpolitik.»

«Die Frage lautet nicht, Kahlschlag oder nicht, sondern Maddox-Color oder nicht. Falls Sie’s immer noch nicht begriffen haben, es geht ums Ganze, das Schiff sinkt. Und entweder wir kriegen das Leck dicht, oder es ist aus. Für alle. In Frankfurt haben sie schon den Daumen gesenkt.»

«Das ist Erpressung.»

«Schon wieder so eine ungerechtfertigte Anschuldigung. Ich glaube fast, wir beide werden uns bald vor dem Richter wieder sehen.»

«Aber meine Herren, so kommen wir doch nicht weiter,» ließ Schnell sich vernehmen.

Ohne den Blick von Merkel zu nehmen, knurrte ich: «So? Wie kommen wir denn weiter?»

«Reden wir doch vernünftig.»

«Worüber?»

«Na, über die Arbeitsplätze hier natürlich.»

Ich wandte den Kopf und nahm Schnell ins Visier. «Was haben Sie denn Vernünftiges auf der Pfanne in punkto Arbeitsplätze?»

Schnell wurde ein bisschen rot. «Patentrezepte gibt es sicher nicht. Aber wir sollten uns überhaupt erst einmal klarwerden darüber, wie es weitergehen soll.»

«Was ist denn da so unklar? Entweder der Laden hier kriegt den Arsch wieder hoch und verdient ordentlich Kohle oder es ist aus. Zeithorizont drei Monate — maximal.»

«Und was ist mit den Arbeitsplätzen?» erkundigte Merkel sich knapp.

«Was soll damit sein? Zusammengezählt wird zum Schluss, dann werden wir wissen, wie viele Stellen wir uns noch leisten können. Bis dahin steht alles auf dem Prüfstand.» Ich grinste. «Kann durchaus sein, dass nur noch eine Handvoll Leute übrig bleiben und wir dann gar keinen Betriebsrat mehr brauchen. Mit anderen Worten: Betriebsrat in die Produktion.» Dies war gedacht als kleine Anspielung auf ihr komfortables Dasein als freigestellte Betriebsräte, die sich den ganzen Tag mit Däumchendrehen und irgendwelchen Kungeleien vertreiben konnten, unterbrochen nur dann und wann durch eine Fortbildung in irgendeinem idyllisch gelegenen Gewerkschaftsheim mit eigenem Bootsanleger und Skilift hinter dem Haus. Auch so ein süßes Leben kann einmal ein jähes Ende finden. Ich konnte auf ihren Gesichtern sehen, wie sich Nachdenklichkeit ausbreitete.

Merkel sagte: «Wir werden kämpfen — um jeden einzelnen Arbeitsplatz.»

«Ich bin sicher, Sie selber werden ohne weiteres bei Ihrer Gewerkschaft unterkommen, wenn Sie hier mit Ihren Kampfmethoden alles in Schutt und Asche gelegt haben. Aber wo werden Ihre Kollegen bleiben?»

Das war der Keil, der diese traute Runde von selbst ernannten Menschenfreunden endgültig spaltete. Man konnte es auf allen Gesichtern sehen.

Merkel brachte ein unsicheres Grinsen zustande. «Diese Taktik ist zu durchsichtig. Es wird Ihnen nicht gelingen, uns auseinander zu dividieren.»

«Machen Sie sich da mal keine falschen Hoffnungen. Sie sind ein Fremdkörper im Betriebsrat. Ihnen geht es gar nicht um den Betrieb, sondern um die Interessen Ihrer Gewerkschaft, und das sind zwei Paar Stiefel — zwei verdammt verschiedene Paar Stiefel. Klassenkampfrhetorik, Theaterdonner mit Streikdrohungen und so weiter, das hilft hier niemandem. Dieser Laden muss sehr schnell wieder sehr viel Geld verdienen, das ist die einzige Rettung. Dem muss sich alles andere unterordnen. Sie werden von mir also keine Beschäftigungsgarantien erhalten oder Sozialplanzusagen oder all die schönen anderen Dinge aus dem sozialistischen Bauchladen. Wir stehen in einem hart umkämpften Markt, von allen Seiten drückt neue Konkurrenz rein. Wir haben Krieg. Da ist überhaupt kein Raum, für irgendwelchen Sozialluxus oder Arbeitsplatzsicherheitsromantik.»

«Und was sollen wir tun, Ihrer Meinung nach?» erkundigte sich Schnell.

Gute Frage. Die richtige Antwort hätte gelautet: Löst euch einfach in Luft auf. Aber ich blieb konziliant und sagte: «Wenn Sie Ihre Aufgabe wirklich ernst nehmen, dann kann es für Sie nur eines geben: Sorgen Sie dafür, dass der Betriebsfrieden erhalten bleibt, und behindern Sie die Sanierung nicht durch sinnloses Störfeuer.»

Merkel lachte höhnisch. «Wir sind doch nicht die Handlanger der Geschäftsführung.»

Ich starrte ihn an. «Wessen Handlanger Sie persönlich sind, müssen Sie selber am besten wissen. Für den Rest des Betriebsrats gilt, dass man von ihm erwarten kann, dass ihm das Wohl der Firma am Herzen liegt und nicht ihr Ruin.»

Eigentlich war es ziemliches leeres Stroh, das ich hier drosch. Aber es erfüllte seinen Zweck, ihnen Angst zu machen. Angst um alle Arbeitsplätze und vor allem auch um ihre eigenen. Wenn man das erst mal geschafft hat, muss man sich nicht mehr groß mit Fakten auseinandersetzen oder nervenaufreibende Verhandlungen befürchten. Angst ist immer noch das beste Beruhigungsmittel für erhitzte Gemüter. Um sie nicht ganz mit leeren Händen von dannen ziehen zu lassen, spielte ich den Mitfühlenden und versicherte ihnen: «Ich kann mich sehr gut in Ihre Lage versetzen, meine Herren. Ihr Job ist sicher nicht ganz einfach in Zeiten wie diesen. Verhaltensbedingte Entlassungen wird es auch weiterhin geben, soweit ein Grund dazu besteht. Auch betriebsbedingte Kündigungen sind jederzeit möglich. Aber damit niemand sagen kann, ich hätte Ihnen noch nicht mal die Uhrzeit gesagt, sage ich Ihnen, wie spät es ist: Es ist genau fünf nach zwölf. Das heißt, es geht nur noch darum zu retten, was zu retten ist. Wir kämpfen ums nackte Überleben. Machen Sie das Ihren Kunden klar. — Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.»

Sie packten ihren Aktenkrempel zusammen, der ihnen kein bisschen geholfen hatte, und zogen belämmert ab. So hatten sie sich diese Konferenz bestimmt nicht vorgestellt. Aber so laufen meine Konferenzen mit Arbeitnehmervertretern aller Art immer ab. Mein oberstes Prinzip dabei ist, es immer noch viel schlimmer kommen zu lassen, als sie befürchtet haben. Mit dieser Schocktherapie bin ich immer sehr gut gefahren. Dabei hatte ich ihnen das Beste noch gar nicht verraten: Lohnverzicht. Aber dazu würden wir erst in den nächsten Tagen oder Wochen kommen, wenn sich die Beschäftigtenzahl etwas stabilisiert haben würde und abzusehen war, wer noch da sein und auf Lohn verzichten können würde.

Eines fiel mir allerdings erst hinterher ein: Ich hatte Menges doch extra beauftragt, mir Zahlenmaterial für den bevorstehenden Zusammenstoß mit dem Betriebsrat zusammenzustellen. Das hatte der doch glatt verpennt. Na ja, er hatte ja auch eine Menge anderer Dinge an den Hacken. Außerdem hatte ich da noch nicht gewusst, in welcher Brutstätte der Kriminalität ich hier gelandet war und wie leicht sie mir mein Geschäft damit machten. Und bei diesem Volkssturm von Betriebsrat war es ja sowieso auch ganz ohne Zahlen gegangen. Also, warum aufregen? Aber Menges würde ich das natürlich trotzdem noch hinreiben. Man muss die Leute immer schön unter Spannung halten, und das geht immer noch am besten mit einem schlechten Gewissen.

Als ich wieder in meinem Büro war und in den zehn Bewerbungsmappen schmökerte, die Bollmann mir hingestapelt hatte, rief Frost an. Er teilte mir mit, die Berechnungen zur Schließung der Kantine hätten ergeben, dass alles in allem so an die zweihundertfünfzigtausend per annum einzusparen wären. Ich sagte ihm, er solle die Sache durchziehen und nach einem Catering Service Ausschau halten, der zu kostendeckenden Preisen etwas Vernünftiges auf den Tisch bringen könnte. Dann wandte ich mich wieder den Bewerbungen zu und sortierte alle aus, die über fünfundzwanzig waren. Ich brauchte jemanden, der noch formbar war. Übrig blieben vier. Ich rief Bollmann an, gab die Namen durch und beauftragte ihn, die Brüder für Montagnachmittag zu einem Bewerbungsgespräch einzubestellen.

«Ist das nicht ein bisschen knapp?» wagte er einzuwenden. «Ich meine, wenn die Post mal wieder länger braucht, kriegt der eine oder andere die Nachricht erst am Montag oder noch später.»

Da hätte ich schon wieder aus der Haut fahren mögen. Ich schnauzte ihn an: «Mann Gottes, haben Sie schon mal etwas vom Telefon gehört, das ist so ein Ding, wie Sie es gerade in der Hand halten. Benutzen Sie es!»

Kopfschüttelnd legte ich auf. Bollmann, Bollmann — seit Jahrzehnten im Geschäft und immer noch Anfänger.

Ich hatte mir gerade B.B.s PR-Konzept für die Kläranlagengeschichte vorgenommen und darin noch nicht viel Brauchbares gefunden außer ein paar Durchwahlnummern bei verschiedenen Behörden, als sie anrief.

«Was ist, fällt die Party aus?» fragte ich.

«Nein, die findet ganz bestimmt statt, versprochen ist versprochen,» säuselte sie. «Ich hatte nur gerade einen Anruf von der Lokalzeitung hier. Sie wollen eine Stellungnahme zu den Massenentlassungen haben. Was sollen wir ihnen sagen?»

«Zuerst mal, dass es gar keine Massenentlassungen gegeben hat. Es gab nur massenhaftes Fehlverhalten, und wir waren gezwungen, unseren Laden endlich mal aufzuräumen.»

«Soll ich ihnen das so sagen?»

«Warum nicht?»

«Sie könnten es als vorgeschobenes Argument betrachten.»

«Es ist aber kein vorgeschobenes Argument. Machen Sie ihnen das klar. Jeder, der geflogen ist, hat seine Entlassung selber provoziert. Und es war dabei keineswegs so etwas wie eine höhere kapitalistische Gewalt im Spiel.»

«Aber die hohe Zahl wird sie misstrauisch machen. Das wird bestimmt Unruhe geben.»

Da hatte sie gar nicht mal so Unrecht. Schließlich sprach man sogar schon auf dem Grundbuchamt und und wer weiß sonst noch wo davon. Das hieß, dass das Thema längst schon die Runde gemacht hatte im Städtchen und dass die Zeitungsfritzen der Story nur noch hinterherrannten.

Ich ließ mir von ihr die Telefonnummer geben und rief selber bei der Zeitung an.

Irgendeine Sekretärin meldete sich. Ich sagte: «Geben Sie mir mal bitte den Herrn, äh…,» — ich hatte doch glatt den Namen von diesem Eierkopf vergessen –, «den Chefredakteur eben.»

Sie stellte mich durch und eine Stimme meldete sich: «Knoob!»

Richtig: Knoob, das war der werte Name. Ich röhrte munter drauflos: «Lünch hier, Maddox-Color. Mir wurde gerade zugetragen, dass Sie Informationsbedarf haben. Worum geht’s genau?»

Knoob wieherte gewitzt. «Na raten Sie mal.»

«Tut mir leid, für Ratespielchen ist meine Zeit zu knapp. Da sollten Sie lieber das Fernsehen einschalten, das ist voll davon.»

«Sie feuern reihenweise Leute und treiben damit die Arbeitslosenquote hier in der Stadt in astronomische Höhen, und Sie fragen sich, worum es gehen könnte?»

«Ach das,» sagte ich wegwerfend. «Das ist doch schon wieder der Schnee von vorgestern. Die ganze Stadt redet ja schon davon. Wollen Sie etwa alte Geschichten wieder aufwärmen?»

«Na, na, so alte nun auch wieder nicht. Als Sie vor ein paar Tagen bei mir waren, war noch mit keinem Wort die Rede davon.»

«Es zählt nicht zur Politik unseres Hauses, den Betroffenen Mitarbeitern ihre Entlassungen über die Zeitung bekannt zu machen.»

«Aber sie werden ihren Familien und Bekannten doch wohl erklären wollen, warum sie entlassen worden sind.»

«Zählen Sie sich zu diesen, äh, Familien und Bekannten?»

«Ich schreibe für sie.»

«Das haben Sie schön gesagt. Aber ich glaube, alle Betroffenen und ihr Dunstkreis wissen sehr genau, warum sie ihren Job verloren haben. Wir haben uns große Mühe gegeben, es ihnen begreiflich zu machen.»

«Würden Sie sich zutrauen, es auch mir begreiflich zu machen?»

Ich ignorierte seinen ironischen Unterton. «Diebstahl, Unterschlagung, Betrug, Hausfriedensbruch, Tätlichkeiten — ist das einleuchtend genug?»

«In über zweihundert Fällen?»

«Für die fidelen Zustände,, die hier eingerissen sind, dürfen Sie mich nicht verantwortlich machen. Ich bin erst seit ein paar Tagen hier und räume nur auf.»

«Werden sie die Leute vor den Kadi zerren?»

«Wenn es der Wahrheitsfindung dient, auch das. Bisher hat allerdings keiner von ihnen zu erkennen gegeben, dass Bedarf in dieser Richtung besteht.»

«Hm, das ist starker Tobak.»

«Was ist starker Tobak?»

«Dass Maddox plötzlich feststellt, dass sie einen Haufen Kriminelle beschäftigen.»

«Das war wirklich sehr bitter, das können Sie mir glauben. In den letzten Nächten habe ich deswegen kaum ein Auge zugetan,» verriet ich ihm und fummelte mir dabei eine Havanna heraus und zündete sie mir an.

«Wenn das wirklich so ein Sumpf ist bei Ihnen in der Firma, dann müssen da ein paar verantwortliche Leute ganz schön geschlafen haben.»

Die gute alte Die-Kleinen-hängt-man-und-die-Großen-lässt-man-laufen-Litanei. Aber die schminkte ich ihm gleich mal ab und sagte: «Die Verantwortlichen haben nicht nur ganz schön gepennt, sondern zum Teil auch mitgemacht. Und das hat auch schon einige den Kopf gekostet. Denken Sie nur an Burger, seiner war der erste, der gerollt ist.»

«Ja, aber wahrscheinlich deshalb, weil die Gewinnzahlen nicht stimmten.»

«Wir haben noch nicht den vollen Überblick, aber eines ist schon jetzt klar, es besteht ein direkter Zusammenhang zwischen den Machenschaften der Belegschaft und der wirtschaftlichen Lage. Die Firma wurde ausgeplündert.»

«Darf ich das zitieren?»

«Wenn Sie sich bei Ihrer Leserschaft unbedingt unbeliebt machen wollen — bitte.»

«Wir schreiben zwar für unsere Leser. Aber letzten Endes sind wir nur der Wahrheit verpflichtet. Außerdem gibt es immer noch eine zweite Version.»

«Ich werde Sie beim Wort nehmen.»

«Ähm, wie meinen?»

«Das mit der Wahrheit, und dass Sie ihr verpflichtet sind.»

«Ah so, ja. — Haben Sie sonst noch etwas, eine tröstliche Botschaft vielleicht?»

«Vielleicht mag es ja den einen oder anderen trösten, dass kriminelle Strukturen hier oben anscheinend zur Folklore gehören.»

«Ich muss doch bitten, hier oben sind wir nicht besser oder schlechter als die Leute anderswo.»

«Wenn Sie das sagen.»

«Wird es weitere Entlassungen geben?»

«Gut möglich, wir sind ja noch längst nicht durch durch den ganzen Sumpf.»

«Ich weiß wirklich nicht, ob ich Ihnen viel Erfolg wünschen soll.»

«Keine Sorge, es wird auch ohne Ihren Segen gehen. Sie werden bestimmt bald wieder von uns hören,» sagte ich und legte auf. B.B. hätte ihm das alles sicher viel hübscher verpackt präsentiert. Aber er würde sich in jedem Fall seine eigene Geschichte daraus zurecht dengeln. Also warum sich da unnötige Verzierungen abbrechen? Wie die Zeitung von morgen aussehen würde, konnte ich mir schon ungefähr ausmalen. Eine gute Presse würden wir nicht haben, so oder so nicht.

Korf schaute kurz vorbei, um mir mitzuteilen, dass sie jetzt gleich mit Nobling zum Notar gehen würden wegen der Aussage und der eidesstattlichen Versicherung. Und er wollte noch wissen: «Sollen wir ihm dann gleich seine Papiere geben?»

Ich nuckelte an der Havanna und grummelte: «Wie kommen Sie denn auf die Idee?»

«Hat er denn nicht die Firma betrogen?»

«Natürlich hat er das,» nickte ich. «Nach Strich und Faden sogar. Und unsere Marktposition hat er damit in geradezu gemeingefährlicher Weise unterminiert.»

«Und trotzdem wollen Sie ihn nicht feuern?»

«Ich habe keine Sekunde daran gedacht.»

«Das verstehe ich nicht.»

«Ist doch ganz einfach: Erstens wollen wir von ihm einen ganzen Haufen Geld zurück. Vielleicht muss er sich es sogar bei der Bank pumpen. Wenn er auf der Straße säße, würde er da aber keinen Pfennig kriegen, und wir würden auch in die Röhre gucken. Zweitens ist es erfahrungsgemäß so, dass ertappte Missetäter ganz besonders gewissenhaft und engagiert arbeiten, wenigstens in der ersten Zeit danach. Und drittens möchte ich nicht gerne in einem Arbeitsgerichtsprozess Schiffbruch erleiden.»

«Wieso glauben Sie, dass wir da Schiffbruch erleiden würden?»

«Weil jeder Anwalt, der sein Geld wert ist und ein bisschen mehr drauf hat als dieser Spinner Vollrads, unsere Kündigungsgründe in Schutt und Asche legen würde, indem er Nobling als Laufburschen hinstellt.»

«Aber er hat das Geld genommen, und er wusste genau, was es damit auf sich hatte.»

«Damit ist er im ersten Schock und unter dem Druck unserer Verhörmethoden rausgerückt. Vor Gericht wird es das kaum noch mal wiederholen. Da wird er sich als Laufburschen von Burger hinstellen, der nur Anweisungen ausgeführt und dafür ein Honorar erhalten hat, wenn auch ein verdächtig hohes. Aber daraus kann man ihm keinen Strick drehen. Tatsache ist, wir haben nichts gerichtlich Verwertbares in der Hand gegen ihn.»

Korf grinste verstehend. «Sie sind wohl nicht zufällig Anwalt gewesen in einem früheren Leben?»

Mein Handy dudelte. Es war Inga, die fragte, ob ich sie um sieben abholen könnte. Ich sagte ihr, dass ich das mit dem allergrößten Vergnügen tun würde.

Ich legte das Handy wieder aus der Hand und blickte auf Korf. «Wo waren wir gerade stehengeblieben? — Ah, ja, ob ich mal Anwalt war. Kann ich mir eigentlich nicht vorstellen, dazu wurde meine Skrupellosigkeit bei weitem nicht ausreichen. Aber trotzdem danke für die Blumen.»

Korf verabschiedete sich. Ich nahm mir wieder meinen Wochenbericht für A.S. vor und feilte weiter daran herum. Niemand störte mich mehr. Alle hatten ihre Hausaufgaben und arbeiteten brav daran — hoffentlich. Nur Herzchen schaute mal kurz herein und erkundigte sich, ob ich sie morgen bräuchte oder ob sie sich fürs Wochenende was vornehmen könne. Ich war gerade dabei, eine brillante Formulierung zu Papier zu bringen und teilte ihr beschäftigt mit, dass sie frei und aller Pflichten ledig sei und wünschte ihr viel Vergnügen. Sie schwirrte ab. Und erst hinterher fiel mir auf, dass ich an diesem Tag so beschäftigt gewesen war, dass ich gar keine Gelegenheit gehabt hatte, sie mir genau anzuschauen. Ich konnte nicht sagen, was sie getragen hatte und ob sie überhaupt etwas getragen hatte. Wenn einen Mann seine Pflichten so auffraßen, war es höchste Zeit Acht zu geben, dass sich dir Maßstäbe nicht verschoben.

Gegen fünf war ich fertig mit meinem Werk. Ich tat es in einen Umschlag, adressierte ihn an A.S. und machte Feierabend.

Als sich die Schranke hob und ich langsam bis zur Straße vorrollte und nach einer Lücke im Verkehr Ausschau hielt, kriegte ich aus den Augenwinkeln gerade noch mit, wie direkt gegenüber auf der anderen Seite kurz hintereinander zwei Blitze aufzuckten, gefolgt von zwei donnernden Explosionen. Ein Schlag traf den Wagen, und die Windschutzscheibe war blind — übersät von Rissen und Einschlägen. Ich stieg aus. Von der anderen Seite stürzte die Schapsnase von der Pforte, die ich gleich am ersten Tag gefeuert hatte, auf mich zu, in der Hand eine doppelläufige Schrotflinte, die er im Laufen aufgeknickt hatte, um sie nachzuladen. Die ganze Frontpartie meines Daimlers war über und über bedeckt von Dellen und Einschusslöchern der Schrotkugeln. Nur das Sicherheitsglas der Scheibe hatte standgehalten. Dem Motor war es schlechter ergangen, er blutete aus tausend Wunden und verlor alle möglichen Flüssigkeiten, die Pfützen unter dem Wagen bildeten. Mister Schapsdrossel hatte inzwischen die Straße überquert und versuchte fluchend die heißen Hülsen aus den Läufen zu kriegen. Dabei spuckte er den Zigarettenstummel aus, der ihm im Mundwinkel hing. Er fiel in eine der Pfützen, die unter dem Motor hervorliefen — Benzin! Eine Feuerspur raste unter den Wagen und setzte sofort den Motor in Brand. Ich riss ihm die Knarre aus den Händen und trieb ihm einen rechten Aufwärtshaken aufs Kinn, der ihn die Hintertreppe runterschickte und für eine Weile unschädlich machte. Dann hechtete ich in den Daimler, raffte alles zusammen an persönlichen Habseligkeiten, was ich zu fassen kriegte. Er wurde schon ziemlich heiß, die Scheiben knackten. Auf dem Rückzug packte ich noch den außer Gefecht gesetzten Nimrod am Schlafittchen und zerrte ihn hinter mir her aus der heißen Zone.

Am Tor und auf der Straße hatte sich ein Auflauf gebildet. Man gaffte. Sehr schnell hatte das Feuerchen den Tank erreicht, und mit einem trockenen, nicht sehr lauten Knall fuhren die fünfhundert PS in einem Feuerball hinauf in den Mercedeshimmel. Eine schwarze Rauchsäule stand weithin sichtbar in der Luft.

Die Polizei brauchte ich nicht zu rufen. Das tun immer schon andere in solchen Fällen. Sie kam auch ziemlich schnell. Die Werksfeuerwehr benötigte dagegen fast eine geschlagene Viertelstunde bis zu dem Feuerchen direkt vor ihrer Haustür. Später war zu hören, es hätte so lange gedauert, weil durch die Entlassungen die Einsatzstärke massiv dezimiert worden wäre. Ich betrachtete das allerdings keineswegs als mein Problem, sondern als das der Feuerwehr. Wenn sie meinten, unbedingt Ganoven beschäftigen zu müssen, war es auch ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit dafür zu sorgen, dass Ersatz da war, wenn es zu den allfälligen Entlassungen und Verhaftungen kam. Wie auch immer, als sie ihre Löschkanonen abstellten, war meine Mühle unter dem weißen Schaumteppich nur noch ein verkohlter Klumpen Blech.

Ich übergab den weggetretenen Urheber dieses Happenings zusammen mit seinem Schießprügel den beiden Polizisten des ersten Streifenwagens, der am Ort des Geschehens eingetroffen war, und sprach ein paar verbindende Worte.

Einer der Beamten, ein langer blonder Kerl mit randloser Brille erkundigte sich: «Und wer sind Sie?»

«Lünch, ich bin der Boss hier,» erklärte ich und machte eine ausladende Handbewegung.

Der Blonde lächelte. «Ich habe schon von Ihnen gehört.» Aus seinem Munde klang das nicht gerade wie ein Kompliment.

Ich knurrte: «Ich hoffe doch, nur das Beste.»

«Das kommt auf den Blickwinkel an,» meinte er. «Wollen Sie Anzeige erstatten?»

«Soviel ich weiß, muss man bei Mordversuch keine Anzeige erstatten. Da werden die Sicherheitsorgane auf jeden Fall aktiv. Oder ist das hier oben bei Ihnen etwa anders?»

«So was Besonderes sind wir hier nun auch wieder nicht,» grinste er.

Ich fand das ziemlich frech. Wenn er zur Firma gehört hätte, hätte er diesen Ton nicht überlebt. Leider war er außerhalb meiner Zuständigkeit. Aber in der Welt geht es seltsam zu, und wer weiß, vielleicht kriege ich eines Tages ja mal das Innenministerium von Niedersachsen in die Finger, und dann würde ich mich seiner ganz bestimmt erinnern.

Die beiden Polypen verstauten meinen Freund sorgsam im Fond ihres Streifenwagens, wo er friedlich weiter duselte, und machten sich daran, den Menschenauflauf auseinanderzuscheuchen mit der dreisten Behauptung, dass es hier nichts zu sehen gäbe. Ich möchte mal wissen, was eigentlich passieren muss, damit ihnen in solchen Situationen dieser dämliche Spruch nicht über die Lippen kommt. Muss ein Tanklager in die Luft fliegen, oder ein Asteroid einschlagen, oder die Queen die Hüllen fallen lassen? Ich weiß es wirklich nicht.

Aus den Tiefen des Firmengeländes kam Schäffer mit seinem Kadett angeklappert. Er hielt neben mir und kurbelte die Scheibe herunter: «Was ist denn hier passiert?»

«Wofür würden Sie das halten?»

Er richtete den Blick auf den Schlamassel und murmelte: «Bagdad, Selbstmordattentat.»

«Gar nicht schlecht getippt.»

«Kann ich Sie irgendwohin mitnehmen?»

Ich ließ einen mitleidigen Blick über seine Karre gleiten und winkte dankend ab: «Dorthin, wo ich hin muss, würde es Ihre Kiste nicht mehr aushalten.»

«Die Holländer haben heute übrigens die Laster abgeholt. Der Scheck ist bei Menges.»

«Hoffentlich ist er gedeckt,» grinste ich.

«Wenn nicht, werden wir bei ihnen die Deiche öffnen und sie absaufen lassen mitsamt ihrem Käse und den Windmühlen.» Er lachte dröhnend. Und dieser Witz von ihm war gar nicht mal schlecht.

Ich sagte: «Dafür kriegen Sie einen halben Länderpunkt extra.»

«Für den Scheck?»

«Für den Witz.»

Noch am ganze Leibe vor Lachen schwabbelnd machte er eine grüßende Geste, kurvte umständlich um das Wrack herum und töffelte davon.

Ich musste in knapp zwei Stunden in Göttingen sein. Und ich hatte keinen fahrbaren Untersatz. Mein Blick fiel auf Kretschmer, der sich mit den Streifenbeamten unterhielt. Ich trabte zu ihm hinüber.

Er sagte: «Das ist ja vielleicht ’n Ding.»

«Kann man wohl sagen,» knurrte ich. «Ich muss dienstlich nach Göttingen. Hat der Werkschutz zufällig noch einen Wagen frei?»

«Sie können den Kombi haben, mit dem wir heute Morgen unterwegs waren. Der wird übers Wochenende sowieso nicht gebraucht.» Er gab mir die Schlüssel. «Steht gleich hinter der Pforte. Nur tanken werden Sie müssen.»

Ich holte mir den Schlitten, tankte ihn an der nächsten Tankstelle auf, und ab ging’s Richtung Süden. Ich war spät dran, es war dickste Freitagnachmittagsverkehrssuppe und der alte Omega war auch nicht gerade für Geschwindigkeitsrekorde geschaffen. Resultat war eine satte halbe Stunde Verspätung. Inga erwartete mich schon auf den Stufen sitzend, als ich die Kiesauffahrt heraufgebraust kam.

«Was hast du mit deinem Wagen gemacht?» fragte sie.

«Die Karre ist abgefackelt. Vergaserbrand.»

«Nein.»

«Doch. – Wie war’s mit der alten Dame?»

Sie seufzte. «Anstrengend wie immer.»

«Für wen?» grinste ich.

Sie puffte mich in die Seite. «Ach du!»

«Was wollen wir machen? Hast du Hunger? Gibt’s hier was Nettes, wo man hin könnte?»

«Weiß ich nicht, ich war hier noch nie in der Stadt.»

«Alte Unistädte haben in der Regel immer ein paar urige Kneipen. Solllen wir mal nachsehen?»

«Gut,» sagte sie unternehmungslustig. «Sehen wir mal nach.»

Sie haben da eine ziemlich lebendige Fußgängerzone mit vielen Kneipen, die Tische und Stühle rausgestellt hatten. Das Wetter war schön und angenehm warm. Wir setzen uns draußen hin unter die Bäume vor eine Kneipe, wo sie Gegrilltes vom heißen Stein machten. Die Steaks und das Bier waren gut. Den Nachtisch nahmen wir in einer italienischen Eisdiele zwei Häuser weiter. Und die ganze Zeit plauderten wir über dies und das und alberten ein bisschen herum. Und plötzlich war es zehn Uhr. Auf einem angeschlagenen Plakat entdeckten wir die Ankündigung zu einem Serenadenkonzert open air in einem Park. Wir fragten uns dorthin durch und hörten ein paar Takte lang zu. Gar nicht schlecht, aber Inga wollte nach Hause. Also machten wir uns auf den Heimweg. Der Omega gab sein Bestes und nach knapp zwei Stunden standen wir vor Ingas Haustür.

Sie sagte: «Du fährst immer so schnell. Es macht dir wohl Spaß.»

«Ich dachte, du wolltest schnell nach Hause,» antwortete ich mit meiner unschuldigsten Unschuldsmiene.

«Kommst du noch mit hoch?»

Ich grinste. «Kaffee oder Briefmarkensammlung?»

Sie drehte den Kopf und sah mich an. «Natürlich kannst du Kaffee haben. Und du wirst lachen, irgendwo habe ich sogar noch die Briefmarkensammlung von meinem Vater.»

«Aus Briefmarken mache ich mir nicht besonders viel. Aber ein Kaffee wäre nicht schlecht.»

Wir gingen also hoch. Es war eine hübsch eingerichtete Dreizimmerwohnung unter dem Dach, in der es ein bisschen heiß war.

Sie sagte «Setz dich doch» und ging herum und machte alle Fenster auf, um die kühle Nachtluft hereinzulassen.

Ich versank in den tiefen Polstern der Sitzgruppe und studierte die Buchrücken in einem Regal direkt daneben. Ein paar Reiseführer über europäische Städte. Ein wenig klassische Literatur, aber nicht das übliche, sondern mehr aus dem russischen und amerikanischen Raum. Eine hübsche Auswahl französischer und irischer Erzähler. Russells Philosophie des Abendlandes. Eine Handvoll Geschichtswerke. Angenehm wenige Biografien und überhaupt kein Kitsch. Alles in allem nicht schlecht. Das war das Bücherregal von jemandem, der wirklich las und sich ernsthaft für die Welt interessierte — falls das Ganze nicht auch nur von Papa geerbt war.

«Man hat sich übrigens sehr eingehend erkundigt nach dir,» verriet ich ihr, als sie von draußen wieder hereinkam und verkündete, dass der Kaffee gleich fertig sei.

«So? Wer denn?»

«Das Mädchen, das dir so Eindruck gemacht hat, als wir gestern Abend essen waren irgendwo da draußen auf dem Lande.»

«Mädchen — wie das klingt.»

«Okay, dann eben Puppe.»

«Du machst dich lustig.»

«Über wen?»

«Über sie, über mich.»

«Nicht doch.»

«Was hat sie gesagt?»

«Sie hat in den höchsten Tönen von dir geschwärmt. Fast hätte man meinen können, sie wäre eifersüchtig.»

«Eifersüchtig?»

«Eigentlich hat sie ja gar keinen Grund dazu.»

«Nicht?»

Nachtigall, ick hör dir trapsen. Aber ich stellte mich mal wieder einfach schön dumm und erklärte: «Sie ist doch verheiratet.»

«Ich glaube, jetzt bringst du wirklich was durcheinander, Bodo,» sagte sie streng. «Das ist doch gar keine Erklärung. Ich meine, dafür, dass sie nicht eifersüchtig sein sollte.»

Ich runzelte die Stirn. «Nicht? — Na erklär mir einer mal die Weiber.»

In der Küche kündigte die Kaffeemaschine mit einem Gurgeln an, dass der Kaffee fertig war. Inga ging hinaus und kam mit der Kanne und zwei Tassen auf einem Tablett zurück. «Milch oder Zucker?»

«Keins von beidem,» sagte ich ihr.

«Genau wie ich.»

B.B. spielte an diesem Abend keine weitere Rolle mehr. Der Kaffee übrigens auch nicht.

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