Cholera, ein Mord und ein gestopptes Henkersbeil

So war denn diese kriegerische Episode zu Ende. Aber ein unheimlicher Gast hatte sich während des Krieges in unserer Stadt eingeschlichen, der lange nicht weichen wollte — die Cholera. Dieselbe hatte schon das Jahr vorher hier und da in Deutschland und Oesterreich gespukt und war nun von Soldaten aus Böhmen, wo sie schon im Juni eine große Ausdehnung gewonnen hatte, in Leipzig eingeschleppt worden. Der erste Cholerafall ereignete sich am 29. Juni und die unheimliche Seuche verbreitete sich von da ab mit großer Schnelligkeit durch die ganze Stadt. Am meisten von ihr betroffen wurden die Straßen und größeren Häuserkomplexe, die eine dicht aneinan­der wohnende Bevölkerung besaßen, wie die Moritz­straße, die Kolonnadenstraße, die Große und Kleine Fleischergasse, die Sternwartenstraße, die Ulrich-(jetzige Seeburg-)straße, das Place de repos usw. Die Cholera nahm zum großen Teil einen sehr raschen Verlauf. Nach wenigen Stunden bereits trat der Tod ein und nur in den wenigsten Fällen kamen die Er­krankten mit dem Leben davon. Die Toten wurden mit großer Beschleu­nigung aus ihrer Behausung geholt und mit ebensolcher Hast beerdigt, wobei man ihnen eine Schicht Kalk mit ins Grab gab. Wenn man durch die Straßen ging, begegnete man auf Schritt und Tritt eiligen Leichenwagen mit ihrer trau­rigen Bürde und schwarzen Siechenkörben, in denen Erkrankte nach den schleunigst hergerichteten Cholerala­zaretten getragen wurden. Es war dies eine gar traurige, trübe Zeit. In allen Häusern und Woh­nungen wurde desinfiziert, es durfte nur abgekochtes Wasser, wenn möglich noch mit Rotwein oder Kog­nak gemischt, getrunken werden und der Genuß von frischem Obst und Gemüse war streng untersagt. In­folgedessen blieben auf dem Markt oft ganze Haufen von Gurken, Aepfeln und Pflaumen liegen, die dann in die Pleiße oder Elster geworfen wurden. Mein Vater suchte ein bei einer früheren Cholera-Epidemie bereits bewährtes Rezept hervor und braute danach aus mehr als 20 verschiedenen Kräutern einen star­ken Schnaps. Derselbe war gallenbitter und da er auch alkoholreich war, durchwärmte er rasch den Magen und rief ein wohltuendes Gefühl hervor. Auf diesen Schnaps schworen wir. Er verhalf tatsächlich einigen Erkrankten zur Genesung und schützte unsere Familie und alle, die sich davon erbaten, vor Anstec­kung. Deshalb hatten wir auch zu keiner Zeit Furcht vor der schrecklichen Krankheit, was wohl auch einer der Gründe war, daß wir von derselben verschont blieben. Denn es war mehr als ein Fall zu verzeichnen, daß eine Person lediglich aus zu großer Furcht vor der Cholera an derselben erkrankte. In dem Jahre war gerade eine reiche Pflaumenernte ge­wesen, und da niemand sie kaufen mochte, wurden die Pflaumen von den Händlern und Händlerinnen fast verschenkt. Pflaumen waren aber von jeher meine Lieblingsfrucht gewesen und so kaufte ich eines Tages für ein paar Pfennige eine große Tüte voll, die ich auf einem Spaziergange um die Promenade mit Behagen verzehrte zum Entsetzen der mir begeg­nenden Leute, die mir allerlei Warnungen zu­riefen. Ich vertraute aber auf den bitteren Schnaps meines Vaters und lachte sie aus.

Mit der vorschreitenden Jahreszeit nahm die Seuche immer mehr zu und im September erreichte sie ihren Höhepunkt. An einem Sonntag dieses Mo­nats, dem 16. September, starben allein 56 Personen. Die Zeitungen waren in jener Zeit mit Todesanzeigen gefüllt, die mit den Worten begannen: „Plötzlich und unerwartet starb“ usw. Die Epidemie währte bis zum 25. November, wo der letzte Cholerafall vor­kam. Im ganzen waren 1658 Personen an der Seuche dahingerafft worden. Sie hatte weder jung noch alt, weder das weibliche noch das männliche Geschlecht verschont.

Ein dramatischer Vorgang, wohl fast einzig da­stehend, spielte sich in der Frühe des 18. Dezember, einem trüben, wenn auch nicht kaltem Wintertage, im Hofe des Gerichtsgebäudes in der Zeitzer Straße (jetzt Peterssteinweg) ab. Am Morgen des 3. No­vember 1865 war der allgemein geachtete Kaufmann Markert in seinem im Eckhause der Grimmaischen und Nikolaistraße befindlichen Geschäftslokal er­mordet aufgefunden worden. Markert hatte die Ge­wohnheit, noch nach Geschäftsschluß in seinem hinter dem Laden befindlichen Kontor zu arbeiten, zu dem eine Tür von der Flur des in der Nikolaistraße be­findlichen Hauseinganges führte. Der Mord, der be­trächtliches Aufsehen in der Stadt erregte, mußte nach den vorgenommenen Feststel­lungen am Abend vorher in der zehnten Stunde verübt worden sein. Es lag Raubmord vor, denn an der Leiche fehlten Uhr und Kette, auch waren die Kassenbehälter ihres Inhaltes beraubt worden. Nach Lage der Sache konnte nur ein mit den Lokali­täten und den Gewohn­heiten des Getöteten genau Vertrauter die blutige Tat ausgeführt haben. Der Verdacht richtete sich alsbald auf den übel beleumundeten Schneider­gesellen Künschner, der früher ein halbes Jahr lang bei Markert als Markthelfer in Diensten gestanden hatte. Er wurde noch in den Vormittags­stunden des 3. November von seiner Arbeitsstätte bei einem hie­sigen Schneider weg verhaftet und dem Unter­suchungsrichter vorgeführt. Man hatte in ihm tat­sächlich den Mörder erfaßt. Seine mit Blut befleckten Kleider zeugten sofort wider ihn, dann konnte er auch sein Alibi nicht nachweisen und schließlich fand man im Holzstalle seiner Wohnung einen Teil des ge­raubten Geldes vor. Es trat noch eine Reihe anderer Beweise gegen ihn hinzu, so daß er trotz seines Leugnens der Tat vollständig überführt werden konnte und in der Hauptver­handlung, die vom 14, bis 16, Mai 1866 stattfand, zum Tode verurteilt wurde. Der König hatte nach seiner Rückkehr aus Oesterreich das Todesurteil bestätigt und die Hinrichtung sollte in der Frühe des 18. Dezember stattfinden. Die Guil­lotine war bereits am Tage vorher aufgeschlagen und Künschner auf sein bevorstehendes Ende vor­bereitet worden. Der Verurteilte blieb ruhig und gefaßt, schien auch einige Stunden geschlafen zu haben, als er frühmorgens geweckt wurde, um seinen letzten Gang anzutreten. Einige Minuten nach 8 Uhr verkündeten Glockenschläge das Herannahen des Delinquenten. Derselbe erschien unter Vorantritt des Gefängnisgeistlichen und gefolgt vom Arresthaus­inspektor. Er wurde, vor dem Schafott angelangt, vor die Gerichtsdeputation gestellt und vom Untersuc­hungsrichter ihm nochmals das Urteil und dessen Allerhöchste Bestätigung vorgelesen. Auf die Frage, ob er noch etwas vorzu­bringen habe, beteuerte er wie früher seine Unschuld. Der Untersuchungsrichter übergab ihn nunmehr dem Scharfrichter und derselbe führte ihn gemeinsam mit seinem Gehilfen die Stufen zum Schafott empor. Dort wurde er seines Rockes und seiner Weste entkleidet und auf das Fallbrett geschnallt. Eben sollte das Fallbrett sich neigen und Künschner den Todesstreich erhalten, da donnerte es an das Tor und von den nach dem Hofe gehenden Fenstern, die von Gerichtsbeamten dicht besetzt waren, tönten die Rufe: „Halt! Gnade!“ Ein Tele­graphenbote, der im schnellsten Laufe durch die Straßen gerannt war und schon in der Nähe des Ge­richtsgebäudes, die Depesche hochhaltend, laut: „Halt! Begnadigung!“ gerufen hatte, stürzte in den Hof und überbrachte ein Telegramm des Königs, in dem dieser befahl, die Hinrichtung bis auf weiteres auszusetzen. Eine halbe Sekunde später und das Urteil wäre vollzogen gewesen.

Künschner wurde nun vom Fallbrett wieder los­geschnallt und in seine Zelle zurückgebracht, wo man ihm ein Glas Rotwein zur Stärkung verabreichte. König Johann war mit dem Kronprinzen am 16. De­zember nach Berlin gereist und der freundliche Emp­fang, der ihm dort seitens des Königs von Preußen zuteil wurde, hatte ihn an den Unglücklichen denken lassen, der in seiner Zelle seiner letzten Stunde ent­gegensah, Milde gestimmt gab er die genannte Depesche auf, die aber unterwegs aus irgendeinem Grunde längere Zeit liegen geblieben war und um ein Haar zu spät eingetroffen wäre. Kurz darauf wurde Künschner zu lebenslänglichem Zuchthause begnadigt, wo er nach mehr als zwanzig Jahren starb. Im Zucht­ hause machte er nach einer Reihe von Jahren einen vergeblichen Mordanfall auf den Direk­tor und erschwerte dadurch seine Strafe noch mehr.

 

 

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