15. Ein neuer Tag

Kretschmer hatte das sichergestellte Diebesgut sehr dekorativ vor dem Empfangstresen aufgebaut, und das Blondchen dahinter hielt brav Wache. «Passen Sie gut darauf auf,» rief ich ihr im Vorbeigehen zu, «damit nichts geklaut wird.» Aber ich glaube, die Pointe verstand sie nicht.

Aus der Personalabteilung drang lautes Geschrei, als ich oben aus dem Fahrstuhl stieg. Kurz entschlossen änderte ich meine Richtung und schaute in Bollmanns Reich vorbei. Der Gang war angefüllt mit vierschrötigen Burschen, die sich gerade anschickten, eine Palastrevolution zu veranstalten. Ich drängte mich an ihnen vorbei zu Bollmann ins Büro und drückte die Tür mit Gewalt hinter mir zu.

«Was ist hier los?»

Hochrot, schwitzend saß er hinter seinem Schreibtisch und rang um Fassung. «Das ist die aufgelöste Transportabteilung.»

«Na, das ist doch wunderbar, wenn die Abteilung schon aufgelöst ist. Aber was wollen die dann noch hier? Warum sind die nicht schon in der nächsten Kneipe und lassen sich volllaufen?»

«Den ersten fünf haben wir eine kleine Barabfindung gegeben, wie Sie das vorgeschlagen haben. Die sind schon weg. Aber die anderen wollen sich das nicht gefallen lassen. — Was soll ich bloß tun?»

Ich zog Kretschmers Liste heraus und legte sie ihm hin. «Sind von diesen Brüdern hier welche drauf?»

Angestrengt prüfte er die Namen.

«Ja, sieben.»

«Die sind gestern beim Klauen ertappt worden,» informierte ich ihn und legte ihm das Blatt mit den Telefonsündern hin. «Und auf der Liste hier?» .

Er studierte sie. «Zwei.»

«Und die haben beim Telefonieren beschissen — Privatgespräche.»

Ratlos blickte er mich an. Ich hatte nichts anderes von ihm erwartet und forderte ihn auf:«Rufen Sie sie rein, zuerst mal nur die Langfinger.»

Er ging zur Tür, stemmte sich gegen das hereindrängende Volk und rief die sieben Namen auf. In seinem engen kleinen Büro wurde es bedrückend eng. Als der letzte von ihnen drin war, drückte er die Tür hinter sich zu. Draußen wurde es etwas ruhiger. Dann sah er mich an. Ich lächelte. «Walten Sie Ihres Amtes.»

Man konnte sehen, wie er sich ein Ruck gab und versuchte, den harten Burschen zu markieren. Mit einer lauten Stimme, die etwas fistelig klang, rief er in das nicht enden wollende Gemurre hinein: «Meine Herren! Ihre Abteilung wurde aufgelöst. Aber deswegen sind Sie nicht hier.» Das war gar nicht schlecht gemacht, schlagartig hatte er ihre ganze Aufmerksamkeit. Er fuhr fort: «Sie sind hier, weil Sie gestern bei der Torkontrolle ertappt wurden.»

Es wurde wieder laut in dem Zimmerchen, Bollman strengte sich noch mehr an und rief mit hochrotem Kopf: «Diebstahl von Firmeneigentum ist ein Grund zur fristlosen Entlassung!» Einen Moment lang sah es so aus, als ob sie ihn an der Gardinenstange aufknüpfen wollten. Ein Gedränge entstand, sein Schreibtisch wurde nach hinten verschoben.

Bevor die Lage völlig außer Kontrolle geriet, entschloss ich mich einzugreifen. Ich schmiss einen von den blechernen Aktenschränken um. Es gab einen wunderbaren Bums. Ich hatte die Aufmerksamkeit aller. Sehr sorgfältig, fast umständlich, zündete ich mir eine Havanna an, wedelte das Streichholz aus und musste gar nicht laut werden, so still wie es war. «Jetzt hört mal zu, ihr Clowns. Eigentlich könnten wir euch festnehmen und bei euch zu Hause eine Haussuchung machen lassen. Ich bin sicher, dabei würde noch eine ganze Menge ans Tageslicht kommen, was eigentlich der Firma gehört. Ihr steht mit einem Bein im Knast. Und was euch Kollege Bollmann gerade sagen will, ist, dass ihr euch diesen Ärger ersparen könnt, indem ihr einfach hübsch still und leise Leine zieht und zuseht, dass ihr so schnell wie möglich aus dem Blickfeld der Firma verschwindet. — Das wollten Sie doch sagen, nicht wahr, Herr Bollmann?»

Bollmann lächelte mich an mit einer Mischung aus Erleichterung und Dankbarkeit. Letzteres vermutlich, weil ich ihn Kollege genannt hatte. Schade, für einen kurzen Augenblick hatte ich tatsächlich geglaubt, dass tief in ihm drin ein Kerl mit Mumm und Chuzpe steckte.

Die Transportheinis raunzte ich an: «Also was ist? Wollt ihr ins Loch?»

Sie waren nicht begeistert, und das Gemurre ging gleich wieder los. Aber sie schlurften hinaus, ohne dass man sie mit vorgehaltener Waffe dazu hätte ermuntern müssen. Ich richtete den Blick auf Bollmann: «So, und jetzt noch die beiden Quasselstrippen.»

Er rief sie herein. Mit ihnen wurde er alleine fertig. Es waren ja nur zwei und zudem ziemlich schmächtiges Büropersonal.

Als sie wieder draußen waren, stellte ich fest: «Dann müssten nach Adam Riese da draußen noch sechs Revoluzzer rumlungern.»

Er nickte eifrig. Ich ging zur Tür, machte sie auf und rief in den Flur: «Die ersten drei, die oben in der Buchhaltung erscheinen, kriegen als Abfindung noch einen Tausend-Euro-Scheck. Und alle anderen, die das Firmengelände nicht spätestens in einer Viertelstunde verlassen haben, werden wegen Hausfriedensbruchs verhaftet.» Ohne die Reaktionen abzuwarten, machte ich die Tür wieder zu und sagte zu Bollmann: «Klingeln Sie kurz mal zu Menges hoch und sagen Sie ihm, er soll die drei Schecks fertigmachen.»

Nachdem das erledigt war, fragte er mich: «Wieso Schecks nur für drei und nicht für alle?»

Genüsslich paffte ich meine Havanna und sagte ich den Rauch hinein: «Zusammenrottungen zerstreut man am Besten, indem man Zwietracht sät. Außerdem, drei Leutchen machen keine Revolution mehr. Das Geld konnten wir uns also sparen.»

«Aber sie könnten sich irgendwie rächen,» wandte Hermann Hasenfuß Bollmann prompt ein.

«Ah Sie meinen, die rennen zur Gewerkschaft und weinen sich da aus, oder so?»

«Ist schon vorgekommen.»

«Wollen Sie damit sagen, Sie haben schon mal Leute rausgeschmissen ohne Abfindung?»

«Zwei oder drei. Vorletztes Jahr zum Beispiel einen Fahrer, der nie nüchtern war.»

Das war keine besondere Leistung, besoffene Berufskraftfahrer haben sich selber erledigt, denen kann auch keine Gewerkschaft der Welt helfen. Ich teilte ihm mit: «Die ÖTV oder verdi oder wie sich dieser Papiertiger sonst gerade nennt, zählt nicht gerade zu den Institutionen, die mir schlaflose Nächte bereiten.»

«Nicht?»

«Ganz bestimmt nicht. — Und was Sie betrifft, Sie sollten sich für heute nichts vornehmen. Heute ist Entlassungstag. Wären wir bei der Bundeswehr, wäre das sicher ein freudiges Ereignis, aber wir werden unseren Leuten damit wohl keine vergleichbare Freude bereiten. Machen Sie sich also auf einiges gefasst.»

«Wie viele Entlassungen?»

«Das hängt vom Ergebnis der Verhöre ab, die der Werkschutz gerade durchführt. Kretschmer wird Ihnen die Namen durchgeben, und Sie werden sofort die Papiere fertigmachen.»

«Ähm, ja,» sagte er und lockerte seinen Schlips.

Von der Personalabteilung aus turnte ich kurz zu Korf hoch. Der empfing mich strahlend. «Die Strafanzeigen sind fertig. Ich glaube, es ist mir sogar gelungen, den Vollrads in die Enge zu treiben.»

«Vergessen Sie die Anzeigen,» sagte ich. «Die Sache ist wieder im Gleis. Sie werden heute noch zusammen mit Feddersen zum Notar marschieren und zwei Verträge machen. Einen für das Grundstück über sechs Millionen, und einen für Burgers Haus über drei Millionen.»

Er war enttäuscht, dass seine schönen Rechtsverdrehertricks nur für den Papierkorb waren. Aber er riss sich gleich wieder zusammen und erkundigte sich mit geschäftsmäßigem Interesse: «Wie haben Sie das denn geschafft?»

Betont gleichgültig zuckte ich die Achseln. «Ich hab Ihnen ja gesagt, der Vollrads ist ’ne Pflaume. Und Feddersen hat auch nicht viel mehr auf dem Kasten.»

«Also ich hätte nicht gedacht, dass sie so schnell klein beigeben.»

«Ja, ja, die Welt ist voller Überraschungen,» seufzte ich. Das war aber auch genug der Philosophie für den Moment, und ich beauftragte ihn noch, die Eco-consult, Jersey zu durchleuchten, den Laden, auf den Prager mich gestern Abend aufmerksam gemacht hatte und zu dem so rätselhaft viel Geld geflossen war.

«Unter welchem Aspekt?»

«Unter allen Aspekten — Geschäftsfelder, Beteiligungsverhältnisse und vor allem, was die eigentlich an Maddox-Color zu verkaufen hatten.»

Nach diesem Abstecher zog ich mich erst mal in meine Denkerklause zurück und telefonierte mit Kretschmer.

Er berichtete: «Die Verhöre laufen. Wir kriegen ein Haufen dämliche Ausreden zu hören. Hoffentlich werden wir bis heute Abend nicht schwachsinnig davon.»

«Wenn Sie in der Klapsmühle landen, dann ist das ein spezieller Fall von Berufsunfähigkeit. Das gibt ’ne schöne Rente,» tröstete ich ihn.

«Vielen Dank für die Erbauung,» knurrte er.

«Ich glaube, Sie sollten Bollmann zwei Mann vors Büro stellen. Der macht sich sonst noch glatt in die Hose. Er hatte heute früh schon einen Schock, den er kaum verwunden hat.»

«Tut mir Leid, ich kann keinen Mann entbehren. Wir arbeiten hier eigentlich schon jenseits unserer Kapazitätsgrenze.»

«Fordern Sie Verstärkung an. Wie gestern. Wäre sowieso nicht schlecht, wenn wir ein bisschen Schlagkraft demonstrierten. Das wird die Gemüter abkühlen. Außerdem werden wir heute Abend noch mal Taschenkontrollen machen, diesmal direkt am Tor.»

«Das wird aber nicht mehr so viel bringen wie gestern.»

«Masse vielleicht nicht, dafür aber Klasse. Heute werden wir die ganz abgebrühten Langfinger erwischen, die meinen sie könnten besonders sicher zuschlagen, weil sie glauben, wir wären erst mal mit dem gestrigen Ergebnis zufrieden und würden heute nicht mehr richtig hingucken.»

Kretschmer ließ ein raues, kehliges Lachen hören. «Sie denken ganz schön um die Ecke, fast wie ein richtiger Ganove.»

«Wenn man Ganoven schnappen will, muss man wie ein Ganove denken. Das ist doch ein ganz alter Hut.»

«Bloß können muss man’s auch, das ist die Kunst.»

«Vielen Dank für das Kompliment. Wir sehn uns heute Abend.»

Ich hatte Kretschmer gerade aus der Leitung, da rief Schäffer an. «Ich wollte Ihnen nur sagen, die Vertreterkonferenz beginnt um zehn, falls Sie dabei sein wollen.»

«Und ob ich das will,» beschied ich ihn und hängte ein.

Prager erschien mit Menges im Schlepp. Er war nicht rasiert und sah ziemlich übernächtigt aus.

Ich grinste. «Kaffee? Oder lieber einen Hagebuttentee?»

«Ich werde später im Hotel frühstücken,» erklärte er säuerlich.

«Schön. Und was verschafft mir die Ehre von so viel hohem Besuch am frühen Morgen?»

«Menges und ich haben noch mal diese Rückstellungsgeschichte durchgesprochen.»

Ich richtete den Blick auf Menges, der genau so klapprig aussah wie gestern Morgen. «Immer noch Migräne?»

Er lächelte gequält.

Prager sagte: «Diese Rückstellungen waren für die Kläranlage gedacht.»

«Stimmt das?» fragte ich Menges.

Er nickte.

«Das Problem war demnach also schon seit längerem bekannt?»

«Nun ja…»

«Und trotzdem wurden die Rückstellungen wieder aufgelöst? Obwohl das Problem weiter bestand und eher noch größer geworden ist? — Warum?»

«Das kann ich Ihnen nicht sagen, es war eine Anordnung von Burger.»

«Nur von Burger?»

«Ich habe die Order zur Auflösung von Burger erhalten.»

«Und er hat weiter nichts dazu gesagt?»

«Nein, musste er auch nicht. Ich bin ja nur der Buchhalter.»

«Wie wurden die Mittel verwendet?»

«Gar nicht, es handelte sich ja nur um einen reinen bilanztechnischen Vorgang. Im Endeffekt wirkte der Wegfall der Rückstellungen gewinnsteigernd.»

Aha. So hatte Burger also seine Bilanzen schön gerechnet. Der Gewinneinbruch im letzten Quartal war also gar nicht so ein plötzliches singuläres Ereignis. Er hatte eine Vorgeschichte und war mit Bilanztricks nur immer wieder rausgeschoben worden, bis es eben nicht mehr ging. Ich ließ mich in den Sessel zurückfallen und machte eine müde Geste. «Sie können gehen.»

Zu Prager sagte ich: «Haben Sie schon mal so viel Idiotie auf einem Haufen gesehen?»

Der sagte: «Wissen Sie, was ich mich frage? Diese Auflösung der Rückstellungen war ein reiner Buchhaltungstrick. Aber das Risiko, das sie abdecken sollten, war ganz real. Und soweit ich das überblicke, ist es nicht aus der Welt, sondern eher größer geworden. Wieso hat Burger ausgerechnet an dieser Stelle den Hebel angesetzt, wenn er unbedingt schönere Zahlen brauchte? Das musste doch auffliegen. Dabei hätte er noch eine Menge anderer Möglichkeiten gehabt, sich bilanztechnisch reicher zu rechnen als er war.»

«Hm, vielleicht wusste er ja mehr als wir über das Risiko als wir.»

«Sie meinen, es war gar kein Risiko mehr, wenigstens aus seiner Sicht?»

«Ja-ah, warum hat die Kläranlage plötzlich alle Schrecken für ihn verloren? Und wieso sind die Gewinnzahlen schon seit längerer Zeit auf Talfahrt? Und warum zum Henker hat unsere Revision davon nichts mitgekriegt.»

«Ich habe langsam den Eindruck, die Burschen von der Innenrevision sind schlaftablettenabhängig bis zu Besinnungslosigkeit. Was die hier alles übersehen haben, geht auf keine Kuhhaut.»

«Über dieses Problem werde ich wohl mal mit A.S. reden müssen. — Und was haben sie als nächstes vor?»

«Heute werde ich mich mal den Spesenabrechnungen zuwenden,» erklärte er mit einem diabolischen Funkeln in den Augen. «Davon verspreche ich mir einiges.»

«Ich mir auch,» stimmte ich aus vollem Herzen zu.

Er ging. Ich blickte auf meinem Schreibtisch herum. Menges hatte brav alle Dienstwagenschlüssel eingesammelt und mir zusammen mit den Papieren hingelegt. Es waren zusammengekommen: zwei Audis, drei BMWs und ein Mondeo, dunkelblau, einfaches Dieselmodell. Kein Daimler. Eddy würde nicht begeistert sein — immerhin war einer von den BMWs ein Geländeschlitten.

Ich telefonierte Menges noch mal zu mir und fragte ihn: «Wer hat den Mondeo gefahren?»

«Das war der Wagen von Herrn Frost.»

Das hatte ich mir schon gedacht. Darauf hätte ich unbesehen meine Pension verwettet — wenn ich eine gehabt hätte.

Herzchen brachte die Post. An diesem Tag trug sie keinen Rock, sondern Hosen, sehr enge Hosen. Und eine Bluse, die sie unter ihren prachtvoll wogenden Brüsten zusammengeknotet hatte und die den Blick frei ließ auf ihren knusprig gebräunten Bauch und den Brilli in ihrem Bauchnabel. Da würde ich wohl bald mal was sagen müssen… Sie lächelte wunderhübsch und sagte: «Da ist ein Anruf von der Pforte. Unten steht ein Autotransporter aus Frankfurt. Der Fahrer sagt, Sie hätten ihn bestellt.»

«Sagen Sie der Pforte, dass sie ihn reinlassen sollen. Der Fahrer soll sich unten am Empfang melden.»

Sie zwitscherte ab. Ich sah Menges an. «Sie gehen jetzt mit den Schlüsseln und Papieren runter, schnappen sich den Transporterfahrer und sehen zu, dass die Mühlen vom Hof kommen. Und vergessen Sie den blöden Phaeton hinten in der Werkstatt nicht.»

Er nahm die Schlüssel und Papiere an sich und zog ab.

Ich rief kurz Eddy an und teilte ihm das Ergebnis der Dienstwagensammlung mit. Er war nicht gerade Feuer und Flamme und vermisste schmerzlich seine geliebten Mercedesse.

Ich tröstete ihn: «Sieh’s doch mal so rum, es war wenigstens kein Porsche dabei.»

Er sagte: «Über den Daumen gepeilt, kann ich euch für die Lieferung so um die zweihundertsiebzigtausend geben. Genau kann ich’s natürlich erst sagen, wenn ich die Kisten gesehen habe.»

«Ist zwar nicht die Welt,» meckerte ich routinemäßig. «Aber leider haben wir keine andere Wahl. Die Mühlen müssen vom Hof.» Ich gab ihm noch die Kontonummer von Maddox-Color durch und vergaß nicht, ihn an mein privates Konto zu erinnern, auf dem die Provision ihren Platz finden sollte.

Er seufzte. «Ach Bodo, dir kann man’s aber auch nie recht machen. Man geht bis zum Äußersten und trotzdem ist es nicht genug.»

«Falls dich unser kleiner Deal ruinieren sollte, lass es mich wissen. Ich organisiere dann ein Benefizkonzert für deine in Not geratene Firma.»

«Lass lieber die Finger von meiner Firma. Sonst könnte es über dich kommen, und du sanierst mir glatt meinen Posten weg.»

«Aber Eddy, wir sind doch Freunde,» scherzte ich. «Das würde ich nie machen, ich brauch dich doch.»

«Erinnere dich dran, wenn du auf ein paar Daimler stoßen solltest.»

«Die sind hier oben leider ausgesprochene Mangelware. Man muss schon froh sein, dass sie überhaupt Autos benutzen und nicht auf Kähnen durch die Wassergräben stochern.»

«Schöne alte Gondeln würde ich vielleicht auch nehmen.»

«Gondeln gibt’s nur in Venedig.»

«Bist du sicher?»

So alberten wir noch ein wenig herum, bis bei ihm das zweite Telefon klingelte. Er versprach mir eine schnelle Überweisung und legte auf.

In der Post war nichts Interessantes. Wahrscheinlich glaubte alle Welt, Maddox-Color sei zur Zeit führungslos und es lohne nicht, an den Boss Briefe zu schreiben. Bis auf eine Ausnahme: ein Schreiben von Eco-consult, Jersey. Es war ein Werbeschreiben. Sie priesen Geldanlagen an. Ich hob es auf für Korf.

Das Telefon klingelte. Es war der Anfang einer Serie, mit denen die Baumarkteinkäufer brav ihre Orders abgaben. Alle bis auf einen. An meinen Bedingungen setzten sie nichts aus, aber um die unwichtigsten Kleinigkeiten feilschten sie herum, das einem die Augen tränten. Beliebter Knackpunkt waren die Paletten, auf denen die Ware geliefert wurde. Die behüten alle Versender üblicherweise wie ihre Augäpfel, obwohl die zusammengetackerten Bretter höchstens eine Handvoll Euros kosten. Um ihnen einen Gefallen zu tun und ein Erfolgserlebnis zu vermitteln, spielte ich dieses Spielchen mit und tat, als ob es mir das Herz zerrisse, mich auf Nimmerwiedersehen von den Dingern trennen zu müssen. So brachte ich ein Geschäft nach dem anderen unter Dach und Fach und notierte mir sorgfältig Namen, Lieferanschriften und Bestellmengen für die Auftragsbestätigungen. Den einen, der noch fehlte, würde ich mir noch einmal vorknöpfen, wenn Zeit dazu war.

Noch einmal klingelte das Telefon. Es war A.S. persönlich. «Was hört man da?» quäkte er. «Sie mischen sich in das Geschäft unserer Immobiliengesellschaft ein?»

«Von Einmischung kann keine Rede sein. Ich habe nur unsere Position als Vermieter ein bisschen hervorgehoben, um ein paar Dollars zu machen.»

«Wer hat Sie dazu autorisiert?» erkundigte er sich in einem Ton, den ich schon sehr gut kannte und den er immer anschlug, wenn er mir den Kopf waschen wollte.

«Der Grundgedanke, dass wir aus allen unseren Geschäftsaktivitäten so viel Profit rausholen wie möglich,» antwortete ich kaltblütig.

Dagegen konnte er nicht viel sagen. Deshalb beschränkte er sich darauf zu nörgeln: «Das nächste Mal, wenn Sie wieder glauben, Sie müssten Ihre Kompetenzen erweitern, fragen Sie mich gefälligst vorher um Erlaubnis, ist das klar?»

«Wie Kloßbrühe.»

«Was ist Kloßbrühe?»

Ah, ja, er kam aus Amerika, da kannten sie nur altes Frittenfett. Ich sagte: «Das ist ein dreckiger Witz. Aber den kann ich Ihnen jetzt nicht erklären, das würde die Firma zu viel Telefongebühren kosten.»

«Passen Sie nur auf, dass Sie mich nicht zu viele Nerven kosten. — Wie viele Entlassungen sind es bis heute?»

Mich wunderte, dass er erst jetzt mit dieser ihn doch so tief bewegenden Frage herausrückte. Ich sagte. «Einundzwanzig. Und stündlich werden es mehr.»

«Sie werden doch keinen Sozialplan abschließen oder anderweitige ruinöse Verpflichtungen eingehen?»

«Wo denken Sie hin? Wir veranstalten hier ein hübsches kleines Tontaubenschießen. Lauter fristlose Entlassungen, die keinen Cent extra kosten.»

«Verlieren Sie bloß nicht den Schwung.»

«Keine Gefahr. Nächste Woche werden Sie übrigens mal wieder eine Überweisung von Maddox-Color kriegen, so an die dreieinhalb Millionen. Ich sag das bloß schon mal jetzt, damit Sie nicht etwa vor Schreck vom Stuhl fallen.»

«Ich falle vor Schreck weder vom Stuhl noch sonst wohin, das sollten Sie eigentlich wissen. Was ist das für Geld?»

«Sagen wir mal, außerordentliche Erträge aus falsch investiertem Anlagevermögen.»

«Ich verstehe kein Wort.»

«Ich schicke Ihnen eine Aufstellung zusammen mit der Überweisung. — Haben Sie übrigens schon mal überlegt, die Revisionsabteilung aufzulösen?»

«Wieso denn das?»

«Die Brüder müssen mit Blindheit geschlagen sein, wir stolpern hier laufend über die dicksten Dinger, von denen im letzten Revisionsbericht kein Sterbenswörtchen steht. Die Firma könnte eine Menge Geld sparen und dafür Prager und mir das Gehalt verdoppeln.»

«Ah, Sie haben sich den Prager mal wieder unter den Nagel gerissen.» Es sagte das, als ob es etwas Ungesetzliches wäre. Ein typisches Shoemaker-Ablenkungsmanöver, um sich um unangenehme Fragen herumzumogeln.

«Also was ist?» bohrte ich.

«Was soll sein?»

«Machen Sie die Revision dicht?»

«Schicken Sie mir Ihren Bericht. Und schlagen Sie sich die Gehaltserhöhungsmätzchen aus dem Kopf! Sie knöpfen der Company wahrlich schon genug Geld ab.»

«Wenn die Company gut leben will, muss sie dafür sorgen, dass auch ihre Leistungsträger gut leben,» versetzte ich heiter.

«Von welchen Leistungen sprechen Sie? Doch wohl nicht von diesen läppischen einundzwanzig Entlassungen? Das ist ja lächerlich!»

«Na ja, und von der Fünf- Komma- zwo-Millionen-Überweisung zum Beispiel.»

«Wenn Sie Geld überweisen, das der Zentrale gehört, dann ist das keine Leistung, sondern Ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit.»

In manchem erinnert mich A.S. immer wieder an meinen früheren Chef Raff, den alten Kredit-Halunken. Ich sagte: «Ich muss jetzt leider aufhören, weil ich gleich einen Termin mit meiner Masseuse habe und danach noch eine Runde Golf spielen gehen will.»

«Ihren blöden Witz mit der Masseuse können Sie sich sonst wohin stecken. Und zufällig weiß ich, dass Sie zu diesen proletarischen Ignoranten gehören, die diesen edlen Rasensport verabscheuen,» ließ er mich wissen und legte auf.

Ich fragte mich — rein theoretisch –, was er wohl getan hätte, wenn er mich zufällig auf dem Golfplatz getroffen hätte. Wahrscheinlich wäre er sofort aus dem Klub ausgetreten, oder er hätte mindestens dafür gesorgt, dass die Beiträge dermaßen erhöht worden wären, dass sie sich meinesgleichen auch mit zehn Jahresgehältern nicht hätte leisten können.

Ich rammte mir eine Havanna ins Gesicht, schnappte mir meine Aufschriebe mit den Farbenbestellungen und stiefelte hinauf ins Konferenzzimmer.

Schäffer war da und acht Mann vom Außendienst. Anscheinend hatten sie schon reichlich Vertreterwitzchen ausgetauscht, denn alle waren in prächtiger Stimmung.

Schäffer erledigte kurz die Vorstellungspräliminarien und erkundigte sich bei mir: «Können wir anfangen?»

«Ich will doch stark hoffen, dass Sie schon längst angefangen haben. Schließlich ist Zeit bekanntlich Geld, und von beidem haben wir viel zu wenig.»

«Ähm ja, ich hatte die Kollegen schon mal auf die zurückgegangenen Absatz- und Umsatzzahlen hingewiesen.»

«Wie trübe die aussehen, wird ihnen wohl nicht neu gewesen sein, oder?»

«Das nicht gerade, aber wir brauchen ja erst mal einen Ausgangspunkt.»

Ich richtete das Wort an die versammelten Herren Vertreter, denen noch die Reste eines Grinsens über irgendeinen dreckigen Witz im Gesicht standen: «Meine Herren, Kollege Schäffer hat ganz Recht, der Umsatz ist im Keller. Wenn er im Keller ist, bedeutet das, dass man Ware anbietet, die die Leute nicht mehr haben wollen. Oder dass man sie auf eine Art anbietet, die die sie nicht mehr haben wollen. Da die Leute aber sicherlich nach wie vor Farbe brauchen und haben wollen, muss die Ursache wohl eher bei der zweiten Möglichkeit zu suchen sein.»

Erschrockene Gesichter.

«Was können wir also tun, um das Produkt Präsentation zu verbessern? — Bunny-Kostüme tragen? Gedichte aufsagen? Oder zu jeder Dose Farbe einen Smart dazugeben?»

Es war ein fröhliches Völkchen, der erste Schreck war schnell verflogen, und sie wieherten herzlich.

Ich lächelte sie an. Alle. «Sagen Sie mir, wenn sie bessere Vorschläge haben. Sonst müssen wir Sie in Bunny-Kostüme stecken.»

Das blöde Gegacker hörte auf. Fragend hob ich die Brauen. «Also, meine Herren, lassen Sie mich teilhaben an Ihren genialen Strategien.»

Es gab nicht gerade ein Gedrängel um den ersten Startplatz. Schließlich räusperte sich der Bursche, der mir direkt gegenüber saß. Er hatte ein Eulengesicht und mausbraune Haare, ich glaube, sein Name war Geyer. «Wir könnten die Preise senken. Wir leben in Schnäppchenland. Preissenkungen beleben den Absatz.»

«Aber sie senken auch den Gewinn,» teilte ich ihm mit.

«Die Masse bringt’s.»

«Wissen Sie, wieviel Farbe Sie mehr verkaufen müssten, um bei einer Preissenkung den Gewinnausfall zu kompensieren?»

«Nee.»

«Ich auch nicht. Und ich will’s auch gar nicht wissen. Denn wir erreichen ja jetzt schon bei weitem nicht das Plansoll. — Wer hat weitere Vorschläge?»

«Rabatte!» krähte ein kleines aufgeregt wirkendes Kerlchen vom anderen Ende des Konferenztischs.

«Rabatte? Was für Rabatte?»

«Mengenrabatte. Natürlich vorher auf den Preis draufgeschlagen, bevor man sie gibt, hähä.» Er lachte dreckig und tat unheimlich ausgekocht.

Ich starrte ihn an und sagte langsam: «Neulich wurde bei den Pyramiden eine Hyroglyphentafel ausgegraben, auf der war diese Verkaufsmethode schon als veraltet durchgestrichen.»

Verdutzt hörte er auf herumzugrölen. Dafür lachten jetzt alle anderen. Ein Kindergarten.

Reichenbach, ein hagerer grauhaariger Endfünfziger, der mit seiner vornehmen eleganten Erscheinung deutlich aus dieser bunten Truppe hervorstach, zog die Aufmerksamkeit mit einem dezenten Hüsteln auf sich. «Ich glaube, es würde uns weiterbringen, wenn wir erst mal die Ursachen des Absatzeinbruchs etwas näher beleuchteten.»

Der erste vernünftige Gedanke in dieser Runde. Ich sagte: «Gut, betreiben wir also mal ein bisschen Ursachenforschung. Wo klemmt’s da draußen.»

«Wir kriegen immer schlechtere Plätze in den Regalen,» sagte Geyer. «Die anderen zahlen einfach mehr Regalmiete.»

«Und was ist mit den Autolackieren, haben die etwa auch Regale?»

Reichenbach erklärte: «Da liegt der Fall etwas anderes. Die legen sehr viel Wert auf die Qualität. Das heißt, der Lack muss absolut homogen sein, es darf keine Tropfenbildung geben, der Verlauf muss gleichmäßig sein und so weiter. Da ist uns die Konkurrenz technologisch voraus, das kriegen wir immer wieder zu hören. Außerdem spielt bei den Lackieren und Handwerkern der Umweltschutz durchaus eine Rolle. Wir sind eine der ganz wenigen Marken, die noch nicht den Blauen Engel auf den Dosen haben. Und so etwas wie wasserlösliche Lacke haben wir überhaupt nicht im Angebot.»

«Soll das heißen, mit unserer Brühe können wir uns bei denen nicht mehr sehen lassen?»

«Etwas hart formuliert, aber durchaus zutreffend.» Die anderen in der Runde nickten zustimmend.

Mein Groll gegen Ohlsen nahm nie gekannte Ausmaße an. Mühsam beherrscht erkundigte ich mich: «Haben wir noch andere Kundengruppen?»

«In geringerem Umfang industrielle Abnehmer,» sagte Schäffer. «Maschinenbau und Metallverarbeitung — hauptsächlich Rostschutz.»

«Wir sind hier an der Küste, was ist mit der Schifffahrt?»

«Keine Chance. Im Markt für Bootslacke und Schiffsanstriche können wir qualitativ einfach nicht mithalten.»

Das reichte mir. Ich sagte zu ihm: «Rufen Sie Ohlsen her.»

Endlich mal kapierte er sofort. Ihm war gleich klar, dass hier sein Intimfeind in der Geschäftsleitung den Vertretern zum Fraß vorgeworfen werden sollte. Und da spielte er mit dem größten Vergnügen mit und eilte hinaus, um Ohlsen herbeizuzitieren. Es dauerte keine fünf Minuten, dann war Ohlsen zur Stelle.

«’n Morgen, Kollege Ohlsen,» knurrte ich. «Können Sie sich denken, warum Sie hier sind?»

«Nein, warum denn?»

Prüfend betrachtete ich die Glut meiner Havanna und informierte ihn nebenhin: «Um sich von unserem Außendienst mal erklären zu lassen, was die Kunden von unserer Farbe halten. — Legen Sie los, meine Herren.»

Sie legten los. Und wie sie loslegten. Sie bombardierten ihn mit Beschwerden. Und er hatte dem nicht viel entgegenzusetzen.

Als der Kugelhagel vorüber war, machte er einen ziemlich kleinlauten Eindruck. Ich fragte: «Nun, woran liegt das wohl, dass der Kunde das Gefühl hat, dass wir Pferdepisse oder etwas in der Art verkaufen, aber ganz bestimmt nichts, was die Bezeichnung Farben und Lacke verdient hätte?»

«Na ja, unsere Möglichkeiten sind da etwas beschränkt.»

«Haben Sie mir nicht ganz stolz unsere wunderbare vollautomatische Farbenproduktion vorgeführt?»

«Daran liegt es nicht.»

«Woran dann?»

«Seit entschieden wurde, unsere Ausgangsstoffe aus Osteuropa zu beziehen, haben wir ein ziemliches Qualitätsproblem. Die Lieferungen sind oft verunreinigt und entsprechen nicht immer den üblichen Spezifikationen.»

«Und das lassen Sie einfach so laufen?»

Er zuckte die Achseln. «Was soll ich machen, es war ein Sparbeschluss der Geschäftsleitung.»

«Von welcher Geschäftsleitung?»

«Burger.»

«Nur von ihm?»

«Ja.»

Ich wandte mich an Schäffer. «Wussten Sie etwas davon?»

«Ich höre heute zum ersten mal davon.» Das glaubte ich ihm. Er hörte ja praktisch immer zu ersten mal davon.

«Burger hat das alleine ausbaldowert?»fragte ich Ohlsen.

«Er war der Boss. Die Idee brachte er mit von einer Geschäftsreise nach Kiew.»

«Wie praktisch, dass er nicht mehr da ist. Der ideale Sündenbock,» knurrte ich.

«Es war aber so. Es hat uns in der Produktion das Leben nicht gerade leichter gemacht. Wir haben seitdem laufend Ausfälle, weil sich die Ventile und Leitungen immer wieder zusetzen.»

Man fragte sich, wofür dieser Mann überhaupt ein Gehalt bezog. Da wir hier leider nicht über die beneidenswert aufnahmebereite und duldsame Klientel der Kaffeefahrtenbranche verfügten, hatten wir keine Wahl. Um ein Qualtitätsproblem kann man sich nicht herumbescheißen. Dazu ist sogar mir noch keine kostengünstige Ausweichlösung eingefallen. In diesem Fall hilft nur der direkte Frontalangriff. Woher das nötige Geld kommen sollte, war eine zweitrangige Frage. Wahrscheinlich würde ich Burger dafür bluten lassen — wo auch immer auf dem Erdkreis er sich aufhalten mochte. Ich sagte: «Okay, die beiden Lieferungen, die morgen kommen, nehmen wir den Strolchen noch ab. Aber dann ist Schluss. Es wird ab sofort wieder mit sauberem Material gearbeitet. Aktivieren Sie die alten Lieferbeziehungen wieder. Ich will absolute Spitzenqualität.»

«Das wird aber einiges mehr kosten.»

«Wieviel das mehr kosten wird, werden wir sehen, wenn wir die Preise ausgehandelt haben. Da möchte ich gerne dabeisein. Sagen Sie mir Bescheid, wenn’s so weit ist. Wir werden drei Produktlinien auflegen. Erstens Maddox Marine Coatings, zweitens Maddox Profi Paintures und drittens den Heimwerkerbereich. Für den werden wir uns noch was Zugkräftiges einfallen lassen. Und bis dahin werden wir in diesem Bereich noch unsere vorhandenen Lagerbestände absetzen — und zwar ausschließlich in diesem Bereich. Ich will nicht, dass unser Image bei den Profis noch weiter ruiniert wird. Wie lange werden Sie für die Umstellung brauchen?»

«Bis alles richtig eingestellt ist und läuft, ungefähr drei Monate. Wir müssen die Farbrezepturen ja wieder ganz neu zusammenstellen und testen und die Maschinen anpassen.»

«Ich gebe Ihnen zwei Wochen.»

«Unmöglich.»

«Jetzt haben Sie schon eine Minute davon vergeudet. Ich würde Ihnen raten, sofort loszulegen.»

Ohlsen stand auf und rauschte hinaus.

Ich wandte mich wieder der Vertretertruppe zu. «So, und Sie werden jetzt mal ein bisschen die Köpfe rauchen lassen, wie man unsere Farbe für die Heimwerkermärkte aufpeppen kann. Mit Qualitätsargumenten können wir uns da einstweilen nicht allzu sehr aus dem Fenster hängen. Es muss etwas anderes her, Gefühle vielleicht. Ich werde Ihnen gleich einen Spezialisten aus der PR-Abteilung hochschicken, der Ihnen dabei helfen wird. Und beim Mittagessen in der Kantine, können Sie mir dann ja Ihre Geistesblitze präsentieren.»

Ich erhob mich und mehr so im Hinausgehen legte ich Schäffer noch meinen Zettel mit den Baumarktbestellungen hin. «Ich habe mich heute morgen mal eine halbe Stunde ans Telefon gehängt und mir erlaubt, ein paar Aufträge hereinzuholen.»

Schäffer starrte auf den Zettel. «Das sind ja neunhunderttausend Liter!»

«So in etwa,» nickte ich. «Das sind knapp zehn Prozent unseres Jahresumsatzes, wenn ich richtig gerechnet habe. Und ich bin im Verkauf ein absoluter Laie. Es scheint also doch noch was zu gehen im Markt. Vielleicht denken Sie mal darüber nach.» Ich glaube, es war ein ziemlich starker Abgang. Jedenfalls starrten sie mir mit offenen Mündern nach, wobei der von Schäffer am weitesten offen stand.

Von meinem Büro aus rief ich Kretschmer an und erkundigte mich, ob er sich den Wilke schon vorgeknöpft hatte. Hatte er nicht, weil der ganz hinten auf der Liste stand. Ich sagte ihm, dass er ihn streichen sollte, weil ich mich persönlich um ihn kümmern würde. Dann ging ich runter zu B.B.

Sie trug ihr Haar heute offen und einen dunkelgrünen Hosenanzug. Und sie lächelte mir nett entgegen, als ich in ihr Büro marschierte, ohne anzuklopfen — gute PR-Arbeit in eigener Sache.

«Gibt’s was Neues?» erkundigte ich mich, nachdem ich mich im Besuchersessel vor ihrem Schreibtisch niedergelassen hatte.

«Ich arbeite gerade die Strategie für das Problem mit der Kläranlage aus.»

«Klingt spannend. Aber das Problem Wilke ist im Augenblick dringender. Würden Sie ihn wohl bitte mal rufen lassen.?»

Sie griff zum Telefon und bestellte Wilke zu sich. Er war so schnell da, als ob er vor der Tür gewartet hätte.

«Was hört man da?» empfing ich ihn. «Der Werkschutz hat Sie am Arsch?» Über die Schulter wandte ich mich an B.B. und raunte vertraulich: «Entschuldigen Sie bitte den harten Ausdruck.»

Verwirrt schaute sie von mir zu Wilke. «Was hat das zu bedeuten?»

«Sagen Sie’s ihr,» forderte ich ihn auf.

Wilke war nicht ganz der Alte an diesem Morgen. Nichts mehr war zu sehen vom unbekümmerten Sonnyboy und unbeugsamen Frauenbekämpfer. Er stotterte sich warm und beichtete das mit dem Paket Fotopapier und schloss mit der kühnen Behauptung: «Ich habe es nur mitgenommen, weil ich zu Hause noch etwas arbeiten wollte.»

Ich lächelte ihn ungläubig an. «Sie wollten so viel arbeiten, dass Sie gleich ein ganzes Paket brauchten?»

«Es musste schnell gehen gestern Abend, und den Rest hätte ich wieder zurückgebracht,» beteuerte er.

«Das wäre das erste mal gewesen, dass jemand mal wieder was in die Firma zurückbringt. Sind Sie wirklich so ein Held?»

Er war clever genug, auf diesem Punkt nicht weiter rumzureiten und sagte lieber nichts mehr.

Ich wandte mich an B.B.: «Sicher, es war nur ein Paket Fotopapier. Aber es war Firmeneigentum. Damit war es Diebstahl. Und wer weiß, ob es das erste mal war und ob wir nicht noch viel mehr finden würden, wenn wir uns mal bei Wilke zu Hause etwas umschauten.»

«Wollen Sie ihn entlassen?» fragte sie.

«Das wäre eine Möglichkeit. Alle, die gestern erwischt wurden — zum Teil mit sehr viel weniger –, werden heute gefeuert und kriegen gerade von Bollmann ihre Papiere ausgehändigt.»

Wilke wirkte ein bisschen zittrig. B.B. sagte nichts und machte einen gedankenvollen Eindruck. Das war die Chance, ihn schnell und einfach loszuwerden. Aber ich hatte andere Pläne und fuhr fort: «Man könnte sich allerdings auch sozusagen eine Verurteilung auf Bewährung vorstellen.»

B.B. wurde hellhörig. «Wie meinen Sie das?»

Ich richtete den Blick auf Wilke, der durch ein Wechselbad der Gefühle ging. «Nun, wir könnten ihm zur Bewährung eine Aufgabe übertragen, und wenn er die zufriedenstellend löst, ist alles vergeben und vergessen. Natürlich nur unter der Voraussetzung, dass nicht noch weitere Dinger ans Tageslicht kommen und die Privatentnahmen aus dem Firmeneigentum endgültig aufhören und er sich nicht etwa einfallen lässt, zum Beispiel das famose Fräulein Rußwurm draußen mitgehen zu lassen.»

«Und was wäre das für eine Aufgabe?» fragte sie.

«Ich habe oben im Konferenzsaal gerade eine Horde Vertreter sitzen, die sich ganz gewaltig mit neuen Vertriebsideen abschwitzen. Die könnten gut ein bisschen fachkundige Unterstützung brauchen. Und die könnten Sie ihnen doch zukommen lassen, was, Wilke?»

«Meinen Sie das im Ernst?» erkundigte er sich unsicher.

«Sehe ich aus, als ob ich scherzte?»

«Ich soll mit den Außendienstlern ein Vertriebskonzept entwickeln?»

«Das beste und durchschlagendste, das jemals entwickelt wurde.»

Sein Gesicht hellte sich auf. «Und ob ich das kann.»

«Na, dann tummeln Sie sich mal. Man wartet schon auf Sie. — Und wehe, es funktioniert nicht.»

Wie der Blitz war er weg.

«Warum haben Sie ihn behalten?» fragte sie.

Ich seufzte. «Weil ich ihn gerade brauche. Wenn er den Job erledigt hat, können wir ihn immer noch feuern. Und bis dahin müssen Sie sich nicht mit ihm abplagen, er ist jetzt Schäffers Ressort zugeordnet.»

Ich wünschte ihr noch einen schönen Tag und viele gute Einfälle und empfahl mich.

Vor meinem Büro kam Herzchen mir entgegengestürzt und keuchte: «Gehen Sie da nicht rein!»

Aus dem Büro drang Lärm. Möbel stürzten um. Irgend etwas zersplitterte. Ich fragte: «Was ist da los?»

«Das sind Leute, die wütend über ihre Entlassung sind,» berichtete Herzchen aufgeregt.

Als sie drinnen im Büro Stimmen auf dem Korridor hörten, kamen sie heraus. Vorne weg ein Zwei-Meter-Kerl mit riesigen Fäusten. Irgendwer im Hintergrund rief: «Das ist er!» Und der Riese stürzte auf mich los.

Ohne groß zu überlegen riss ich einen Feuerlöscher von der Wand, der zufällig gerade neben mir hing, und knallte ihm das Ding vor die Glocke. Er lief voll hinein und ging sofort zu Boden. Ich zog den Sicherungssplint und drückte auf den Hebel und nebelte die ganze wildgewordene Bande mit Löschpulver ein. Im Handumdrehen hatte ich einen Haufen weißer Männer vor mir, die sich die Lunge aus dem Leib husteten und nach Luft japsten.

Ich schob Herzchen vor mir her, warf die Tür zur Abteilung hinter uns zu und schloss ab. Sie zitterte am ganzen Leib. Ich sagte: «Nur keine Aufregung. Rufen Sie zur Kretschmer runter, er soll zehn Mann hochschicken und diese Idioten der Polizei übergeben — tätlicher Angriff auf einen Vorgesetzten, Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch und so weiter.»

Fischköppe mit richtig Temperament, hatte man so was schon gesehen?

Mein nettes kleines Büro konnte ich erst mal vergessen. Ich begab mich zu Korf.

Er fragte: «Was war das für ein Krach da unten?»

«Nichts Besonderes, ein Papierkorb hat Feuer gefangen. Aber jemand hat reingepinkelt, und der Brand ist schon gelöscht.»

«Aha.»

«Ja, ja, wir leben in gefährlichen Zeiten. Und der Höhepunkt ist noch nicht erreicht.»

Seine Brauen gingen hoch.

«Seit heute laufen die Entlassungen,» erläuterte ich. «Es wird einen Aufstand geben, wilde Streiks, vielleicht sogar eine Revolution.»

«Aber das scheint Sie nicht sonderlich zu beunruhigen,» stellte er verwundert fest.

«Nein, nicht besonders. Im Gegenteil, ich würde mir sogar sehr etwas in dieser Richtung wünschen. Denn jeder, der da mitmacht, liefert uns einen weiteren erstklassigen Entlassungsgrund. Unter dem Strich würde mir ein bisschen Aufruhr die Arbeit also ganz erheblich erleichtern.»

«Sie entlassen gerne, wie?»

«Es ist nicht gerade so, dass ich mir gar nichts Schöneres vorstellen könnte, aber so eine Entlassung ist immer ein hübscher, eindeutiger Erfolg, Das hat schon was.»

Er wechselte das Thema und sagte: «Ich habe heute Nachmittag zusammen mit Feddersen einen Termin beim Notar.»

«Haben Sie alle nötigen Vollmachten?»

«Meine Vollmacht berechtigt mich, die Firma in allen rechtlichen Belangen gerichtlich und außergerichtlich zu vertreten. Das reicht völlig aus.»

«Schön. Und lassen Sie sich ja nicht bescheißen.»

Er lächelte dünn. «Werde mir Mühe geben. Es dürfte nicht allzu schwer sein, es besser als Burger zu machen.»

«Nein , wirklich nicht,» stimmte ich ihm zu.

Ich zog das Werbeschreiben von Eco-consult, Jersey aus meinem Jackett und legte es ihm hin. «Das war heute morgen in der Post.»

Er las den Brief durch und murmelte nebenbei: «Gut, dass Sie darauf zu sprechen kommen. Ich habe mich mal mit einem Studienkollegen kurzgeschlossen, der im Bankgeschäft tätig ist. Die Eco-consult ist in der Branche keine Unbekannte. Offiziell bieten sie Geldanlagen an, wie sie hier im Brief ja auch schreiben.» Er blickte auf. «Aber der eigentliche Trick ist, dass sie den Investoren im Gegenzug Gutachten verkaufen, vorzugsweise Umweltgutachten. Nichts Tolles, ein paar Platitüden auf Hochglanzpapier garniert mit Tabellen und Tortendiagrammen. Wert praktisch Null. Es geht bei diesem Geschäftsmodell nur darum, pro forma eine Gegenleistung vorzutäuschen, damit eine reine Geldanlage zur Geschäftsausgabe wird….»

«… oder abgezweigtes Geld nicht nach abgezweigtem Geld aussieht, sondern nach etwas, wofür die Firma einen Gegenwert gekriegt hat,» ergänzte ich.

«Oder das,» nickte er.

Ich pfiff durch die Zähne. «Steuerhinterziehung, oder Unterschlagung, oder beides. Der Burger wird mir immer sympathischer.»

«Wissen Sie, wo er sich zur Zeit aufhält?»

«War nicht schwer rauszufinden.»

«Im Ausland?»

«Hawaii.»

Korf machte ein beeindrucktes Gesicht. «Wir könnten einen internationalen Haftbefehl erwirken. Mit diesem Material kein Problem.»

«Wir werden damit noch ein bisschen warten. Erst mal werde ich die Revision in punkto Eco-consult bis zu Burgers erstem Tag hier in der Firma ausweiten. Ich will auf Euro und Cent genau wissen, wieviel sich dieser Hurensohn unter den Nagel gerissen hat. Und dann werden wir ihn zur Strecke bringen.»

«Hoffentlich setzt er sich nicht in die Schweiz ab oder in irgendein anderes Land, das wegen Steuerhinterziehung nicht ausliefert,» sorgte er sich.

«Wir werden den Haftbefehl ganz bestimmt nicht nur auf Steuerhinterziehung stützen, sondern auch auf Unterschlagung, Veruntreuung, schweren Diebstahl und meinetwegen auch auf Terrorismus,» sagte ich grimmig.

«Sieht nicht gut aus für Burger,» stellte Korf fest.

«Er wird wünschen, dass er nie geboren wäre, wenn ich mit ihm fertig bin,» knurrte ich. «Haben Sie eine Ahnung, bei wem diese Gutachten gelandet sein könnten?»

«Ich nehme kaum an, dass sie überhaupt jemand gelesen hat. Vermutlich sind sie postwendend in der Registratur abgelegt worden. Es kam ja nur darauf an, dass der Eingang quittiert wurde. Damit hatten sie ihren Zweck ja schon erfüllt.»

«Überprüfen Sie das mal. Kann sein, dass wir die Dinger noch mal als Beweismaterial brauchen.»

«Mache ich. — Noch ganz etwas anderes. Womit sollen wir eigentlich fahren, jetzt wo die Dienstwagen weg sind?»

«Nehmen Sie Ihren eigenen Wagen und rechnen Sie die dienstlich gefahrenen Kilometer mit der Reisestelle ab.»

«Ich habe keinen eigenen Wagen.»

«Dann kaufen Sie sich eben einen.»

«Könnte ich denn nicht meinen Dienstwagen kaufen?»

«Das wird nicht gehen, die Schlitten sind schon auf dem Weg in die Wüste. Sie werden in den Arabischen Emiraten sehnlichst erwartet.»

«Oh, so schnell?»

«Unproduktives Anlagekapital kann man gar nicht schnell genug loswerden. — Bis Sie einen fahrbaren Untersatz gefunden haben, können Sie von mir aus ein Taxi benutzen. Aber wirklich nur für die Dienstfahrten.»

Er nickte unbefriedigt. Nimm einem Mann sein Auto weg, und er ist nicht mehr er selbst. Ich frage mich, wie das in früheren Zeiten gegangen ist. Auf welche Art konnte man da die Persönlichkeit eines Mannes dezimieren? Indem man ihm die Daumenschrauben wegnahm? Oder noch früher seine Leier? Oder ganz am Anfang seine dritte oder vierte Höhlengespielin? — Man steckt einfach nicht drin. Die Welt war schon immer verrückt.

Als ich in die Kantine kam, wurde ich von eisigen Mienen empfangen und alle Gespräche verstummten. Nur hinten in der Ecke, wo Schäffer und seine Vertretertruppe ein paar Tische zusammengeschoben hatten und ein Arbeitsessen veranstalten, herrschte großes Hallo. Sie waren so mit Feuereifer bei der Sache, dass es nicht mal der Kantinenfraß schaffte, ihnen die Laune zu verderben. Ich setzte mich zu ihnen und fragte: «Wie sieht’s aus, meine Herren? Kommen Sie voran?»

Grandseigneur Reichenbach fasste die Lage zusammen: «Ich denke, wir haben ganz gute Fortschritte gemacht. Wir sind davon ausgegangen, dass wir wahrscheinlich keinen großen Werbeetat zur Verfügung haben, und haben uns deshalb mal auf die Verpackung konzentriert.»

Schäffer nickte voll selbstgefälliger Behäbigkeit. «Verpackungen sind Verpackungen, aber sie können außer dem Inhalt auch Informationen transportieren, und wenn sie entsprechend aufgemacht sind, können sie auch eine animierende Wirkung haben.»

«Kein Anfängerseminar in Verpackungskunde bitte,» winkte ich ab.

Reichenbach lächelte. «Die Verpackungen, die wir bisher hatten, geben uns einen gewissen Spielraum für Verbesserungen.»

«Meinen Sie die Dosen, in die unsere Spitzenprodukte abgefüllt werden?»

«Dieselben. Wir haben hier ein Muster, sehen Sie sich’s mal an. Weiße Dose, Firmenlogo und die üblichen Standardhinweise auf der Rückseite. Langweiliger geht’s nimmer. Außerdem ist dieses Einheitsweiß sehr unpraktisch, weil man nicht sieht, was für ein Farbton in der Dose ist.»

Ich betrachtete mir die Dose, die er mir herübergeschoben hatte, von allen Seiten. Es stimmte schon: fad, fader, Maddox-Color. Ich fragte: «Wieso kann man den Farbton nicht erkennen, der Deckel ist doch in der entsprechenden Farbe lackiert.»

«Aber den Deckel kann man nicht sehen, wenn die Dosen gestapelt sind oder ganz oben im Regal stehen. Da muss man sich dann mühsam durch die Regalschildchen lesen. Und die sind fast immer schlecht zu entziffern und sie stimmen oft auch nicht, weil falsch eingeräumt wurde.»

Ich stellte die Dose auf den Tisch. «Eins zu Null für Sie. — Was noch?»

«Wir haben uns nun gedacht, wir geben dem Kunden einen Zusatznutzen, indem wir ihm eine schnelle Orientierung ermöglichen mit Dosen, die ganz in der Inhaltsfarbe lackiert sind.»

«Außerdem würde unser Sortiment im Regal natürlich viel besser aussehen, wenn da statt langweiligem Weiß die ganze Farbpalette aufgereiht ist. Schließlich verkaufen wir Farbe, und Farbe ist nun mal bunt,» erklärte Schäffer eifrig.

«Guter Gedanke, und so genial einfach. — Bloß warum sind Sie nicht schon früher darauf gekommen?»

«Wir hatten keinen Grund.»

«Sie hatten keinen Grund zu wirksamen Absatzförderungsmaßnahmen, die praktisch kaum was kosten?» fragte ich ärgerlich.

Schäffer hatte sich mal wieder vergaloppiert und kriegte wieder sein Apoplektikergesicht.

Reichenbach versuchte zu vermitteln: «Die Konkurrenz macht’s doch genauso — alles weiß.»

«Aber irgendwas muss die Konkurrenz doch anders machen, die steht nämlich nicht mit einem Bein vor dem Konkursrichter,» stellte ich klar. «Haben Sie sonst noch was in der Pipeline?»

Reichenbach hüstelte und sagte. «Ich glaube, Wilke hatte noch eine ganz gute Idee.»

Ich blickte hinüber zu Wilke. «Ist das wahr, Wilke?»

Er lächelte. «Ich dachte mir, wir müssten vielleicht noch ein paar positive Gefühle vermitteln. Ein gutes Umweltgewissen zum Beispiel. Wir könnten unter unser Logo drucken: Tu was für die Umwelt und dann die Kontonummer von Greenpeace oder irgendeinen anderen Umweltorganisation.»

Tu was für die Umwelt, das war gut, das war sogar sehr gut. Es sagte nicht, dass Maddox etwas für die Umwelt tat, aber es vermittelte das Gefühl. Ich beglückwünschte mich zu der Entscheidung, Wilke nicht gefeuert, sondern auf Bewährung zu den Verkäufertruppen geschickt zu haben. Anerkennend nickte ich ihm zu. «Das gefällt mir, Wilke, das ist richtig gut. Nehmen Sie sich ein Beispiel, meine Herren, von Einfällen in dieser Qualität können wir noch eine Menge brauchen.»

«Wir könnten noch was drauf drucken,» krähte das kleine zappelige Kerlchen.

Alle sahen ihn an.

«Tropft nicht,» erklärte er und blickte triumphierend in die Runde.

«Natürlich tropft unsere Farbe,» knurrte Geyer, «wahrscheinlich sogar mehr als jede andere.»

«Darauf kommt’s doch gar nicht an. Die Leute wollen, dass die Farbe nicht tropft, das ist das Entscheidende,» erklärte ihm der Kleine. Er hatte das Leben wirklich begriffen.

«Vielleicht werden die Leute die Farbe kaufen. Aber dann werden sie feststellen, dass sie doch tropft. Und sie werden sich beschissen vorkommen und uns die Hölle heiß machen,» beharrte Geyer.

«Nicht unbedingt,» sagte der Kleine schlau. «Wenn jemand tropft, ist es der Mann oder die Frau am Pinsel. Das Geklecker geht auf sein Konto. Er ist für die Kleckser verantwortlich, nicht die Farbe. Und wenn wir nun hinten auf die Dose kleingedruckt — ganz kleingedruckt — ein paar detaillierte Verarbeitungshinweise und Malertricks anbringen, wie man pinselt ohne zu kleckern, dann können die Leute überhaupt nichts sagen. Nicht mal zur Konkurrenz können sie gehen, denn diese Farbe tropft ja auch.»

Langsam kriegte ich ein mulmiges Gefühl und fragte mich, ob ich dies alles nicht nur träumte. Nach allem was mir in den letzten Tagen hier so geboten worden war, fühlte ich mich von so vielen Geistesblitzen auf einmal wie erschlagen.

Ich fragte den Kleinen: «Wie heißen Sie?»

«Sprotte, Vertretungsgebiet Mitte-Südwest,» erklärte er stolz.

«Sie sind ein ganz ausgekochter Schweinehund,» lobte ich ihn. Und an alle gewandt, sagte ich: «Das waren heute Vormittag mehr gute Einfälle als dieser Betrieb wahrscheinlich in den letzten drei Jahren zusammen gesehen hat. Wenn Sie so weitermachen, werden wir noch Lieferschwierigkeiten kriegen. Also machen Sie weiter so.»

Ich ging hoch, um mir mal mein Büro zu besehen. Herzchen war mit Schaufel und Besen zugange und kehrte Scherben zusammen. Die Rabauken hatten sich damit amüsiert, den Schreibtisch leerzufegen, Möbel umzuschmeißen und den Computerbildschirm einzuschlagen. Ich sagte Herzchen, dass sie die Aufräumarbeiten dem Hausmeister überlassen und mir von den Computerfritzen einen neuen Monitor bringen lassen sollte. Das Telefon funktionierte noch, und ich erkundigte mich bei Kretschmer nach dem Stand der Dinge. Er war gut aufgelegt und informierte mich: «Wir sind fertig. Bis auf drei unklare Fälle konnten wir alle dingfest machen. Bollmann müsste sie eigentlich schon gefeuert haben, das heißt, wenn seine Sekretärin mit dem Zeugnisschreiben überhaupt nachgekommen ist. — Die Radaubrüder aus ihrem Büro haben wir übrigens der Polizei übergeben. Wenn weiter nichts anliegt, werden wir uns jetzt mal auf die Torkontrollen heute Abend vorbereiten.»

«Werfen Sie Ihre Netze aus, und sehen Sie zu, dass sie keine Löcher haben,» sagte ich ihm und legte auf. Dann ging ich zu Bollmann hinüber. Es war seltsam still in der Personalabteilung. Kein Menschenseele auf dem Flur. Ich ging in Bollmanns Büro. Er saß ganz erschossen hinter seinem Schreibtisch und ächzte nur: «Was für ein Tag, was für ein Tag!»

«Und dabei ist er noch nicht mal zur Hälfte rum,» grinste ich. «Was ist, haben Sie unsere Entlassungskandidaten alle schon durchgeschleust?»

«Na ja, irgendwie schon. Aber die Papiere konnte ich längst noch nicht allen mitgeben, meine Sekretärin ist einfach nicht nachgekommen mit den Zeugnissen. Ich habe sie erst mal nach Hause geschickt und ihnen gesagt, dass sie die Zeugnisse per Post kriegen.»

«Nehmen Sie meine Sekretärin noch mit dazu und vielleicht die Rußwurm aus der PR-Abteilung, und sehen Sie zu, dass die verdammten Zeugnisse heute noch alle rausgehen. Nächste Woche haben wir den ersten, und ich will nicht, dass uns einer noch ein ganzes Monatsgehalt abknöpft, bloß weil wir es nicht geschafft haben, alle Entlassungen formgültig hinzukriegen.»

Bollman seufzte und blickte auf seinem Schreibtisch herum. Ich legte ihm die Liste mit den Telefonsündern hin. «So, und der Nachmittag gehört diesen Telefonganoven. Ich werde Ihnen gleich noch den Prager runterschicken. Sie werden die Leutchen zusammen ins Kreuzverhör nehmen, und wer da nicht mit blütenweißer Weste rauskommt, wird sofort entlassen.»

Verzagt blickte er zu mir hoch. «Wie viele sind das?»

«So um die siebzig.»

«Das schaff ich nicht.»

«Kretschmer hat heute Vormittag über hundertvierzig geschafft.»

«Ich bin kein Polizist. So was liegt mir nicht.»

«Lassen Sie Prager die Leute durch die Mangel drehen, und schauen Sie zu und lernen Sie. Und nebenbei machen Sie gleich alle Papiere und die Zeugnisse fertig. Und wenn die Sekretärinnen nicht reichen, können sie in allen anderen Abteilungen so viele requirieren, wie sie brauchen. Das ist ein Führerbefehl. Ich will, dass wir heute Abend alle Läuse aus dem Pelz haben, denn morgen könnten schon wieder neue dazukommen.»

«Geht das jetzt denn immer so weiter?» fragte er erschöpft.

«Das hängt ganz von der inneren Verfassung der Firma ab. Hier scheinen sich wirklich fidele Verhältnisse entwickelt zu haben. Die Firma ist ja die reinste Brutstätte der Kriminalität.»

Seine Haltung straffte sich etwas. «So würde ich das nicht sagen.»

«Wie würden Sie es denn sagen?»

«Gut, ein paar schwarze Schafe vielleicht, und es waren ja hauptsächlich kleinere Vergehen.»

«Ein paar schwarze Schafe?! — Im ersten Durchgang haben wir gleich mal zweihundert Leutchen bei krummen Touren erwischt. Gesamtschaden viele tausend Euro. Hier in diesem Zimmer wurde eine Palastrevolution geprobt, mein Büro wurde verwüstet. Das nennen Sie ein paar schwarze Schafe und kleinere Vergehen?»

Er zuckte zusammen. «Nun ja, wenn man das so sieht…»

«Wie kann man es denn noch sehen?»

Er gab auf. «Ich habe wohl etwas den Überblick verloren.»

«Das kann schon mal passieren in der Hitze des Gefechts,» sagte ich großzügig. «Aber dann muss man ihn sich so schnell wie möglich wieder verschaffen.»

Nach diesen aufbauenden Worten für das schwankende Rohr Bollmann rückte ich Prager auf die Bude.

«Na, wie sieht’s bei den Spesen aus?»

Prager ließ sich in seinen Sessel zurückfallen und warf seinen Bleistift auf den Block vor sich, auf dem er sich lange Zahlenreihen notiert hatte. «Ich würde sagen, der Fisch stinkt wieder mal vom Kopf her.»

«Von welchem Kopf?»

«Burger. Der Mann reist anscheinend immer nur erster Klasse, steigt ausschließlich in Fünf-Sterne-Hotels ab, und dann tut’s auch nie nur ein simples Zimmer, sondern es muss immer gleich eine Suite sein. Andererseits war er sich auch nicht zu blöd, noch jede Tasse Espresso abzurechnen, die er unterwegs beim Warten auf Flughäfen zu sich genommen hat. Jeder Trip, der länger als vierundzwanzig Stunden dauerte, ist bei ihm sofort in die Tausende gegangen. Und wenn der Boss schon so eine Einstellung hat, warum sollte es bei seinen Untergebenen dann anders sein. Ich fürchte, da werden noch jede Menge stickende Socken zum Vorschein kommen.»

«Nur zu, tun Sie sich keinen Zwang an. Stickende Socken sind genau das, was wir brauchen.»

«Auch wenn die Firma dabei total entvölkert wird?»

«Ist es so schlimm?»

«Beschissen wird immer und überall, aber hier scheinen sie es geradezu zu einem festen Bestandteil der Firmenkultur gemacht zu haben.»

«Okay, wir werden uns jeden Fall einzeln ansehen, wenn Sie das Material zusammenhaben und dann weitersehen. Aber jetzt müssen Sie das unterbrechen und zu Bollmann runtergehen und ihm helfen, die Telefongangster zur Strecke zu bringen. Es ist ein harter Tag für ihn. So viele Leute wie heute hat der in seinem ganzen Leben noch nicht gefeuert. Ich glaube, er kommt sich vor wie ein Massenmörder.»

Prager bleckte die Zähne. «Ja, ja, aller Anfang ist schwer.»

Dagegen ließ sich nichts einwenden. Andererseits war es auch nicht gerade eine Erkenntnis von umwerfendem Neuigkeitswert. Ich fragte: «Menges zufällig in der Nähe?»

«Als ich ihn zuletzt gesehen habe, hat er sich draußen mit der Sekretärin unterhalten.»

Ich fragte die Sekretärin. Menges war gerade in Burgers ehemaligem Büro mit einem Interessenten für das Inventar. Auch gut. Ich kehrte wieder zu Schäffers Vertreterrunde zurück. Sie hatten sich wieder ins Konferenzzimmer begeben und tagten fröhlich weiter. Schäffers Sekretärin hatte Kaffee aufgefahren, er selbst war kurz mal rausgegangen.

«Meine Herren, wie stehen die Aktien?»

Reichenbach erklärte: «Mit der Verpackungsgestaltung sind wir soweit durch. Im Augenblick halten wir noch Ausschau nach neuen Märkten.»

«Und? Schon was gefunden?»

«Bisher haben wir nur eine Negativliste. Es wird immer mehr mit Kunststoffen und Oberflächenbeschichtungen gearbeitet, klassische Lackierungen kommen da immer mehr aus der Mode.»

«Mit den Marinefarben kriegen wir aber eine ganze Menge Kundschaft dazu,» sagte ich. «Nehmen Sie nur die Werften und das ganze Geschäft mit den Wartungsanstrichen. Allein der Hafen von Hamburg wird täglich von ein paar Dutzend dicken Schiffen angelaufen. Sie alle müssen laufend gestrichen werden, und so ein Pott braucht mindestens tausend Liter Farbe pro Anstrich. Also, alle, die im Bereich Küste aktiv sind, werden in nächster Zeit diesen Markt verstärkt bearbeiten.»

«Und was ist mit den Bezirken im Binnenland?» erkundigte sich Geyer.

«Nicht nur Schiffe brauchen Farbe, sondern auch die Seecontainer, und davon sind Millionen in Umlauf. Und die Hersteller und Reparaturbetriebe für diese Dinger liegen überall, also fällt auch für die Landratten genug ab. Klemmen Sie sich mal dahinter, und Sie werden staunen, wieviel Farbe das Land braucht.»

«Wieso eigentlich bloß Seecontainer?» fragte ein sommersprossiger Bursche mit rotbraunen Haaren und runder Brille, der Koch hieß und bisher sehr schweigsam gewesen war.

Alle einschließlich meiner Wenigkeit schauten ihn fragend an. «Ich meine, es gibt doch noch massenhaft andere Sorten von Containern — Baucontainer, Wohncontainer, Müllcontainer und so weiter.»

Daran hatte anscheinend noch keiner von diesen Schlaubergern gedacht. Ich sagte: «Brillanter Gedanke. Aber eigentlich hätten Sie schon längst darauf kommen müssen.»

«Ich ?» fragte Koch verdattert.

«Sie alle,» sagte ich.

Das brachte sie wieder auf den harten Boden der Realität zurück. Ganz egal, wie clever sie sich jetzt und hier anstellten, sie hätten es schon längst tun sollen und nicht erst beim Nachsitzen. Ich stand auf und verabschiedete mich von Ihnen: «Meine Herren, schöpfen Sie alles aus, was der Markt hergibt. Alle Mittel sind erlaubt. Fangen Sie gleich morgen an, in den neuen Bereichen zu verkaufen. In spätestens vier Wochen ist unsere gesamte Produktpalette lieferbar.»

Dann ging ich, um mal zu sehen, was Schäffer so machte. Ich fand ihn in seinem Büro beim Telefonieren. Er war gerade fertig und legte auf, als ich hereinkam.

Zufrieden faltete er die Hände vor dem Bauch, ließ die Daumen rotieren und verkündete: «Die Laster sind verkauft.»

«Alle?»

«Alle auf einen Schlag.»

«An wen?»

«An den Holländer, der für uns ab jetzt die Transporte macht.»

«Und der Preis?»

«Kann sich sehen lassen: eins Komma neun Millionen — morgen holen sie die Trucks ab und bringen gleich den Scheck mit.»

Wahrscheinlich hätte man noch mehr rausschlagen können. Sehr wahrscheinlich sogar. LKWs waren stark gefragt, die Hersteller kamen kaum nach, der Gebrauchtlastermarkt war praktisch leergefegt. Und der Holländer wollte mit uns ins Geschäft kommen. Aber immerhin, Schäffer hatte der Firma wenigstens keine neuen Buchverluste beschert. Ich sagte: «Sie sind ja richtig gut.»

«Sag ich doch,» grinste er selbstgefällig.

Dafür hätte ich ihm gleich schon wieder eins überbraten müssen. Aber ich war ziemlich in Eile und hatte keine Zeit für solche Scharmützel. Ich sagte: «Ihre Vertreter sind gerade dabei, neue Märkte zu erschließen. Sehen Sie zu, dass ihnen der Schwung dabei nicht ausgeht. Und vor allem: Dass den vielen schönen Worten auch Taten folgen. Stellen Sie für jeden einzelnen einen Vertriebsplan auf und lassen Sie ihn das unterschreiben.»

Und nachdem ich mich vergewissert hatte, dass ich ihm seine gute Laune verdorben hatte, machte ich kehrt und trabte zu Ohlsen.

Der sah irgendwie etwas blass und angestrengt aus. Von seiner prächtigen Sonnenbräune war nicht mehr viel übrig. Unlustig erklärte er mir: «Ich habe mal die Angebote aller wichtigen Grundstoffproduzenten eingeholt. Sie liegen um bis zu zweihundert Prozent über den bisherigen Preisen.»

«Es sind nur Angebote. Das heißt nicht, dass wir auch zweihundert Prozent mehr zahlen.»

«Wir haben wenig Zeit für Verhandlungen.»

«Dann sollten wir so schnell wie möglich damit anfangen.»

Er spitzte die Lippen.. «Sagten Sie nicht, Sie wollten mit dabei sein bei den Verhandlungen?»

«Das waren meine Worte.»

«Auch am Wochenende?»

«Die arbeiten auch am Wochenende?»

«Ich denke, bei den Mengen, die wir abnehmen, können wir zumindest die Termine diktieren.»

«Fein,» sagte ich. «Von mir aus auch Samstagnacht. Ich arbeite ausgesprochen gerne am Wochenende.»

Das enttäuschte ihn sichtlich. Er hatte sich das ganz anders gedacht. Und jetzt hatte er sich selbst sein schönes Wochenende ruiniert. Dumm gelaufen. Aber ich bin nun mal keine Beamtenseele. Ich steh auch morgens um vier auf der Matte, wenn’s sein muss auch am ersten Weihnachtsfeiertag.

Eine unangenehme kleine Gesprächspause entstand — unangenehm für ihn. Er fing an in einer Mappe zu blättern, die er vor sich hatte. «Wilke hat mir vorhin die ersten Entwürfe für das neue Dosendesign vorbeigebracht.»

«Gut, dass Sie darauf kommen, wir werden ab sofort nur noch Dosen mit diesem Design ausliefern.»

«Wie stellen Sie sich das vor. Wir müssen die Dosen erst mal bestellen.»

«Dann tun Sie das. Ich bin sicher, Wilke hat die endgültigen Entwürfe spätestens bis morgen fertig..»

«Wir haben aber noch reichlich vom alten Material.»

«Finden Sie irgendwelche Mängel und schicken Sie’s als Beanstandung zurück. Oder streichen Sie das Zeug gelb an und verhökern es an die Imkergenossenschaft. Oder verschrotten Sie’s einfach.»

«Die neuen Dosen werden aber mehr kosten. Wir müssen sie für jede Farbe extra bestellen und vorhalten.»

«Die neuen Dosen werden uns vor allem Geld bringen, was man von den alten nun wirklich nicht behaupten kann.»

Wieder eine Pause. Mit Ohlsen ging es immer nur zäh voran. Ich fragte mich, wie lange ich mir das noch bieten lassen würde.

Schließlich sagte er: «Und was diese Marinelacke angeht, damit haben wir noch überhaupt keine Erfahrung. Ich weiß noch gar nicht, wie wir das hinkriegen sollen.»

Er bereitete mir wirklich nicht viel Freude, da war ja sogar Schäffer noch besser. Ich knurrte: «Wenn Sie’s nicht selber auf die Reihe kriegen, besorgen Sie sich einfach ein paar Dosen von der Konkurrenz und lassen Sie die verdammte Plörre im Labor analysieren, dann haben Sie schon ein Rezept.»

Bedenklich blickte er mich an. Ich trichterte ihm ein: «Vom Marinegeschäft hängt unser Erfolg ab, das ist ein riesiger Markt direkt vor unserer Haustür. Wenn wir da kein Bein reinkriegen, sind wir erledigt.»

«Das wird ein verdammt hartes Stück Arbeit werden.»

«Nun denn, frisch ans Werk?» ermunterte ich ihn und ließ ihn allein, damit er seine Farben pantschen konnte.

Im Aufzug traf ich Korf, der gerade vom Notar kam. Er grinste. «Alles unter Dach und Fach. Wollen Sie mal die Verträge sehen?»

Ich ließ sie mir zeigen. Alles in Ordnung, soweit ich sehen konnte — bis auf die Zahlungsfrist. Da stand: Kaufpreis zahlbar bei Eintrag der Auflassungsvormerkung. Eine harmlose Bemerkung, die es in sich hatte. Denn bis eine Auflassung eingetragen war, konnte es ganz schön dauern. Grundbuchämter sind Ämter, also voller Beamten, und da gehen die Dinge ihre gemächlichen Gang. Auf keinen Fall würde ich A.S. auf diese Art schon nächste Woche mit einem schönen Scheck beglücken können. Da würden Wochen ins Land gehen. Ich knurrte: «Was ist das hier für ein Ding mit der Zahlungsfrist?»

Korf schaute in den Vertrag. «Das ist die übliche Frist. Wird eigentlich immer so vereinbart.»

«Mit Feddersen hatte ich aber ganz was anderes vereinbart.»

«So? Was denn?»

«Dass er den Preis nächste Woche überweist.»

«Oh, davon wusste ich nichts.»

«Mein Fehler, ich hätte es Ihnen sagen sollen. Aber ich dachte, der Halunke wäre wirklich weich genug gekocht, um endlich mit seinen Mätzchen aufzuhören.»

In meinem Büro waren sie gerade dabei, den neuen Monitor anzuschließen. Ich schaute ihnen beim Einstöpseln der Kabel zu, während ich Feddersen anrief und es bei ihm klingeln ließ.

Er meldete sich. Ich röhrte: «War das Absicht?»

«Was meinen Sie?»

«Die Sache mit der Zahlungsfrist. Wir hatten nächste Woche vereinbart. Erinnern Sie sich?»

«Hatten wir das?»

«Wollen Sie mich verschaukeln?»

«Ich weiß gar nicht, was Sie wollen. Sie haben Ihre Verträge, und Sie kriegen genau den Preis, den Sie haben wollten.»

«Bloß wann?»

Er lachte ein kleines, boshaftes Lachen. «Lassen Sie sich überraschen.» Und legte auf.

Fluchend hieb er den Hörer auf den Apparat. Eigentor Bodo Lünch. Ich hätte selber hingehen sollen zum Notar. Und das hatte dieser Bastard prompt ausgenutzt.

Der Computerheini kam aus der Hocke hoch und erklärte mir, dass mein Rechner wieder betriebsbereit sei. Und ich sagte ihm, dass ich jetzt andere Sorgen hätte. Ein bisschen verdattert schob er ab. Menges erschien in der Tür.

«Menges, was gibt’s?» schnauzte ich.

Er schrak zusammen. «Ich glaube, Sie haben vorhin bei meiner Sekretärin nach mir gefragt.»

«Wollte mich nur vergewissern, dass Sie auch hübsch brav arbeiten.»

«Was?»

«Das war ein Witz.» Ich steckte mir eine Havanna an. «Also?»

«Das Inventar aus Burgers Büro ist verkauft.»

«Wieviel hat’s gebracht?»

«Die, äh, Kunstgegenstände etwas über hundertsechzigtausend. Und das Mobiliar zweiunddreißigtausend.»

«Hoffentlich haben Sie sich nicht bescheißen lassen:»

«Ich habe mehrere Angebote eingeholt und das beste akzeptiert.»

«Mit wieviel stand der ganze Lack in den Büchern?»

«Hundertachtundreißigtausend.»

«Na, dann kann man Ihnen ja wohl zu einem guten Geschäft gratulieren,» knurrte ich gönnerhaft.

Er zeigte mir ein geschmeicheltes Lächeln mit seinem Pferdegebiss. Ich sagte ihm, er solle Prager bei der Überprüfung der Spesenabrechnungen ein wenig zur Hand gehen. Und als er draußen war, klingelte ich zu Korf hoch und fragte. «Kann man den Eintrag von dieser Auflassungsvormerkung nicht irgendwie beschleunigen?»

«Ich wüsste nicht. Das ist ein rein verwaltungsinterner Vorgang. Da kann man von außen nicht eingreifen, das geht seinen Gang.»

«Wie schnell arbeiten die hier auf dem Grundbuchamt?»

«Kann ich nicht sagen, ich hatte noch wenig mit ihnen zu tun.»

Mir kam ein Gedanke und ich fragte: «In Rechtsangelegenheiten gibt es doch meistens einen Geschäftsverteilungsplan. Lässt sich herausfinden, welcher Sachbearbeiter den Vorgang bearbeiten wird?»

«Keine Ahnung. Wenn es jemand wissen kann, dann das Grundbuchamt selbst oder der Notar.»

«Fragen Sie mal den Notar. Und rufen Sie mich gleich wieder an. Ich warte.»

Etwas verwundert legte er auf, und ich zündete mir eine Zigarre an.

Fünf Minuten später klingelte das Telefon, und er sagte: «Der Notar meint, der Vorgang müsste bei einer gewissen Frau Troll auf dem Schreibtisch landen.»

«Kennen Sie sie zufällig?»

«Nein, sollte ich?»

«Hätte ja sein können,» brummte ich. Ich komplimentierte ihn aus der Leitung und rief nach Herzchen und fragte sie: «Gibt’s hier ein gutes Blumengeschäft im Städtchen?»

«Am Marktplatz ist eines, da kaufe ich auch immer.»

«Okay, rufen sie da an. Die sollen einen richtig schönen Blumenstrauß machen. Nichts Verfängliches, also keine Rosen und so weiter. Nur schön und groß muss er sein. Lieferung sofort an Frau Troll im Grundbuchamt. Er muss noch vor Dienstschluss da sein. Rechnung an mich. Und stellen Sie fest, wie lange die heute im Grundbuchamt offen haben.»

Mit einem verschwörerischen Augenzwinkern machte sie sich daran, den Auftrag auszuführen.

Prager rief aus Bollmanns Büro an und informierte mich, dass Bollmanns Sekretärin unter den Telefonsündern war. «Was sollen wir machen? Sollen wir sie ihr eigenes Entlassungsschreiben tippen lassen?»

«Quatsch, die Frau wird noch gebraucht. Heizen Sie ihr ordentlich ein. Und sie wird doppelt so viele Anschläge pro Minute schaffen wie bisher.» Ich legte auf. Manchmal muss man auch Prager alles bis ins letzte Detail erklären.

Herzchen kam zurück und berichtete: «Der Blumenstrauß ist unterwegs. Und im Grundbuchamt haben sie heute Bürgerabend, es ist bis um halb acht geöffnet.»

«Ich wüsste nicht, was ich ohne Sie täte,» seufzte ich.

Sie strahlte. «Ach wirklich?»

«Aber ich wüsste schon, was ich mit Ihnen gerne täte.,» grinste ich anzüglich. «Ich weiß bloß nicht, was Herr Herzchen dazu sagen würde.»

«Es gibt gar keinen Herrn Herzchen,» verriet sie mir und machte ein verheißungsvolles Gesicht.

«Das sind ja Aussichten.»

«Finden Sie?»

«Sie nicht?»

«Wer weiß?» kokettierte sie und zwitscherte hinaus.

Ich fing an, meinen Wochenbericht zu schreiben, den A.S. jeden Samstag in Händen halten will, wenn ich irgendwo draußen in der großen weiten Welt bin, um im Maddox-Reich nach dem Rechten zu sehen. Keine Ahnung, wozu er ihn haben will, zum Lesen sicher nicht, dafür gibt es nicht den geringsten Anhaltspunkt. Um die Probe aufs Exempel zu machen, habe ich ihm da schon die eine oder andere spaßhafte Bemerkung untergejubelt, die ihn sofort auf die Palme gebracht hätte, wenn er davon Kenntnis gehabt hätte. Ich hatte auch schon mit ‚Allergos Ptolemaios‘ unterzeichnet. Aber nichts war geschehen. Absolut nichts. Vielleicht wickelt er seine Butterstullen für den Golfplatz darin ein. Doch wehe, wenn das Elaborat nicht samstags auf seinem Schreibtisch liegt.

Gegen halb sieben legte ich den Griffel aus der Hand und ging runter zu Kretschmer, um zu sehen, was die zweite Ernte so gebracht hatte. Ihm und seinen Mannen waren immerhin noch fünfzehn weitere Vögel ins Netz gegangen, Das waren die ganz hartgesottenen Burschen, das heißt, es waren auch drei Mädels dabei. Hier konnte man schon von erheblicher krimineller Energie sprechen. Ich teilte ihm mit, dass er sie der Polizei übergeben und Haussuchungen veranlassen sollte. Wir würden uns in diesen Fällen nicht mehr mit einer firmeninternen Untersuchung aufhalten. Und Bollmann würde ihre Papiere ohne irgendwelche weiteren Prüfungen fertig machen.

Während wir noch am Tor rumstanden, kam Schäffer mit einem uralten Kadett angeklappert. Er streckte den Kopf aus dem Fenster: «Wolln Sie mich auch filzen?»

Kretschmer nickte grimmig: «Sicher. Da sind wir ganz demokratisch. Darf man mal einen Blick in den Kofferraum werfen?»

«Tun Sie, was Sie nicht lassen können.»

Kretschmer öffnete die Klappe und grunzte. «Was sind das für Nummernschilder?»

«Die gehören zu den Lastwagen. Ich brauch sie, wenn ich sie morgen früh abmelde.»

«Müssen Sie wirklich selber zur Zulassungsstelle? Haben Sie niemand, der das für Sie erledigen kann?»

«Wen denn? Die ganze Transportabteilung ist ja weg.»

Grinsend schaltete ich mich in ihren kleinen Dialog ein: «Tja, und Schäffer besorgt ihr persönlich ein christliches Begräbnis sozusagen.»

Schäffer warf mir einen kurzen unfrohen Blick zu.

«War ein guter Tag heute für die Vertriebsabteilung,» stellte ich milde fest.

«Man muss uns eben nur machen lassen.»

«Nun ja, ein bisschen in den Hintern treten musste man ihr schon.»

Kretschmer knallte den Kofferraumdeckel zu, dass die Karre fast auseinanderfiel.

«He, ein bisschen mehr Zartgefühl, wenn ich bitten darf,» kläffte Schäffer nach hinten.

«Schönen Abend noch,» antwortete Kretschmer fröhlich und gab Zeichen, die Schranke zu öffnen.

Krachend legte Schäffer den Gang ein, ließ die Kupplung kommen, dass das Wägelchen einen Hopser machte und lärmte auf die Straße hinaus. Vermutlich hatte sein Dienstwagen Automatik gehabt.

Kretschmer zündete sich eine Zigarette an und meinte: «So, ich glaube, jetzt können wir auch Feierabend machen. Oder liegt noch was an?»

«Anliegen tut immer was. Bloß im Moment ist nichts dabei, was der Werkschutz nicht auch morgen noch erledigen könnte.»

Kretschmer nickte zufrieden und machte sich daran, seine Sondereinsatztruppe wieder aufzulösen. Und ich musste mich ranhalten, um rechtzeitig zum Dienstschluss beim Grundbuchamt zu sein.

Kurz vor halb acht hielt ich auf der anderen Straßenseite. Frau Troll ließ mich nicht lange warten. Beschwingt verließ sie das Gebäude, eine großen Blumenstrauß tragend und steuerte auf ein Golf-Cabrio zu, das direkt davor geparkt war. Sie schloss auf, bettete den Strauß behutsam auf den Beifahrersitz und stieg ein. Betont sportlich wendete ich über die Straße und erwischte sie vorne links, als sie gerade aus der Parklücke fahren wollte, — mit voller Absicht. Es gab einen schönen Bums. Wir schauten uns durch die Scheiben an. Ich stieg aus. Sie stieg aus. Sie hatte schwarze Haare, aber wahrscheinlich war das nicht die Naturfarbe, dazu waren ihr Haut zu hell und die Augen zu blau. Sie war mittelgroß, gut gebaut — hübsch anzusehen. Als ich gestern mit Menges hier gewesen war, hatte ich sie nicht zu Gesicht bekommen. Da war mir glatt etwas entgangen. Ihr Alter schätzte ich auf um die Dreißig. An ihren Händen sah ich keine Ringe von Bedeutung. Also vermutlich weder verlobt noch verheiratet. Das hieß natürlich nicht, dass es da nicht doch jemanden gab. Aber Frauen, die es geschafft haben, sich ihre Unabhängigkeit bis in ihre Dreißiger zu bewahren, sind erfahrungsgemäß immer offen für neue Möglichkeiten. Auch wenn zu Hause ihr Schatzebubele wartet. Es könnte ja sein, dass noch mehr drin ist für sie.

Sie stotterte: «Ich hab Sie gar nicht kommen sehen.»

Ich besah mir die Beulen. Meine Mühle hatte kaum was abgekriegt, nur der Stoßfänger war etwas zurückgeschoben. Ihr Golf sah schon ein bisschen lädierter aus. Großzügig erklärte ich: «Ist ja bloß ein Blechschaden. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass Sie so eine rasante Fahrerin sind und mit soviel Temperament aus der Parklücke kommen.» Glauben Sie’s oder glauben Sie’s nicht, aber das kam mir über die Lippen ohne rot zu werden.

«Was machen wir jetzt?»

Ich nickte zum Blumenstrauß auf dem Beifahrersitz hin. «Wartet ein Verehrer?»

«Was? — Ach so, nein, das ist…»

«Na, das sieht mir aber nach einem besonders glühenden Verehrer aus.»

Sie giggelte. «Es ist nicht, wie Sie denken.»

«Wie ist es denn?» erkundigte ich mich forsch.

«Also wirklich.»

«Sie meinen, Sie kennen mich ja gar nicht. Und da könnten wir doch nicht über solche privaten Dinge und so weiter? — Sie haben ganz recht. Deshalb würde ich vorschlagen, wir gehen erst mal hübsch was essen und erledigen den Unfallkram. Und dann werden wir weitersehen.»

«Sie gehen ja ganz schön ran.»

«Finden Sie? Ich hab mich immer für fürchterlich schüchtern gehalten. Das muss an Ihnen liegen.»

Sie sagte nichts. Sah mich nur an und versuchte, irgendwas herauszufinden.

Ich ließ nicht locker und fuhrwerkte munter weiter drauflos. «Also was ist? Oder müssen Sie zu einer ganz, ganz spannenden Personalratssitzung? Oder wartet zu Hause ein Fiffi, der Gassi geführt werden muss?»

Kichernd schüttelte sie den Kopf. «Sie sind ein verrückter Kerl.»

«Das hört man gerne,» grinste ich.

«Die Blumen müssen ins Wasser.»

«Warum machen wir’s dann nicht einfach so: Wir fahren zu Ihnen nach Hause. Sie stellen die Blumen ins Wasser. Und dann bringen wir Ihr Autochen zu Ihrer Werkstatt, damit die gleich morgen mit der Reparatur anfangen können. Und danach sind wir frei und können uns einen schönen Abend machen. Ich hoffe, Sie können mir da was zeigen, denn ich bin neu hier in der Stadt.» Üblicherweise nennt man so etwas ‚mit der Tür ins Haus fallen‘. Aber unter bestimmten Umständen funktioniert es ganz wunderbar — bei den meisten Frauen. Fast bei allen. Das können Sie mir glauben, ich hab’s oft genug ausprobiert.

Sie zierte sich noch ein bisschen. Aber nicht sehr. Dann sagte sie: «Gut, warum nicht? Ich fahre voraus.»

«Aber rasen Sie nicht so, sonst komme ich nicht hinterher.»

Wieder schüttelte sie den Kopf und stieg lächelnd in ihr Wägelchen und kurvte aus der Parklücke. Ich hängte mich an.

Warum ich das alles machte? Wo es doch Herzchen gab und B.B. und was weiß ich nicht noch wen? Das kann ich Ihnen genau sagen: Es war Angst. Ich machte es aus Angst. Vor A.S. Ich hatte ihm den Scheck für nächste Woche angekündigt, und wenn der dann nicht kommen würde, würde der Teufel los sein. Da konnte ich ihm noch so viele Köpfe Entlassener vor die Füße legen. Angekündigte Zahlungen verbucht A.S. grundsätzlich sofort als Einnahme. Wenn’s dann aber klemmt, hat man Schulden bei ihm. Und Schulden haben bei A.S., dagegen ist das Fegefeuer geradezu ein paradiesischer Zustand. Und warum sollte man nicht das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden? Zumindest auf den ersten Blick verhieß Frau Troll da vorne im Golf allerlei Annehmlichkeiten.

Sie wohnte in einem Neubaugebiet mit Mietwohnungen und fuhr auf einen privaten Parkplatz. Ich stoppte quer hinter ihr und rief durchs Seitenfenster: «Ich wartete hier.»

«Bin gleich wieder da,» flötete sie und verschwand mit dem Blumenstrauß im Haus.

‚Gleich wieder‘ waren geschlagene fünfundzwanzig Minuten. Aber gemessen an dem Programm, das sie in dieser Zeit absolvierte, war das nicht zu viel. Richtig abendfein gemacht erschien sie wieder in einem dunkelblauen Fähnchen mit neuem Make-up und anders frisiertem Haar.

Lächelnd setzte sie sich in den Golf, und weiter ging’s zur Werkstatt. Dort stellte sie den Wagen ab, warf den Schlüssel in den Briefkasten und stieg zu mir ein. Auch ihr Parfüm war ein anderes als das Amtsparfüm von vorhin. Ein bisschen zu süßlich vielleicht und ein bisschen zu laut.

«Eigentlich steige ich ja nie zu Herren in den Wagen, die ich nicht kenne.»

«Sehen Sie’s mal so rum: Ich kenne Sie ja auch nicht,» griente ich.

«Sie kommen aus Frankfurt?» fragte sie.

Ich nickte.

«Und was machen Sie hier?»

Ich seufzte. «Ein schwieriges Problem lösen. Einer Firma das Geldverdienen wieder beibringen. — Maddox-Color, vielleicht kennen Sie sie ja.»

«Die kennt hier jedes Kind. — Stimmt es, dass es Entlassungen gibt?»

«Die eine oder andere. Das haben sich die Brüder mit ihrer Wirtschaft selber eingebrockt.»

«Schlimm,» meinte sie.

«Wir sollten uns dadurch nicht diesen schönen Abend verderben lassen, finden Sie nicht auch?»

«Was haben Sie denn vor?»

«Ich habe keinen Schimmer. Das richtet sich ganz nach Ihnen. Sie sind von uns beiden der Fachmann für den Bereich Küste.»

«Gleich die ganze Küste? Ist das nicht ein bisschen viel?»

«Natürlich nicht die ganze. Sagen wir erst mal nur den Abschnitt von Hamburg bis Emden. Womit sollen wir anfangen? Mit Emden?»

Langen Geblödels kurzer Sinn, sie lotste mich schließlich hinaus aufs Land zu einem neuen In-Restaurant, das in einer umgebauten alten Scheune untergebracht war, mit Fachwerk, Klinkerboden und so weiter. Auf den weiß gedeckten Tischen brannten Kerzen. Alles hübsch intim. In einer Ecke entdeckte ich B.B. mit Herrn Bechtel oder Buderus — nehme ich doch an. Wir tauschten kleine Winke.

Frau Troll fragte: «Sie kennen die Dame?»

«Mhm. Sie auch?»

«Nein, warum denn?»

«Sie arbeitet auch in der Firma.»

«Sie ist hübsch,» fand sie.

«Ist mir noch gar nicht aufgefallen,» murmelte ich und studierte die Karte.

«Na, jetzt flunkern Sie aber. Ein Schwerenöter wie Sie sieht so was doch auf den ersten Blick.»

Wir waren ja schon ganz schön intim geworden. Ich blickte ihr tief in die Augen und versicherte ihr: «Ich bin kein Schwerenöter. Aber dass Sie hübsch anzuschauen sind, das hab ich natürlich auf den ersten Blick gesehen. Angestellte in der Firma interessieren mich nicht. Das ist oberste Berufsregel. Mein Boss würde mich sofort auf Wasser und Brot setzen, wenn ich mich mit einer von ihnen einließe. Dem wäre sowieso am liebsten, wenn ich ein mönchisches Dasein führte und mich auch abends und nachts nur mit Bilanzen amüsierte. Aber was ich in meiner Freizeit mache, kann er mir nicht vorschreiben.» Das war eine ziemlich lange Rede. Deshalb waren auch ziemlich viele Lügen drin. Wenn Sie viel Zeit haben, könnten Sie ja mal versuchen, alle zu finden.

Sie schien damit zufrieden zu sein, sagte aber. «Das glaube ich Ihnen nicht.»

«Was glauben Sie nicht?»

«Dass Sie kein Schwerenöter sind.»

«Ich bitte Sie, ich weiß gar nicht genau, was das ist.»

«Sehen Sie sich doch im Spiegel an.»

«Das tue ich jeden Tag beim Rasieren. Aber da sehe ich immer nur den kleinen schüchternen Bodo Lünch.»

«Ach herrje,» entfuhr es ihr.

«Was ist passiert?»

«Jetzt fällt mir erst auf, dass ich Ihren Namen noch gar nicht kannte.»

«Was sind schon Namen? Ich kenne Ihren ja auch noch nicht,» behauptete ich dreist.

«Ich heiße Inga Troll.»

«Schöner Name. Wie geschaffen, um Reime darauf zu machen.»

«Tun Sie’s nicht, ich kenne schon alle. Seit meiner Kindergartenzeit.»

«Ich werde mir mal ein paar neue einfallen lassen.»

«Unterstehn Sie sich!»

«Was kriege ich, damit ich’s nicht tue?»

«Sagen wir mal — meine Sympathie.»

«Okay, das isses mir wert.»

Die Bedienung kam und nahm unsere Bestellung über zwei Cocktails, eine Flasche Bordeaux und zwei Heilbuttfiltes an Salzkartoffeln und Gartengemüsen der Saison entgegen.

«Ist es ein harter Job, den Sie haben?» erkundigte sie sich. «Ich meine mit Leute entlassen und so weiter.»

«Nicht härter als jeder andere auch. Reden wir doch lieber über Sie, Inga. Ich darf doch Inga zu Ihnen sagen?»

«Wenn Sie wollen — Bodo.»

«Und ob ich will. Also, was ist?»

«Was soll sein?»

«Was treiben Sie den lieben langen Tag denn so Schönes?»

«Ich arbeite dort, wo wir uns getroffen haben — auf dem Grundbuchamt.»

«Das heißt, Sie schreiben Gründbücher.»

Sie kicherte. «Nicht doch. Ich mache nur Einträge.»

«Einträge? So was kenne ich von früher. Ich hab immer eine ganze Menge davon im Klassenbuch gehabt.»

«Das glaube ich Ihnen sofort. Aber unsere Einträge beziehen sich nicht auf ungezogene Jungs, sondern auf die Rechte an einem Grundstück. Eigentumsverhältnisse, Grundlasten und so weiter.»

Ich stellte mich hübsch dumm (geht ganz einfach, sollten Sie auch mal probieren). «Und wenn sich das was ändert, schreiben Sie’s rein?»

«Nicht direkt. Erst muss ein Vertrag aufgesetzt werden. Das macht der Notar. Und erst dann kommen wir ins Spiel.»

«Der Notar schickt ihn also diesen Vertrag. Sie gucken ihn sich an und machen einen Eintrag. Ist es so?»

«So in etwa. Natürlich müssen wir vorher noch prüfen, ob einer Änderung nichts entgegensteht.»

«Wie lange dauert so etwas?»

«Das hängt von den schon bestehenden Rechten und Eigentumsverhältnissen ab. Unter Umständen kann es viele Monate dauern. Aber normalerweise sind es einige Wochen.»

«Warum dauert es überhaupt so lange?»

«Der Eintrag selber geht natürlich ganz schnell. Aber wir haben ja nicht nur einen einzigen Vorgang zu bearbeiten, sondern eine ganze Menge. Das geht nach Eingangsdatum. Und dann muss der Eintrag noch dem Chef vorgelegt werden. — Aber das ist doch alles überhaupt nicht spannend.»

«Sagen Sie das nicht, Inga.» Und das meinte ich wirklich ernst. Ich sah meine Fälle davon schwimmen. War dieser Abend für die Katz? Wenn ich sie mir so ansah, würde er das bestimmt nicht sein. Alles nur eine Frage des Blickwinkels.

Das Essen kam, und das Gespräch wandte sich anderen Dingen zu — Urlaub und so weiter. Beim Thema Urlaub konnte ich allerdings nicht richtig mithalten. A.S. ist der Ansicht, meine berufliche Tätigkeit wäre schon so entspannend, dass ich gar keinen nötig hätte. Jedes mal, wenn ich einen Urlaubsantrag stelle, zieht er prompt einen neuen Sanierungsfall aus der Schublade, bei dem mein sofortiges Eingreifen unbedingt erforderlich ist — sagt er. Sie werden lachen, seit ich bei der Company bin, ist der einzige Urlaub, den ich herausschlagen konnte, ein halber Tag gewesen — für den Zahnarzt.

Inga hatte das Besteck weggelegt und blickte mich forschend an. «Was sind Sie eigentlich für ein Sternzeichen, Bodo?»

«Wolpertinger.»

«Was?»

«Na, diese Hasen mit dem Gehörn und ’nem Fuchsschwanz, Sie wissen schon.»

«Das ist doch kein Sternzeichen.»

«Nicht?»

«Sie machen sich lustig über mich.»

«I wo.»

«Sternzeichen können einiges aussagen, finde ich.»

«Zum Beispiel?»

«Über den Charakter und das Temperament eines Menschen.»

«Sehen Sie, das hatte ich befürchtet.»

«Sie glauben das nicht?»

«Ich glaube noch nicht mal, dass der Kontostand eines Menschen irgend etwas über ihn oder sie aussagt.»

«Und an was glauben Sie?»

«Dass der Mensch ein unlösbares Rätsel ist — besonders die Evas unter den Menschen.»

Sie schob den Teller beiseite, stütze die Ellenbogen auf und verschränkte die Finger unter dem Kinn. «Das glauben Sie wirklich?»

«Und ob.»

«Dann sind Sie ein Romantiker.»

«Sagen das die Sterne?»

«Das sagt mir meine Menschenkenntnis.»

«Wozu brauchen Sie dann noch die Sterne?»

«Die Sterne sagen einem einiges, das man dann nicht mehr herauszufinden braucht.»

«Also mir macht das Selberherausfinden mehr Spaß, auch wenn ich nur ein winziges Irrlicht bin in den unendlichen Weiten des Alls.»

«Für so unbedeutend halten Sie sich?»

«Sie sollten mal meinen Boss hören, für den bin ich noch nicht mal so bedeutend wie eine Amöbe.»

«Und das stört Sie nicht?»

«Nicht solange er mich schalten und walten lässt, wie ich will,» verriet ich ihr.

«Aber Sie haben doch viel Macht. Ich meine, Sie können Leute entlassen und so weiter.»

«Macht hätte ich, wenn ich die Zahl der Arbeitslosen vermindern könnte, statt sie zu vermehren. Alles, was ich habe, sind ein paar erweiterte Befugnisse, die der Angst einiger Leute um ihr Geld entstammen. Weiter nichts.»

«Für einen Philosophen hätte ich Sie nie gehalten.»

«Ich bin Romantiker, das sollten Sie nicht vergessen,» grinste ich.

«Sie sind wirklich nicht leicht einzuschätzen.»

Ich seufzte. «Das versuche ich jetzt auch schon seit über siebenundvierzig Jahren, und ich bin da noch überhaupt nicht vorangekommen.»

B.B. und Herr Bechtel oder Buderus oder wie auch immer hatten ihr Diner beendet und gingen an uns vorbei. B.B. nickte mir freundlich zu, und ich nickte zurück.

Inga blickte ihnen nach. «Sie mag Sie.»

«Woher wissen Sie das?»

«Das kann man sehen — als Frau.»

«Alles, was ich sehe, ist, dass Sie Angst um ihren Job hat, oder wenigstens um ihre Karriere,» brummte ich. «Nehmen wir noch was zum Dessert?»

Sie betrachtete mich nachdenklich und murmelte unkonzentriert: «Ich habe schon viel zu viel gegessen.»

«Okay, dann prellen wir jetzt die Zeche. Und was machen wir dann?»

«Machen wir noch was?»

«Warum nicht? Der Abend ist noch jung.»

«Ich muss morgen früh raus.»

«Lassen Sie mich raten: Die Prellballgruppe des Grundbuchamts trainiert. Oder Sie fahren mit Ihrer besten Freundin nach Hamburg zum Einkaufen. Oder…»

Sie lachte mich aus. «Nein, ich fahre nach Göttingen zu meiner Mutter. Sie lebt dort im Altersheim.»

«Na, das ist doch wunderbar. Dann läuft Ihnen die alte Dame ja nicht weg. Sie hätte sicher nichts dagegen, wenn sich ihre hart arbeitende Tochter mal ein bisschen amüsiert.»

«Sie vergessen, ich habe keinen Wagen. Ich werde den Zug nehmen müssen, und das dauert.»

«Ist doch gar kein Problem,» erklärte ich großartig. «Ich fahre Sie morgen früh hin und hole Sie irgendwann nachmittags oder abends wieder ab, je nachdem wie standfest die alte Dame noch ist.»

«Oh, sie ist noch sehr standfest. Aber das kann ich nicht annehmen.»

«Natürlich können Sie, schließlich habe ich ja Ihren netten kleinen Wagen außer Gefecht gesetzt. Betrachten Sie’s als so eine Art Schadenersatz.»

«Das sind über zweihundert Kilometer — eine Strecke.»

«Die könnten wir in anderthalb Stunden schaffen — wenn Ihre Nerven das mitmachen.»

Ihre Nerven schienen ihr keine Sorgen zu machen. Sie erkundigte sich: «An was hätten Sie denn so gedacht für heute Abend?»

«Na, wir könnten tanzen gehen, oder die Sterne vom Himmel holen oder nach Las Vegas reiten und die Sonne putzen.»

«Las Vegas ist ein bisschen weit. Die Sterne haben wir schon gehabt. Bliebe das Tanzen — tanzen Sie gerne?»

«Hab’s noch nie versucht — jedenfalls seit meiner Tanzstunde nie wieder. Aber vielleicht gibt’s hier ja irgendeine Disko, wo sie nicht nur Techno spielen, oder ein Etablissement mit angeschlossener Santitätsstation für zertrampelte Damenfüße.»

«Sie sind wirklich ein verrückter Kerl,» lachte sie.

Es ist schon komisch, das ist der Satz, den ich von den Frauen am häufigsten zu hören kriege. Irgendwas muss also dran sein. Aber es scheint ihnen zu gefallen. Ich konterte: «Ich bin einer Klapsmühle für rettungslose Romantiker entsprungen, aber sagen Sie’s bloß nicht weiter.»

Unter Tändeleien dieser Art landeten wir schlussendlich in einer Disko, die sich ganz den Siebzigern verschrieben hatte. Bei Stehblues und Slowfox konnte sogar Bodo Lünch mithalten. Inga bewegte sich federleicht und elastisch in meinen Armen und zog die Blicke auf sich, dass ich mich unwillkürlich fragte, wieso sie überhaupt noch frei rumlief. Wir hatten eine Menge Spaß zusammen, auch später noch in einer Kneipe, die auf alte Fischerpinte machte und wo die Gäste mit einem Spezialgrog abgefüllt wurden, dass sie kaum noch laufen konnten. Ich musste meinen Schlitten glatt stehen lassen und brachte Inga mit dem Taxi nach Hause. Wir verabschiedeten uns artig vor ihrer Tür und verabredeten uns für nächsten Morgen um sieben. Dann ließ ich mich ins Hotel gondeln, fiel in die Kissen und war weg. Davon, dass noch zweimal an meine Tür geklopft wurde, kriegte ich nicht das kleinste Bisschen mit.

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