Die Preußen sind da

Die kriegerischen Ereignisse in Schleswig-Hol­stein weckten in uns Knaben den Wunsch nach Kriegsspielen und militäri­scher Ausbildung. Diesem Verlangen leistete eine Exerzier­schule in reichem Maße Genüge, die von einem Sergeanten des da­mals in Leipzig garnisonierenden Jagerbataillons in der Pleißenburg unterhalten wurde. Mein Bruder und ich traten, mit ordnungsgemäßen kleinen Ge­wehren versehen, in dieselbe ein und wurden dort gewissenhaft nach dem geltenden sächsischen Exer­zierreglement ausgebildet. Sobald die kurze Rekru­tenzeit vorüber war, wurden wir unter die schon ausgebildeten Schüler eingereiht und es begann dann ein Kompagnie-Exerzieren, wie es besser auch die großen Soldaten nicht ausführen konnten. Häufig sahen die Offiziere der Garnison diesem Exerzieren zu und sie hatten stets ihre besondere Freude daran. Zuweilen wurden, an schulfreien Nachmittagen, auch Felddienstübungen in genauer Anlehnung an die Uebungen der Armee ausgeführt. Dieselben berei­teten uns stets viel Vergnügen und die Uebungen lockten auch immer zahlreiche Zuschauer mit ins freie Gelände. Einmal aber wurden wir bei einer solchen Felddienstübung von einem heftigen Ge­wittersturm überrascht, der uns bis auf die Knochen duchnäßte. Da führte uns der besorgte Sergeant in das Chausseehäuschen vor dem Frankfurter Tor und ließ uns dort heißen Kaffee geben. Das von ihm dafür verausgabte Geld erstatteten wir ihm in der näch­sten Unter­richtsstunde zurück.

So kam das Jahr 1866 heran. Bereits im April er­zählten wir uns auf den Schulbänken, daß es bald Krieg geben werde. Von der Stunde an wurden die bisher noch unbeachteten Zeitungen eifrig studiert. Fieberhaft verfolgten wir die Nachrichten über den preußisch-österreichischen Konflikt, sowie die kriegeris­chen Vorbereitungen, die bald auch in der sächsischen Armee bemerkbar wurden. Sehr ent­täuscht waren wir, als es einmal hieß, Preußen und Oesterreich seien übereingekommen ihre Rüstungen zu sistieren und den Konflikt friedlich beizulegen. Aber als dann kurz darauf die Rüstungen wieder fortgesetzt wurden, kehrte neue. Freude in unser kriegerisches Gemüt ein. Unsere Sympathien be­fanden sich, wie dies bei unserer unter dem Einflusse des Beustschen Regimes stehenden Erziehung nicht anders zu erwarten war, ungeteilt auf öster­reichischer Seite. Sollten doch auch, wenn es zum Kriege kam, die sächsi­schen Truppendie Waffen­gefährten der Oesterreicher sein.

Bei Beginn des Feldzuges 1813 war Sachsen be­kanntlich von Napoleon als Operationsbasis be­stimmt und bis ins letzte Dorf von der französischen Armee besetzt worden, weshalb sich Sachsen ge­nötigt sah, auch nach Preußens Erhebung bei Na­poleon auszuharren, obgleich alle Patrioten — wie der junge Held und Dichter Theodor Körner aus Dresden, um nur einen von vielen Hunderten zu nennen, die in preußische Formationen eintraten — vor Verlangen glühten, die Waffen gegen den korsis­chen Eroberer zu erheben. Man warf nun Preußen vor, diese Zwangslage, in der sich Sachsen damals befunden hatte, beim Wiener Kongreß benutzt zu haben, um Sachsen mehr als die Hälfte seines Be­sitzstandes zu rauben. Man schob deshalb auch Preußens Konflikt mit Oesterreich seiner Länder­gier zu. Aber diesmal sollte es sich irren! Diesmal würden sich die früheren Niederlagen der verbün­deten Oesterreicher und Sachsen in ebensoviele Siege verwandeln und man würde sich das von Preu­ßen mit Zinsen und Zinseszinsen wieder zurückholen, was es sich 1815 von Sachsen angeeignet.

Bismarck wurde dabei als der leibhaftige Gott­seibeiuns angesehen und als das erfolglose Blind’sche Attentat am 7. Mai 1866 gegen ihn verübt worden war, vernahm man, und zwar auch in den Kreisen der Erwachsenen und Gebildeten, nur Stimmen des Bedauerns, daß das Attentat mißglückt sei. Ja, man konnte Versicherungen sonst sehr ernster und ehren­werter Männer hören, daß, wenn sie nicht durch ihre Pflichten als Gatte und Vater daran behindert wür­den, sie ungesäumt nach Berlin aufbrechen würden, um diesen unseligen Menschen, den Bismarck, vom Erdboden zu vertilgen.

Zu Anfang Juni spitzte sich die Situation derart zu, daß jeden Augenblick der Ausbruch des Krieges zu erwarten war. Alles befand sich in großer Auf­regung, zumal bei der geographischen Lage Leipzigs — dicht an der preußischen Grenze — zu vermuten war, daß die Feinde sehr bald hier erscheinen wür­den. Um hinter den patriotischen Anerbietungen der Erwachsenen nicht zurückzubleiben, bildeten wir Jungens einen Spiona­geklub mit Statuten und einem Vorstande, kurz allem, was zu einem Verein gehört. Dieser Klub sollte die Aufgabe haben, Märsche über die preußische Grenze zu unternehmen, um das Herannahen feindlicher Truppen zu erkun­den, und oft pilgerten wir durch das wilde Rosental über die preußische Grenze, um etwaige feind­liche Truppenbewegungen zu erspähen. Zu unserer schmerzlichen Enttäuschung vermochten wir aber niemals etwas dergleichen wahrzunehmen. Am 14. Juni abends dreiviertel elf Uhr verließen die letzten Garnisonstruppen Leipzig, Sie zogen mit Sack und Pack aus der Pleißenburg um die Prome­nade nach dem Dresdner Bahnhofe, um sich mittelst Extrazuges nach Dresden zu begeben, in dessen Um­gebung sie mit den übrigen sächsischen Truppen­teilen vereinigt wurden. Den öffentlichen Sicherheits­dienst übernahm darauf die Kommunalgarde, die auch die von den Soldaten bisher gestellten Wacht­posten in regelmäßiger Ablösung beschickte. Un­mittelbar nach dem Abzug des Jägerbataillons wurde bekannt, daß Preußen an Oesterreich und dessen Verbündete den Krieg erklärt habe und man erwartete nunmehr stündlich das Eintreffen von preußischen Truppen,

Mehrere Tage vergingen in banger Erwartung. Die wildesten Gerüchte entstanden. Schon gleich am Tage nach dem Abmarsch der letzten sächsischen Truppen aus Leipzig verbreitete sich die Nachricht, daß die Eisenbahnbrücke über die Elbe bei Riesa gesprengt worden sei. Dann, nach der Kriegserklä­rung, hieß es, die Oesterreicher hätten die Preußen in einer großen‘ Schlacht bei Görlitz geschlagen und diese Stadt stehe in Flammen. Ein anderesmal er­zählten Dorfbewohner, die nach der Stadt kamen, um Milch und Butter abzuliefern, daß bei Riesa eine Schlacht im Gange sei, was viele Leute veranlaßte, ins Freie nach Osten zu zu eilen und sich hier mit einem Ohre auf die Erde zu legen, um den Ka­nonendonner vernehmen zu können, den dann auch manche glaubten gehört zu haben, obgleich die Nachricht ebenso falsch war, wie die von der Spren­gung der Riesaer Brücke und der Schlacht bei Görlitz.

Auch später, als die Preußen bereits siegreich in Böhmen vordrangen, tauchten vielfach noch falsche Gerüchte auf. Wie oft sollten der preußische Kronprinz oder der Prinz Friedrich Karl verwundet oder gefangen, ganze preußische Armeekorps vernichtet worden sein! Doch fanden alle diese Gerüchte stets ein rasches Ende. Das war auch der Fall mit einem Gerücht, das wissen wollte, daß die Preußen den König Friedrich August II. lebend in der Zelle eines Klosters in Böhmen vorgefunden und befreit hätten. Derselbe sei nicht, wie seinerzeit offiziell verkündet, 1854 bei Brenn­büchel tödlich verunglückt, sondern die Jesuiten hätten ihn mit Zustimmung seines Nach­folgers König Johann in ein Kloster eingesperrt, um dem letzteren, ihnen freundlich gesinnten Thron­anwärter zur Regierung zu verhelfen. Weiter lief einmal die Mär von Munde zu Munde, die Preußen hätten, ebenfalls in einem böhmischen Kloster, Ro­bert Blum aufgefunden, der 1848 nicht von den Oesterreichern in der Brigittenau bei Wien erschos­sen, sondern in dem Kloster gefangen gehalten wor­den sei. Dieses letztere Gerücht, dessen Unwahrheit sich ebenfalls bald herausstellte, wurde viel ge­glaubt, da schon früher häufig behauptet worden war, die Oesterreicher hätten Robert Blum nicht standrechtlich erschossen, hielten ihn aber in stren­ger Haft.

Erst am 18. Juni frühmorgens zeigten sich die ersten Preußen in den Straßen Leipzigs. Es war eine aus einem Offizier und vier Mann bestehende Hu­sarenpatrouille, die von der Wurzener Chaussee durch die Dresdner Straße angesprengt kam und, da am Ausgange des Postgebäudes im Grimmaischen Steinweg ein Kommunalgardist Wache stand, in den Hof dieses Gebäudes einlenkte. Dort rief der Posten das unter dem Befehle eines‘ Leutnants stehende Wachtkommand der Kommunalgarde „Heraus!“ und es spielte sich darauf eine sehr ergötzliche Szene ab, die mir in späteren Jahren der damalige Kommunalgarden-Leutnant, der Bäckerobermeister B., selbst erzählt hat. Auf den Herausruf trat die Wache gleich unters Gewehr und der Leutnant ließ, als er die von einem Sekondeleutnant geführte Patrouille erblickte, präsentieren. Der Husarenoffizier dankte, sprang vom Pferde und warf die Zügel desselben einem Husaren zu, der, wie die anderen, eine ge­spannte Pistole in der Hand hielt.

„Bitte, Herr Kamerad,“ sagte er zu dem Kommunalgard­en-Leutnant, indem er ihn beiseite zog, „lassen Sie Ihre Leute abtreten. Ich habe mit Ihnen etwas allein zu besprechen. Lassen Sie also die Mannschaft draußen und treten Sie mit mir in das Wachtlokal.“

War der Bäckermeister-Leutnant durch das plötz­liche Erscheinen der preußischen Husaren bereits verblüfft worden, so wurde er dies jetzt; durch das im höflichen und freundschaft­lichen Tone vor­gebrachte Anliegen noch mehr. Was würde der preu­ßische Offizier von ihm wollen? Doch raffte er sich auf und tat, was ihm geheißen war.

Als beide sich in dem Wachtlokal befanden, fragte der Husarenoffizier: „Sagen Sie, Herr Kamerad, ist die Stadt besetzt?“

„Besetzt?“ gab der Kommunalgarden-LeutnantdieFrage zurück. „Wie meenen Sie das Herr überseht?“

„Nun, ich nehme doch an, daß Sie und Ihre Leute nicht zu dem regulären sächsischen Militär gehören — oder irre ich mich?“

„Ei, Herrjeses nee, mei kutester Herr Oberscht, mir sein ja mehrschtendeels Kommunalgarde, was unsere Druppen sin, die sin schon lange fort.“

„Nun ja, ich habe es mir gleich gedacht. Steht aber sonst noch vielleicht, außer der Kommunalgarde, Militär in der Stadt oder in deren nächster Nähe, ich meine kein sächsisches, aber zum Beispiel baye­risches?“

„Um Gotteswillen, mei kutester Herr Oberscht“ versetzte der Kommunalgarden-Leuthant, gerührt durch die im gleichen freundlichen Tone an ihn ge­richtete aufklärende Frage, „nehmen Se sich ja in Acht, in der Stadt is zwar vorläufig keens, aber m’r munkelt, es schtänden Bayern kans dichte bei, näm­lich bei Connewitz. Reiten Se ja nicht da dernaus, Se kennten eens ausgewischt kriegen!“ (Es hatte sich nämlich kurz vorher in der Stadt das — abermals falsche — Gerücht verbreitet, bei Connewitz, dem nächsten Dorfe südlich der Stadt, habe sich ein bay­rischer Chevauleger sehen lassen. Es war aber nur ein sächsischer berittener Gendarm gewesen, den man aus der Ferne gesehen hatte und der mit seinem, einem bayrischen Raupenhelme ähnlichen Helme die Täuschung hervorgerufen hatte).

Der Husarenoffizier hatte sich inzwischen im Wachtlokal umgesehen und darin eine eisenbeschla­gene Kiste entdeckt, die noch vorhanden war, als ich sieben Jahre später als Einjäh­rig-Freiwilliger in dem Postgebäude Wachtdienst versah. Der Offizier, wel­cher in der Kiste Munition vermutete, wandte sich daher an seinen „Kameraden“ von der Kommunal­garde, mit der Frage: „Haben Sie Pulver?“

Ueber diese sonderbare Frage ganz verwirrt, und nicht gleich die richtige Antwort findend, stellte die­ser zögernd, als habe er nicht recht gehört, die Gegenfrage; „Meenen Se Bulver, Herr Oberscht?“

„Freilich meine ich Pulver,“ versetzte der Husaren­offizier nunmehr lachend, „und zwar möchte ich wis­sen, ob Sie für die Gewehre Ihrer Leute auch Muni­tion besitzen?“

„I nu freilich, Herr Oberscht“ versetzte darauf der Kommu­nalgarden-Leutnant mit gekränkter Stimme, „was meenen Se denn? Wer’n mir nich Bulver und Blei ham! Sehn Se sich nur mal den Gasten da an, da steckt’s drinne, der kanse Gasten is voll dadervon. Den Schlissel derzu hab’ch freilich nich, den hat der Kalfakter un der is jetzt nich da!“

Das war nun freilich nichts anderes als eine faule Ausrede, denn einmal war der Kasten nicht ver­schlossen und zum anderen enthielt er nur Holz und Kohlen zur Feuerung im Winter für den in dem Lo­kale stehenden Ofen.

„S’ist gut, Herr Kamerad“, sagte darauf der Hu­sarenoffizier, „ich danke Ihnen. Auf Wiedersehen!“

Sprachs und ging hinaus und während er sich wie­der auf das Pferd schwang und mit seinen Leuten zum Posthofe hinaus­sprengte, präsentierte die höfliche Kommunalgarde wiederum das Gewehr.

Auf dem Wegritt aus der Stadt wurde die Patrouille von rüden Straßenjungen mit Steinen beworfen und da die Wieder­holung solcher Ausschreitungen von den bösesten Folgen für die Stadt hätte sein können, wurde davor seitens des Rates der Stadt durch An­schlag öffentlich gewarnt und auch unser Direktor versammelte uns in der Aula der Schule, um uns drin­gend ans Herz zu legen, uns aller Kundgebungen, sei es gegen befreundete, sei es gegen feindliche Trup­pen, zu enthalten, was wir im allgemeinen auch be­folgten, wenn später auch manchmal ein harmloser Schabernack den preußischen Truppen gegenüber verübt wurde.

Endlich, am 19. Juni morgens 4 Uhr, trat das lange Erwartete ein; preußische Truppen, zunächst nur in der Stärke von 120 Mann Infanterie, kamen auf dreißig Leiterwagen von Taucha her in Leipzig an und ihnen folgten um 11 Uhr vormittags 1000 Mann, das 2. Bataillon des 4. Garderegiments, von Eilen­burg her.

Als wir mittags aus der Schule kamen, hatten die Preußen die Pleißenburg bereits besetzt. Eine große Menschenmenge umlagerte diese alte, schon längst nur noch als Kaserne dienende Feste. Auf den niedrigen Mauern, welche die Wallgräben von den Promena­ denanlagen trennten, saß eine buntgemischte Gesellschaft aus den unteren Kreisen der städtischen Bevölkerung und glossierte erregt das Ereignis. Die Stimmung war eine ziemlich feind­selige. Hatten doch die preußischen Soldaten alsbald nach ihrem Einzuge die Posten der Kommunalgarde abgelöst und letz­tere nach Hause geschickt, hatten sie doch das, was in den Staatskassen noch vorhanden war, mit Beschlag belegt, kurz, war doch Leipzig seit heute vormittag „preußisch“ geworden. Auf wie lange? Ja, das war die große Frage! Jedenfalls, das nahmen wir alle an, war die Anwesenheit der Preußen nur von kurzer Dauer. Benedek, der große österreichische Feldherr, würde sie bald genug wieder hinaushauen, und über­dies mußten jeden Augenblick die Bayern kommen, um Leipzig zu entsetzen.

Ein paar lange Bummler, welche auf der niedrigen Mauer saßen, die die Promenade von dem Wallgraben trennte, waren — augenscheinlich ermutigt durch reichlichen Schnapsgenuß — am kriegerischsten ge­sinnt.

,,Was meenste Lude,“ hörte ich — wörtlich! — den einen zum ändern sagen, ,,woll’n mer nicht de Breißen ä bißchen mit dem Messer kitzeln?“

„Uff’n Kopp woll’n mer se tippen, aber gehörig,“ erwiderte der andere und beide sprangen von der Mauer herab und liefen zum Tore der Pleißenburg.

Dort hatte sich ebenfalls ein zahlreiches Publikum versammelt, das sich darüber erboste, daß das Tor geschlossen und somit auch der gewohnte Durchgang durch die Pleißenburg gesperrt war. Mit nicht ge­rade höflichen Worten wurde den Preußen zugerufen, den Durchgang sogleich wieder freizugeben — sonst! Aber die hinter dem Tore stehenden Posten reagier­ten darauf vernünftigerweise ebensowenig wie auf das Anschlagen der Stiefelabsätze an das Tor („Gaucksen“, wie hierfür der Leipziger Ausdruck lau­tet), das einige besonders Verwegene versuchten.

Am nächsten Morgen rückte noch eine Dragoner­abteilung zu vorübergehendem Aufenthalt in Leipzig ein. Dieselbe wurde in Bürgerquartieren unterge­bracht und als ich auf dem Wege zur Schule am „Thüringer Hof“ in der Burgstraße vorüberging, um meinen Schulkameraden Georg Grimpe abzuholen, stand der alte Grimpe laut fluchend vor dem Tore, da er, weil er Stallung in seinem Gehöft besaß (jetzt längst in Restaurationslokalitäten umgewandelt), so­eben einige Dragoner, darunter einen Wacht­ meister, als Einquartierung erhalten hatte. „Ich laß mir mei­nen schönen Stall von Eich verfl…… Breißen nich versauen, scheert Eich wo anders hin“ hauchte er den Wacht­meister an.

„Na, nur man sachte,“ erwiderte dieser. „Wir sind nun man jrade hier und da hilft nun kein Geschimpfe.“

„Ihr habt mir g’rade noch gefehlt! Kreizhimmeldonner­wetter! Was will denn überhaupt Eier alter Lehmann? (So wurde vor dem Kriege 1866 König Wil­helm I. vielfach, auch von den Berlinern, genannt.) Er hat wohl nich genug zu fressen in Eirem hungrigen Breißen, daß er nu hier herübergommt? Nu,wirwer’n ihn schon fittern, aber mit blauen Bohnen, daß er genug kriegt und sich den Magen verdirbt.“

„Nee, juter Mann,“ erwiderte der Wachtmeister, „det hat unser König man nich nötig, Janz im Jejen­teil. Er hat diesen Spaziergang bloß zu seiner bes­seren Verdauung unternommen.“

„Da sieht mer den richt’gen Breißen. Ihr habt doch alle enne große Schnauze!“

„Bloß man jrade so viel, als man nötig hat.“

Die weitere Unterhaltung konnten wir nicht mit anhören, da es Zeit zur Schule wurde. Als wir nach Beendigung derselben wieder am Thüringer Hof vor­bei kamen und neugierig einen Blick hineintaten, um etwas von der neuen Einquartierung zu erspähen, saß Vater Grimpe, angetan mit einem Dragonerrock, den er gegen seine Jacke mit dem Wachtmeister ausge­tauscht hatte, mit den bei ihm einquartierten Drago­nern an einem Tisch und klopfte mit ihnen Skat. Die Preußen hatten rasch Freundschaft mit dem alten, oft recht brummigen, im Grunde aber gutmütigen Herrn geschlossen, und so war das Wunder ge­schehen: Vater Grimpe war ,,breißisch“ geworden!

Am anderen Tag gab es, wie der Wiener sagen würde, eine große ,,Hatz“. Ein Leutnant der von dem Sicherheitsdienst entbundenen Kommunalgarde hatte sich noch nicht darein gefunden, die schmucke Uni­form aus- und sein bürgerliches Gewand wieder an­zuziehen. Er unternahm also in voller Umform eine Spazierfahrt und fuhr mit seinem Wagen in schnel­lem Trabe an der Pleißenburg vorüber. Der dort stehende Posten glaubte einen Offizier von der säch­sischen Armee zu erblicken und schlug Alarm. Man schickte dem vermeintlich seiner Armee nacheilenden Offizier eine Dragonerpatrouille nach. Ehe diese aber in den Sattel kam war einige Zeit verstrichen und so kam es, daß der Kommunalgarde-Leutnant längst in Connewitz bei einer Flasche Gose saß, als die sei­ner Spur folgenden Dragoner dort ankamen. Der er­staunte Kommu­nalgarde-Leutnant klärte das Mißver­ständnis auf und die Patrouille kehrte befriedigt heim.

Aber es kamen doch auch einige Neckereien zwi­schen den Sachsen und Preußen vor. So war eine Patrouille, deren die Preußen fortgesetzt in die Um­gebung Leipzigs entsandten, um etwa sich nähernde feindliche Truppen rechtzeitig melden zu können, hin­ter Lindenau auf einen biederen Landmann gestoßen, den sie betragte, ob er nichts von den Bayern — von denen man noch immer glaubte, daß sie auf Leipzig marschieren würden — gesehen habe,

Das Bäuerlein hatte den Schalk hinter den Ohren.

„Ei freilich“ erwiderte er, „hier sin zwar noch geene, ab’r da hinten (damit zeigte er mit dem Daumen über die Schulter), da bei Markranstädt zu, da sein ‚rer.“

Die Patrouille spitzte die Ohren und ging mit großer Vorsicht auf Markranstädt zu, während der Bauer, heimlich lachend, seinen heimatlichen Fluren zueilte.

Richtig, hinter einer Anhöhe sah man etwas wie von Waffen aufblitzen. Eiligst machte die Patrouille kehrt und jagte nach Leipzig zurück, wo infolge ihrer Meldung, die Bayern seien im Anmarsche, alsbald die Besatzung alarmiert wurde.

Mit Vorsicht, aber von Kampfesmut beseelt, gingen die preußischen Truppen vorwärts und waren bald an der verhäng­nisvollen Stelle angelangt. VondenBayern war indessen nichts zu erblicken, auch die an­gehaltenen Straßenpassanten und die Bewohner der umliegenden Gehöfte wußten nichts von bayri­schen oder sonstigen süddeutschen Truppen, dagegen stellte man fest, daß das verdächtige Aufblitzen von Waffen von Arbeitern herrührte, die auf einem Felde mit ihren Sensen das Korn mähten.

Auch aus Flauen wurde eine hübsche Geschichte bekannt und machte bald die Runde in der Stadt. In Flauen gab es nämlich einen Wirt, der nicht nur durch das vorzügliche Bier, das er verzapfte, bekannt war, sondern auch durch seine göttliche Grobheit und seine Gewohnheit, alle seine Gäste zu duzen. Da­von hatten auch einige Offiziere der nach Flauen gelegten preußischen Besatzung gehört und sie be­schlossen, dem Wirte einen Besuch abzustatten und ihm dabei an den Puls zu fühlen.

Kurz nach Mittag, zu einer Zeit, wo die Restaura­tion leer zu sein pflegte, traten sie, vier an der Zahl, ein.

„He, Herr Wirt,“ rief einer von ihnen dem sich tief verbeu­genden Wirte zu, „ich habe gehört, Sie hätten so gutesBier. Bitte, bringen Sie mir mal einSeidel.“

Der Wirt verbeugte sich und ging in den Keller, um ein Glas schäumenden Gerstensaftes direkt aus dem Faß zu holen, das er alsdann mit einer neuen Verbeugung vor den Besteller hinstellte.

Der Offizier hielt das Glas gegen das Licht, um die Farbe zu prüfen.

„Es sieht wirklich gut aus,“ sagte jetzt ein anderer Offizier, „bitte holen Sie mir auch ein Glas Bier, Herr Wirt.“

Der Letztere blickte jetzt die beiden anderen Offi­ziere fragend an, in der Erwartung, daß diese ebenfalls Bier bestellen würden. Da dieselben jedoch schwie­gen, wandte er sich und stieg kopfschüttelnd in den Keller hinab.

Eben hatte er das zweite Glas Bier auf den Tisch gestellt, als der dritte Offizier, zum ersten gewandt, anhub: „Nun, wie ist’s, Herr Kamerad? Ist es trink­bar?“

Der Gefragte bejahte.

„Na, da geben Sie mir in Gottes Namen auch eins,“ sagte jetzt der dritte Offizier zum Wirt. Wieder blickte dieser den vierten Offizier fragend an, aber dieser schaute so gleichgültig vor sich hin, als denke er gar nicht daran, in einem Jahrtausend einen Schluck Bier über seine Lippen zu führen.

Der Wirt brummte etwas von einem noch nicht Da­gewesenen in den Bart, ging aber, um das Verlangte zu holen. Kräftig setzte er alsdann das Glas vor den Besteller, aber noch war er von dem Tisch nicht zu­rückgetreten, als der vierte Offizier näselte: „Na, wo alles liebt, kann Karl allein nicht hassen. Holen Sie mir meinetwegen auch ein Seidel, Herr Wirt'“

Nun war es aber diesem genug. Die Galle lief ihm über. Die Arme in die Seiten gestemmt, hochrot vor Zorn, stellte er sich vor die Offiziere und donnerte sie an: „Ihr Rotznasen, Ihr Lausejungens, Ihr verfluch­ten Breißen, denkt Ihr denn, ich wäre Eier Affe? Holt Eich selber das Bier, wenn Ihr Lust dazu habt, ich loofe für Eich nich egal in den Geller. So was ist mir Gottstrambach doch noch nich vorgegomm! Und das wollen nun feine Leite sin, am Ende gar Berliner! En, armen Wirt so zu kujonnieren! Ins Zuchthaus geheert Ihr, habt’r verstanden? Eingesperrt mißt’r werd’n, versteht’r?“

Die Offiziere waren schon bei den ersten Worten in ein lautes Gelächter ausgebrochen und lachten im­mer herzlicher, je mehr sich der Wirt in Wut hin­einredete.

„Sehen Sie, lieber Mann,“ sagte nun der erste Offi­zier, „gerade um dies zu hören, sind wir zu Ihnen ge­kommen, Sie haben uns eine vergnügte Viertelstunde bereitet, für die wir Ihnen unseren verbindlichsten Dank aussprechen!“

Damit stand er nebst seinen Kameraden auf, warf einen Taler auf den Tisch, mit einer Handbewegung sich das Herausgeben verbittend, und schritt an dem verblüfften und sprachlos gewor­denen Wirt vorüber, zur Tür hinaus. -—

Wenig später kamen in einzelnen Abteilungen 3000 Mann aus Mecklenburg-Strelitz in Leipzig an. Sie bildeten das 2. preußische Reservekorps, das hier konzentriert wurde. Das Korps stand unter dem Be­fehl des Großherzogs von Mecklenburg-Strelitz, der im Hotel de Prusse Quartier nahm. Die Mannschaf­ten erhielten Bürgerquartiere und 8 oder 10 Mann wurden auch in meinem elterlichen Hause einquar­tiert. Die Truppen waren nach dem süddeutschen Kriegsschauplatz bestimmt, blieben aber lange Zeit in Leipzig liegen, angeblich weil sie noch auf ihre Mützenschilder warteten, die ihnen aus der Heimat noch nachgesandt werden sollten. Als endlich, nach neun Wochen, die fehlenden Mützenschilder eingetroffen und nunmehr die Mecklenburg-Strehlitzer marschfertig waren, war der Krieg schon vorüber und alle übrigen im Felde gestandenen preußischen Trup­pen bereits wieder in ihre Garni­sonen zurückgekehrt. Die Mecklenburger hielten fleißig Exerzier- und Feld­dienstübungen ab und ihre Querpfeifer, Hornisten und Trommler quälten sich Tag für Tag mit ihren Instru­menten auf den Frankfurter Wiesen ab (wo später die Schießstände errichtet wurden), zur Verzweiflung der Bewohner der Straße An der alten Elster. Ein­mal wurde auf diesen Wiesen auch ein Biwak abge­halten.

Mittlerweile kam die Kunde von den Schlachten bei Custozza und Langensalza zu uns. Der Sieg der Oesterreicher gegen die Italiener und der der Han­noveraner gegen die Preußen wurde mit Jubel auf­genommen. Nun war es ja sicher, daß die Preußen besiegt werden würden! Bald würde da auch Leipzig von der lästigen feindlichen Besatzung befreit werden. Namentlich von der Schlacht bei Langensalza am 27. Juni erzählte man sich Wunderdinge. Die Han­noveraner hätten die Preußen bis zur Vernichtung ge­schlagen. Viele Preußen hätten auf den Knien um Pardon gebeten, doch sei ihnen solcher nicht gewährt worden. Jetzt seien die Hannoveraner nach Süden durchgebrochen und hätten sich mit den Bayern ver­einigt.

Kurz darauf kam aber die niederschmetternde sichere Kunde, daß die Hannoveraner am Tage nach der Schlacht von den Preußen umzingelt und zur Ka­pitulation gezwungen worden seien; auch ihr König sei gefangen genommen worden.

Bald nach dem Einmarsch der Preußen wurde die Kommunal­ garde von denselben in der Bewachung der öffentlichen Gebäude und im Sicherheitsdienst abge­löst. Es war ihr letztes öffentliches Auftreten gewesen. Kurze Zeit nach dem Kriege wurde sie, wie bereits an anderer Stelle berichtet, aufgelöst.

Der Verkehr der Bevölkerung mit den preußischen Truppen gestaltete sich, je länger deren Anwesen­heit dauerte, immer freundlicher. Die Preußen hiel­ten strenge Mannszucht, ihr Benehmen gegenüber der Bevölkerung war freundlich und höflich, so daß die ursprünglich feindselige Gesinnung gegen sie mehr und mehr schwand und freundschaftlichen Gefühlen Platz machte.

Freilich, die einlangenden und von dem Militärkom­mando alsbald öffentlich angeschlagenenen Nachrich­ten von den Siegen der Preußen in Böhmen und Süd­deutschland drückten das Gemüt der königstreuen Leipziger recht sehr danieder. Die Nachrichten wur­den lange nicht geglaubt, man erklärte sie für preu­ßische Lügen, um so mehr, als die Zeitungen unter strenge Zensur gestellt worden waren. Aber bald mußte man sich doch von der Wahrheit der preußi­schen Siege überzeugen und man sah da manches tief betrübte Gesicht, während die Preußen­freunde, denn auch deren gab es in Leipzig eine große Anzahl, ihre Freude nicht verbergen konnten. Mich persönlich überkam bei der Kunde von der Niederlage der Oesterreicher und Sachsen bei Königgrätz die Emp­findung, als hätte ich körperlich Schläge bekommen und dieses Gefühl trug ich wochenlang mit mir herum. Erst später, bei mehr herange­reiftem Verständnis, söhnte ich mich mit der neugeschaffenen Lage ans und wurde ein treuer Anhänger der von Bismarck vertretenen Auslandspolitik, während ich seiner in­neren Politik allerdings häutig nicht beizupflichten vermochte.

Täglich kamen jetzt Verwundetentransporte durch Leipzig und auch in Leipzig wurde ein Lazarett er­richtet. Man benutzte dazu das soeben an der jetzi­gen Liebigstraße erst fertiggestellte und seiner Bestimmung noch nicht übergebene Waisenhaus, das sich dann für Krankheitspflege als so vorzüglich ge­eignet erwies, daß man es dauernd als Krankenhaus benutzte. Es ist daraus das jetzige Krankenhaus zu St. Jakob entstanden. Die Räume füllten sich rasch mit Verwundeten und wir Jungens zupften zu Hause aus alter Leinewand fleißig Scharpie, um sie in das Lazarett hinauszutragen. Manche gaben dort die Scharpie mit der Bestimmung ab, daß dieselbe nicht bei verwundeten Preußen Verwendung finden dürfe, sondern nur bei den verwundet in die Hände der Preußen gefallenen Sachsen und Oesterreicher. Die solche Bedingungen stellten, waren zumeist — Schü­lerinnen, deren bis auf solche Spitze getriebenen Haß gegen die Preußen wir Jungens allerdings nicht zu tei­len vermochten. Der in der Nähe des neuen Laza­retts befindliche Kanonenteich wurde in jener Zeit beschleunigt ausgefüllt, da er schädliche Miasmen ausdünstete. Derselbe wurde so benannt, weil die Franzosen bei ihrem eiligen Rückzug nach der Völkers­chlacht in ihm einige Kanonen versenkt haben sollten. Man hat später nach diesen Kanonen durch Taucher gesucht, sie aber nicht aufgefunden, angeb­lich weil sie im Schlamm versunken seien. Vielleicht ist das Ganze aber eine Fabel. Der Kanonen­teich befand sich dort, wo jetzt an der Liebigstraße sich eine Anlage niederwärts erstreckt, an deren Rande — an der Liebig­straße — das Denkmal Samuel Heinickes, des Begründers des deutschen Taubstummen­unterrichts, steht. Außer in dem Waisenhaus wurde auch in der zwei Jahre vorher neuerbauten Turnhalle in der Turnerstraße ein Lazarett eingerichtet. Die Verwundeten fanden überall Teilnahme und liebe­volle Pflege.

Sehr bald sprach man von Friedensverhandlungen, die mit dem inzwischen in Nikolsburg angekommenen preußischen Hauptquartier seitens der Oesterreicher gepflogen wurden und es verbreitete sich die Kunde, daß hierbei Preußen die Annektion Sachsens ver­lange. Ein Sturm der Entrüstung ging nun durch die königstreuen Sachsen, doch konnte es nicht zu offe­nen Kundgebungen kommen, da dieselben von den Preußen sogleich unterdrückt worden wären. Eine kleine Hoffnung setzte man auf die Reise, die der sächsische Ministerpräsident von Beust von Wien aus nach Paris unternahm. Napoleon III. würde, so nahm man als sicher an, in dankbarer Erinnerung an die Waffenhilfe, die 1813 König Friedrich August I. (der Gerechte), mit seinem Heere seinem Oheim, Napo­leon I., geleistet habe, Sachsen nicht im Stich lassen. Kennzeichnend für diese Stimmung war folgender Vorfall. Als ich eines vormittags durch die (damals noch enge und deshalb Thomasgäßchen genannte) Thomasgasse ging, sah ich an dem Eckhause, wo jetzt das Bismarckhaus steht, einen Menschenauflauf. Ich trat näher und erblickte ein an die Wand geklebtes Papier, auf welchem mit großen Buchstaben folgendes Verslein geschrieben stand:

Kuckuck, Kuckuck warte,

Napoleon Bonaparte,

Der wird uns schon das holen,

Was Ihr uns habt gestohlen,

Ihr denkt schon wir sindPreußen —

Der Hund wird Euch was — —

Natürlich dauerte es nicht lange, bis eine Militär­patrouille kam, die das ominöse Plakat herabriß.

Die Nikolsburger Friedensverhandlungen bestätig­ten sich und sie führten bereits am 26. Juli zum Ab­schluß. Preußen einigte sich in denselben mit Oesterreich und diesen Präliminarien entsprach der spätere Friedensschluß. Sachsens Selbständigkeit wurde dar­in gewähr­leistet, aber der Rahmen, innerhalb wel­chem dies der Fall sein sollte, war nicht näher be­zeichnet. Das blieb den Sonderver­handlungen des sächsischen Königs mit Preußen vorbehalten. Diese zogen sich wider Erwarten sehr in die Länge. Die Bevöl­kerung geriet darüber in Unruhe, denn sie wollte so rasch wie möglich klare Verhältnisse haben. Man­cherlei Wünsche und Ansichten wurden hierbei laut. Man wußte, daß eine sehr einflußreiche Seite in Ber­lin noch immer dahin tätig war, trotz der Verein­barung mit Oesterreich die Einverleibung Sachsens in Preußen herbeizuführen. Auch die Liberalen Leip­zigs entfal­teten eine eifrige Agitation. Sie hatten be­reits vor dem Kriege im Stadtverordneten-Kollegium eine Adresse an den König Johann durchgesetzt, in welcher dieser um die Neutralität Sachsens gebeten wurde. Später hatten sie einen geharnischten Protest gegen die Abtretung Venetiens an Kaiser Napo­leon III. veröffentlicht. Es wurde darin diese Abtre­tung als ein Verrat des Kaisers Franz Josef All­deutschland gegenüber gebrandmarkt, da durch die­selbe der französische Kaiser veranlaßt werden sollte, sich mit den Waffen in der Hand in die deutschen Strei­tigkeiten einzumischen. Jetzt, nach dem preußisch-österreichis­chen Friedensschlüsse wurde eine Landesversammlung der neubegründeten national­liberalen Partei nach Leipzig einbe­rufen. Die Wort­führer hierbei waren Prof. Dr. Biedermann, Kramer­meister Lorenz, Buchhändler Findel, Dr. med. Schild­bach und die Advokaten Dr. Joseph und Schmidt aus Leipzig. Die Versammlung wurde am 26. August im Hotel de Pologne abgehalten und hierbei auf Antrag Prof. Biedermanns eine Resolution angenommen, da­hin gehend: es liege im Interesse des sächsischen Volkes, nicht bloß alle gemeinsamen Angele­genheiten, z. B. des Verkehrswesen usw., der Gesetzgebung und Verwaltung der Organe des norddeut­schen Bundes zu überweisen, sondern auch die Diplo­matie und die Militär­hoheit völlig und bedingungslos an die Krone Preußens abzutreten, da nur so die wei­tere Selbständigkeit Sachsens dem Interesse Sach­sens und Deutschlands nicht nachteilig sei.

Zu dieser Resolution wurde dann noch von Dr. Schildbach und Schmidt der Zusatzantrag gestellt: „Das allgemeine deutsche Interesse, sowie die politi­schen, geistigen und materiellen Interessen Sachsens verlangen die vollständige Einverleibung Sachsens in Preußen.“ Auch diese Resolution wurde angenommen. Zu derselben machte Prof. Dr. Biedermann in dem von ihm über die Versammlung veröffent­lichten Be­richt „zum besseren Verständnis“ die Bemerkung: „die Versammlung wünschte prinzipiell die völlige Einver­leibung Sachsens, so lange diese aber nicht möglich ist, sollen die in der Biedermannschen Re­solution enthaltenen Wünsche und Erklärungen auf­recht erhalten werden.“

Immerhin war die gefaßte Resolution deutlich ge­nug: es gab eine Anzahl Bürger, welche die Annektion Sachsens durch Preußen wünschten. Dagegen erhoben sich die königstreuen Sachsen mit lauten Protesten, ebenso wie gegen die geheime Agitation, die schon vorher im Lande zugunsten der Berliner Wünsche getrieben worden war und sich nunmehr noch mehr verstärkte. In dieser Zeit tauchte auch das Gerücht auf, daß König Johann angesichts der Annektionswünsche mit seinem ganzen Hause auf die sächsische Krone verzichten wolle und das Anerbie­ten des Kaisers Franz Josef angenommen habe, dafür König von Böhmen zu werden, das alsdann von der öster­reichischen Monarchie abgetrennt werden würde.

Hier eine betrachtende Einschaltung. Wäre dieser Gedanke — ich weiß nicht wieviel Wahrheit hinter demselben gestanden hat — damals in die Wirklich­keit umgesetzt worden; wie ganz anders würde sich dann wohl unser und Oesterreichs Schicksal im Welt­kriege gestaltet haben? Böhmen wäre unter dem alle­zeit treudeutschen Wettinerhause immer mehr dem Deutschtum zugeführt worden und von einer tsche­chischen Agitation wäre nie die Rede gewesen. Die tsche­chischen Aspirationen würden durch die bloße Tatsache, daß Böhmen ein selbständiges Königreich mit eigener Verfassung geworden, vollständige Be­friedigung gefunden haben.

Diese Annektionswünsche und die autgetauchten Gerüchte über Resignationsabsichten des Königs Jo­hann, verbunden mit dem Umstande, daß die Frie­densverhandlungen zwischen Preußen und Sachsen nicht vom Fleck kommen wollten, während ein Staat nach dem anderen, der Preußen gegenüberge­standen, seinen Frieden mit demselben machte, regte die Bevölk­erung mehr und mehr auf.

„Der Kreishauptmann von Leipzig, Herr von Burgsdorff, einer der treuesten Anhänger des Königs, hatte nach Möglichkeit gegen die preußenfreundliche Agi­tation angekämpft und namentlich im Voigtlande eine Reihe von Adressen an den König Johann veranlaßt, in denen dieser um baldige Rückkehr in sein Land gebeten wurde. Er wurde dieserhalb von dem preu­ßischen Militärkommando am 23. August von seinem Amte suspendiert und interniert, was vielen Unwillen im Lande erregte. Erst am 25. Oktober, einige Tage nach dem Friedensschlusse, kehrte er in das Amt zurück.

Der August, der September vergingen, ohne daß es zu dem ersehnten Friedensschlusse mit Sachsen ge­kommen wäre und es hagelte jetzt von allen Seiten Adressen, in denen der König bestürmt wurde, im In­teresse des Landes nunmehr den Friedensschluß her­beizuführen, zumal Sachsen für jeden Tag der Verzögerung eine ansehnliche Kontribution zu zahlen hatte. Aber erst am 21. Oktober kam der Friedens­schluß zustande. Nach diesem Friedensvertrage ver­pflichtete sich Sachsen, in den norddeutschen Bund einzutreten und den Oberbefehl über die sächsische Armee, die nach preußischem Muster neu einzu­kleiden und zu organisieren sei, an den König von Preu­ßen zu übertragen, doch solle Kronprinz Albert das Kommando in Sachsen führen. Die Festung König­stein sollte preußische Besatzung erhalten, Dresden — das man wegen der während des Krieges daselbst aufgeworfenen Schanzen jetzt als einen befestigten Ort ansah — von preußischen und sächsischen Trup­pen gemeinsam besetzt werden und in Leipzig und Bautzen eine preußische Garnison verbleiben. In­dessen war vorgesehen, daß die preußischen Truppen nach vollendeter Reorganisation der sächsischen Armee zurückgezogen werden sollten, mit Ausnahme der Besatzung des Königsteins, doch trat auch hierin später eine Aenderung ein und die Festung wurde noch vor dem Kriege von 1870 den Sachsen wieder übergeben. Außer diesen Zugeständnissen, die Sach­sen machen mußte, hatte es an Preußen eine Kriegs­entschädigung von 10 Millionen Talern zu zahlen. Mit dem Eintritt in den norddeutschen Bund hörte auch die Selbständigkeit der Post und der Telegraphie auf, da dieselben nunmehr Bundesbehörden wurden, und infolgedessen verschwanden auch die gelben Uniformen der Briefträger, die dieselben bis­her in Sachsen getragen hatten.

Im allgemeinen waren die Friedensbedingungen also für Sachsen glimpflich ausgefallen und im gan­zen Lande herrschte darüber große Freude. König Johann kehrte aus Teplitz, wo er die letzten Wochen zugebracht hatte, am 26. Oktober nach Pillnitz zu­rück und hielt von dort am 3. November seinen Wiedereinzug in Dresden. Die in Leipzig vor dem Kriege garnisonierenden Truppen kehrten am 28. Ok­tober hierher zurück, freilich nur zu kurzem vorüber­gehenden Aufent­halte, da ihnen Leipzig, solange das­selbe preußische Besatzung hatte, als Garnisonsort versagt blieb. Sie wurden bei ihrem Eintreffen auf dem Dresdner Bahnhof von einer großen Menschen­menge stürmisch begrüßt und mit Hochrufen in die Güterhalle geleitet, wo sie mit Speise und Trank auf Kosten der Stadt erquickt wurden. Die Truppen sahen frisch und munter aus. Während ihres Aufent­haltes in Oesterreich hatten sie neue Mützen, ähnlich den österreichischen, erhalten und die Offiziere tru­gen, wie die österreichischen, ihre Rangabzeichen nicht mehr auf den Epauletten, sondern in Sternen vorn am Kragen.

 

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