Sklaverei und Eselswiese

Der nordamerikanische Sezessionskrieg (1861 bis 1865) fand auch in Leipzig lebhafte Beachtung, nicht nur wegen der vielfachen Handelsbeziehungen, die namentlich Leipzig mit den nordamerikaniscnen Staaten besaß, sondern auch politisch und gefühls­mäßig. Denn die Sympathien der Leipziger — wie wohl auch aller Deutscher — wendeten sich unein­geschränkt den Nordstaaten der Union zu, da die­selben mit den Sklavenhaltern der Südstaaten im Kampfe standen. Während des vier Jahre langen Krieges verging selten eine Woche, wo sich nicht junge Leipziger nach den Vereinigten Staaten ein­schifften, um dort in die Reihen der Kämpfer für die Befreiung der Sklaven einzu­treten. Gar manche von ihnen starben hierbei den Heldentod. Dieser deutschen Hilfe, die sehr wesentlich zum Siege der Nordstaaten beitrug, sind leider die Amerikaner im Weltkrieg nicht eingedenk gewesen.

Ergötzlich war es zu jener Zeit — und noch eine Reihe von Jahren nachher — einen Blick auf die „Eselswiese“ der Leipziger Blätter zu werfen. Das war jene Ecke im Inseratenteil, wo man sich zum Geburtstage gratulierte, zu Rendezvous einlud, auf postlagernde Briefe aufmerksam machte, um ein Lebenszeichen bat, wenn Annäherung gewünscht wurde, Gedichte an seine Angebetete veröffentlichte usw., wo man sich aber auch kräftig gegenseitig die Meinung sagte. So erinnere ich mich einer Reihe von Inseraten, in denen ein namentlich unterzeichneter Einsender sich mit einem gewissen Franz Müller wegen irgendeiner Sache heftig herumstritt. Da er­schien eines Tages das folgende Inserat: „Anfrage. Ist denn Franz Müller nicht in London gehenkt wor­den? Ein Neugieriger.“ Das Inserat wurde viel be­lacht und die immer boshafter gewordene Polemik zwischen den beiden Streithammeln hörte bald da­nach auf. Es war nämlich 1864 in einem europäisches Aufsehen erregenden Prozeß in London der deutsche Schneidergeselle Franz Müller wegen Mordes an einem Engländer in der Eisenbahn zum Tode ver­urteilt und auch hingerichtet worden, obgleich zahl­reiche Zweifel an seiner Schuld bestanden. In spä­teren Jahren erheiterten jahrelang die Inserate einer „Ines“ die Leser, weil dieselbe ihren Seladon unter allen möglichen Vorwänden stets um Zusen­dung von Geld ersuchte und schließlich auch noch einen Kinderwagen erbat,

In diesem Teile der Zeitung veröffentlichte auch F, W. Stannebein seine Wetterprophezeiungen. Stannebein entstammte einer alten Windmüller-Familie, die sich von jeher mit der Wetterkunde von Berufs­wegen beschäftigt hatte. Stannebein selbst besaß früher eine Windmühle und er hatte dabei die er­erbten Wetter-Kenntnisse erweitert und in ein ge­wisses System gebracht. So prophezeite er nach dem jeweiligen Stand der Wolkenschichten das kom­mende Wetter und er zeigte dies zu Nutz und From­men seiner Mitbürger im Tageblatt an. Stannebein war ein jovialer alter Herr, der auch Spaß verstand. Er ließ sich sogar herbei, in mehreren Karnevals­festzügen eine komische Figur zu spielen. So z, B. wurde er einmal in einem auf einen Rollwagen ge­stellten Schlitten gefahren, hinter dem auf einem Strohbündel ein ausgestopfter Hahn zu sehen war. Darüber aber prangte ein großes Plakat mit der In­schrift: „Kräht der Hahn auf dem Mist, so ändert sich’s Wetter oder bleibt wie’s ist.“

 

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