14. Hosen runter!

Kretschmers Kesseltreiben drüben auf dem Parkplatz hatte ich mir kurz vom Fenster aus angeguckt. Er fuhr das volle Programm: alle Ausfahrten bis auf eine hatte er mit Blechtonnen aus dem aus dem Fasslager verrammelt. So an die dreißig Mann hatte er zusammengetrommelt und an strategischen Punkten postiert. Dass sie von der verschiedensten Firmen kamen, konnte man an ihren Uniformen erkennen, es herrschte ein fröhlicher Farbenwirrwarr. Er selbst war an der freigebliebenen Ausfahrt zugange und überwachte mit strenger Miene das Filzen der Autos und legte auch selbst dann und wann Hand an. In der ersten Aufregung war es vereinzelt zu Panikreaktionen gekommen. Einer hatte sogar versucht, sich über eine angrenzende Wiese davonzumachen und war dabei mit dem Wagen in einen Wassergraben gekippt. Andere hatten versucht, belastende Gegenstände wegzuwerfen, waren aber von Kretschmers Aufpassern beobachtet worden, die die Sore aufsammelten und sofort zu einer verschärften Durchsuchung und zur Feststellung der Personalien schritten. Kretschmer hatte das Ganze sicher im Griff, und die Sache sah erfolgversprechend aus. Ich wandte mich wieder meiner eigenen Arbeit zu und machte mich über die Liste mit den Leuten her, die Prager unter dem Verdacht herausgefiltert hatte, dass sie ihre Telefonanschlüsse für Privatgespräche missbrauchten. Er war da ziemlich kleinlich vorgegangen, deshalb war die Liste auch ganz schön lang. Ich strich alle heraus, bei denen die Gebühren für verdächtige Gespräche nicht mindestens im zweistelligen Bereich lagen. Kleinvieh macht zwar auch Mist und kann sich insgesamt zu beträchtlichen Beträgen summieren, aber die Rechtsprechung hat da gewisse Grenzen gezogen. Und was ich brauchte, waren hieb- und stichfeste Entlassungsgründe. Immerhin kam auch unter diesen Umständen noch allerhand zusammen. Exzessives privates Telefonieren schien in der Firma so etwas wie ein Volkssport zu sein. Etwas mehr als siebzig Leutchen schafften es in die Endausscheidung für fristlose Entlassungen. Morgen würde es jeweils noch ein abschließendes Verhör geben, und dann würden sie machen können, was sie wollten, nur nicht länger Maddox-Color auf der Tasche liegen.

Gegen sieben war Kretschmer mit seiner Guck- und Greifaktion fertig und brachte mir die Resultate. Auch seine Liste war ziemlich lang. Hundertfünfundvierzig Positionen, sauber durchnummeriert. Namen und sichergestellte Gegenstände. Da mir die Namen nicht viel sagten, konzentrierte ich mich aufs Diebesgut. Jede Menge Schraubenschlüssel und Elektrowerkzeuge. Ein Spannungsprüfer (angeblich Privateigentum), fünf Overalls mit Maddox-Color-Aufdruck noch originalverpackt, Eimer mit Handwaschpaste, Kanister mit Hydraulik- und Schmieröl. Einer hatte es doch tatsächlich geschafft, einen Karton mit zwanzig Dosen Kunstharzlack (beste Qualität, Ladenpreis pro Dose sechsundzwanzig Euro fünfundvierzig) an der Torwache vorbeizuschmuggeln. Eigentlich hatte ich die Taschenkontrollen ja angeordnet, um ein gewisses Gleichgewicht bei den Entlassungen von Arbeitern und Angestellten herzustellen. Deshalb staunte ich nicht schlecht, dass sich auch die Angestellten munter am großen Abgreifen beteiligten. Da wurde stapelweise Kopiererpapier rausgeschleppt, Patronen für Tintenstrahldrucker, Klebeband, packenweise Briefumschläge, CD-Rohlinge und so weiter. Aber auch Schreibtischlampen, Computertastaturen (natürlich nur die neuesten Modelle) und sogar ein Scanner. Stutzig blieb ich an Position hundertdreiundvierzig hängen — ein Paket Fotopapier. Mit so etwas arbeitete man eigentlich nur, wenn man irgendwelche Hochglanzgeschichten produzierte. Dafür kam eigentlich nur die PR-Abteilung in Frage. Ich sah mir den Namen an, der daneben stand: Wilke. — Überraschung für Mutti — B.B. würde sich freuen.

Zusammengenommen kam da ein Betrag von mehreren tausend Euro heraus. Wenn das hier jeden Tag so ging, dann wunderte mich, dass von der Firma überhaupt noch etwas übriggeblieben war.

Kretschmer nickte grimmig und sagte: «Die ganz kleinen Fische, die wir mit Firmenkulis und anderem Kleinkram erwischt haben, sind da noch nicht mal mit dabei. Die haben wir laufen lassen, sonst wären wir bis Mitternacht nicht fertig geworden.»

«Gute Arbeit,» lobte ich. «Morgen werden Sie die Missetäter einzeln verhören und jeden, der dabei nicht mit einer blütenweißen Weste herauskommt, Bollmann zur Entlassung überstellen. Ob wir dann noch Strafanzeige erstatten, werden wir von Fall zu Fall entscheiden.»

«Wir werden einen Raum brauchen für die Asservaten,» stellte Kretschmer fest.

«Bauen Sie sie einfach unten am Empfangstresen auf — zur Abschreckung. Dann hat das blonde Dummchen dahinter endlich mal ein richtige Aufgabe und kann darauf aufpassen.»

Kretschmer zeigte wieder sein finsteres Grinsen und meinte: «Gute Idee.»

Ich entließ ihn in seinen wohlverdienten Feierabend und begab mich in die Buchhaltung zu Prager, um eine kleine Rückschau auf diesen bewegten Tag zu halten.

Prager saß über einem Packen Computerausdrucke, als ich zu ihm ins Büro kam. Ich sagte: «Übertreiben Sie’s bloß nicht, sonst haben wir zum Schluss so viele Entlassungsgründe, dass wir extra noch Leute einstellen müssen, um von allen Gebrauch machen können.»

Er blickte auf und beäugte mich durch seine spiegelnden Brillengläser. «Fahren wir etwa plötzlich die weiche soziale Linie?»

«Ganz im Gegenteil. Aber Sie müssen mir noch ein paar Leutchen lassen, mit denen ich den Laden hier schmeißen kann. Oder soll ich die Farbe etwa selber zusammenrühren?»

«Ihnen kann man’s aber auch gar nicht recht machen,» sagte er kopfschüttelnd.

«Nehmen Sie’s nicht so schwer. — Gibt’s was Neues?»

«Diese Rohstoffe aus Osteuropa, im Wesentlichen handelt es sich dabei um Farbstoffe und Lösungsmittel, kommen mir nicht ganz koscher vor. Ich hab mal versucht, die Preise von denen rauszukriegen. Natürlich sind die deutlich billiger als die Konkurrenz hierzulande. Wir beziehen von denen so an die zwei Millionen Liter im Jahr, für die wir an die eins Komma fünf Millionen zahlen zahlen müssten. Tatsächlich wurden aber knapp zwei Millionen ausgezahlt. Da scheinen Mittel abzufließen.»

«Schon ’ne Ahnung, wohin?»

«Davon steht nichts in den Büchern.»

«Hm, werde mich darum kümmern. Sonst noch was?»

«Da gibt es Rückstellungen aus dem letzten und dem vorletzten Jahr, neunhundertvierzigtausend Euro per saldo. Sie wurden wieder aufgelöst. Mir ist nicht ganz klar, wofür sie waren und wozu die Mittel schließlich verwendet wurden.»

«Standen die ihm schon im letzten Revisionsbericht?»

«In der Bilanz standen sie. Im Bericht wurde nichts dazu gesagt.»

«Hat da jemand gepennt?»

«Es wäre nicht das erstemal.»

«Ist Menges noch im Haus?»

«Glaube ich nicht. Er klagte über Kopfschmerzen.»

«Sieht so aus, als ob er allen Grund zu Kopfschmerzen hätte. Wir werden ihm die Frage morgen zum Frühstück servieren. Vielleicht vertreibt ihm ja das die Schmerzen.»

Prager lachte ein trockenes kleines Lachen, das ein bisschen hämisch klang. «Ich fürchte, es wird sie eher noch verstärken.»

«Kann schon sein, dass das nicht gerade Aspirin für ihn ist,» knurrte ich.

«Sagt Ihnen der Name Eco-consult, Jersey etwas?»

«Was soll das sein?»

«Das wüsste ich auch gerne, die haben mehrfach Überweisungen in sechsstelliger Höhe von der Firma enthalten. Jersey liegt auf den englischen Kanalinseln und ist so eine Art Steuerparadies. Ich frage mich, was hat die Firma mit einem Steuerparadies zu schaffen?»

«Interessante Frage. Hat sich das wenigstens bei den Steuerschulden irgendwie positiv ausgewirkt?»

«Ganz und gar nicht. Ich habe eher den Eindruck, man hat hier freiwillig Steuern gezahlt, die man leicht vermeiden hätte können. Aber damit muss ich mich erst noch etwas näher befassen, mit der Steuerbilanz bin ich noch nicht durch.»

Die Arbeit hier würde ihm und mir so schnell nicht ausgehen. Das war schon mal klar.

Ich sagte: «Na, dann wolln wir uns mal nicht überarbeiten. Ich fahre jetzt ins Hotel, wollen Sie mitfahren?»

Prager blätterte in den Computerausdrucken. «Haben Sie vielen Dank. Aber ich werde noch ein Weilchen bleiben.»

«Wenn Sie’s so lange ohne Kräutertee und Kamillenquark aushalten,» grinste ich.

Er warf mir einen vorwurfsvollen Blick zu. Für ihn war es schon die pure Boheme, wenn man vor acht Uhr abends das Büro verließ.

«Ich werde mich mal unter den Mädchen im Städtchen ein wenig umsehen,» verkündete ich unbekümmert und verabschiedete mich in den Feierabend.

Als ich im Hotel ankam und mir die Baustelle nebenan ansah, musste ich tatsächlich feststellen, dass da Jungs von Feddersen am Werke waren, auf den Baggern und Maschinen stand unübersehbar sein Name. Ich fragte mich, ob ich ihn für den Lärm schon genug hatte büßen lassen, und kam zu einem negativen Ergebnis. Bisher hatte er nur gegenüber Maddox-Color Buße getan, aber nicht gegenüber Bodo Lünch. Aber dies war ein kleines Städtchen, es würde sicher noch Gelegenheit geben, ihm auch für seinen unsanften Weckdienst am Morgen die Rechnung aufzumachen.

Ich ging auf mein Zimmer, um mich von Schlips und Kragen zu befreien und mich für den Abend ein bisschen in Form zu bringen. Das Wasser rauschte in die Badewanne, und ich war schon im Unterhemd, als es gegen die Zimmertür hämmerte. Ich öffnete. Vor mir stand eine Frau ganz in schwarzem Leder, auf den hohen Hacken ihrer hohen Stiefel fast so groß wie ich. Sie trug ein schwarzes Cape und eine Maske und drängte ins Zimmer und herrschte mich an: «Was? Du bist immer noch nicht bereit für deine Herrin? Auf die Knie mit dir, Sklave!» Dabei holte sie mit einer Peitsche aus und zog mir eins über. Für einen Moment fragte ich mich, ob ich wachte oder träumte. Aber als ich den Schmerz der Peitsche spürte, war der Fall klar. Es gab ein kurzes Handgemenge, und ich entwand ihr das Ding und versohlte ihr damit ordentlich ihren eigenen lederbespannten Hintern. Sie schrie auf. Ich riss ihr die Maske vom Gesicht und ich glaube, mir entfuhr ein «Oh!», denn ich blickte in ein Paar tiefe, sehr ausdrucksvolle braune Augen. Und etwas tiefer bot mir ihr das Dekolletee ihres Korsetts zwei fabelhaft gerundete Brüste dar.

Sie sagte: «Sag mal, spinnst du, du tust mir weh!»

Ich lockerte meinen Griff und gab der Tür einen Tritt, dass sie zuflog. «Mir scheint, Sie haben sich in der Zimmernummer geirrt, Lady. Hier wohnt Bodo Lünch, und der steht nun wirklich nicht auf Schmerzen, Erniedrigungen und Perversitäten dieser Art.»

«Ist das nicht drei Null acht?»

«Nein, es ist drei Null sechs. Ich weiß, eine Brille passt schlecht unter Ihre entzückende Maske, aber vielleicht sollten Sie’s mal mit Kontaktlinsen probieren.»

Sie ordnete ihre verrutschte Montur. «Oh, das tut mir Leid.»

«Braucht es nicht. Trinken Sie was?»

«Nein danke, mein Kunde wartet.»

«Lassen Sie ihn ruhig ein bisschen warten,»grinste ich. «Wenn er eine richtige Sklavenseele ist, wird er gerne auf seine Herrin warten, das wird ihn erst richtig heiß machen. Und Ihre Stiefel werden dann ganz besonders sauber und blank sein.»

Sie schickte ein verunsichertes Lächeln zu mir herüber, das mir gut gefiel. «Nein, das geht wirklich nicht. Also wirklich, ich muss jetzt… — entschuldigen Sie bitte noch mal, es ist mir wirklich sehr peinlich.»

Hatte man so was schon gehört, eine Domina, der etwas peinlich war? Ich sagte: «Ich nehme an, es ist ziemlich anstrengend, wenn man den ganzen Tag auspeitschen, drangsalieren und schikanieren muss. Irgendwann möchte man doch sicher auch mal ausspannen, oder ist das bei einer Domina anders?»

Sie lachte. «Domina ist ein Geschäft. Und in jedem Geschäft gibt es einen Feierabend.»

«Na bitte, da haben wir’s. Wenn Sie irgendwann nach Dienstschluss gerade nichts Besseres vorhaben, dann schauen Sie doch mal wieder vorbei. Ich bin noch ein paar Wochen hier. Und Ihre Arbeitskleidung können Sie zu Hause lassen, für mich tun’s auch Jeans und T-Shirt. Ich stehe mehr auf innere Werte — und auf schöne Augen.» Von ihren Möpsen sagte ich nichts.

Sie hob die Peitsche und die Maske vom Boden auf, zurrte ihr Cape fest und stöckelte mit dem schönsten Kleinmädchenlächeln von der Welt hinaus, um drei Null acht die heiß ersehnten Schmerzen zu bringen. Ich stieg in die Badewanne.

Um neun war ich fertig und zu allen Schandtaten bereit und machte mich auf, um ein wenig durchs Städtchen zu schlendern. Aus Zimmer 308 drang ein leises Wimmern, als ich an der Tür vorüberging.

Am Marktplatz nahm ich in einem etwas hochgestochenen Restaurant mit weißen Tischdecken bis auf den Boden, extra Weinkellner und so weiter mein Abendessen ein, es war irgendwas mit Fisch. Und das musste man ihnen oben an der Küste schon lassen, der frische Fisch hier war viel, viel besser als alles Vergleichbare, was man tief im Binnenland so vorgesetzt kriegte. Dann ging es weiter, und ich landete in einer Kneipe, in der es Livemusik gab und irisches Bier. Ich lümmelte am Tresen, war gerade bei meinem dritten Guinness, als sich ein Mädchen neben mich schob und mich mit schmalen Augen fixierte.

Sie fragte: «Heißen Sie Lünch?»

«Wie kommst du denn darauf?»

«Sie sind ein Schwein!» Woher wusste sie? Aber ich hatte keine Gelegenheit, das herauszufinden. Sie fauchte: «Sie haben ihn gefeuert, Sie Dreckskerl, obwohl Sie genau wussten, dass er keinen neuen Job mehr kriegen wird.»

Normalerweise verliere ich bei Entlassungen schon der reinen Menge wegen immer ziemlich schnell den Überblick. Im gegenwärtigen Stadium war es allerdings ziemlich einfach, das Rätsel zu lösen. Bisher hatte ich erst einen einzigen gefeuert, den versoffenen Kerl vorne am Tor. Ich rechnete kurz nach, er musste so um die fünfzig sein, sie war vielleicht Anfang zwanzig, demnach hatte ich sein Töchterlein vor mir. Ich teilte ihr mit: «Ihr werter Herr Vater hatte sich schon längst selber entlassen, als er der Flasche sein Jawort gab.»

Aber das überzeugte dieses hitzige Mädchen nicht. Sie schüttete mir den Inhalt ihres Mineralwasserglases ins Gesicht, stieß noch ein verächtliches Schnauben aus und rauschte dann hinaus. Die Leute schauten her. Langsam wischte ich mir das Gesicht trocken und blickte ihr nach. Irgendwie schien dies nicht mein Tag bei den Frauen zu sein. Sie schlugen mich, schnauzten mich an, schütteten mir ihre Drinks ins Gesicht — was würde als nächstes kommen? Ich nahm mir vor, das Schicksal nicht herauszufordern und trank nur noch zwei, drei Bierchen und hörte mir den Gig der Dorfband zu Ende an. Es war guter alter Rumpelrock. Alles nachgespielte Titel, das meiste von Bill Haley und seinen Landmaschinenmechanikern. Kein einziger Ton war von ihnen selber, außer den falschen natürlich. Dann machte ich mich auf den Heimweg.

In meinem Zimmer schloss ich mich sorgfältig ein und schwor mir, niemandem mehr zu öffnen außer Prager. Aber der ließ nichts von sich hören. Wahrscheinlich blieb er in der Firma und machte durch, um mir zu zeigen, was richtige Sanierungsarbeit ist. Das raubte mir nicht gerade den Schlaf. Eher schon meine Träume, in denen es vor peitschenschwingenden Fledermäusen nur so wimmelte, die schrien, auf die Knie mit dir, du Schwein, du hast ihn entlassen!

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