Kleine Gärten, Tagungen und eine Explosion

In das Jahr 1864 fiel auch die Gründung des ersten Schreber­ vereins durch den Schuldirektor Dr. Hauschild. Freilich war es noch ein weiter Schritt bis der erste Schrebergarten entstand. Zunächst wurde nur der freie Platz hinter der Wiesenstraße, dort, wo jetzt die Lutherkirche steht, als Schreberplatz ange­wiesen. Es war ein sumpfiger Wiesenplan, der erst nach und nach für den gewollten Zweck hergerichtet werden konnte. Nachdem der Platz ein ansprechen­deres Aeußere gewonnen hatte, wurden Kinderbeete darauf errichtet und im Jahre 1869 Familienbeete. Ein Jahr später entstanden die ersten Schreber­gärten. Binnen Jahresfrist zählte man alsdann deren be­reits hundert und aus diesen sind im Laufe der Zeit, namentlich nachdem 1876 der schöne große Schreber­platz an den sogenannten Fleischerwiesen am linken Ufer der alten Elster, gegenüber der neuen Schwimm­anstalt, eingeweiht worden war, viele tausende ge­worden, die in fast allen Teilen der Stadt, insbeson­dere an ihrer Peripherie, entstanden sind. Sie spen­den alt und jung Licht, Luft und Fröhlichkeit und Genuß an der Kleingärtnerei und tragen somit sehr erheblich zur Förderung der Volksgesundheit bei.

Eine mit ganz außerordentlich großer Spannung ent­gegen gesehene Tagung fand am 23. und 24 Oktober 1864 im Schützenhaus statt. Es war dies der erste Vereinstag der deutschen Arbeitervereine. Auf der Tagesordnung standen die folgenden Punkte; Frei­zügigkeit, Genossenschaftswesen, Konsumvereine, Produktionsgenossenschaften, über einen Lehrplan für alle Arbeiterbildungsvereine, Wanderunterstützungskassen, Alters­versorgung, Lebensversiche­rung, Regulierung des Arbeits­marktes, Arbeiter­wohnungen, Wahl des ständigen Ausschusses. Also eine ziemlich reiche „Speisekarte“ für eine zwei­tägige Tagung. Aber die aufgestellten Programm­punkte waren gemäßigte und sie zeigten im Gegen­satz zu den Bestrebungen Lassalles — der wenige Wochen vorher, am 31. August, an den Folgen einer Wunde gestorben war, die er in einem Duell mit dem Rumänen Racowitza, seinem Nebenbuhler um den Besitz der schönen Helene von Dönniges emp­fangen hatte — eine liberale Richtung an. Nach der Eröffnung der ersten Sitzung richtete Bürger­meister Dr. Koch namens der Stadt herzliche Be­grüßungsworte an die Erschienenen (die Tagung war von Delegierten aus vielen Städten besucht), indem er zugleich seine Zustimmung zu den Zielen des Ver­einstages aussprach; namentlich treue es ihn, daß dieselben sich fern hielten von den sozialistischen Irrlehren und dem Phantom der Staatshilfe. Der Frankfurter Delegierte Sonnemann (Herausgeber der Frank­furter Zeitung, späterer Führer der süd­deutschen Demokraten und vieljähriger Reichstags­abgeordneter) dankte in beredten Worten dem Bür­germeister Dr. Koch für dessen „schöne Begrü­ßungsrede.“ Schulze-Delitzsch, der am Kommen verhin­dert war, sandte ein Begrüßungsschreiben. Als Referent über einen Lehrplan für alle Arbeiterbil­dungsvereine füngierte Dr. Max Hirsch (der spätere Begründer der Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereine). Vorsitzender des Leipziger Lokalkomitees für diese Tagung war August Bebel, der auch zeitweilig die Verhandlung selbst leitete. Diese interessante Tat­ sache veranlaßt mich auch, hier dieser Veranstal­tung der Deutschen Arbeitervereine zu gedenken. Bebel segelte damals noch im liberalen Fahrwasser und erst nachdem Liebknecht (im Jahre 1866) nach Leipzig gekommen war gelang es diesem, Bebel für die Sozialdemokratie zu gewinnen, deren hervorrag­endster Apostel er alsdann werden sollte.

Im Mai 1864 fand eine Lehrertagung aus ganz Deutschland statt, wozu wir Schüler wiederum zum Abholen der von auswärts mit der Eisenbahn an­kommenden Teilnehmer und zum Geleite derselben in ihre Quartiere befohlen wurden. Einer dieser An­kömmlinge, dem ich auch den Koffer getragen, drängte mir fünf Neugroschen auf. Es widerstrebte meinem Stolze als „höherer“ Schüler das Geld anzu­nehmen, auf den Zuspruch des Mannes, eines Gym­nasiallehrers, steckte ich es aber doch ein und gleich darauf freute ich mich darüber. Denn es fiel mir ein, daß ich nunmehr mit Hilfe meines Taschen­geldes in der Lage wäre, eine richtiggehende kleine Messingkanone mit einem Zündloch zu kaufen. Dies ge­schah denn auch sofort, und nachdem ich von Körmes in der Klostergasse eine kleine Tüte Pulver und etwas Schrot gekauft hatte, eilte ich mit meinem jüngeren Bruder in unseren Garten auf der Großen Funkenburg, wo wir, der elterlichen Aufsicht ent­rückt, unsere Kanone, ohne Einspruch befürchten zu müssen, probieren konnten. Sie wurde mit Pulver und einer Schrotkugel geladen, Pulver in das Zünd­loch geschüttet und dann abgeschossen. Es ging famos! Mehrere Tage lang übten wir mit unserer kleinen Artillerie, denn mein Bruder hatte sich be­eilt, aus seiner Sparkasse ebenfalls eine solche Ka­none anzuschaffen, als uns einfiel, daß wir es eigent­lich mit einer größeren Kanone versuchen sollten. Größere Messingkanonen gab es freilich nicht, sie würden für unsere Vermögensverhältnisse wohl auch zu teuer gewesen sein, und so begnügten wir uns mit dem Kaufe einer ziemlich ansehnlichen Holz­kanone. Wenn wir daraus die Spiralfeder und den Schnepper entfernten, die zum Abschnellen der Kugel in Gestalt einer Erbse dienten, hinten das Loch im Rohr, durch welches der Schnepper ging, mit einem Stückchen Brett und Tischlerleim fest zu­klebten und oben ein Zündloch in das Rohr bohr­ten — warum sollte dies nicht auch gehen? Hatten wir doch auf den kleinen Reisen, die unser Vater mit uns unternahm — die Mutter war inzwischen in noch jugendlichem Alter gestorben — auf einer alten Burg eine hölzerne Kanone aus dem dreißig­jährigen Kriege gesehen. Allerdings war diese mit eisernen Ringen umgürtet gewesen, aber da wir der­gleichen nicht besaßen, glaubten wir, auch ohne sie auskommen zu können. Jedenfalls kam es auf einen Versuch an. Wir richteten die Holzkanone also dem­entsprechend her, stellten sie auf den Tisch unserer Jelänger-Jelieber-Laube und luden sie bedächtig mit einem ihrer Größe entsprechenden Quantum Pul­ver, versahen sie mit einigen größeren Schrotkugeln und füllten das Zündloch auf. In einer gewissen Ent­fernung von der Kanone stellten wir ein Brett auf, denn wir wollten doch wissen, ob die Kanone auch traf. Aber keiner von uns Brüdern getraute sich, die Lunte an das Zündloch zu legen. Deshalb umgaben wir den hinteren Teil der Kanone und das Zündloch mit einigen Papier­schnitzeln und zündeten dieselben an. Dann eilten wir um die schützende Ecke unseres massiven Gartenhauses und warteten dort auf den Erfolg unsres Unternehmens. Wir brauchten nicht lange zu warten. Ein furchtbarer Krach ertönte, der alle Leute in den Nachbargärten alarmierte, und be­gierig eilten wir in die Laube, um zu sehen, wie sich die Kanone bewährt habe. Zu unserem Erstaunen war dieselbe jedoch verschwunden und trotz eifrig­sten Suchens vermochten wir nicht das kleinste Splitterchen von ihr zu entdecken. Die Ladung mochte zu stark gewesen sein und das Holzrohr hatte dieselbe nicht aushalten können. So war die ganze Kanone in die Luft geflogen und so vollständig zersprengt worden, daß wir niemals wieder den kleinsten Teil von ihr zu Gesicht bekamen.

Kurz nach der Lehrertagung wurde am 11. und 12. Juni 1864 im Schützenhaus der 2. Deutsche Jour­nalistentag abgehalten. Vorsitzender des Lokalkomi­tees, das zur Vorbereitung des Journalistentages eingesetzt worden war, war Prof. Dr. Biedermann. Derselbe war 1848 von der Stadt Chemnitz ins Frankfurter Parlament gewählt worden, hatte, nach Einsetzen der Reaktion seine Professur an der Leip­ziger Universität verloren und war darauf nach Wei­mar gegangen, wo er die Zeitung „Deutschland“ redigierte. Vor einiger Zeit hatte Prof. Dr. Bieder­mann die Erlaubnis zur Rückkehr nach Leipzig er­halten und war hier gern wieder aufgenommen worden. Auf Betreiben der philosophischen Fakul­tät wurde er bald darauf auch erneut zur Professur zugelassen. Etwas später übertrug ihm die Verlags­firma F, A, Brockhaus die Redaktion der in ihrem Verlage erscheinenden „Allgemeinen Deutschen Zei­tung“. In seiner Eigenschaft als Tagesschriftsteller — er war ja auch Mitarbeiter an anderen Zeitungen — stand er nun an der Spitze des Lokalkomitees. Die Tagung war von 39 Teilnehmern besucht. Aus Leip­zig waren erschienen außer Prof. Dr. Biedermann Dr. Eduard Brockhaus, Otto Walster von der Leipziger Abendpost, F. Hüttner vom Leipziger Tage­blatt und Badewitz vom Telegraph. Von auswärtigen Besuchern seien nur F. Hofmann von dem damals viel gelesenen Dorfbarbier, Paul Lindau von der Düsseldorfer Zeitung und Sonnemann von der Frank­furter Zeitung angeführt. Den Vorsitz führte Becker von der Rheinischen Zeitung. Von der Tagungistnichts Bemerkens­wertes weiter zu berichten, als daß damals schon eine Altersge­nossenschaft für Journalisten und sogar deren Statuten in großen Umrissen beschlossen wurden. Die letzteren wurden zur endgültigen Feststellung und Ausführung dem für die nächst­jährige Tagung gewählten Vorort Berlin überwiesen. Aber erst jetzt nach mehr als 60 Jahren haben die deutschen Journalisten eine Altersver­sorgung zu erreichen vermocht.

 

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