13. Gute Geschäfte

Im Fahrstuhl überschlug ich kurz mal, was als nächstes zu tun war. Burgers überstürzter Abgang musste näher untersucht werden. Um die Rohstoffgeschäfte in bar mit den Osteuropäern musste sich jemand kümmern. Die Nordland Dingsbums GmbH musste ich mir mal näher vornehmen. Für den Farbabsatz musste etwas getan werden… — Langsam, Bodo, nicht alles auf einmal, immer hübsch der Reihe nach.

Im Büro wies ich Herzchen an, mir eine Verbindung mit dem Bürgermeisterschwager Feddersen zu machen. Dann nickte ich zu dem Computer neben meinem Schreibtisch hin und erkundigte mich: «Ist das der von Burger?»

«Der wurde aus seinem Büro heruntergebracht,» sagte sie und zwitscherte ab. Tick, tack, tick, tack machte ihr draller kleiner Hintern dabei. Ich riss mich zusammen und warf die Kiste an. Das Ding war passwortgesichert, aber solche albernen Vorkehrungen sind nur was für Kleinkinder. Für solche Fälle habe ich stets eine spezielle CD bei mir, mit der man ruck, zuck in jeden Rechner reinkommt. Wie ich mir gedacht hatte, die persönlichen Dateien waren gelöscht. Aber in einem Firmennetzwerk werden die Daten aller Rechner in regelmäßigen Abständen auf Band gesichert. Ich rief den Oberfex der Computerfritzen an und sagte ihm, er solle mir das letzte Backup von Burgers PC auf den Rechner zurückspielen. Er versprach prompte Ausführung.

Das Telefon klingelte sofort wieder, nachdem ich aufgelegt hatte. Herzchen kündigte mir Feddersen an.

Feddersen meldete sich mit rauer, barscher Stimme. Ich sagte ihm, wer ich war, und dass ich ihn wegen des Grundstücks sprechen müsse.

«Was ist mit dem Grundstück?»

Wozu sich mit Feinheiten und Verzierungen aufhalten, schließlich war der Kerl vom Bau. Ich sagte schonungslos: «Es gehört Ihnen nicht und wird Ihnen nie gehören. Es sei denn, wir einigen uns noch über ein paar Details. Das ist damit los.»

Schweigen in der Leitung, dann kam die lauernde Frage: «Was wollen Sie damit sagen?»

«Muss ich Ihnen das wirklich erklären?»

«Ich denke schon. Aber nicht am Telefon. Sagen wir, um zwei in meinem Golfklub.»

«Sagen wir um eins. Und Ihren Golfbeutel, oder wie das Dings heißt, werde ich Ihnen nicht von Loch zu Loch schleppen, damit das klar ist. Wir werden uns hübsch in Ihre Vereinskneipe setzen und ’ne Runde plaudern.»

«Das werden wir dann sehen,» sagte er und legte auf. Das ist das Gute an den Bauigeln, sie machen keine überflüssigen Worte, man kommt mit ihnen immer schnell zum Ziel. Und noch etwas stimmte mich in diesem Zusammenhang zuversichtlich. Es war diese All-inclusive-Überweisung. Deswegen mussten sie sich bei der Nordland Dingsbums GmbH eigentlich in den Hintern beißen. Dämlichkeit war offensichtlich nicht nur auf Maddox-Color beschränkt, sondern hier oben an der Küste geradezu epidemisch. Dafür würde ich sie extra bezahlen lassen.

Dann rief ich Herzchen herein und erkundigte mich, ob sie in Burgers letzten Tagen irgendwelche Telefongespräche zu Reisebüros oder Ähnlichem vermittelt hatte. Sie hatte nicht. In diesem Punkt trat ich also etwas auf der Stelle.

Ich ging schnell bei Schäffer vorbei und wies ihn an, für die nächsten Tage eine große Vertreterkonferenz mit anschließender Schulung anzuberaumen und mir stante pede eine aufschlussreiche Aufstellung der Vertriebszahlen zukommen zu lassen. Danach schaute ich noch kurz zu Prager rein und informierte ihn, dass er einmal ein Auge auf die Rohstoffgeschäfte mit Osteuropa heben sollte. Und dann war es auch schon Mittag und Zeit für mein gemeinsames Essen mit Frost.

In der Kantine saßen wir uns bei Königsberger Klopsen gegenüber. Ich sagte: «Hier in der Firma laufen eine ganze Menge unkontrollierte Bartransaktionen.»

Lustlos stocherte er in seinem Essen herum und fragte: «Wie meinen Sie das?»

«Anscheinend kriegen wir eine ganze Menge Rohstofflieferungen aus Osteuropa.»

«Ja, die liefern gute Qualität zu günstigen Preisen.»

«Das erklärt aber noch nicht, warum die alle bar bezahlt werden müssen.»

«Wunsch der Lieferanten. Bei Überweisungen in diese Länder gibt es immer wieder lange Verzögerungen. Das wollen sie vermeiden.»

«Ist das der einzige Grund?»

«Was sollte es sonst noch für Gründe geben?» fragte er hölzern.

Ich half seiner Phantasie etwas auf die Sprünge: «Steuerhinterziehung zum Beispiel, oder Unterderhandgeschäfte zwischen LKW-Fahrern und Warenannahme, oder Geldwäsche, oder noch circa ein halbes Dutzend anderer Gründe.»

«Gelieferte Ware muss bezahlt werden. Ob per Überweisung, bar oder sonstwie, ist doch egal. Außerdem haben wir ja strikte interne Kontrollen.»

«Wie die funktionieren, haben wir ja gesehen, als kurz mal die Achthunderttausend aus der Firmenkasse abgezweigt wurden.»

Er sah mich an. «Ich werde den Menges feuern.» Das war schon eine ganze Menge für seine Verhältnisse.

Ich sagte: «Das werden Sie nicht tun.»

«Warum denn nicht?» fragte er ärgerlich.

«Weil Menges schon dabei ist, den Schaden wiedergutzumachen — was man beileibe nicht von allen hier in der Firma behaupten kann.»

«Also, ich verstehe gar nichts mehr. Was wollen Sie eigentlich.» Der alte Knabe wurde ungehalten.

«Ich denke doch, das hatte ich klar und deutlich zum Ausdruck gebracht — den Laden hier wieder aus dem Schlamassel führen.»

«Auch mit belasteten Leuten wie Menges?»

«Gerade mit belasteten Leuten wie Menges. Was meinen Sie, wie der sich jetzt anstrengt.»

«Und wen wollen Sie dann überhaupt noch entlassen? Oder wollen Sie gar niemand mehr entlassen?»

«O doch, jede Menge sogar. Alle, die Ballast sind.»

«Und wer ist Ballast?»

«Jeder, der nichts zum Erfolg dieser Firma beiträgt.»

«Und was erwarten Sie von mir?»

«Das, was ich gestern schon gesagt hatte. Ihr Job ist es im Augenblick vordringlich, zusammen mit Korf die Verbindlichkeiten zu drücken, besonders die Kosten dafür. Und dann stellen Sie endlich mal ein Controlling auf die Beine, das diesen Namen auch verdient. Man muss ja in diesem Laden auf das Schlimmste gefasst sein.» Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch gar nicht, wie Recht ich damit hatte.

Frost legte das Besteck auf den Teller, von dem er nicht einmal die Hälfte gegessen hatte.

«Schmeckt’s Ihnen nicht?»

«Hier hat’s mir noch nie geschmeckt,» antwortete er säuerlich, mit den Gedanken aber schon ganz woanders.

«Was meinen Sie, wenn man die Kantine dichtmachte, wieviel würde das bringen?»

«Darüber habe ich noch nicht nachgedacht.»

«Sollten Sie aber.»

«Die Kantine gehört nicht zu meinem Geschäftsbereich.»

«Die Kantine liefert Schweinefraß und verursacht einen Haufen Unkosten, damit fällt sie in zweifacher Hinsicht in Ihren Geschäftsbereich,» versetzte ich unnachgiebig. Das Schließungsprojekt war eindeutig unter seiner Würde. Aber ich dachte mir, so eine kleine überschaubare Aufgabe wäre gar nicht so schlecht für ihn, um seinen ungeübten Sparwillen mal ein wenig zu erproben.

Er holte sein Pillendöschen hervor und pickte sich eine Pille heraus.

«Sodbrennen?» fragte ich.

«Und wie,» nickte er und schluckte das Ding runter und spülte mit Mineralwasser nach.

Ich grinste. «Dagegen helfen nur besseres Essen und — bessere Zahlen.»

«Die Welt besteht nicht nur aus Zahlen,» informierte er mich.

Ich konterte: «Die Welt besteht aus allen möglichen Dingen. Aber die Zahlen sind nun mal die Grundlage von allem.»

«Sie haben gut reden, Sie sind in ein paar Wochen oder Monaten wieder weg, wenn die Zahlen wieder auf Schwarz getrimmt sind. Aber das wird Opfer kosten, viele Opfer. Und was ist mit denen?»

«Was soll mit ihnen sein? Wenn man mich meinen Job hier ordentlich machen lässt, wird der Land hier gesünder und profitabler dastehen als je zuvor. Und alle werden glücklich und zufrieden sein — zumindest die, die sich nicht gegen das Wohl der Firma versündigt haben.»

«Sie wollen nur Leute entlassen, die sich etwas gegen die Firma zuschulden kommen lassen haben?»

«Das Gesetz lässt mir gar keine andere Wahl. Schnelle Kündigungen ohne Abfindung und den ganzen Sozialklimbim sind nur in derartigen Fällen möglich und wirksam, wie Sie sicher selber wissen.»

«Vielleicht gibt es das eine oder andere schwarze Schaf in der Belegschaft, aber auf die Art werden Sie nicht dreihundert Entlassungen zusammenkriegen.»

«Warten Sie’s ab,» sagte ich sorglos. Der Mensch ist schuldig von Natur aus. Das kann man ausnutzen, wenn man ein scharfes Auge hat. Und Prager hatte ein verdammt scharfes Auge für die großen und die kleinen Sünden der Mühseligen und Beladenen. Und Kretschmer machte auch nicht gerade den Eindruck, als ob er sich auf sein Geschäft nicht verstünde. Und mahnend fügte ich noch hinzu: «Aber wir müssen natürlich nicht nur an die Lohnkosten ran, sondern auch an die strukturellen Kosten. Und darüber möchte ich von Ihnen in den nächsten Tagen mal was Genaueres hören. Also, machen Sie hübsch Ihre Hausaufgaben zusammen mit Korf für die Bank. Sorgen Sie dafür, dass das Catering outgesourct wird. Und wenn Sie darüber hinaus noch den einen oder anderen genialen Gedanken zur Kostensenkung hätten, wäre ich Ihnen wirklich dankbar.»

Frost nahm noch ’ne Pille. Ich erkundigte mich noch bei ihm, wie viele Golfplätze es in der Gegend gäbe. Und er sagte, er wisse nur von einem. Nachdem ich ihm noch eine Wegbeschreibung abgerungen hatte, überließ ich ihn seinem Magengeschwür oder was auch immer an ihm nagte und machte mich auf die Socken zu Feddersen.

Mit Golf kenne ich mich nicht so aus, aber ich werde mir nie ausreden lassen, dass es höchstens eine Bewegungsform für gichtige alte Knacker ist. Bevor ich den Golfplatz von Borstelkamp zu Gesicht bekam, hatte ich immer gedacht, die Grüns müssten unbedingt eingebettet in liebliche Hügellandschaften sein. Aber Borstelkamp zeigte, dass es auch anders ging Die Anlage war so platt die Witze von Benno, dem Wirt von der Eckkneipe bei mir zu Hause. Ein paar alte Bäume spendeten Schatten, wenn die Sonne schien, das war alles an landschaftlicher Abwechslung. Irgendwie hatte man den Eindruck einer zweckentfremdeten Kuhweide. Das Clubhaus war eine ziemlich primitive Holzbudike. Ich fragte mich bei der Bedienung nach Feddersen durch, er saß am Fenster vor einem Bierchen und wartete schon. Ein kleiner drahtiger Energiebolzen, graumeliert — nicht gerade der Prototyp eines Baulöwen. Ich setzte mich zu ihm und kam gleich zur Sache: « Diese Achthunderttausend über den offiziellen Kaufpreis hinaus, die Sie unvorsichtigerweise gleich mit überwiesen haben, wofür waren die gedacht? Als Provision? Oder wollten Sie das Finanzamt bescheißen?»

Er blickte mich lange an. Anscheinend behagte ihm das Tempo nicht, das ich vorlegte. Aber schließlich waren wir beide viel beschäftigte Männer und hatten kaum freie Kapazitäten für Händchenhalten und ähnlich sittsame Geziertheiten. Er sagte: «Ihre Firma hat mehr Geld erhalten, als ihr vertraglich zustand. Was stört Sie daran?»

«Mich stört daran, dass es ein Umgehungsgeschäft war und dass der Überschussbetrag gar nicht bei der Firma gelandet ist, sondern in Burgers Tasche und dass wir dadurch jetzt auch noch jede Menge Bilanzierungsprobleme haben.»

Er zuckte die Achseln. «Das ist Ihr Problem, sollte man meinen.»

«Nicht ganz. Der Vertrag ist deshalb nämlich unwirksam. Schon von daher ist es auch Ihr Problem. Kommt noch dazu, dass Sie entweder das Finanzamt bescheißen oder Burger eine Provision zukommen lassen wollten, die er gar nicht annehmen durfte, was man als Bestechung auslegen könnte. Das heißt, Sie stehen mit einem Bein schon im Knast.»

«Ihr Burger aber auch.»

«Burger ist nicht mehr unser Burger. Das ist ja gerade Ihr Pech. Wenn ihm nicht seine katastrophale Geschäftsführung zum Verhängnis geworden wäre, säße ich nicht hier, und Sie beide könnten sich womöglich noch köstlich amüsieren — wenigstens für eine gewisse Weile. Ihr zweites Pech war Ihre dämliche Buchhaltung, die alles auf einmal überwiesen und damit das Ganze erst offiziell gemacht hat. Wenn ich Sie wäre, würde ich da mal ein paar einschneidende personelle Veränderungen vornehmen.»

«Um mich in Personalfragen zu beraten, sind Sie wohl nicht hierher gekommen.»

«Ganz bestimmt nicht.»

«Also, warum dann?»

«Raten Sie mal.»

«Tut mir leid, im Rätselraten war ich noch nie gut.»

«Es ist gar kein Rätsel. Es liegt auf der flachen Hand.»

«Sie wollen aus dem Vertrag aussteigen?»

«Aus einem unwirksamen Vertrag muss man gar nicht aussteigen, weil der praktisch gar nicht existiert. Sie werden das Grundstück nie kriegen, jedenfalls nicht zu diesen Bedingungen.»

Er seufzte. «Dann kriege ich von Ihnen das Geld wieder zurück — fünf Komma zwei Millionen.»

Das Geld war schon längst in Frankfurt und würde von dort nie mehr zurückkommen, selbst wenn ich sie auf Knien angefleht hätte. Aber das machte mir keine Sorgen. Er pokerte, ich pokerte. Und mein Blatt war eindeutig das bessere. Wiehernd sagte ich: «Wenn Sie überhaupt was kriegen, dann höchstens den offiziellen Kaufpreis — vier Komma vier. Und keinen Cent drüber.»

«Das wollen wir doch mal sehen,» knurrte er drohend.

«Verklagen Sie uns,» forderte ich ihn fröhlich auf.

Nachdenklich nippte er an seinem Bier und erkundigte sich: «Ist das alles, was Sie mir zu sagen haben?»

Es war Zeit für ein wenig Phantasie. Ich erklärte: «Vielleicht interessiert es Sie noch, dass nicht nur das Grundstück futsch ist für Sie, sondern sehr wahrscheinlich auch Ihre famose Idee mit dem Super-Mega-Giga-Spaß-Erlebnis-Einkaufsbums.»

«Wie das?»

«Wir haben für die Fläche inzwischen einen ernsthaften Interessenten aus England an der Hand, der darauf ganz was Ähnliches aufziehen will mit dem Unterschied, dass er uns ohne Wenn und Aber den Marktwert dafür zahlt. Wir haben es schätzen lassen, es sind sechs Millionen.»

Er lachte laut heraus. «Sie machen Witze.»

«Lassen Sie’s drauf ankommen,» erwiderte ich todernst. «Die Engländer sind ganz heiß darauf, so schnell wie möglich anzufangen. Und ich weiß nicht, wie viele Supercenter dieser Art die Gegend hier oben verträgt.»

«Das müssten sie erst mal genehmigt kriegen,» sagte er gelassen.

Ah ja, er war der Schwager des Bürgermeisters, hatte ich fast vergessen. Das warf mich allerdings nicht aus der Bahn. Ich unterrichtete ihn: «Die Burschen haben vielleicht noch bessere Verbindungen als Sie. Man sagt, sie hätten einen ziemlich guten Draht zur Landesregierung, und die Achse London-Hannover funktioniert ja immer noch ganz fabelhaft, wie man hört.»

Aus dem Fenster blickend verkündete er: «Tja, war sehr aufschlussreich, mit Ihnen zu plaudern. Aber ich muss jetzt. Meine Runde beginnt gleich.»

Entweder konnte er sehr gut pokern, oder er war ein bisschen schwach im Kopf.

Ich sagte: «Nur zu, lassen Sie sich nicht aufhalten. Ich hoffe nur, Sie spielen mit Ihrem Rechtsanwalt.»

Er sah mich an. «Wie meinen Sie das?»

«Nun, dann könnten Sie sich, während Sie das kleine Bällchen durch die Gegend prügeln, praktischerweise schon mal ins Bild setzen lassen, was in nächster Zeit auf Sie zukommen wird. Auch in strafrechtlicher Hinsicht.»

Seine Brauen gingen fragend hoch.

«Steuerhinterziehung und Bestechung sind nun mal keine Kavaliersdelikte — nicht mehr. So was kann einen heutzutage direkt in den Knast bringen.»

«Drohen Sie mir?»

«Nicht doch. Ich informiere Sie nur. Beim gegenwärtigen Stand der Dinge — ich muss sagen, es ist ein sehr unbefriedigender Stand –, bin ich als der verantwortliche Mann im Interesse der Firma gezwungen, sämtliche rechtlichen Schritte zu erwägen.»

Er stand auf. «Sie werden von meinen Anwälten hören.»

Ich wusste genau, wie das gemeint war. Er wollte mich einschüchtern. Aber so was klappt nicht bei Bodo Lünch. Diese Mühe kann man sich sparen, es gibt nichts Vergeblicheres. Unbeeindruckt versicherte ich ihm: «Mit denen würde ich mich wirklich gerne mal unterhalten.»

«Sie finden alleine hinaus?» fragte er kalt.

«Ich habe ja auch alleine herein gefunden,» teilte ich ihm mit.

Er zog ab, und durchs Fenster sah ich ihn noch seine Golftasche über den Rasen zum ersten Grün schleppen. Ich war nicht unzufrieden mit dem Erreichten. Bei Typen wie ihm darf man nicht mit schnellen Resultaten rechnen. Die glauben, immer erst mal den harten Mann spielen zu müssen, wenn man sie unter Stress setzt. Innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden würde ich eine Reaktion von ihm haben — irgendeine. Ich fuhr zurück ins Werk.

Die Computerfexe hatten mir inzwischen das Backup der Burger-Dateien überspielt. Es war zwar nicht ganz aktuell, Burgers beide letzte Tage in der Firma waren nicht mehr drauf, aber beim Rumstöbern in den Emails fand ich ein paar interessante Anfragen über Reiseinformationen. Es ging um Südostasien, die Karibik und Hawaii. Tja, wenn man so viel Mist gemacht hatte wie er, dann musste man schon mal gründlich ausspannen. Die Antworten waren nicht erhalten, wahrscheinlich hatte er sie sofort gelöscht. Ich schaute mir im Verlauf des Browsers alle Adressen an, die irgend etwas mit Reisen zu tun hatten. Die letzte, die er aufgerufen hatte, gehörte zu einem Reiseveranstalter, der auf die Vereinigten Staaten spezialisiert war. Im Online-Buchungsformular gab ich ein paar persönliche Daten von Burger ein, der Browser vervollständigte die Eingaben automatisch. Das bedeutete, das Formular war von Burger ausgefüllt worden. Hm, Hawaii also. Im Cacheordner — tut mir leid, ich muss Sie etwas mit Computertechnik langweilen, aber nur so kommt man heutzutage weiter –, fand sich auch noch die Bestätigung des Veranstalters: ‚Sie haben gebucht Hawaii Special Trip all inclusive, 4 Personen, 14 Tage, Unterbringung Waikiki Beach Residence Hotel Honolulu, Flug Frankfurt-Atlanta-Honolulu First Class, Preis 19.897.- Euro.‘ Up, up and away. Und nicht gerade mit einem Last-Minute-Schnäppchen. Der Rückflug war auch gebucht, aber das war höchstwahrscheinlich eine Finte. Immerhin, jetzt wusste ich, wo ich ihn in der nächsten Zeit finden konnte. Was ich damit anfangen würde, war mir noch nicht ganz klar, aber irgendeinen Gebrauch würde ich davon schon machen.

Entspannt lehnte ich mich zurück und gönnte mir eine Havanna. Aus irgendeinem Grund fielen mir die Barzahlungen für die Rohstofflieferungen aus dem Ostblock, äh, Osteuropa wieder ein. Ich griff zum Telefon und fragte bei Ohlsen, ob in der nächsten Zeit wieder Lieferungen anstünden. Er erklärte mir, dass praktisch jede Woche eine reinkäme.

«Wann genau das nächste Mal?»

«Das müsste ein Lastzug von der Petrochemie in Charkow sein, nächsten Freitag.»

«Ich will dabei sein, wenn er abgefertigt wird. Sagen Sie mir Bescheid.»

«Wie sie wünschen. Aber da wird nichts Aufregendes passieren.»

«Seien Sie da nicht so sicher,» riet ich ihm und legte auf. Mir kam eine verrückte Idee, und ich rief ihn gleich noch mal an und sagte: «Noch was: Fahren die Laster wieder leer zurück?»

«Ich glaub schon, ja.»

«Dann könnten wir ihnen doch unser Abwasser mitgeben, und sie könnten es bei einer billigen Entsorgungsfirma hinten in Polen, der Tschechei oder sonstwo ablassen.»

Ohlsen lachte weltmännisch. «Wissen Sie, wieviel in so einen Tanklaster reingeht und wieviel Abwasser bei uns anfällt?»

«Nein, wissen Sie’s denn?»

«Nicht gerade aufs Komma genau. Aber in einen Sattelauflieger gehen zwanzigtausend Liter, das ist nur ein Bruchteil von dem, was bei uns an Abwasser anfällt.»

«Ich sage ja nicht, dass er alle Toilettenabwässer mitnehmen soll. Mir geht’s nur um den Dreck aus der Farbenproduktion, der uns hinten am Vorfluter zu schaffen macht.»

«Okay, aber das ist immer noch mehr als die Hälfte. Und wie sollte man ihn rausfiltern?»

«Indem man es gar nicht erst mit der anderen Brühe zusammenlaufen lässt, sondern gleich da abfängt, wo es entsteht.»

«Und wo sollen wir es zwischenlagern?»

«Wir sind doch bei unserem kleinen Spaziergang durch die Kläranlage hinter den Produktionshallen über rostige Gleise gestolpert. Das heißt doch, dass wir einen Gleisanschluss haben, oder?»

«Ja, aber einen, der schon lange stillgelegt ist.»

«Was man stilllegt, kann man auch wieder reaktivieren. Falls das ohne große Kosten geht, werden wir ein paar Kesselwagen anfordern und von der Produktion eine Schlauchleitung hinlegen und die Brühe dort zwischenlagern, bis wieder ein Tanklaster kommt. Und wenn die Laster nicht ausreichen, werden wir eben einen ganzen Güterzug abfüllen und nach Osten schicken. Das ist immer noch viel billiger als zwanzig Millionen für eine neue Kläranlage. Überprüfen Sie das mal, und sehen sich nach einem günstigen Entsorger um.»

Der Gedanke schmeckte ihm nicht, wahrscheinlich weil er neu war und von mir kam, aber er versprach, ihm nachzugehen.

Paffend lehnte ich mich zurück und war ganz zufrieden mit mir. Herzchen schaute herein und fragte, ob ich irgendwelche Wünsche hätte. Hatte ich schon, aber sie waren von der Art, dass ich sie ihr nicht gut anvertrauen konnte — noch nicht wenigstens. Statt dessen stellte ich ihr die unverfängliche Frage, ob sie wisse, wo Burger denn immer so seine sauer verdienten Urlaube verbracht hatte. Sie zählte Verschiedenes auf, was gut oder zumindest teuer war. Hawaii war aber nicht dabei. Hmhm. Es hatte schnell gehen müssen diesmal, vielleicht war es das einzige Ziel gewesen, das sofort zu haben war. Und es war weit weg, sehr weit weg.

Das Telefon klingelte. Ich entließ Herzchen und hob ab. Eine unangenehme Stimme fragte: «Spreche ich mit Lünch?»

«Wer will das wissen?»

«Vollrads von der Kanzlei Vollrads und Schröder. Sie hatten heute eine Unterredung mit unserem Mandanten Feddersen.»

«Ja, und?»

«Unser Mandant hat uns beauftragt, Verwahrung einzulegen gegen Ihre Unterstellungen und die erpresserischen Versuche, das ordnungsgemäß zustande gekommene Grundstücksgeschäft rückgängig zu machen.»

Das war die gute alte Hausmannskost von Paragrafenverbiegern, die meinen, mit ein paar anmaßenden Bemerkungen und Tatsachenverdrehungen biedere Zeitgenossen so einschüchtern zu können, dass sie auf ihr gutes Recht mehr oder weniger freiwillig verzichten. Aber ich war keiner von diesen rechtschaffenen Zeitgenossen, die man so schnell ins Boxhorn jagen kann. Ich sagte absichtlich laut und grollend: «Ich muss Sie warnen, Ihr feiner Mandant hat sich in mehrfacher Hinsicht strafbar gemacht. Das ist bei uns aktenkundig. Und wie es mit der Rechtswirksamkeit von Umgehungsgeschäften aussieht, muss ich Ihnen ja wohl nicht erklären.»

«Das sind unwahre Behauptungen, die Sie gefälligst unterlassen werden. Sonst sind wir leider gezwungen, Sie auf Unterlassung zu verklagen und wegen Beleidigung und Verleumdung zu belangen.»

«Sie wollen zu Feddersen ins lecke Boot steigen?» fragte ich tückisch.

«Wie meinen Sie das?»

«Feddersen ist dran wegen Steuerhinterziehung und Bestechung. Das wissen Sie ganz genau. Und deshalb machen Sie sich gerade selber strafbar wegen Strafvereitelung und möglicherweise sogar Beihilfe, nur um das Naheliegendste zu erwähnen.»

Da war ein leichtes Zögern, bevor seine Antwort kam, das mir zeigte, dass er damit nicht gerechnet hatte. Aber er blieb frech wie Oskar und sagte: «Dem sehe ich mit Gelassenheit entgegen. Wir werden uns also vor Gericht sehen.»

«Unsere Rechtsabteilung arbeitet gerade die Strafanzeigen gegen Ihren Mandanten aus, wir werden dabei auf einen Haftbefehl wegen Verdunklungsgefahr hinwirken. Sie können Ihrem Mandanten bestellen, dass er es Ihrem Verhandlungsgeschick zu verdanken hat, wenn er heute Nacht schon im Knast schlafen darf.»

«Machen Sie sich nicht lächerlich!» blaffte Vollrads.

«Und vielleicht leisten Sie ihm dann ja Gesellschaft,» sagte ich unbeeindruckt. «Denn gegen Sie persönlich werden wir natürlich auch vorgehen.»

«Unerhört!» schnauzte Vollrads und legte auf.

Seine lausigen Rechtsverdrehertricks mochten vielleicht für Eierdiebe hier vom Lande ausreichen. Aber bei mir lief er damit gegen einen heißen Ofen, einen sehr heißen Ofen. Ich bestellte Korf zu mir und teilte ihm mit, dass ich Haftbefehle haben wollte, Ihm fielen fast die Augen aus dem Kopf. Aber als ich ihn in die Details eingeweiht hatte, war auch für ihn die Sache klar. Er sagte: «Den Feddersen kriegen wir dran. Wahrscheinlich sogar mit Untersuchungshaft. Aber den Vollrads… der wird sich rausreden können, der Feddersen hätte ihm nicht alles gesagt und nur als Boten geschickt sozusagen.»

«Vielleicht kommt er damit ja wirklich durch. Aber ich will, dass Sie diesem Hurensohn alle erdenklichen Schwierigkeiten bereiten. Wir von Maddox-Color haben einen Ruf zu verlieren, niemand fährt Schlitten mit uns, schon gar nicht ein mieser kleiner Provinzanwalt.» Letzteres war natürlich ein bisschen übertrieben, es ging hier nicht um den Ruf von Maddox-Color, sondern um meinen eigenen als Bodo der Schreckliche. Aber was tut man nicht alles, um das Wirgefühl zu stärken.

«So mies und klein ist Vollrads und Schröder gar nicht,» wandte Korf ein.

«Und wie mies und klein die sind,» beharrte ich. «Zeigen Sie’s Ihnen, machen Sie ihnen ein Einlauf.»

Korf enteilte, um das Nötige zu veranlassen. Aber vor Gericht und auf hoher See… na ja, Sie wissen schon. Deshalb überlegte ich mir zur Sicherheit lieber noch eine Doppelstrategie. Der Bürgermeister musste ran.

Herzchen brachte sofort eine Verbindung mit ihm zustande.

Zunächst einmal gab es den üblichen Smalltalk und die Beteuerung von Wünschen auf gute Zusammenarbeit und so weiter. Er machte so weit einen ganz vernünftigen Eindruck. Kein Wunder bei der Gewerbesteuer, die er von uns kriegte und den Verdienstmöglichkeiten, die wir den Söhnen und Töchtern seiner Stadt boten. Dann brachte ich das Gespräch auf seinen Schwager.

«Feddersen? Was ist mit ihm?»

«Er war in ein ziemlich unsauberes Immobiliengeschäft mit dem abgelösten Chef von Maddox-Color verwickelt. Wir sind bei den Aufräumungsarbeiten darauf gestoßen. Es geht um Steuerhinterziehung, Bestechung und solche Sachen — alles hieb- und stichfest belegt. Insgesamt ist der Firma dadurch ein Schaden in Millionenhöhe entstanden. Ich habe zwar versucht, mit ihm vernünftig zu reden. Aber er wird juristisch anscheinend nicht sehr gut beraten und hat keine Bereitschaft erkennen lassen, den angerichteten Schaden wiedergutzumachen. Deshalb ist unsere Rechtsabteilung gerade dabei, die entsprechenden Strafanzeigen gegen ihn vorzubereiten. Ich dachte mir, das könnte Sie interessieren.»

Und wie ihn das interessierte. Es verschlug ihm geradezu die Sprache. Sein Schwager vor dem Kadi oder sogar im Knast? Das war nicht gut für die Wahlen, das war nicht gut für Volkes Meinung, das war für überhaupt nichts gut, wenn man im öffentlichen Leben stand. Mit belegter Stimme erkundigte er sich: «Sagten Sie nicht, dass der ehemalige Chef, der Herr, äh, Burger, auch in dieses Geschäft verwickelt war?»

Das war der schwache Versuch eines Ablenkungsmanövers. Ich sagte: «So ist es. Und um ihn kümmern wir uns schon separat.» Sein Problem wurde dadurch nicht kleiner. Das erkannte er auch und fragte: «Was kann ich in dieser Angelegenheit für Sie tun?»

«Was Sie tun, oder ob Sie überhaupt etwas tun, liegt natürlich ganz bei Ihnen. Ich dachte mir bloß, es wäre nur fair, wenn ich Sie über diesen Vorgang informiere, bevor es in der Zeitung steht.»

«Sie wollen damit an die Presse gehen?» fragte er knapp.

«Wo denken Sie hin? Ich habe hier weiß Gott Wichtigeres zu tun, als die Presse mit irgendwelchen Histörchen zu spicken. Aber ein Strafverfahren landet im Polizeibericht, und der geht bekanntlich automatisch an die Presse.»

«Hm.» Mehr kam nicht von ihm. Der Ball war in seiner Spielfeldhälfte. Ich wartete. Schließlich sagte er: «Kann ich Sie später noch mal anrufen?»

«Jederzeit,» beschied ich ihn großzügig, blies blaue Kringel in die Luft und stellte mir vor, wie jetzt die Drähte glühten zwischen dem Rathaus und einer gewissen Baufirma.

Menges tauchte an der offenen Tür auf und klopfte schüchtern an den Rahmen.

«Kommen Sie rein. — Was gibt’s?

Er hatte einen Stoß Papiere dabei. «Was sollen wir eigentlich mit den Chefpositionen machen?»

«Was ist das, Chefpositionen?»

«Die Werte, mit denen das Inventar des Chefs in den Büchern steht. Büroeinrichtung, Dientwagen und so weiter.»

«Mit wieviel steht das denn in den Büchern?»

«Die Büroeinrichtung mit zweihunderttausend, der Wagen mit hundertviertausend und dann noch einige kleinere Positionen für Telekommunikation, Computer und so weiter.»

Ich fiel fast vom Stuhl. «Sagen Sie das noch mal.»

Er wiederholte sein Sprüchlein getreulich.

«Was zum Henker ist an diesem Büro zweihundert Mille wert?»

Er räusperte sich. «Das sind im Wesentlichen die Kunstgegenstände.»

«Und der Wagen, was ist das für ein Hobel?»

«Ein VW Phaeton, sechs Monate alt.»

Ein VW für über hundert Mille? Einen Phaeton? Gab es was Dämlicheres? Und eine sicherere Methode Geld zu vernichten? Hätte er nicht gleich einen diamantbesetzten Smart mit goldenen Rädern anschaffen können?

Geladen fragte ich: «Wo steht die Karre?»

«Wir haben in hinten in der Werkstatt untergestellt.»

«Und hier ist niemandem die Idee gekommen, so eine Gurke wenigstens nur zu leasen und nicht bar zu zahlen?»

«Bisher sind wir mit den Dienstwagen für die Geschäftsleitung immer so verfahren.»

«Verscheuern Sie die Mühle — sofort. Bevor es sich bis zum letzten Trottel rumgesprochen hat, dass dieser Schlitten ein gottverdammter Ladenhüter ist.» Es würde die Firma einen Haufen Geld kosten. Aber lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken… — na ja, Sie wissen schon.

«Sollen wie ihn nicht behalten für den nächsten Chef?»

«Ob es hier einen nächsten Chef geben wird, ist noch sehr die Frage. Und auf gar keinen Fall, wird der noch auf Kosten der Firma für teures Geld durch die Gegend gondeln.»

«Die Dienstwagen werden also abgeschafft?»

«Wer hat denn noch alles einen?»

«Alle in der Geschäftsführung und zwei Hauptabteilungsleiter.»

«Sie auch?»

Er lächelte bescheiden. «Ich bin leider nicht als Hauptabteilungsleiter eingruppiert.»

«Und alle natürlich gekauft und nicht geleast, nehme ich an,» sagte ich boshaft.

Er nickte.

«Weg damit,» sagte ich rauh. «Mit allen.»

«Die sind allerdings arbeitsvertaglich zugesichert, glaube ich.»

«Dann werden die Arbeitsverträge eben in diesem Punkt geändert — mindestens in diesem Punkt.»

«Soll ich die Wagen direkt annoncieren oder über den Autohandel verkaufen?» erkundigte er sich.

«Nein, darum werde ich mich kümmern. Sie gehen bloß gleich mal zu den Herren Dienstwagenbesitzern, bestellen ihnen einen schönen Gruß von mir und sammeln die Autoschlüssel und Papiere ein und bringen sie her. Und wegen des Krempels aus Burgers Büro nehmen Sie mal Kontakt auf mit jemandem, der etwas davon versteht, und lassen Sie ihn das erledigen. Aber passen Sie auf, dass wir dabei nicht beschissen werden, ich will keine Sonderabschreibungen in der Bilanz haben. Neue Löcher können wir uns wirklich nicht leisten.»

Mit seinem Besorgter-Alter-Affe-Gesicht schob er ab, um sich seiner unangenehmen Pflichten zu entledigen. Ich griff zum Telefon und rief die ICT – International Car Trading Company in Frankfurt an. Das ist eine Firma, mit der ich gerne zusammenarbeite, wenn es darum geht, unfähigen Managern ihre firmengesponserten Spielzeuge wegzunehmen und sie zu versilbern. Die ICT verhökert Luxusschlitten in die Ölländer des Mittleren Ostens. Und da die Mühlen, die ich ihnen anzubieten habe, in der Regel immer die neuesten Modelle mit allem Pipapo sind, bin ich bei ihnen immer ein gern gesehener Kunde. Denn das ist genau das, was die Kameltreiber haben wollen und wofür sie auch die saftigsten Preise akzeptieren.

Ich kriegte sofort Eddy Storch, den Inhaber persönlich, an die Strippe.

«Hallo, Bodo, wo treibst du dich denn so rum?»

«Im Moment bei den Fischköppen. — Ich hätte mal wieder ’ne Lieferung für dich, so an die sieben Teile, kannst schon mal einen Transporter losschicken.»

«Mach ich. Um was für Stücke handelt es sich?»

«Ich hab noch nicht alle Details. Bisher weiß ich bloß von einem Phaeton.»

Wie ich befürchtet hatte, die Karre löste keine Begeisterungsstürme aus, noch nicht mal bei den Wüstensöhnen. Eddy meinte: «Hoffentlich bleibt’s bei nur einem. Diese Hobel kriegt man nur mit riesigen Abschlägen vom Hof.»

«Du schaffst das schon, Eddy,» munterte ich ihn auf.

«Wieviel soll die Mühle denn bringen?»

«Ist praktisch fabrikneu. In den Büchern steht er noch mit hundertviertausend.»

Eddy wieherte. «Das kannste vergessen.»

«Wieviel bietest du?»

«Siebzigtausend — allerhöchstens. Dann darf aber auch wirklich nicht der kleinste Kratzer dran sein. Und auch nur wenn im Rest der Lieferung mindestens zwei Daimler mit drin sind und am besten noch irgendwas Geländegängiges. Und vor allem: kein Porsche.»

«Jetzt übertreib mal nicht.»

«Meine Kunden da unten sind sehr konservativ und traditionsbewusst, für größenwahnsinnige Fürze von Massenherstellern haben die überhaupt keine Ader.»

«Wann kann dein Transporter hier sein?»

«Wo ist hier?»

Ich sagte es ihm. Und er erklärte: «In acht Stunden von jetzt an.»

«Bis morgen Vormittag reicht es auch noch,» sagte ich großzügig.

Damit war auch das erledigt. Bilanztechnisch brachten solche Verkäufe zwar nichts, es wurde nur Anlagevermögen in Barvermögen umgewandelt. Aber so wurden unproduktiv eingesetzte Mittel für profitablere Zwecke freigemacht. Ganz abgesehen von den Provisionen von Eddy, die nebenbei noch auf mein Konto wanderten.

Herzchen kündigte mir Schäffer an. Er traute sich doch glatt in die Höhle des Löwen, um mir die angeforderten Vertriebszahlen persönlich zu überbringen.

Mit einem Grinsen legte er sie vor mich auf den Tisch. «Wie bestellt.»

Unlustig blickte ich darauf nieder. «Nicht ganz. Ich glaube, ich sagte etwas von stante pede. Das ist Lateinisch und bedeutet sofort oder unverzüglich. Dauert sofort bei Ihnen immer einen halben Arbeitstag?»

Sein dämliches Gegriene verflüchtigte sich. «Nun, ich hatte ja auch noch eine ganze Menge zu tun, um die Vertreter zusammenzutrommeln. Sie werden sich übrigens schon morgen hier einfinden. Ist das schnell genug?»

Hörte ich da eine gewisse Ironie in seinen Worten? Ich starrte ihn an. «Sagen wir mal so, es ist die niedrigste gerade noch akzeptable Durchschnittsgeschwindigkeit.»

Er druckste herum. Ich fragte: «Ist noch was?»

«Stimmt es, dass die Dienstwagen zurückgegeben werden müssen?»

Aha. Daher wehte der Wind. Deshalb hatte er den Weg hierher überhaupt auf sich genommen. Ich erwiderte kalt: «Ich hoffe doch sehr, dass sie es schon längst sind.»

«Und womit sollen wir fahren?»

«Womit alle anderen Leute auch fahren, mit dem eigenen Wagen oder mit dem Fahrrad. Sie können sich aber auch ein Beispiel an Prager nehmen, der benutzt ausschließlich öffentliche Verkehrsmittel.»

«Wer ist Prager?»

«Ach so, den kennen Sie ja noch nicht. Er ist ein Revisionsspezialist aus der Zentrale, der gerade alle Abteilungen durchleuchtet. Seien Sie immer hübsch nett und zuvorkommend zu ihm, erzürnen Sie ihn nicht, das ist ein echter Menschenfresser.»

Interessanterweise schien ihm das längst nicht so viel Kummer zu bereiten, wie die Sache mit seinem schönen Dienstwagen. Stur stellte er fest: «Die Dienstwagen sind aber arbeitsvertraglich zugesichert.»

«Kann sein, in Ihren Arbeitsverträgen steht — sinngemäß — aber auch, dass Sie Ihr Bestes für die Firma geben sollen. Und damit ist es in der letzten Zeit wohl nicht allzu weit her gewesen. Dienstwagen stehen nicht einfach nur so im Arbeitsvertrag, sie sind ausschließlich für Leute gedacht, die der Firma Geld einbringen und nicht für solche, die sie einen Haufen Geld kosten.» Ich fing an, in den Vertriebszahlen zu blättern.

Schäffer sagte: «Ich weiß wirklich nicht, ob das legal ist.»

Ich blickte kurz zu ihm auf. Wenn es um seine Privilegien ging, konnte er sich ja richtig auf die Hinterbeine stellen. Leider war davon wenig zu merken, wenn es um andere Dinge ging, Firmenbelange zum Beispiel. Ärgerlich knurrte ich. «Verklagen Sie die Firma und warten Sie ab, was passiert.»

«Fünfzehn Jahre leistet man erstklassige Arbeit für die Firma. Dann kommt ein schlechtes Quartal, und schon wird man degradiert,» maulte er. «Es ist so ungerecht und so — entwürdigend.»

War es das? Na, sieh mal einer an. Ich sagte: «Über Ihre Arbeit in den zurückliegenden Jahren steht mir kein Urteil zu. Ich bin nur wegen der Entwicklungen in neuester Zeit hier. Und alles, was ich weiß, ist, dass es Ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit ist, erstklassige Arbeit abzuliefern und dass verdiente Lorbeeren kein Ruhekissen sind. Durch das Rumgemurkse in der letzten Zeit ist die Firma in eine gefährliche Lage geraten. Da ist es doch wohl nur natürlich, dass jeglicher überflüssige Kostenballast abgeworfen wird. Den einen oder anderen wird es sogar seinen Job kosten. Also machen Sie hier nicht so ein Tamtam wegen einem albernen Dienstwagen und kommen sie mir nicht mit ungerecht und entwürdigend. Entwürdigend ist es höchstens, den desolaten Status der Firma gegenüber der Zentrale vertreten zu müssen. Was glauben Sie wohl, was ich mir da jeden Tag anhören muss?»

Vor Selbstmitleid konnte ich auch zerfließen, wahrscheinlich sogar noch sehr viel besser als er. Warum hatte ich bei ihm eigentlich immer das Gefühl, dass ich alles sehr viel besser konnte als er? War ich so gut? Oder war er so ein Versager?

Unbefriedigt zog er sich zurück. In einem Punkt hatte er natürlich Recht, der Widerruf des Dienstwagenprivilegs hat immer auch eine psychologische Komponente. Will sagen, es ist durchaus beabsichtigt, dass sich die Dienstwagenbesitzer im Ruhestand degradiert vorkommen. Dienstwagen sind eine Belohnung für gute Arbeit und kein Dauerzustand. Und wenn jemand Mist baut, dann muss Strafe sein, und die Rückgabe des Dienstwagens ist ein Teil davon. Die Betonung liegt auf Teil. So sind die Regeln. Ich habe sie nicht gemacht, aber wenn ich sie gemacht hätte, hätte ich sie genau so gemacht.

Ich vertiefte mich in Schäffers Zahlenwerk. Es sah wirklich trübe aus. Alles andere hätte mich auch geradezu schockiert. Die Autolacke liefen so lala. Baugeschäft mies. Heimwerkersparte als Hauptstandbein von Maddox-Color im freien Fall — zweistellige Minuszahlen. Fällt Ihnen etwas auf? Ausgerechnet ihren wichtigsten Geschäftsbereich ließen sie absaufen.

Wie gesagt, Maddox ist ein kleines Weltreich, in dem alle möglichen Geschäfte betrieben werden, soweit man damit ordentlich Profit machen kann. Und unter dem Dach von Maddox Germany gibt es auch eine Firma, die in Industrie- und Gewerbeimmobilien macht. Ich rief dort mal kurz an und bat sie sozusagen um Amtshilfe. Sie vermieteten auch Einkaufszentren, Baumärkte und so weiter. An die Baumarktketten auf unserer Kundenliste vermieteten sie an insgesamt über achtzig Standorten Objekte. Damit ließ sich schon etwas anfangen.

Von Herzchen ließ ich mir nacheinander Verbindungen zu den Chefeinkäufern für Farben und Lacke in den Zentralen unserer Baumarktmieter machen. Mein Sprüchlein war dabei immer dasselbe. Zuerst mal stellte ich den Rückgang der Verkaufszahlen in den Märkten fest und erkundigte mich dann, ob sie es für eine gute Idee hielten, den wirtschaftlichen Interessen ihres Vermieters zu schaden, indem man seine Produkte praktisch aus den Regalen nahm. Zunächst mal kapierten sie den Zusammenhang natürlich nicht. Aber als ich ihnen klargemacht hatte, dass es Maddox war, bei dem sie mit einem Großteil ihrer Filialen Obdach gefunden hatten, dämmerte es ihnen. Das Zauberwort war Koppelungsgeschäft. Ich informierte sie, dass ich mir eine Behebung des uns entstandenen Schadens in der Weise vorstellen könnte, dass sie Maddox-Color pro Filiale zehntausend Liter abnähmen. Von keinem von ihnen erhielt ich dafür Beifallskundgebungen. Wie aus der Pistole geschossen — anscheinend gibt es da so etwas wie eine zentrale Dienstvorschrift für alle Einkäufer — kam immer erst mal die Frage nach den Konditionen und Rabatten. Ein Punkt, der schnell abgehandelt war. Sofortige Abnahme des gesamten Kontingents, kein Zahlungsziel und Rabatte nur in der Form, dass sie damit kommende Preissteigerungen vermieden, die ich zur Abschreckung mal so in den Raum stellte. Alternative — bei Gewerbeimmobilien kann man die Mieten leider nicht einfach so erhöhen, weil es sich um befristete Mietverträge handelt — Nichtverlängerung des Mietvertrages beim nächsten Auslaufen und ein neuer Mietvertrag nur zu erheblich verschärften Konditionen. Und als Schmankerl zum Schluss verkündete ich noch, dass ich ihre Antwort bis morgen Vormittag um zehn bräuchte, andernfalls unweigerlich die beschriebene Alternative zum Tragen käme und sie ihren Chefs dann Rede und Antwort stehen könnten, wenn ihre Filialen in den nächsten zwölf, vierundzwanzig oder wie vielen Monaten auch immer auf der Straße sitzen würden. Geeignete Objekte gibt es nicht wie Sand am Meer, und Bauen mit allen Genehmigungen und so weiter dauert Jahre. Wer unvorbereitet aus so einer Immobilie rausfliegt, hat erst mal ein ganz schönes Problem, das ihn ganz schön viel Geld kosten kann. Also sitzt man als Vermieter am längeren Hebel. Ob das die üblichen Geschäftsmethoden sind? Keine Ahnung, was übliche Geschäftsmethoden sind. Das waren jedenfalls meine Geschäftsmethoden und zwar in Form der guten alten Bodo-Lünch-Haftladung. Mit ihrem schleppenden Verkauf hatten die Baumarktkomiker Maddox-Color in den zurückliegenden Monaten alles in allem um einen Umsatz von einer halben Million Euro gebracht, und mit dieser Aktion gab ich ihnen die Gelegenheit, die Scharte wieder auszuwetzen — und noch ein bisschen mehr, Strafe muss sein, und schließlich muss es vorwärts gehen. Wir wollen doch Wachstum haben, oder?

Aus diesen etwas selbstgefälligen Betrachtungen wurde ich durch das Telefon gerissen: Feddersen.

Ich fragte: «Was gibt’s?»

«Sie haben vorhin meinen Rechtsanwalt abfahren lassen,» beschwerte er sich.

«Ihr Rechtsanwalt ist ein kompletter Idiot. Oder hatten Sie ihn etwa dazu aufgestachelt, uns einzuschüchtern?»

«Ich weiß gar nicht, wovon Sie reden.»

«Ich rede davon, dass von ihm kein einziger konstruktiver Vorschlag gekommen ist, sondern nur Drohungen, die man sehr leicht als versuchte Nötigung auslegen könnte.»

«So, so, hat er das gemacht.»

«Ist das alles, was Sie wissen wollten?» Die Stimmung zwischen uns war nicht gerade die herzlichste, und ich unternahm nicht die geringste Anstrengung, daran etwas zu ändern. Er war am Drücker. Er war es, der nur verlieren konnte. Und anscheinend hatte ihm sein Schwager etwas Ähnliches gesteckt, denn schließlich sagte er: «Ich glaube, wir sollten uns noch mal unterhalten.» Es kostete ihn hörbar eine große Überwindung.

«Wissen Sie, wo Burgers Haus ist?» fragte ich.

«Ja, warum?»

«Dort treffen wir uns in einer halben Stunde. Aber ich habe nicht viel Zeit.»

Er grummelte etwas Zustimmendes und war wieder aus der Leitung.

Ich arbeitete mich noch ganz durch Schäffers trostloses Zahlenmaterial und überlegte mir schon mal ein paar gesalzene Statements für die Vertreterkonferenz. Dann machte ich mich zum zweiten Mal an diesem Tag auf die Socken zu Burgers ehemaligem Heim.

Feddersen war schon mit seinem klobigen Siebener BMW vorgefahren, als ich auf den Hof gerauscht kam. Bei sich hatte er einen alerten blonden Burschen, noch ziemlich jung, den er mir — ich hatte es schon geahnt — als seinen Anwalt Vollrads vorstellte. Ich quetschte dem Bürschchen seine manikürte Klavierspielerhand herzhaft zusammen, bis ich Schmerz auf seinem Gesicht sah.

Wir gingen ins Haus und machten es uns im Wohnzimmer bequem.

«Warum haben Sie uns hierher bestellt?» erkundigte sich Feddersen.

«Sag ich Ihnen später.» brummte ich. «Also?»

Vollrads räusperte sich und fing an: «Vielleicht habe ich mich vorhin nicht klar genug ausgedrückt.»

«Was wollten Sie denn ausdrücken?»

«Nun, ich habe die Rechte meines Mandanten zu wahren.»

«Mit Drohungen und Einschüchterungsversuchen?»

«Da haben Sie mich völlig missverstanden.»

«Soll ich Ihnen mal die Mitschrift des Telefonats vorlesen?»

«Sie haben eine Mitschrift anfertigen lassen?» erkundigte der Schnösel sich irritiert.

Hatte ich natürlich nicht, da hätte ich viel zu tun. Aber wenn er der Wahrheitsfindung dient… Ich grinste tückisch. «Das gefällt Ihnen wohl nicht?»

«Sie haben das Gespräch ja abgebrochen, bevor ich Gelegenheit hatte, zum Kern der Sache zu kommen.»

Das war eine Frechheit sondergleichen, für die ich ihm eigentlich die Rübe hätte abreißen müssen. Aber ich konnte es mir nicht leisten, die Zeit mit Geplänkeln zu verplempern, und fragte nur: «Was ist denn der Kern der Sache — Ihrer Meinung nach?»

Wieder räusperte er sich. «Nun, der Kern ist, dass wir einen Vertrag haben.»

«Haben wir nicht,» beschied ich ihn kalt.

«Immerhin wurde alles notariell beurkundet.»

«Ein Scheingeschäft,» winkte ich ab. «Und als Anwalt wissen Sie verdammt genau, dass damit der schöne Vertrag im Eimer ist, ganz egal ob er in güldenen Lettern oder wie auch immer er berurkundet worden ist.»

Vollrads gab auf und blickte ratsuchend zu Feddersen, der missvergnügt zugehört hatte. Ich glaube, ihm war gerade klar geworden, was er an seinem fabelhaften Anwalt hatte, wenn es richtig rundging. Er beachtete ihn gar nicht mehr und sagte zu mir: «Also, was wollen Sie?»

«Ein rechtlich einwandfreies Geschäft, das ist alles.»

«Soll heißen?»

«Wir machen einen neuen Vertrag — einen gültigen. Ohne irgendwelche versteckten Provisionszahlungen und Steuertricks.»

«Ihnen geht’s doch ums Geld.»

«Auch das. Vor allem aber, dass wir auch wirklich behalten können, was in der Firmenkasse landet. Ich bin nämlich gar nicht scharf auf irgendwelche Steuernachzahlungen oder Geldbußen.»

«Wieviel?»

«Den marktüblichen Preis.»

«Der wäre?»

«Sagte ich Ihnen schon: sechs Millionen. Natürlich abzüglich des schon erhaltenen offiziellen Kaufpreises.»

«Und der Achthunderttausend für Burger,» versuchte er zu feilschen.

«Die gehen uns nichts an. Das war eine private Transaktion zwischen Ihnen beiden, von der die Firma nichts gehabt hat.»

«Darüber müssen wir noch reden.»

«Keine Chance. Sie zahlen uns noch eins Komma sechs Millionen, und das Grundstück gehört Ihnen. Ganz offiziell, und niemand kann es Ihnen mehr wegnehmen.»

«Das ist ja verrückt!» entfuhr es Vollrads.

Ich starrte ihn an. Zeit für eine kleine Abreibung. Er bettelte ja förmlich darum. «Ah ja? Finden Sie? Wenn jemand die Interessen seiner Firma wahrt, wozu er von Gesetzes wegen verpflichtet ist, ist das verrückt? Ist es das, was Sie meinen?»

Das Blut schoss ihm ins Gesicht, er wollte etwas sagen, aber Feddersen ging dazwischen und knurrte: «Sechs Millionen sind also tatsächlich Ihr letztes Wort?»

«Noch nicht ganz. Es gibt noch einen Punkt zwei.»

Fragend runzelte er die Stirn.

«Durch Ihr in die Hose gegangenes kleines Immobiliengeschäft haben Sie Burger in die Flucht geschlagen. Das bedeutet, dass die Firma jetzt auf diesem exklusiven Anwesen sitzt. Würde sich prima als Reiterhof machen — wär das nichts für Sie?»

«Aus Pferden mache ich mir gar nichts.»

«Sie könnten hier auch einen Golfplatz anlegen — einen richtig schönen. Oder aus dem Ganzen eine Reihenhaussiedlung machen oder eine Seniorenwohnanlage. In dem Objekt steckt ein kolossales Potential. Das sind Millionen drin.»

«Sie wollen uns das Ding auch noch aufs Auge drücken?»

«Auf beide,» grinste ich.

«Wieviel?»

«Drei Millionen. Das ist der niedrigste Schätzpreis.»

«Wo haben Sie das denn her?»

«Aus zuverlässiger Quelle, wie man so schön sagt.»

«Da kenn ich aber andere Quellen.»

«Glaub ich Ihnen gern. Aber hier wird aus meiner Quelle getrunken.»

«Also vier Komma sechs Millionen. Und dann lassen Sie uns in Frieden?»

«Wenn’s nicht noch weitere Leichen im Keller gibt….»

«Leichen im Keller hat es nie gegeben,» sagte Feddersen streng. «Wenn ich mich hier auf Ihre strapaziösen Vorschläge einlasse, dann nur, weil unsere Planungen schon weit voran geschritten sind und wir uns einen Planungstotalschaden eigentlich gar nicht mehr leisten können.»

Und Vollrads meinte, für sein Geld auch noch was beitragen zu müssen und stellte fest: «Eigentlich ist das Erpressung, was Sie hier machen.»

Der Tropf hatte immer noch nicht kapiert, dass das hier ein Gespräch unter Erwachsenen war und wirklich nicht der Ort, um alberne Anwaltssprüche abzulassen. Ich nahm ihn ins Visier und wies ihn zurecht: «Wenn Sie das noch einmal behaupten, verklage ich Sie rücksichtslos wegen Verleumdung und Beleidigung.»

Er kriegte wieder sein rotes Gesicht. Feddersen scharrte mit den Füßen und sagte: «Schön. Wären wir dann so weit fertig?»

«Wenn Sie nicht noch was auf dem Herzen haben — von meiner Seite wär das alles,» verkündete ich aufgeräumt.

«Auf dem Herzen hätte ich noch einiges, aber das sage ich Ihnen lieber nicht,» erklärte er mir.

«Nun ja, man kann nicht alles haben,» grinste ich. «Ich werde Ihnen morgen unseren Justiziar, den Herrn Korf, schicken. Mit dem können Sie dann zum Notar marschieren und alles schön korrekt offiziell machen lassen. Und wenn wir das Geld bis Mitte nächster Woche haben, kriegen Sie die Schlüssel für diesen Palast hier und können auf dem Grundstück draußen am Werk die Bagger auffahren lassen. Ist das nicht schön?»

«Unter ’schön‘ stelle ich mir was anderes vor,» verriet er mir grimmig. «Aber lassen wir das. Wie lange werden Sie uns hier oben noch mit Ihrer Anwesenheit beehren?»

«Das wird wohl noch ein Weilchen dauern.»

«So, so.»

«Ihr Freund Burger hat ein ganz schönes Durcheinander hinterlassen. Das muss erst mal aufgeräumt werden.»

«Wie kommen Sie darauf, dass Burger mein Freund war?»

«War nur so ein Eindruck von mir.»

«Ihr Eindruck ist falsch. Ihr feiner Herr Burger war nie mein Freund. Und wenn er jetzt da wäre, würde ich gerne mal mit ihm hinters Haus gehen.»

«Willkommen im Klub, das würde ich auch gerne tun.»

Er grunzte und stand auf. Grußlos verließ er das Haus. Und Vollrads brachte es fertig, ihm zu folgen, ohne noch irgendeinen von seinen dämlichen Sprüchen zum Besten zu geben.

«Hat mich gefreut, meine Herren. Beehren Sie uns bald wieder,» rief ich ihnen fröhlich hinterher. Aber erst, als sie mich nicht mehr hören konnten. Sein Schwager hatte Feddersen ganz offensichtlich ganz schön zugesetzt und seinen Sinn für die Tatsachen wieder belebt, der ihm anscheinend etwas eingeschlafen war. Wenn der Bürgermeister alles so gut im Griff hatte wie seine Familie, musste mit ihm eigentlich ganz gut arbeiten sein in den Angelegenheiten, die noch kommen würden.

Mit den vier Komma sechs Millionen ließ sich schon was anfangen. Achthunderttausend würde ich brauchen, um die Bücher der Firma wieder in Ordnung zu bringen. Mit dem Rest konnte ich entweder per Blitzüberweisung in der Zentrale glänzen oder sie gewinnbringend investieren. — Mal sehn.

Etwas beunruhigte mich allerdings: Burger, der es offensichtlich blendend verstand, für sein eigenes Wohl zu sorgen, sollte der Firma sein millionenschweres Anwesen überlassen haben für vergleichsweise lächerliche achthunderttausend Euro aus der Firmenkasse? Nachdenklich zündete ich mir eine Havanna an und trat ans Fenster. Das ergab nur einen Sinn, wenn es noch weitere Leichen im Keller gab. Wo waren sie?

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