Ein kurzer Krieg

Seit den Tagen des Turnfestes sangen wir Jungens keine Polenlieder mehr, denn das Interesse für die Polen hatte sich abgeschwächt, nachdem sie sich nicht als die heldenmütigen Kämpfer gezeigt hatten, die wir in ihnen voraussetzten. Dagegen wurde jetzt von uns und auch von der Bevölkerung bei jeder Ge­legenheit das „Schleswig-Holstein meerumschlungen“ gesungen. Denn die schleswig-holsteinische Frage war wieder aufgerollt worden und rief das patrio­tische Empfinden jedes Deutschen hervor. In sei­nen letzten Monaten hatte König Friedrich VII. von Dänemark die Absicht betrieben, die staatsrechtliche Sonderstellung von Holstein und Lauenburg aufzu­heben und beide Provinzen in die Gesamtverfassung einzu­beziehen und somit fest an Dänemark zu glie­dern, wie dies vorher schon mit Schleswig geschehen war. Das rief den leiden­schaftlichen Widerspruch des deutschen Volkes hervor und auch der Bundes­rat beschäftigte sich damit. Der zwischen ihm und der dänischen Regierung, die von ihrem Standpunkte nicht abzubringen war, geführte Notenwechsel nahm eine |immer drohendere Gestalt an, bis derselbe durch den unerwarteten Tod des dänischen Königs unterbrochen wurde. Mit Friedrich VII, war der letzte Oldenburger auf dem dänischen Throne ge­storben. Nun handelte es sich nicht mehr bloß um die richtige Stellung der Herzogtümer der dänischen Monarchie gegenüber, sondern es handelte sich auch um eine kräftige Geltendmachung des deutschen Erb­rechts, das Schleswig-Holstein den Augusten­burgern zuwies. Man wartete ab, welche Stellung der neue König Christian einnehmen werde, als aber derselbe die Politik seines Vorgängers fortsetzen zu wollen erklärte und zu keiner Konzession zu bewegen war, und die Hilferufe der unterdrückten Stammesbrüder immer vernehmlicher nach Deutschland herüber­klangen, war die Geduld des deutschen Volkes zu Ende. Alles rief zu den Waffen und man begeisterte sich an dem bevorstehenden unvermeidlichen Kriege. Der Bundesrat, von der gleichen Stimmung be­herrscht, beschloß die Exekutive gegen Dänemark. Es sollten zunächst 8000 Sachsen und Hannoveraner unter dem Oberkommando des sächsischen General­leutnants von Hake in Holstein einrücken und ihnen dann je ein preußi­sches und österreichisches Korps unter, dem Oberbefehl des preußischen Generalfeld­marschalls Wrangel folgen.

Unter dem Jubel der Bevölkerung bestiegen die in Leipzig mobil gemachten Bataillone am 16. Dezem­ber 1863 auf dem Magdeburger Bahnhof die bereit-stehenden Eisenbahnzüge, die sie nach Hamburg zu bringen hatten. Auch von Dresden und Priestewitz aus wurden sächsische Truppen dorthin auf den Weg gebracht.

Der nächste Tag führte die österreichische Brigade des Generalmajors Gondrecourt nach Leipzig, wo sie einen Rasttag haben sollte und deshalb bei den Bür­gern einquartiert wurde. Es waren schöne Männer und kräftige Gestalten, die mit ihrer öster­reichischen Gemütlichkeit einen guten Eindruck machten. Wir Jungens waren bald mit ihnen befreundet und wir wetteiferten, ihnen in der Kürze der Zeit die Denk­würdigkeiten der Stadt zu zeigen. Neu und fremd­artig, weil noch nicht gesehen, war für uns, als die Kompagnien und Artillerie-Abteilungen der Brigade auf ihren Appellplätzen — unter diesen befand sich der Platz vor Cafe Felsche, am Rande des Augustusplatzes — des Abends zum Gebet antreten mußten, wobei die Infanteristen ihre Tschakos, die Jäger ihre Federhüte abnahmen. Den nächsten Tag fuhr die Brigade, begleitet von den Segenswünschen der Leip­ziger, nach Hamburg weiter, in dessen Umgebung sich das öster­reichische Exekutionskorps versam­melte, während sich die Preußen bei Lübeck ver­einigten.

Mit gespannter Aufmerksamkeit warteten wir nun der Dinge, die da kommen sollten. Am 24. Dezem­ber setzte sich von Hamburg aus die sächsische In­fanterie in Bewegung, um Altona zu besetzen. Die dortige dänische Garnison hatte Befehl erhalten, sich vor den deutschen Truppen zurückzuziehen, sobald dieselben in Altona erscheinen würden. Die Dänen taten dies Straßenweise, indem sie um die Ecke einer Straße verschwanden, sobald die Sachsen das andere Ende der Straße betraten. Sie drohten hier­bei den Einmarschierenden mit den Ladestöcken, was mit heiterem Humor hingenommen wurde. In gleicher Weise zog sich die dänische Besatzung aus allen Orten Lauenburgs und Holsteins bis hinter die Eider zurück, von wo ab die Dänen erst Widerstand leisten wollten. Da die Sachsen und Hannoveraner nur Lauenburg und Holstein als Besatzungs­gebiet zu­gewiesen erhalten hatten, kamen sie infolgedessen zu keiner eigentlichen kriegerischen Aktion, Da­gegen hatten die Oesterreicher und Preußen erst in Schleswig und später in Jütland eine Reihe hart­näckiger Gefechte zu bestehen, so bei Oberselk, wo die in Leipzig einquartiert gewesene österrei­chische Brigade Gondrecourt sich die ersten kriegerischen Lorbeeren pflückte, bei Missunde, bei Selk, bei Oeversee, bei Fredericia. Alle diese für die deut­schen Waffen siegreichen Gefechte riefen die Begei­sterung der Leipziger Bevölkerung hervor und der Jubel über den glücklichen Fortgang des Krieges er­reichte seinen Höhepunkt, als die glorreichen Waf­fentaten der Erstürmung der Düppeler Schanzen und des Ueberganges nach Alsen bekannt wurden. Der dann folgende Waffenstillstand war der Vorgänger für einen die deutschen Ansprüche befriedi­genden Frieden.

Im Laufe des Sommers kehrten bereits einige Ab­teilungen des sächsischen Kontingentes im Austausch gegen neu abgehende Abteilungen aus Holstein in die Heimat zurück. Die Truppen, die ihre Dienst­zeit beendet hatten, wurden entlassen und sie waren natürlich der Gegenstand vieler Neugier. Der Fra­gen an sie wollten kein Ende nehmen. Dabei er­zählte ein Hornist die folgende ergötzliche Episode. Seine Kompagnie sei eine Zeitlang in einem holsteinischen Dorfe einquartiert gewesen, wo es fast an jeder menschenwürdigen Gelegenheit, seine Bedürf­nisse zu verrichten, gefehlt habe. Da habe er, von Beruf Zimmermann, den Entschluß gefaßt, aus Bret­tern ein entsprechendes Häuschen selbst zu errich­ten. Gedacht, getan. Als er mit seinem Bau fertig gewesen, habe er sich auf das Dach des Häuschens gesetzt und Alarm geblasen. In voller Bestürzung seien darauf Mannschaften und Offiziere herbeige­eilt und hätten zuerst nicht gewußt, was das alles bedeute. Als er entsprechende Aufklärung gegeben und erklärt habe, daß er sein vollendetes Werk der Kompagnie zeigen und es ihr zur fleißigen Benutzung übergeben wolle, sei alles in fröhliche Heiterkeit aus­gebrochen. Der Hauptmann freilich habe ihn gewal­tig wegen des Alarms angeschnauzt und ihn sogleich in Arrest abführen lassen wollen. Aber zuletzt, als er die allgemeine Befriedigung unter den Mannschaf­ten bemerkte, habe er sich doch beschwichtigt und so sei er, der Hornist, mit einem Verweise davon ge­kommen. Von seinen Kameraden aber sei er ferner­hin als eine Art Wohltäter betrachtet worden.

Das ganze sächsische Truppenkontingent kehrte kurz vor Weihnachten in die Heimat zurück. Da wieder einmal eine Spannung zwischen der sächsi­schen und der preußischen Regierung bestand, wurde es nicht auf dem kürzeren Wege durch Preußen, son­dern über, Hannover, Kurhessen und Thüringen heim­befördert. Die von der Leipziger Garnison mobil gemachten und in Holstein gestandenen beiden Jägerba­taillone, das l. und 4., trafen am 18. bzw. 19. De­zember 1864 auf dem Bayrischen Bahnhof ein, wo sie von den städtischen Behörden herzlich begrüßt wur­den. Tausende von Menschen geleiteten alsdann die Heimgekehrten unter ständigen Hochrufen nach der Pleißenburg. Einige Tage später, am 21, Dezember, fand ein von der Stadt den beiden Bataillonen ge­gebenes Fest im Schützenhaus statt.

Im Oktober 1864 wurde (in Reudnitz) der letzte der Marksteine, welche Dr. Theodor Apel an den denkwürdigsten Punkten des Leipziger Schlachtfeldes errichten ließ, aufgestellt und mit einer kleinen Feier eingeweiht, Dr. Theodor Apel, ein in Leipzig sehr beliebter Mann, der in patriotischen Versamm­lungen ein gefeierter Redner war, wie er auch manches schöne Gedicht verfaßte, hatte diese Gedenksteine mit dem letzten Reste seines Vermögens anfertigen lassen. Fast ganz erblindet, starb er am 26. November 1867. Die Marksteine sind noch heute vorhanden, aber lei­der sehr stark vernachlässigt, so daß es wünschens­wert wäre, wenn man sich auch diesem Teil Denk­malspflege städtischerseits wieder zuwenden wollte.

 

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