11. Prager kommt

In der Bar war nicht mehr viel los. In einer Ecke ein zankendes Paar und am Tresen zwei abgeschlaffte Vertretertypen, die jeder für sich mit trüben Mienen ihr letztes Pils schlürften, und ein stiernackiger kleiner Fettsack, dem die Alte weggelaufen war und der dem Barmann gerade eindringlich erklärte, was für ein Miststück sie doch gewesen wäre und dass ihn überhaupt alle Weiber mal könnten.

Ich orderte eine Flasche Scotch und zog mich damit zu einer Ein-Mann-Party auf mein Zimmer zurück. Im Fernsehen brachten sie ein Nachholländerspiel, bei dem unsere Jungs mal wieder ganz schön den Arsch vollkriegten. — Was soll aus Deutschland bloß werden, wenn es so einen Holzhackerfußball spielt? Ich ließ dem ersten doppelten Whisky weitere folgen und gab meiner Leber gut zu tun. Und das war noch nicht das Ende dieses Tages. Fünf Minuten vor dem Abpfiff klopfte es an der Tür. Verärgert trennte ich mich von meinem Whiskyglas und stemmte mich aus dem Sessel hoch und machte auf. Es war Prager aus Frankfurt. Gerade eben mit der letzten Bahn angekommen. Er war ein zähes, schmächtiges Kerlchen mit randloser Brille. Er zeigte nie ein anderes Gesicht als das eines Kettenrauchers, dem die Glimmstengel ausgegangen sind, und war immer auch entsprechend in Stimmung — dabei rauchte er gar nicht. Im abgeschabten dunkelblauen Regenmantel stand er neben einer dicken Aktentasche und verlangte Arbeit. Ganz im Ernst, er bestand darauf, sofort und ohne irgendwelche Verzögerungen mit der Revision zu beginnen. Das war so seine Art. Trotzdem etwas überraschend so kurz vor Mitternacht. Ich war verblüfft, aber tatendurstige Mitarbeiter soll man nicht aufhalten. Das Problem war nur, dass ich für die Buchhaltung keine Schlüssel hatte, von der verdammten Computertechnik mit ihren ganzen Passwörtern mal ganz abgesehen. Aber dem Manne konnte geholfen werden. Ich rief im Werk an und jagte den Werkschutz los, um den Chefbuchhalter auf dem schnellsten Wege heranzuschaffen, wenn es sein musste im Pyjama und Morgenmantel. Danach schmiss ich mich in die Klamotten, zündete mir eine Havanna an, um meine Whiskyfahne ein bisschen zu übertünchen, und machte mich mit Prager auf den Weg.

Im Wagen erläuterte ich ihm die Lage und was ich von ihm haben wollte. Ich sagte: «Sechs Millionen Miese im letzten Quartal einfach so, das hat nicht bloß was mit Unfähigkeit zu tun, da hat irgendwer ganz gewaltig in die Kasse gelangt. Aber im Moment können wir uns nicht mir alten Geschichten herumschlagen. Zunächst mal müssen wir uns um die Sofortmaßnahmen kümmern, der Laden braucht schleunigst wieder schwarze Zahlen.»

«Und an was dachten Sie da?» erkundigte Prager sich geschäftsmäßig mit funkelnden Brillengläsern.

«Wie müssen Ballast abwerfen. Das Übliche eben — Entlassungen,» paffte ich. «Wir haben hier rund tausend Leute, davon müssen wir dreihundert loswerden. Natürlich geht das nicht mit Massenentlassungen auf Sozialplanbasis — die Kosten dafür würden uns umbringen. Deshalb werden wir mit kostenneutralen verhaltenbedingten Individualkündigungen arbeiten, fristlosen, versteht sich. Ich brauche also dreihundert fristlose Entlassungsgründe von Ihnen — Spesenschwindel, private Telefongespräche und so weiter. Jeder hat irgendwo dunkle Flecken auf seiner weißen Weste in dieser Beziehung, und es steht in den Büchern, man muss es nur richtig interpretieren, und schon hat man eine Riesenaffäre. Na ja, Sie wissen schon. . .»

«Weiß ich, weiß ich,» nickte er eifrig. «Aber mit getürkten Spesenabrechnungen und all diesen Sachen kriegt man nur die Angestellten dran, Arbeiter rechnen keine Spesen ab und haben kein Telefon am Arbeitsplatz. Und wenn Sie nur Angestellte rausschmeißen von einem Tag auf den anderen, lösen Sie ja praktisch die ganze Verwaltung auf. Ich bin mir nicht sicher, ob der Betrieb das vertragen kann.»

Da war was dran. Unproduktive Stellen sollte man auf ein Minimum beschränken, aber ganz ohne Verwaltung ging es natürlich auch nicht — nein, das konnte der Betrieb nicht vertragen.

Ich knurrte: «Okay, die Arbeiter werden auch ihr Fett abkriegen. Was halten Sie zum Beispiel von verschärften Taschenkontrollen am Tor nach Werksschluss?»

«Bewährte Methode,» meinte er. «Enorme Erfolgsquote, zumindest in der ersten Zeit. Man glaubt gar nicht, was die Leute aus den Betrieben so alles rausschleppen. Und jeder Fall ist ein klarer Fall von Diebstahl, und Diebstahl ist einer der besten Kündigungsgründe überhaupt.»

Gemächlich rollte wir durch ausgestorbene Straßen. Die gedimmte Straßenbeleuchtung gab nur noch ein trübes Licht und ließ das meiste im Dunkeln. Der Qualm meiner Havanna füllte den Wagen und waberte schwer herum. Prager hüstelte und schützte einen Erstickungsanfall vor. Ich unternahm nichts dagegen. Im Gegenteil, ich machte es noch ein bisschen unerträglicher für ihn und stellte die Klimaanlage ab. Es gibt keine miese Laune, die nicht noch zu verschlechtern wäre, und Revisoren arbeiten mit einer Stinkwut im Bauch nun mal am besten.

Am Tor tat inzwischen ein langer blonder Schragen mit dicker Brille Dienst. Er war vielleicht auf den Augen etwas schwächer als der Vollbart mit Mütze von der Tagschicht, dafür hatte er eine wesentliche schnellere Auffassungsgabe und machte sofort das Tor auf, als ich angeröhrt kam.

Wir warteten im Wagen vor dem Haupteingang. Wenig später brachten zwei Werkschutzleute den ziemlich verstörten Chefbuchhalter Menges an. Er war zwar komplett angezogen, aber nach seinem zerknitterten Gesicht zu schließen, hatten sie ihn direkt aus dem Bett und aus seinen süßen Buchhalterträumen geholt.

«Kleine Revision,» erklärte ich ihm fröhlich. «Der Herr Prager hier aus der Zentrale möchte sich mal Ihre Bücher etwas näher ansehen.»

Menges erblasste. REVISION — das bedeutete Kontrolle, Misstrauen, Verdacht. Einen Buchhalter kann das den Kopf kosten. Und genau daran ist der Revisor dringend interessiert, denn jeder Abschuss ist ein Baustein für seine weitere Karriere. So gesehen leben Buchhalter ziemlich gefährlich. Und deshalb hassen sie auch Revisoren und Revisionen wie die Pest. Ich an ihrer Stelle würde das auch tun. Aber gerade weil ich keine Lust habe, immer wieder die Hosen runterzulassen und Angst um meinen Arsch haben zu müssen, bin ich nicht Buchhalter geworden — na ja und noch aus ein paar anderen Gründen, erinnern Sie mich bloß nicht an meine Mathenoten.

Es gibt große und kleine Revisionen, planmäßige und außerplanmäßige. Diese war eine große außerplanmäßige — eine vom Typ der guten alten Überraschungsrevision.

Menges hatte sich wieder einigermaßen gefasst und stotterte: «Aber wir hatten doch gerade erst eine Zwischenrevision und die nächste sollte erst in. . .»

Ich winkte ab. Revisionen finden nicht nach Fahrplan statt. Und: Revision ist nicht gleich Revision. Was bei einer Revision rauskommt, hängt letztendlich immer vom Revisor ab, und da gibt es kolossale Unterschiede. Einigen von ihnen fällt erst was auf, wenn sie bei der Durchsicht der Bücher plötzlich in ein Deckungsloch von mindestens einer halben Million plumpsen. Andere werden schon bei einem Pfennigdefizit in der Portokasse stutzig. Und für ausgesprochene Revisionsfachleute wie Prager sind die Bücher das Buch des Lebens schlechthin und erzählen ihnen praktisch alles, etwa ob der jeweilige Buchhaltungssachbearbeiter im geprüften Zeitraum irgendwann mal Schnupfen gehabt hat, ob seine Frau mit dem Haushaltsgeld ausgekommen ist oder wie das Essen in der Kantine war. Ich informierte Menges, dass dies gewissermaßen die Revision der Zwischenrevision sei. Und er sagte nichts mehr und hatte nur noch böse Ahnungen.

Einer der Werkschutzleute schloss uns durch diverse Türen den Weg in die Buchhaltung auf.

In Menges‘ Büro ließ Prager sich hinter dessen Schreibtisch nieder, schaltete den Computer ein und verlangte das Passwort.

Menges brachte einen Zettel zum Vorschein und legte ihn vor ihn hin. Prager tippte die Kombination ein, und während der Rechner hochlief, entledigte er sich seines Regenmantels, holte aus seiner Aktentasche eine Flasche Mineralwasser und einen Becher und baute beides in Reichweite auf dem Schreibtisch auf. Schließlich hängte er noch sein Jackett über die Stuhllehne und krempelte sich die Hemdsärmel hoch. Und nachdem er sich häuslich eingerichtet hatte, lächelte er in die Runde und verkündete: «So, meine Herren, Sie können sich wieder zur Ruhe begeben. Morgen früh werde ich Ihnen die ersten Resultate meiner kleinen Durchsicht mitteilen.»

Menges stand da wie vom Donner gerührt, der Werkschutzmann rasselte ratlos mit den Schlüsseln, nur für mich war das alles keine Überraschung.

Zu Menges sagte ich: «Sie haben’s gehört, wir sind hier überflüssig. Also husch, husch, wieder ins Körbchen.» Und zum Werkschutzmann: «Sie können wieder abschließen. Dann kann der Herr Prager ganz in Ruhe arbeiten.»

«Ja, ja, schließen Sie nur ruhig ab,» rief Prager aufgekratzt und ließ auf dem Bildschirm Tabellen aufflackern, die schon seine ganze Aufmerksamkeit beanspruchten.

Wir rückten ab. Der Werkschutzmann löschte das Licht auf dem Korridor und schloss die Tür der Buchhaltungsabteilung ab. Erst als wir im Aufzug nach unten fuhren, kriegte Menges sich wieder einigermaßen ein und sagte benommen: «Also ich weiß nicht, ob das richtig ist.»

«Was meinen Sie?» fragte ich.

«Na, der Herr Prager, ganz allein in der Buchhaltung…»

«Seien Sie unbesorgt, der macht Ihnen schon keine Flecken auf den Teppich.»

«Ich meine, er hat Zugang zu allen kritischen Dateien.»

«Ja und?»

Menges druckste herum. «Was ist, wenn er etwas falsch macht?»

«Was soll er denn falsch machen?»

«Nun, er könnte Dateien löschen — aus Versehen.»

«Er hat gar kein Interesse daran, irgend etwas zu löschen. Ganz im Gegenteil, er will einen Blick auf die Zahlen werfen, wie sie sind. Ohne etwas wegzulassen oder dazu zu tun. Sie müssen sich das vorstellen wie bei der Kriminalpolizei, die wollen den Tatort auch genau so haben wie er ist. Nicht das kleinste bisschen darf da verändert werden.»

Mein kleiner Vergleich mit der Polizei war nicht gerade eine Beruhigungspille für ihn. Sollte es auch gar nicht sein. Hier liefen Ermittlungen — gegen wen, würde sich noch zeigen. Vielleicht auch gegen ihn — sehr wahrscheinlich sogar auch gegen ihn.

Unten vor dem Eingang trennten wir uns in der kühlen Nachtluft, und ich war mir ziemlich sicher, dass ihm in dieser Nacht auch alles Schäfchenzählen nichts helfen würde. Ich fuhr zurück ins Hotel, haute mich in die Falle und schlief tief und fest wie ein Neugeborenes bis sieben, als die Radaubrüder auf dem Nachbargrundstück wieder mit ihrer Trümmerbeseitigung anfingen.

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