1863

Das Jahr 1863 war für Leipzig ein außerordentlich ereignis­ reiches. Zunächst fand in diesem Jahre hier die Gründung der Sozialdemokratischen Partei statt. Es ist für viele vielleicht interessant, den Uranfang dieser Bewegung kennenzulernen. Im Leipziger Tage­blatt vom 2, Oktober 1862 erschien die folgende Annonce:

An die Arbeiter Leipzigs!

In Anbetracht der Lage des Vaterlandes im All­gemeinen und des Arbeiterstandes im Besonderen scheint es dringend geboten, daß die Arbeiter die Schlaffheit und Gleichgültigkeit beseitigen, welche sie bis jetzt gezeigt haben. Wir sollten uns viel­mehr mit Muth und ausdauernder Kraft an den Be­wegungen der Zeit betheiligen, um dadurch aller Welt die gereifte Entwickelung und somit Berech­tigung unseres Standes zu bekunden. Die Unter­zeichneten erlauben sich deshalb die Arbeiter Leip­zigs und ihre Freunde einzuladen, sich Donners­tag, den 2, Oktober d. Js., Abends 8 Uhr, im Wiener Saale einzufinden, um den von Berlin aus beabsich­tigten Arbeiterkongreß sowie das Verhältnis des Arbeiter­standes zum Nationalverein zu besprechen. Leipzig, den 29, September 1862.“

Unterzeichnet war dieser Aufruf von 16 Personen, darunter von dem Zigarrenmacher Fritzsche, dem späteren langjährigen sozialdemokratischen Reichs­tagsabgeordneten, ferner von dem Schuhmacher Vahlteich, den später Lassalle mit in den Vorstand des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins berief und der einige Jahre nachher eine Zeitlang Mitglied der sächsischen zweiten Ständekammer war, und von dem Drechsler Bebel, dem späteren bekannten Führer der Sozialdemokraten.

In der genannten Versammlung gelangte man zu keinen festen Beschlüssen. Eine größere Anzahl Teil­nehmer verlangte den Anschluß an den Nationalver­ein, wenn dieser sein Eintrittsgeld ermäßige und den Wünschen der Arbeiter Interesse entgegenbrächte. In der kurz darauf in Koburg abgehaltenen General­versammlung des Nationalvereins wurde beiden An­regungen entsprochen, doch hielten sich die Leipziger Arbeiter trotzdem reserviert, während zahlreiche Arbeiter aus anderen Städten dem Nationalverein bei­traten.

Die Leipziger Arbeiter, welche zur Weiterverfol­gung ihrer Absichten ein Komitee eingesetzt hatten, richteten an Ferdinand Lassalle in Berlin, der sich durch seine Reden und schriftstelle­ rischen Arbeiten auf diesem Gebiet bereits bekannt gemacht hatte, die Anfrage, wie er über die Arbeiterfrage denke, worauf dieser das bekannte „Offene Antwortschreiben“ er­ließ. Die Leipziger luden daraufhin Lassalle ein, seine Ansichten in einer Versammlung in Leipzig selbst zu entwickeln. Diese Versammlung fand am 24, März 1863 im „Pantheon“ statt. Nach einer längeren Rede Lassalles wurde in dieser Versammlung beschlossen, von der Einberufung eines allgemeinen deutschen Ar­beitertages abzusehen, dagegen einen „Allgemeinen deutschen Arbeiterverein“ zu gründen.

Lassalle war mit der Gräfin Hatzfeld in Leipzig er­schienen und ich erinnere mich genau, welchen Ein­druck es auf mich machte, als mein Vater mit meinen Tanten — die Mutter war schon tot — über das zwi­schen den beiden bestehende Verhältnis sprach. Ich war noch Knabe und hatte kein Verständnis von den Worten meines Vaters, aber es überkam mich doch das Empfinden, daß hier etwas gegen die gute Sitte vorhanden sei, womit man nicht gern in Berührung komme. Später, es mag 1868 oder 1869 gewesen sein, sah ich einmal die Gräfin Hatzfeld in dem Garten der „Krone“ in Connewitz. Sie saß da an einer langen Tafel mit ihren Anhängern. Sie trug kurz geschnit­tenes Haar und zahlte die gesamte Zeche aus einer ledernen Tasche, die sie am linken Arme trug.

Am Donnerstag, den 16. April hatte der eben be­schlossene Verein eine neue öffentliche Versammlung im „Odeon“ einbe­ rufen, zu der Lassalle ebenfalls er­schien. Seine sehr lebhaften Ausführungen fanden in­dessen nicht den einmütigen Beifall der Zuhörer. Von den nach Lassalle folgenden Rednern trat im wesent­lichen nur Prof. Dr. Wuttke für denselben ein, wäh­rend Professor Roßmäßler als alter Arbeiterfreund und Anhänger von Schulze-Delitzsch sich entschieden gegen ihn wandte und damit den lebhaften Beifall von nahezu der Hälfte der Teilnehmer fand. Am 23. Mai 1863 fand alsdann die konstituierende Versammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins im „Colosseum“ statt, zu welcher sich Lassalle ebenfalls wie­der eingefunden hatte. Die Versammlung war außer von Leipzig von verschiedenen Städten namentlich des Westens besucht. Es wurden die Statuten fest­gelegt und der Vorstand gewählt. Präsident wurde auf die Zeit von fünf Jahren Lassalle, erster Vize­präsident Dr. Dammer in Leipzig. Zum Sekretär wurde auf Lassalles Vorschlag Vahlteich gewählt, der gleich darauf seine Schuhmacherei aufgab, um sich ganz der Bewegung zu widmen, Bebel hielt sich noch reserviert; vorläufig folgte er noch Prof. Roß­mäßler und dem Nationalverein.

Das waren die Anfänge der Sozialdemokratie. Doch uns Jungens, die wir uns noch nicht mit der Politik beschäftigten, kümmerte dies wenig. Wir sprachen wohl davon, hatten dabei aber nur Persönliches im Auge und gingen leicht darüber hinweg. Dagegen nahm ein anderes Ereignis unsere Aufmerk­samkeit sehr stark in Anspruch.

Als wir eines Morgens zur Schule gingen, sahen wir an den Straßenecken große Extrablätter kleben, durch welche die Nachricht bekannt gegeben wurde, daß in Polen eine Revolution ausgebrochen sei. So­fort wandten sich unsere Sympathien den Polen zu. Das waren die Unterdrückten, die von der russischen Knute in Ketten gehaltenen Sklaven, denen die Teil­nahme der ganzen Welt zugewendet werden sollte! Wir stellten uns vor, wie sie einen heldenmütigen Kampf gegen die Russen führten und daß sie trotz ihrer Minderheit und mangelhaften Bewaffnung, dank ihrer persönlichen Tapferkeit, den Sieg über diesel­ben erringen würden. Begeistert sangen wir Jungens: „Denkst du daran, mein tapferer Langieka“ und an­dere Polen­lieder. Zuweilen kamen Trupps von Polen aus Frankreich, wo sie im Exil gelebt, durch Leipzig um in die Reihen ihrer kämpfenden Brüder in Polen einzutreten. Sie nahmen hier einen kurzen Aufent­halt, um das Denkmal Poniatowskys aufzusuchen. An demselben hielten sie feurige Reden, die wir freilich nicht verstanden, da sie in polnischer Sprache ge­halten wurden; wenn die Polen aber dann am Schlüsse unter Hochrufen ihre Mützen in die Luft warfen, taten wir Jungens das Gleiche.

Vom 2. bis 5. August desselben Jahres fand das 3. deutsche Turnfest statt, ein Fest, das von ganz Leipzig freudig erwartet wurde. Als Festplatz war ein Stück südöstlich der von Leipzig nach Connewitz führenden Landstraße bestimmt worden, das 21 Acker umfaßte und mit einer 4 Ellen hohen Umplankung versehen wurde. Innerhalb dieses Raumes wurden mehrere Tribünen errichtet, zusammen 468 Ellen lang und mit 18 doppelten Aufgangstreppen ver­sehen. Diese Tribünen boten 5000 Zuschauern Platz. Nächstdem wurden auf dem Platze 200 Recke, 200 Barren, 80 Pferde, 40 Böcke und 80 Springgeräte auf­gestellt. Die große mit Gas beleuchtete Festhalle war 324 Ellen lang und 60 Ellen breit und sie konnte 6000 Personen aufnehmen. Die Halle besaß zwei Türme, von denen der eine die Stunden, der andere die Minuten anzeigte. Auf dem Festplatze hatten noch die Lokale der verschiedenen Ausschüsse, ein Arztlokal, eine Turnerfeuerwehrwache, Schieß­buden, sowie verschiedene Restaurationen und sonstige Zelte Autstellung gefunden. Alles das präsentierte sich in imposanter Weise.

Schon am Tage vor Beginn des Festes herrschte ein überaus reges Leben und Treiben in der Stadt. Man legte noch die letzte Hand an den Schmuck der Häuser, deren jedes einzelne bis in die Vororte hin­aus mit Girlanden, Fahnen und turnerischen Emble­men dekoriert war. Besonders schön war das Rat­haus geschmückt. Außer den sächsischen Fahnen er­blickte man in der Mehrzahl die Nationalflagge in den damaligen Farben schwarz, rot, gold, wobei manche Fahne zu sehen war, die statt des gelben Streifens einen wirklich golddurchwirkten Stoff aufwies. Mit jedem Zuge kamen Turner, die von den Mitgliedern der Kinder- und Jugendriegen in Empfang genommen und nach ihren Quartieren geleitet wurden. Bald sah man in Leipzig fast nichts mehr als den leinenen Turn­anzug.

Am 2. August marschierten frühmorgens eine An­zahl Musik­ korps durch die Straßen, um den Weckruf erschallen zu lassen, worauf in den Vormittagsstunden die feierliche Eröffnung des Festplatzes in Verbin­dung mit einer Sitzung des Turnrates stattfand. Den Beschluß machte ein Festessen in der Halle.

Das Hauptinteresse konzentrierte sich jedoch auf den großen Festzug, der sich am 3. August vormittags an der Johannis­kirche, auf dem Roß- und dem Augustusplatze aufstellte, um von hier aus durch die Straßen der Stadt nach dem Festplatz zu marschieren. Eröffnet wurde der Zug von den aus dem Auslande gekommenen deutschen Turnern, deren Zahl nicht gering war. Schier endlos erschien aber alsdann der Zug der aus Deutschland und Oesterreich erschiene­nen Turner, an deren Spitze die Schleswig-Holsteiner marschierten. Sachsen allein war mit mehr als 200 Riegen vertreten. In dem Zuge reihten sich Kopf an Kopf mehr als 18.000 Turner mit über 500 Fahnen und zahlreichen Musikkorps, in 592 Riegen eingeteilt. Jugendliche Turner trugen vor jeder Ortsgruppe eine Standarte mit dem Namen des betreffenden Ortes. Mir war die Standarte von Linz a, d. Donau zugeteilt worden und ich hielt dieselbe den ganzen langen stun­denweiten Weg trotz Staub und Hitze bis zuletzt un­entwegt in meinen kleinen Händen. Mehr als zwei Stunden dauerte der Vorbei­marsch. Das Publikum stand auf beiden Seiten der Straßen dicht gedrängt und aus jedem Fenster schauten fünf, sechs Köpfe herab. Der Jubel, mit welchem die Turner begrüßt wurden, war ein unbeschreiblicher. Er erneuerte sich ständig und ein wahrer Blumenregen ergoß sich auf all die Tausende der Zugteil­nehmer. Auf dem Festplatz hielt der Vorsitzende der Deutschen Turn­vereine Dr. med, Götz aus Lindenau die Festrede, worauf unter dem Leipziger Turndirektor Dr. Lion von 8.000 Turnern Freiübungen ausgeführt wurden, denen ein Riegenturnen folgte. Der 4, August war dem Schauturnen und einem zweiten Festessen ge­widmet. Am 5. August teilten sich die Turner, Eine Abteilung zog hinaus auf das Leipziger Schlachtfeld, wo eine besondere Feier abgehalten wurde, worauf sie noch der Einweihung des Kugeldenkmals an der Marienstraße — wozu der Grund und Boden von Dr. Lampe, dem Besitzer der Milchinsel, geschenkt worden war — sowie der Enthüllung der am Rat­hause angebrachten Erinnerungstafel an das Turntest beiwohnten; diese Erinnerungstafel ist noch jetzt vor­handen und wird hoffentlich auch nicht verschwinden, so lange das alte Rathaus steht.

Eine andere, größere Abteilungformierte sich zu einem neuen Zuge, um unter Musik- und Fahnen­begleitung nach dem Festplatze zu marschieren. Dort bestieg im Turnanzug der Privatdozent der Leipziger Universität Heinrich von Treitschke das als Redner­tribüne dienende Steigerhaus. Vier jugendliche Vor­turner mit roter Schärpe, von denen ich einer war, wurden beordert, Staffage um den Redner zu bil­den. Der nachmals so berühmt gewordene Heinrich von Treitschke hielt hier seine erste öffentliche Rede. Doch war meine Aufmerksamkeit mehr auf die vielen Tausend Menschen da unten vor mir, als auf die Rede Treitschkes gerichtet, so daß ich von derselben nicht viel behielt. Nur so viel weiß ich noch, daß er der Völkerschlacht bei Leipzig gedachte, einen Rückblick auf dieselbe gab, deren Bedeutung hervorhob und sei­nem heißen Wunsche nach Einheit und einheitlicher Leitung des deutschen Staates Ausdruck gab. Er schloß mit dem Rufe; „Es lebe Deutschland“, in den brausend eingestimmt wurde. Die Turner sangen hierauf das Lied Julius Ottos „Deutsches Land, du schönes Land“, worauf sie sich in die Festhalle be­gaben, um dort noch einen Kommers abzuhalten. Hierbei ergriff auch Prof. Roßmäßler das Wort, um unter Bezugnahme auf den im Hinblick auf das Turn­fest vom sächsischen Ministerpräsidenten von Beust getanen Anspruch, „daß das freie Wort nicht ge­bannt sein solle“ auszuführen, daß der wahre und praktische Grundge­danke der Turnerei und dieses Turnfestes die endliche Entfernung der stehenden Heere und Ersatz durch die Turnerei sein müsse — ein Wort, das Roßmäßler vielfach als eine Entgleisung nachgetragen wurde, das aber heute, in dem durch den Versailler Schandvertrag entwaffneten Deutsch­land, doch vielleicht Anlaß zu einigem Nachdenken geben könnte.

Ein prachtvolles Feuerwerk auf dem Festplatze machte den Beschluß des herrlich verlaufenen Festes, dessen Erinnerung unter den Teilnehmenden und in der Leipziger Bevölkerung nie erloschen ist.

Kurz nach dem so schön verlaufenen Turnfest fand in den Tagen vom 19, bis 23, August in Leipzig der sechste deutsche Feuerwehrtag statt. Derselbe war mit einer Ausstellung von Rettungs- und Löschgerät­schaften verbunden, zu welchem Zwecke auf dem Floßplatze eine große Halle errichtet wordenwar. Die Ausstellung war, auch aus dem Auslande, sehr gut beschickt. Fast alle Feuerwehren Deutschlands und Oesterreichs waren auf dem Tage vertreten und bei den Uebungen an dem auf dem Floßplatze errich­teten Steigerhaus wetteifertensie mitein­ander, wer den Preis davon trage. Auch die mitgebrachten, bzw. ausgestellten Spritzen wurden bezüglich ihrer Stärke und ihrer Reichweite an dem Steigerhaus er­probt, bis zuletzt die Feuer­wehren die Spritzen gegeneinander richteten, so daß die Bedie­nungsmannschaften pudelnaß wurden. Trotz ihrer Ermüdung vom Turnfest her und trotzdem sie sich noch für ein anderes nationales Fest rüsten mußte, nahm die Leipziger Bevölkerung auch an dieser Veranstaltung, die wiederum viele auswärtige Gäste nach Leipzig geführt hatte, regen Anteil.

Im Oktober fand die 50jährige Gedenkfeier der Schlacht bei Leipzig statt. Abermals fanden sich viele Tausende aus allen Gauen Deutschlands und auch aus dem Auslande, insbesondere aber zahlreiche der noch lebenden Teilnehmer an der großen Schlacht in der gastfreien Stadt ein und abermals war dieselbe aufs Festlichste geschmückt. Abgesehen von dem zahlreichen Flaggen- und Eichenlaubschmuck waren viele bekränzte Büsten und Bilder der Führer aus den Freiheitskriegen, sowie sonstige Erinnerungszeichen nebst den Wappen der deutschen Länder aufgestellt, Rings um die Promenade waren in gewissen Abstän­den zwischen je zwei Masten große Inschriften ange­bracht, die die Namen der siegreichen Schlachten und Gefechte gegen Napoleon weithin kündeten.

Nach einer würdigen Totenfeier am Morgen des 18. Oktobers fand ein großer Aufzug der Gewerke, Innungen, Körper­schaften, Sänger, Turner und Schützen statt, der sich nach dem Schlachtfelde be­wegte. Dort bei Probstheida, dem während der Schlacht hart umkämpften Dorfe, trafen sich die Abordnungen aller deutschen Gemeinden zu einer kur­zen Gedenkfeier, wobei der Gedanke an ein staatlich geeinigtes Deutschland zum lebendigen Ausdruck ge­bracht wurde. Der Nachmittag vereinigte die Gäste und die Stadtbevölkerung auf dem Markt, um der Festmusik zu lauschen, die angekündigt worden war. Es wurden unter der Leitung des Universitätsmu­sikdirektors Dr. Langer von den Männergesangvereinen Leipzigs unter Beteiligung von Sängern aus Dresden und Berlin mehrere patriotische Lieder und von Mit­gliedern des Theater- und Gewandhausorchesters in Verbindung mit den heimischen Musikkapellen von Büchner und Weicker einige Musikstücke in vorzüg­licher Darbietung zu Gehör gebracht. Des Abends war die ganze Stadt aufs Festlichste illuminiert.

Am folgenden Morgen wurde die Stadt durch eine Reveille geweckt, die von der Musik aller bei der Schlacht beteiligten Regimenter, soweit sie erhalten geblieben waren, ausgeführt wurde. Dann ordnete sich wieder ein Festzug, voran in mit Blumen ge­schmückten Wagen die alten Veteranen, die nicht mehr den langen Weg zu laufen vermochten — an­dere marschierten in dem Zuge mit — um sich nach dem Monar­chenhügel und dem Denkmal Schwarzen­bergs zu begeben. Hier wurde eine Gedächtnisfeier abgehalten, wobei die Veteranen den Ehrenplatz einnahmen. Auf dem Rückwege wurde an dem Wege, der jenseits der jetzigen Eisenbahnbrücke am Ausstell­ungsgelände links nach Stötteritz führt, unter be­sonderer Feier­lichkeit und begeisterten Reden der Grundstein zu einem Völkerschlachtdenkmal gelegt. Die bald darauf folgenden politischen Ereignisse, der Krieg von 1864 und der von 1866, drängten jedoch den Gedanken an die Errichtung eines Völker­schlachtdenkmals in den Hintergrund und dasselbe blieb da­her unausgeführt. Erst in den neunziger Jahren nahm Clemens Thieme den Gedanken wieder auf und brachte denselben mit Ausdauer und Energie zur Verwirklic­hung, indem er, allerdings an anderer, aber historisch gleichwer­tiger Stelle jenes imposante Denkmalmassiv schuf, das der Bewunderung der Jetzt- und Nachwelt sicher ist.

Der 18. Oktober war in Leipzig von jeher durch eine würdige Gedenkfeier gefeiert worden und er wurde dies in den nach der Jubelfeier folgenden Jahren noch mehr. Die Jugend nahm daran stets be­geistert teil. Die Schüler der höheren Lehranstalten zogen mit Sing und Sang nach dem Monarchenhügel und dem Denkmal Schwarzenbergs, um dort patrio­tische Lieder zu singen und die übrige Zeit sich mit allerlei Spielen zu vergnügen, wozu das hinter dem Denkmal mit Bäumen bewachsene kleine Tal sich vorzüglich eignete. Bei Einbruch der Dunkelheit wur­den dann die Lichter in den mitgebrachten Papier­laternen angezündet und der Rückmarsch mit fröh­lichem Gesang angetreten. Bei diesem Heimwege mußte jedoch aufge­schlossen marschiert werden, denn die Lausejungen aus Stötteritz und den Thonbergstraßen-Häusern pflegten dem Zug irgendwo aufzu­lauern, um uns Städtern eins auszuwischen. Da mußte dann stets eine Durchbruchsschlacht geschlagen wer­den, bei der es galt, zusammen zu halten. Es gab da manchmal blutige Köpfe, aber die festliche Stim­mung erlitt dadurch keine Einbuße, ja wurde dadurch eher erhöht

 

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